Marihuana, Empathie und schwere Fälle von Autismus, Teil III

Die Entdeckung des endocannabinoiden Systems (ECS) Mitte der 1990-er Jahre war nicht nur eine Revolution in den Neurowissenschaften, sondern ließ uns auch besser verstehen, warum und wie exogenes (also konsumiertes) Cannabis eine solch große Heilwirkung bei so vielen verschiedene Indikationen zeigt.


“Wie ist es möglich, dass das Leiden, das weder mein eigenes ist, noch mich betrifft, mich unmittelbar bewegt wie mein eigenes, und mit solcher Kraft, dass es mich zur Handlung bewegt?”

Arthur Schopenhauer, Philosoph, 1788-1860

Cannabis wird weltweit seit ungefähr fünftausend Jahren verwendet, um eine ganze Reihe von Krankheiten, Syndromen und medizinischen Indikationen zu behandeln. Heutzutage sind dies unter anderem Brechreiz, neurologische Schmerzen, Epilepsie, Glaukom, das Tourette-Syndrom, Asthma, Entzündung, Autoimmunsystem-Krankheiten sowie unzählige anderer Pathologien.

500px-Cannabis_sativa_(Köhler)Die Entdeckung des endocannabinoiden Systems (ECS) Mitte der 1990-er Jahre war nicht nur eine Revolution in den Neurowissenschaften, sondern ließ uns auch besser verstehen, warum und wie exogenes (also konsumiertes) Cannabis eine solch große Heilwirkung bei so vielen verschiedene Indikationen zeigt. Je mehr wir über das ECS erfahren, desto mehr wird offensichtlich, dass es eine entscheidende funktionelle Rolle in vielen körperlichen und geistigen Prozessen spielt. Inzwischen ist bekannt, dass es eine wesentliche Rolle für die Gesundheit und für Heilprozesse im Körper spielt. Pacher et al. (2006) weisen darauf hin, dass immer mehr Studien darauf hinweisen, dass Mängel am ECS zu verschiedenen Krankheiten führen.

Das Autistische Spektrums-Syndrom und das Endocannabinoid-System

In letzter Zeit haben wissenschaftliche Studien direkte Verbindungen zwischen dem Autistischen Spektrums Syndrom (ASS) und dem ECS angedeutet. Ich möchte kurz einige dieser Verbindungen erklären.

1. Eine von Chakrabarti und Baron-Cohen veröffentlichte Studie wollte prüfen, ob es eine Verbindung zwischen Variationen im Endocannabinoid-Rezeptor 1 (CNR1) mit der Dauer von Blickfixierung auf glückliche Gesicher gibt. Atypische Blickfixierungsmuster sind für neuronale Entwicklungsstörungen wie Autismus charakteristisch. Die Studie beruht auf vorhergehender Forschung mit Primaten, die zeigt, dass im Gehirn das ventrale Striatum „eine Hauptrolle in der Blickführung spielt. Man vermutet, dass im Striatum eine ‚Wertekarte‘ kodiert ist, um visuelle Stimuli zu bewerten.”

Die Studie geht weiter von der Tatsache aus, dass das endocannabinoide System eines der Schlüsselsysteme ist, die an der Wirkung des Schaltkreises des Striatums beteiligt sind. In ihrer Konklusion schreiben sie:

“Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass Variationen bei CNR1 die Striatum-Funktion modulieren, die der Wahrnehmung von Signalen sozialer Belohnung unterliegt, wie zum Beispiel bei glücklichen Gesichtern. Das lässt vermuten, dass CNR1 ein Schlüsselelement in der molekularen Architektur der Wahrnehmung von bestimmten grundlegenden Gefühlen ist. Das könnte zu einem neuen Verständnis von neuronale Entwicklungtstörungen wie dem autistischen Spektrum Syndrom führen, welche durch atypischen Augenkontakt und atypische abnormale Gefühlserkennung im Gesicht gekennzeichnet sind.”

2. Eine Studie der Stanford Wissenschaftler Földy et al. veröffentlicht 2013 in Neuron betrifft das Protein Neuroligin-3, post-synaptisches Zelladhäsionsmoleküle, die an der Kommunikation zwischen Gehirnzellen beteiligt sind. Es ist bekannt, dass seltene Veränderungen in diesen Molekülen für das Syndrom des Autismus prädisponieren. Sie sind auch an einem bestimmten Typ der Sekretion von Endocannabinoidenim Gehirn beteiligt. Földy et al. fassen ihre Ergebnisse zusammen:

“Unsere Daten weisen also darauf hin, dass Neuroligin-3 spezifisch für die tonische endocannabinoide Signalübertragung erforderlich ist, was möglicherweise bedeutet, dass Modifizierungen der Endocannabinoid-Signalübertragung zur Pathophysiologie des Autismus beitragen.”

