by Isabelle Cardin on 04/01/2019 | Legal & Politik

Die Zukunft von medizinischem Cannabis in Kanada

Kanada Am 17. Dezember 2018 machte Kanada mit der landesweiten Legalisierung von Cannabis international Schlagzeilen. Während die Legalisierung unter Freizeit-Cannabiskonsumenten große Begeisterung hervorgerufen hat, sind die Patienten besorgt und fragen sich, ob die Regierung ihr medizinisches Cannabisprogramm beibehalten wird.


Die Lage vor der landesweiten Legalisierung

Seit 2001 haben Kanadier, die Cannabis für medizinische Behandlungen verwenden möchten, im Rahmen der Marihuana Medical Access Regulations (MMAR) Zugang dazu. Man ermöglicht es „Personen mit der Genehmigung eines Arztes, getrocknetes Marihuana für medizinische Zwecke zu nutzen, ihre eigenen Marihuanapflanzen anzubauen, jemanden zu benennen, der in ihrem Namen produziert, oder ihre Medizin via Health Canada zu erhalten“.

Das Verfahren für die Beschaffung von Cannabis von einem autorisierten Produzenten ist relativ einfach. Die Patienten sollten sich zunächst mit einem Arzt treffen, um festzustellen, ob Cannabis bei der Behandlung ihrer Symptome von Vorteil sein kann. Wenn ja, stellt der Mediziner den Patienten ein ärztliches Attest zur Verfügung, das für die Registrierung bei einem der 132 von Health Canada zugelassenen Herstellern erforderlich ist. Dann haben die Patienten die Wahl zwischen frischem oder getrocknetem Cannabis oder Cannabisöl. Gemäß der  Vorschriften ist es Zwischenhändlern nicht gestattet, medizinisches Cannabis an Patienten zu verkaufen. Dispensaries und sogenannte „Compassion Clubs“ sind illegal, obwohl sie bis zur jüngsten Legalisierung mehr oder weniger toleriert und in der kanadischen Cannabis-Landschaft durchaus präsent waren.

Das kanadische Cannabis-Medizin-System wurde zu Zeiten des illegalen Cannabiskonsums eingeführt. Ist dieses System jetzt, da sich alles geändert hat, überhaupt noch zeitgemäß?

Die Canadian Medical Association (CMA)

Bevor wir uns weiter mit dieser Frage befassen, lassen Sie uns den Kontext betrachten, in dem die Regierung ihr medizinisches Programm umgesetzt hat. Es ermöglicht den Patienten den Zugang zu medizinischem Cannabis, ohne die Gefahr der Kriminalisierung. Die Canadian Medical Association (CMA) war eindeutig dagegen, dass ihre Mitglieder Cannabis an Patienten verschreiben dürfen.

Die Zukunft von medizinischem Cannabis in Kanada

Es sei darauf hingewiesen, dass die CMA kanadische Ärzte vertritt und sich unter anderem Gesundheitspolitik und den Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung auf die Fahnen geschrieben hat. Die Argumente der CMA gegen Cannabis lauten, dass es keine ausreichenden klinischen Beweise für die medizinischen Vorteile von Cannabis gibt und dass die verfügbaren Daten über Indikationen, Potenz (THC-, CBD-Werte), Arzneimittelwechselwirkungen und Nebenwirkungen immer noch zu rar gesät sind.

Darüber hinaus argumentiert die CMA, dass die Ärzteschaft den Konsum von Cannabis nicht genehmigen muss, da sie nicht den regulären Zulassungsprozess für Arzneimittel durch Health Canada durchlaufen hat. Wie sie gegenüber der Regierung im August 2016 andeutete, hält die Vereinigung es für wichtig, dass „die Erforschung von Marihuana unterstützt wird, um Produkte zu entwickeln, die den pharmazeutischen Standards entsprechen, wie es bei Dronabinol (Marinol®), Nabilon (Cesamet®) und THC/CBD (Sativex®) der Fall ist“. Laut Dr. Jeff Blakmer, CMA-Vizepräsident, „fühlen sich acht von neun Ärzten in Kanada nicht wohl dabei, über medizinisches Cannabis zu diskutieren oder Zugang zu diesem zu gewähren“.

