by Seshata on 11/07/2014 | Cannabis Aktuelles

Cannabis und Klimawandel

Der Gedanke, dass der Anbau von Cannabis helfen kann, die Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen, ist keineswegs neu. Dennoch wird die Öffentlichkeit sowohl von den Legalisierungsbefürwortern als auch von deren Gegnern mit Desinformationen, pseudowissenschaftlichen Theorien und unverblümter Propaganda geradezu bombardiert, weshalb es für den Laien oft kaum möglich ist zu entscheiden, was nun wahr ist und was nicht.Häufig ist beispielsweise das Argument zu hören, dass allein der Anbau von Cannabis die Terpene - die eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Bedingungen in der Atmosphäre spielen - ersetzen kann, die die durch Abholzung verschwundenen Bäume freigesetzt haben. Vor allem Monoterpene (die allesamt durch die chemische Formel C10H16 definiert werden) sind bei diesem Mechanismus bedeutsam, aber auch andere Typen können eine wichtige Funktion erfüllen. Wenn Monoterpene freigesetzt werden, steigen sie mithilfe von Konvektionsströmungen zur Stratosphäre auf; hierbei gehen sie Oxidationsreaktionen mit Ozon, OH und NO3 in der Atmosphäre ein, bei denen eine Reihe von Nebenprodukten erzeugt werden.


Der Gedanke, dass der Anbau von Cannabis helfen kann, die Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen, ist keineswegs neu. Dennoch wird die Öffentlichkeit sowohl von den Legalisierungsbefürwortern als auch von deren Gegnern mit Desinformationen, pseudowissenschaftlichen Theorien und unverblümter Propaganda geradezu bombardiert, weshalb es für den Laien oft kaum möglich ist zu entscheiden, was nun wahr ist und was nicht.

Das Monoterpen-Argument

Häufig ist beispielsweise das Argument zu hören, dass allein der Anbau von Cannabis die Terpene – die eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Bedingungen in der Atmosphäre spielen – ersetzen kann, die die durch Abholzung verschwundenen Bäume freigesetzt haben. Vor allem Monoterpene (die allesamt durch die chemische Formel C10H16 definiert werden) sind bei diesem Mechanismus bedeutsam, aber auch andere Typen können eine wichtige Funktion erfüllen. Wenn Monoterpene freigesetzt werden, steigen sie mithilfe von Konvektionsströmungen zur Stratosphäre auf; hierbei gehen sie Oxidationsreaktionen mit Ozon, OH und NO3 in der Atmosphäre ein, bei denen eine Reihe von Nebenprodukten erzeugt werden.

Dem von den australischen Eukalyptusbäumen abgesonderten Dunst aus Monoterpenen verdanken die Blue Mountains ihren Namen; diese Stoffe gelten als unerlässlich für die Mikroregulierung des Klimas
Dem von den australischen Eukalyptusbäumen abgesonderten Dunst aus Monoterpenen verdanken die Blue Mountains ihren Namen; diese Stoffe gelten als unerlässlich für die Mikroregulierung des Klimas

Noch wissen wir nicht genau, durch welche Vorgänge die Monoterpene im Einzelnen dabei helfen können, die Erde vor den gefährlichen UVB-Strahlen der Sonne zu schützen; doch es ist bereits bekannt, dass ihre Oxidationsprodukte in der Atmosphäre zur Wolkenbildung beitragen, die die Sonneneinstrahlung reflektieren und zu vermehrten Niederschlägen führen. Bei warmem Wetter werden Monoterpene in höheren Konzentrationen abgesondert, was lokal einen kühlenden Effekt bewirkt, da über einem Wald Wolken geimpft (gebildet) werden und dessen Temperatur hierdurch reguliert wird.

Was stimmt an diesem Argument nicht?

