by Micha on 23/01/2017 | Legal & Politik

Deutschland legalisiert medizinische Cannabisblüten

Gesetz Der Deutsche Bundestag hat am 19.01.2017 das lang erwartete Gesetz verabschiedet, das den Anbau, den Vertrieb und die Abgabe von Cannabisblüten und anderen Medikamenten auf Cannabis-Basis zur medizinischen Verwendung regelt. Damit übernimmt Deutschland Verantwortung für seine Cannabis-Patienten, anstatt sich wie bisher auf andere Länder mit einem eigenen medizinischen Cannabis-Programm zu verlassen.


So waren in Deutschland vorher nur teure Fertigpräparate oder Rezeptursubstanzen auf Cannabis-Basis in ganz wenigen Ausnahmefällen verschreibungsfähig. Patienten, denen echte Cannabisblüten besser helfen, haben bislang nur nach einer strengen, umständlichen und zeitraubenden Einzelfallprüfung eine Ausnahmegenehmigung erhalten, mit der sie in deutschen Apotheken auf eigene Kosten Medizinal-Hanfblüten aus den Niederlanden und neuerdings auch aus Kanada erwerben konnten. In Deutschland gab es am Ende 2016 nach Aussage des BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) genau 1004 Cannabis-Patienten mit einer Ausnahmegenehmigung zum Erwerb von Cannabisblüten. Der Rest von ungefähr 4000 – 5000 Patienten erhält Fertigpräparate wie Sativex oder Dronabinol auf Rezept, muss die Kosten hierfür jedoch meist selbst tragen.

Deutschland legalisiert medizinische Cannabisblüten

Es geht auch um Geld

Das neue Gesetz ermöglicht es jedem Arzt Cannabis ab März 2017 einfach per Betäubungsmittelrezept zu verschreiben, anstatt wie bisher nur zu empfehlen, um dann den Patienten dann bei der Erlangung seiner Ausnahmegenehmigung zu unterstützen.

Zudem wird eine Kostenerstattung für Patienten, die an einer Begleitstudie teilnehmen, erst mit dem neuen Gesetz möglich. Weil in Deutschland die Kostenerstattung fast aller Medikamente alltäglich sowie gesetzlich verankert ist und das neue Gesetz Cannabis zu einer verschreibungsfähigen Medizin macht, soll nach Inkrafttreten des Gesetzes eine mehrjährige Test- und Studienphase unter Mitwirkung freiwilliger Patienten darüber entscheiden, bei welchen Indikationen die Krankassen zukünftig die Kosten grundsätzlich übernehmen. Bis dahin ist geplant, nur die Kosten für Patienten zu übernehmen, die an der freiwilligen Begleitstudie teilnehmen.

Ein Gramm Cannabis kostet derzeit im Schnitt 15 Euro in deutschen Apotheken, wobei die Auswahl sehr begrenzt ist. Die älteste und auch beliebteste Sorte ist „Bedrocan“ von der gleichnamigen niederländischen Firma. Bei der Sorte Bedrocan handelt es sich um einen Jack Herer (Sensi Seeds)-Hybriden, der von Bedrocan weiter selektiert und stabilisiert wurde. Der Strain weist stabile 22% THC und unter 1% CBD auf. Daneben bietet der staatlich überwachte Produzent noch Bedrobinol (Jack Herer x Afghaan, THC 14,5% , CBD > 1%), Bedica (Afghani x Herijuana, THC 14%, CBD 1%) zwei Tweed-Sorten aus dem staatlichen Cannabisprogramm Kanadas. Noch in diesem Jahr soll Peacenaturals aus Ontario die Sorten „Pedanios 22/1“ (Strain unknown*, THC 22%, CBD 1%) sowie „Pedanios 14/1“ (Strain unknown*, THC 14%, CBD 1%) über Deutsche Apotheken anbieten. Mit „Penelope“ ( CBD Skunk Haze, THC: 10.2 %, CBD: 7.42%) und „Houndstooth“ (Super Lemon Haze, THC 13,5 %, CBD 0,05 %) werden ebenso bald zwei weitere Tweed-Sorten folgen.