Trotz ihres offensichtlichen Widerstandes und als Reaktion auf die Umsetzung des Medizinprogramms hat die CMA den Wünschen der Regierung entsprochen. Aber die vollständige Legalisierung von Cannabis hat die Situation verändert. Nun, da Freizeit-Cannabis legal ist, fordert die CMA die Abschaffung des medizinischen Cannabisprogramms und versucht aktiv, sich davon zu distanzieren.

Cannabis-Diskussion unter Medizinern

In Vorbereitung auf die Legalisierung von Freizeit-Cannabis führte die Regierung eine öffentliche Konsultation durch. Die Canadian Medical Association nahm erneut teil. In ihrer Einreichung bei Health Canada im Januar 2018 empfahl sie unnachgiebig, dass es nur ein einziges System und eine Regulierung gemeinsam für medizinisches und Freizeit-Cannabis geben sollte. Damit wiederholt die CMA, was sie bereits in ihrem ersten Einwurf über ihre Ablehnung der Verschreibung von Cannabis gesagt hatte.

Wie Dr. Jeff Blackmer auf einer großen medizinischen Konferenz, auf der Wissenschaftler, Ärzte, Apotheker und Krankenschwestern zusammenkamen, einige Zeit vor Inkrafttreten des Cannabisgesetzes öffentlich erklärte, „sind wir der Meinung, dass es jetzt, da die Regierung offensichtlich beabsichtigt, Cannabis komplett zu legalisieren, es sich also um eine Substanz handelt, die sowieso allen Kanadiern zur Verfügung steht, es wirklich nicht mehr notwendig ist, dass Ärzte weiterhin in der Rolle des Türstehers tätig sind“. Seine Aussage war so drastisch formuliert, dass es zu einem Aufschrei kam und Dr. Blackmer, vom Publikum ausgebuht, den Raum verließ.

Ebenfalls auf der Konferenz anwesend war Dr. Mark Ware. Er leitet das sogenannte Quebec Cannabis Registry und ist Präsident des „Canadian Consortium for the Investigation of Cannabinoids“, dem für die Konferenz zuständigen Gremium. Als herausragender Forscher und Professor an der McGill-Universität, der seine Karriere der Erforschung von Cannabinoiden und chronischen Schmerzen gewidmet hat, hat Dr. Ware kürzlich die Universität verlassen, um Executive Director bei Canopy Growth, dem weltweit größten Cannabisproduzenten, zu werden. Dieser Spezialist hält es für einen Fehler, das gesamte medizinische Cannabisprogramm aufzugeben, nur weil alle Cannabisprodukte auch für den Freizeitgebrauch in Betracht gezogen würden. Ohne ärztliche Überwachung und Hilfe würden die Patienten allein gelassen.

Dr. Ware glaubt außerdem, dass Produkte aus isolierten Cannabinoiden – Therapiemöglichkeiten, die Ärzte eindeutig vorziehen würden – aufgrund des Entourage-Effekts nicht so effektiv wirken wie getrocknetes Blütenmaterial. Er räumt ein, dass die Wissenschaft noch viel über die vielfältigen Wechselwirkungen von Cannabinoiden und Terpenen in der Cannabispflanze zu lernen hat. Es bestehe definitiv weiterer Forschungsbedarf.

Cannabispatienten werden vom Gesundheitswesen im Stich gelassen

Die Zukunft von medizinischem Cannabis in Kanada

Die Canadian Nurses Association (CNA), die mehr als 139.000 Krankenschwestern vertritt, unterstützt ebenfalls die Fortsetzung des Programms und erklärt, dass „ohne die Unterscheidung zwischen den beiden Arten von Cannabis die Produktion dieses Produkts ausschließlich auf der Nachfrage der Genusskonsumenten basieren wird“. Karey Shuhendler, Public Policy- und Programm-Manager des CNA, weist darauf hin, dass sich Cannabis für medizinische Zwecke, selbst wenn es sich um ein und dieselbe Pflanze handelt, stark von Cannabis zum Freizeitgenuss unterscheiden könne, insbesondere dadurch, dass es in der Regel weniger THC und mehr CBD enthalte.