Die Edelkastanie kann in relativ kurzer Zeit ein massives Höhen- und Breitenwachstum erzielen und ist für ihre reiche Monoterpenproduktion bekannt
Die Edelkastanie kann in relativ kurzer Zeit ein massives Höhen- und Breitenwachstum erzielen und ist für ihre reiche Monoterpenproduktion bekannt

Es stimmt natürlich, dass Cannabis Monoterpene freisetzt, allerdings hat man noch nicht eindeutig festgestellt, in welchen Mengen das geschieht und um welche Typen es sich handelt (zumal dies je nach Cannabissorte verschieden ist). Auch die spezifische Aktionsweise der Terpene bei der Regulierung der Atmosphäre ist bisher nicht ermittelt worden. Die Behauptung, Cannabis würde mehr Monoterpene freisetzen als alle anderen Anbauprodukte, entbehrt also offenbar jeder Grundlage.

Wenn man davon ausgeht, dass Cannabis die meisten der für die Oxidation und Wolkenbildung als ausschlaggebend betrachteten Monoterpene freisetzt (a-Pinene, ß-Pinene, D-Limonene, Myrcene, Camphene und andere), dann spielt Cannabis vielleicht tatsächlich eine herausragende Rolle, doch das ist wissenschaftlich keineswegs gesichert. Darüber hinaus kann es durchaus sein, dass es eine andere oder gar viele andere Pflanzenarten gibt, die die Freisetzung atmosphärischer Monoterpene ebenso gut oder besser bewerkstelligen als Cannabis. Dieser wächst zwar besonders schnell, aber man weiß noch nicht, mit welcher Geschwindigkeit er Terpene freisetzt.

Bekannt ist dagegen, dass die Edelkastanie (Castanea sativa) zu den Pflanzen gehört, die die meisten Monoterpene freisetzen, und dass sie innerhalb von etwa achtzig Jahren rund 35 Meter hoch werden kann (und einen Umfang von rund 2 m erreicht). Schon in den ersten zwölf Jahren erreicht sie eine Höhe von nicht weniger als 20 Metern. Der Eukalyptus ist ebenfalls dafür bekannt, sehr große Mengen Monoterpene zu erzeugen (der blaue Dunst, nach dem die australischen Blue Mountains benannt wurden, wird durch die Lichtstreuung der Monoterpenwolke verursacht, die er freisetzt), und wird in Industrie und Medizin auf vielerlei Weise eingesetzt. Auch diese Pflanze wächst schnell – bis zu vier Metern pro Jahr. Der Schwarze Bambus (Phyllostachys nigra), ein weiterer Erzeuger großer Monoterpenmengen, wächst mit einer Geschwindigkeit von bis zu drei Metern pro Jahr. Auch für ihn gibt es in der Holz-, Faser- und Nahrungsmittelindustrie sowie in der Medizin vielfältige Anwendungsmöglichkeiten.

Somit sind unbewiesene Behauptungen wie die, dass “die Cannabispflanze eine Sonderstellung einnimmt, da sie 58 Monoterpene in rauen Mengen produziert – und zwar in kürzerer Zeit, in vielfältigeren Böden und Klimazonen und mit größerem ökologischem und ökonomischem Gewinn als jede andere Ackerpflanze der Erde” wissenschaftlich nicht haltbar und daher für die andauernde Diskussion über die Legalisierung von Cannabis nicht gerade hilfreich.

Die Bedeutung von CO2

Wälder sind bekanntlich äußerst wichtige Kohlendioxid-Senken, die jährlich mehrere Tonnen Kohlendioxid pro Hektar speichern, wodurch sie die gesamte CO2-Menge in der Atmosphäre reduzieren und gleichzeitig Sauerstoff freisetzen. CO2 ist ein bekanntes Treibhausgas, und dessen Anstieg in der Atmosphäre hängt eng mit dem anthropogenen (vom Menschen verursachten) Klimawandel zusammen.