3. Eine andere Verbindung zwischen dem ECS und dem ASS basiert auf der Beobachtung, dass der Cannabinoid-Rezeptor CB2 bei Menschen mit ASS sowie anderen neurodegenerativen Störungen hochreguliert ist. Die Hochregulierung von CB2 Empfängern als eine Reaktion auf Schäden stützt die These, dass das ECS als ein endogenes neuroprotektives System dient, und dass konsumierte (exogene) Cannabinoide, die diese CB2 Empfänger aktivieren, vielversprechende therapeutische Mittel sind. Benito et al. schlagen vor, dass die Hochregulierung von CB2 Empfängern bei solchen Störungen nicht nur eine endogene neuroprotektive Reaktion sein könnte, sondern auch auf eine mögliche Rolle von CB2 Empfängern in deren Pathogenese hinweisen könnte.

Empathie, Marihuana und das Endocannabinoid-System

Diese Ergebnisse deuten auf eine Verbindung zwischen Defiziten im Endocannabinoid-System und der Autistischen Spektrums-Störung an. Könnte es dann auch sein, dass das ECS daran beteiligt ist, einige kognitive Funktionen zu regulieren, die unserer Fähigkeit zugrundeliegen, andere empatisch zu verstehen? In Teil I habe ich die “Broken Mirror-Theorie“ von ASS eingeführt, die besagt, dass ASS durch Störungen im Spiegelneuronensystem verursacht wird. Es gibt noch viel Diskussionen über die generelle Rolle des Spiegelneuronsystems, und darüber, ob es eine Rolle für ASS spielt. Kritiker behaupten, dass das Spiegelneuronsystem ganz allgemein keine entscheidende Rolle für das empathische Verstehen spielt und dass die empirischen Beweise für seine Rolle bei ASS eher spärlich sind.

Während diese Diskussionen weitergehen, denke ich, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf die offensichtlichen Verbindung zwischen Cannabis, dem Endocannabinoid-System und empathischen Verstehen richten sollten. Im ersten Teil meines Aufsatzes habe ich die große Anzahl von Fallberichten für eine Verbesserung empathischen Verstehens während eines Highs erwähnt. Ich habe dann berichtet, wie unglaublich nützlich Cannabis für stark autistische Kinder sein kann, um mit anderen empathisch zu interagieren. Offensichtlich geht hier etwas Grundsätzliches vor. Wir sollten nach möglichen funktionellen Verbindungen zwischen dem Endocannabinoid-System und den kognitiven Funktionen suchen, die dem empathischen Verstehen zugrunde liegen. Wie oben erwähnt haben wir bereits Beweise, dass Endocannabinoide an der Wahrnehmung von Basis-Gefühlen beteiligt sind. Soviel ich weiß, hat bis jetzt niemand eine Verbindung zwischen dem Spiegelneuronsystem und dem Endocannabinoid-System gefunden, aber ich glaube, dass wir hier eine substantielle Verbindung finden könnten – eine Verbindung, die ganz allgemein revolutionär für unser Verständnis des menschlichen Geistes sein könnte, aber auch für unsere Verstehen von Syndromen wie dem ASS. Ich würde anderen Wissenschaftlern in diesem interdisziplinären Feld empfehlen, Berichte von Marihuana-Benutzern genauer zu untersuchen und sich anzuhören, was Eltern über die erstaunlichen Wirkungsweisen von medizinischem Marihuana auf ihre autistischen Kinder zu berichten haben.

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Schwere Fälle des Autismus

Während sich interessierte Beobachter und Wissenschaftler ruhig zurücklehnen und weiter forschen können, können viele schwer autistischen Kinder und ihre Eltern nicht warten. Einige dieser Kinder sterben, weil sie nicht essen können, weil sie ihre Köpfe jeden Tag gegen Wänden oder scharfe Gegenstände schlagen oder unter schrecklichen Nebenwirkungen von mehreren pharmazeutischen Produkten leiden, die ihnen häufig überhaupt nicht helfen oder sogar ihren Zustand verschlechtern. Sie schreien vor Schmerzen und sind in ihren Trotzanfällen und Routinen gefangen, gequält von ihrer emotionale Instabilität. Es muss jeden Empathie-fähigen Mensch tief berühren zu sehen, wie sehr medizinisches Marihuana diesen Kindern und ihren Familien helfen kann. Es ist höchste Zeit, den nächsten Schritt zu gehen und Autismus zu den möglichen Indikationen für medizinisches Cannabis hinzuzufügen.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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