Darüber hinaus könnten die Patienten bei einem Verzicht auf das Arzneimittelprogramm nicht mehr von der medizinischen Überwachung zur Beurteilung therapeutischer und unerwünschter Wirkungen sowie möglicher Arzneimittelwechselwirkungen profitieren. Infolgedessen würden die rund 300.000 kanadischen Patienten, die medizinisches Cannabis konsumieren, komplett allein gelassen, was auch von Dr. Ware befürchtet wird.

Auf der Seite der Patienten gibt es die gleiche Sorge. James O’Hara, ein medizinischer Cannabiskonsument und Präsident der Canadian Organization for Equitable Access to Medical Marijuana, besteht darauf, dass Ärzte weiterhin an der Forschung teilnehmen und Cannabis als Behandlung integrieren, anstatt es aus der Gleichung herauszunehmen. Es sei zu bedenken, dass Cannabispatienten oft Sorten benötigten, die speziell für die Behandlung ihrer Leiden – Angst, Übelkeit durch Krebsbehandlungen, Anfälle – entwickelt wurden, und dass es in Ermangelung eines medizinischen Kontextes keine Garantie dafür geben könne, dass solche Sorten verfügbar blieben. Auch ist die Organisation besorgt über die Stigmatisierung im Zusammenhang mit dem Konsum von medizinischem Cannabis, die zunehmen würde, wenn das medizinische Programm aufgegeben würde.

Diese Ansicht wird auch von der Organisation „Dravet Canada“ geteilt, die glaubt, dass es „entscheidend für die Patienten ist, dass Cannabis als echte Medizin angesehen wird“. Tatsächlich profitieren vom Dravet-Syndrom betroffene Patienten – wie alle anderen Inhaber einer medizinischen Cannabis-Genehmigung – insbesondere von einer Kostenerstattung durch die Krankenkassen und der nahtlosen Cannabisversorgung.

Und wo bleiben die Bedürfnisse der Patienten?

Der Mangel an Freizeit-Cannabis in ganz Kanada nur wenige Wochen nach der Legalisierung gibt natürlich auch medizinischen Anwendern Anlass zur Sorge. Tatsächlich liefern dieselben zugelassenen Produzenten beide Arten von Cannabis. Seit dem 17. Oktober 2018 haben viele Patienten Schwierigkeiten, ihre gewohnten Sorten zu erhalten. Die Produzenten hatten ihren Arzneimittelkunden eine ununterbrochene Versorgung versprochen, aber es scheint, dass die hohe Nachfrage nach Freizeit-Cannabis und Exporte ins Ausland die Arzneimittelbestände stark beeinträchtigen. Autorisierte Hersteller sind gesetzlich nicht verpflichtet, Vorräte für den medizinischen Bedarf zurückzuhalten, auch wenn Health Canada von ihnen erwartet, dass sie den Arzneimittelverkauf priorisieren.

Die betroffenen Unternehmen rechtfertigen die Engpässe, indem sie einen plötzlichen Anstieg der Zahl der Patientenregistrierungen wenige Tage vor der Legalisierung anführen. Darüber hinaus haben viele Patienten, die mit der Verknappung gerechnet haben, kurz vor dem 17. Oktober 2018 Bestellungen aufgegeben und damit die Nachfrage erhöht. Die Regierung fordert die zugelassenen Produzenten auf, transparent zu bleiben und ihre Patienten über die Dauer der Verzögerungen zu informieren. Auf der Tilray-Seite finden die Patienten jedoch nichts aufschlussreicheres als: „Nicht auf Lager. Demnächst verfügbar“.

Die Regierung hat sich vorerst bereiterklärt, das medizinische Programm für weitere fünf Jahre fortzusetzen. Was wird in der Zwischenzeit passieren? Die vollständige Legalisierung ist zweifellos ein sehr positiver Meilenstein. Im Falle Kanadas bedarf es jedoch einer strengen Überwachung und einer Verpflichtung aller Beteiligten, gerade denjenigen Zugang zu Cannabis zu gewähren, die ihn am dringendsten benötigen und die den Weg für die vollständige Legalisierung maßgeblich mit geebnet haben: den Patienten.

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