Faserpflanzen wie Hanf sind nützliche Kohlendioxid-Senken, solange sie am Ende nicht als Kraftstoff verbrannt, sondern für permanente Strukturen verwendet werden
Faserpflanzen wie Hanf sind nützliche Kohlendioxid-Senken, solange sie am Ende nicht als Kraftstoff verbrannt, sondern für permanente Strukturen verwendet werden

Da die bewaldeten Regionen der Erde weiter abgeholzt werden, ist der Anteil der gesamten Baumschicht (Bewaldung) drastisch gesunken. Man nimmt an, dass allein die Abholzung bis zu einem gewissen Grad für den globalen Temperaturanstieg in den letzten Jahrzehnten verantwortlich war, denn sie hat zu einer CO2-Zunahme zwischen 12 % und 20 % geführt; und zwar unabhängig von dessen Zunahme durch die Industrie und anderen Ursachen der Verschmutzung der Atmosphäre.

Einer weiteren, oft wiederholten Behauptung zufolge soll Cannabis ein besserer Kandidat für die Kohlendioxidspeicherung sein als irgendeine andere Pflanze. So liest man in einem Artikel auf der generell sensationsgierigen Website NaturalNews , dass “die bodenverbessernden Eigenschaften von Cannabis in der Natur wahrhaft einzigartig sind, da diese Wunderpflanze tatsächlich weit mehr Kohlendioxid absorbiert als jeder andere Baum, Strauch oder Pflanze, die der Mensch kennt”; im Weiteren zitiert der Artikel aus dem obskuren Blog Carbon Planet und behauptet: “Eine Anbaufläche mit medizinischem Gras speichert rund 22 Tonnen Kohlendioxid pro Hektar”—; doch diese Aussage wird durch keine einzige Angabe einer offiziellen Quelle in einem der beiden Artikel belegt.

In der Tat gilt Hanf als Pflanze mit wertvollen kohlendioxidspeichernden Eigenschaften – allerdings zusammen mit vielen anderen Agrarprodukten, wie zum Beispiel Kenaf (Hanf-Eibisch), Reis, Weizen und Zuckerrohr. Die Netto-Kohlendioxidspeicherung des Industriehanfs wird von anderen Quellen auf etwa 0,67 Tonnen (0,61 Tonnen) pro Hektar jährlich geschätzt; also weit weniger, als im obigen Artikel behauptet wurde, und zudem durchaus vergleichbar mit anderen weitverbreiteten Anbaupflanzen. Zwar besitzen einjährige Pflanzen zweifellos ein gutes Potenzial als Kohlendioxid-Senken – besonders wenn sie letztlich nicht verbrannt oder als Biokraftstoff verwendet werden (denn durch diese Prozesse wird Kohlendioxid wieder in die Atmosphäre abgegeben) -, aber immergrüne Bäume werden allgemein als wichtiger angesehen, wenn es um die Eindämmung des atmosphärischen CO2 geht.

Cannabis und das atmosphärische CO2

Einjährige Pflanzen können kurzfristig etwas Kohlendioxid speichern, aber große, alte Bäume sind global gesehen wesentlich wichtiger
Einjährige Pflanzen können kurzfristig etwas Kohlendioxid speichern, aber große, alte Bäume sind global gesehen wesentlich wichtiger

Die Fähigkeit von Cannabis und vielen anderen Pflanzenarten, ihre Wachstumsrate und Nährstoffverwertung in mit CO2 angereicherten Umgebungen zu erhöhen, hat auch das Interesse der Forscher geweckt. So hat eine 2011 veröffentlichte Studie gezeigt, dass atmosphärische CO2-Konzentrationen von 700 ppm (parts per million = Anteile pro Million) die reine Photosynthese und die Effizienz des Wasserverbrauchs bei vier hochertragreichen Cannabissorten deutlich erhöhen, verglichen mit einer Umgebungskonzentration von 390 ppm; Konzentrationen von 545 ppm hatten jedoch nur geringfügige Effekte.

Allerdings haben die atmosphärischen CO2-Konzentrationen noch nicht die magische Zahl von 700 ppm erreicht, die einen effizienteren Anbau von Cannabis ermöglichen würde. Schätzungen zufolge wird diese Konzentration um 2100 erreicht werden, wenn man die gegenwärtige Emissionsrate hochrechnet. Wir haben also noch über achtzig Jahre Zeit, um verschiedene andere Strategien auszuprobieren, mit denen sich eventuell niedrigere Konzentrationen aufrechterhalten lassen.