Noch höhere Kosten für Fertigpräparate

Im Vergleich dazu sind 1000 mg des Wirkstoffs der angebotenen Fertigpräparate oder Rezeptursubstanzen noch viel teurer als das Apotheken-Cannabis. 1000 mg THC kosten in Form des Mundsprays Sativex 456,80 Euro, als Dronabinol Tropfen 880 Euro und 68,20 Euro als nicht gerade billige „Bedrocan-Hanfblüte“ aus einer Deutschen Apotheke. In einer niederländischen Apotheke kostet die gleiche Menge THC in Form von Bedrocan-Blüten sogar nur 28,18 Euro. Sativex wird nur bei Multiple Sklerose von der Krankenversicherung bezahlt, Dronabinol oder echte Blüten hingegen werden nur in sehr seltenen Ausnahmefällen erstattet, hier zahlt der Patient seine Therapie fast immer selbst.

Ein deutscher Patient erhält durchschnittlich 1,8 Gramm Cannabis am Tag, was derzeit einen Jahresbedarf von 591 Gramm bedeutet. Mit Inkrafttreten des Gesetzes im März rechnen Beobachter mit einem schnellen Anstieg des Bedarfs. Maximilian Plenert vom Deutschen Hanfverband schätzt anhand der Entwicklung in Kanada, dass es in den kommenden Jahren fast 200.000 sein könnten:

„Die Menge Cannabis, die ein Patient im Durchschnitt pro Tag genehmigt bekommen hat, lag 2014 (in Kanada) bei vier Gramm und liegt inzwischen bei 2,7 Gramm. Die Zahl der Patienten entwickelte sich parallel zur Menge verkauftes Cannabis. Mitte 2014 waren es 7914 Personen und der aktuellste Wert für Mitte 2016 beläuft sich auf 75166 Patienten. Der Anteil der Patienten an der Bevölkerung liegt bei etwas über 0,2%. In Deutschland sind es 0,001% der Einwohner, die eine Ausnahmegenehmigung besitzen. In erster Näherung kann man absoluten Werte auf Deutschland übertragen. Die Einwohnerzahl liegt bei uns (in Deutschland) um den Faktor 2,3 höher. Damit müsste es in Deutschland bald – bei kanadischen Verhältnissen – 175.000 Patienten geben,“

schreibt Plenert dazu in seinem Blog.

Selbstversorgung bleibt verboten

Der Eigenanbau von Patienten soll hingegen keine Alternative zum staatlichen Cannabis-Programm darstellen, im Gegenteil. Deshalb sind die wenigen Anbaulizenzen, die Patienten vor Gericht erstritten haben, bis zum 30.6.2017 befristet. Es wird erwartet, dass sie nicht mehr verlängert werden, sobald den Patienten die Kosten erstattet oder sie mit in Deutschland produziertem Cannabis versorgt werden können. Aufgrund seiner Entstehungsgeschichte, die vor 16 Jahren mit einem Patienten anfing, der bis heute eigentlich ohne Angst vor Strafverfolgung 20 Pflanzen anbauen möchte, heißt das neue Gesetz in Patientenkreisen auch „Cannabisanbau-Verhinderungsgesetz“. Doch trotz dieses kleinen Wermutstropfens ist es ein Meilenstein für Cannabis-Patienten und in seiner Konsequenz bislang das Beste, was Europa bei medizinischen Cannabis zu bieten hat.

* Betriebsgeheimnis

Kommentar Abschnitt

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J. Borchardt

Hier hat sich ein Rechenfehler eingeschlichen:
"Ein deutscher Patient erhält durchschnittlich 1,8 Gramm Cannabis am Tag, was derzeit einen Jahresbedarf von 591 Kilogramm bedeutet. "

Richtig sind 591 Gramm, nicht Kilogramm. ;)

24/01/2017

Stefanie

Du hast Recht. Habe den Fehler behoben.

Danke, Stefanie

26/01/2017

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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