Zu diesen Strategien gehört auch die Wiederanpflanzung zahlreicher verschiedener Pflanzenarten, die derzeit vom Aussterben bedroht sind oder über keinen ausreichenden Lebensraum mehr verfügen. Wenn die Wiederaufforstungsprogramme jetzt durchgeführt werden, würden sie in achtzig Jahren sogar bei relativ langsam wachsenden Arten erkennbare Auswirkungen haben. Und im Falle des Erfolgs derartiger Strategien wird es nicht mehr nötig sein, große Mengen Cannabis als Kohlendioxid-Senke anzubauen.

In dem Maße, wie wir die komplexe Dynamik der Kohlendioxidspeicherung durch terrestrische Biomasse besser verstehen, erkennen wir immer deutlicher, dass große alte Bäume langfristig mit Abstand die besten Kohlendioxidspeicher darstellen. Kürzlich wurde eine Studie in der Zeitschrift Nature veröffentlicht, die herausfand, dass bei der Mehrheit der Baumarten tatsächlich die größten und ältesten Exemplare in Bezug auf die Masse am schnellsten wachsen und dass zusammen mit ihrem alljährlichen Wachstum auch ihre Fähigkeit zur Kohlendioxidspeicherung zunimmt. In extremen Fällen kann ein einziger großer Baum dem Wald in nur einem Jahr die gleiche Menge Kohlendioxid hinzufügen wie ein mittelgroßer Baum in seinem ganzen bisherigen Leben.

Welche Funktion hat Cannabis demzufolge?

Bei richtiger Anwendung der geeigneten Techniken gibt es keinen Grund, warum Cannabis

Statt die Bemühungen auf eine einzige "Wunder"-Pflanze zu konzentrieren, muss die Biodiversität erhalten und regeneriert werden; nur so kann das bioterrestrische Klimamanagement gelingen
Statt die Bemühungen auf eine einzige „Wunder“-Pflanze zu konzentrieren, muss die Biodiversität erhalten und regeneriert werden; nur so kann das bioterrestrische Klimamanagement gelingen

und Hanf nicht als Teil einer nachhaltigen Strategie zur Kohlendioxidspeicherung angepflanzt werden sollten. Doch die Frage, ob eine Pflanze eine bessere Kohlendioxid-Senke ist oder mehr Monoterpene freisetzt als eine andere, stellt sich gar nicht, wenn es um das Problem der Bewältigung des anthropogenen Klimawandels geht. Der Verlust der Biodiversität ist einer der Faktoren, die das Überleben unserer eigenen Spezies und anderer für uns lebenswichtiger Arten langfristig am meisten beeinträchtigen; deshalb sind Strategien, die sich auf ein einziges Gewächs konzentrieren, realistisch betrachtet untauglich.

Statt Cannabis für die einzige Pflanze zu halten, die uns vor einer weiteren anthropogenen globalen Erwärmung schützen kann, sollten wir besser versuchen, alle noch vorhandenen Ökosysteme zu schützen und so viel Biodiversität wie möglich zu erhalten. Und wir sollten die bereits laufenden Anpflanzungsprogramme mit denjenigen Arten verstärken, die an den entsprechenden Lebensraum und dessen Nutzungspotenzial angepasst sind. Ein zusätzlicher Anbau von Cannabis und Hanf würde dort, wo sich dies anbietet, sicherlich vielerlei Vorteile bringen, doch man sollte deren Bedeutung nicht überschätzen, wenn man damit Unterstützung für die Legalisierung zu gewinnen hofft. Gute Argumente für die Legalisierung von Cannabis gibt es schließlich schon mehr als genug. Es ist absolut unnötig, diese durch wilde Behauptungen und unbewiesene Fakten zu verwässern und dadurch den Gegnern weitere Gründe zu liefern, die Bewegung in Verruf zu bringen.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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