Alles über Hanffasern und die Hanf-Textilproduktion

Im Laufe der Jahrtausende haben die Menschen die Methoden zum Anbau, zur Ernte und Verarbeitung von Hanf, zur Gewinnung von Fasern für die Herstellung von Kleidung und vielem mehr perfektioniert. Heute stehen uns unzählige Arten und Zusammensetzungen von Textilien für alle Einsatzgebiete zur Verfügung. Doch wie werden Hanffasern gewonnen und verarbeitet?

Faserhanf wird aus cannabinoidarmen Cannabis-sativa-L.-Sorten hergestellt, die eng aneinanderstehend angebaut werden, um die Verzweigung zu minimieren und hohe, gerade zentrale Stämme zu begünstigen. Im Gegensatz zu den meisten psychoaktiven Cannabissorten haben Faserhanfsorten typischerweise Hohlstämme, die weitaus höhere Mengen an Ballaststoffen enthalten (35 Prozent gegenüber 15 Prozent).

Auf der Nordhalbkugel wird das Faserhanf-Saatgut gepflanzt, wenn die Bodentemperatur über 7,5 Grad Celsius steigt, und üblicherweise im August geerntet, sobald die Absonderung der Pollen beginnt. Hanf kann auch unter suboptimalen Bedingungen gedeihen und produziert in solchen Fällen in der Regel mehr als konkurrierende Kulturen.

Für eine optimale Ernte sollte Hanf jedoch unter milden, feuchten Bedingungen in gut durchlässigen, stickstoffreichen und nicht sauren Böden angebaut werden. Der Boden muss feucht sein, aber nicht zu nass, da sich gezeigt hat, dass übermäßig feuchter Boden die Produktion schwacher Fasern bewirkt. Es heißt außerdem, dass kühle Sommer dabei helfen, feine und starke Fasern zu produzieren.

Ernte und Trennung der Hanffasern

Bei der reinen Faserzucht werden sowohl die männlichen als auch die weiblichen Pflanzen abgeholzt, sobald die Männchen mit der Pollenproduktion beginnen. Bei der Kultivierung zur Fasern- und Saatgutgewinnung dürfen die Männchen die Weibchen bestäuben, bevor sie gefällt werden. An diesem Punkt lässt man die Weibchen weiterleben, bis die Samen reif sind. Erst danach werden auch die weiblichen Pflanzen gemäht und ihre Fasern von den Samen getrennt.

Interessanterweise waren traditionelle Hanfbauern im Vereinigten Königreich der Meinung, dass männliche Hanfpflanzen Fasern produzieren, die viel feiner und seidiger sind als die der weiblichen. Dies wurde durch eine 1996 in Ungarn durchgeführte Studie bestätigt, die zu dem Schluss kam, dass männliche Fasern feiner, dafür aber weibliche Fasern etwas stärker sind.

Das Rösten der Hanffaser

Nach dem Schnitt der Pflanzen werden die Stiele in der Regel mehrere Wochen lang am Boden ausgelegt, sodass die sogenannte Röste stattfinden kann. Dies ist ein Prozess des Zerfalls, bei dem das Pektin (das gelartige Polysaccharid, das in den meisten Pflanzenzellwänden vorhanden ist), das die Fasern bindet, unter Einwirkung von Licht und Luft zersetzt wird und die langen Bastfasern freigelegt werden. Bastfasern sind diejenigen, die das Phloem oder die innere Rinde von zweikeimblättrigen Pflanzen wie Hanf und Flachs besetzen.

Die Röste kann auch in Wassertanks erfolgen, was den Prozess beschleunigt, oder bei Frost und Schnee, was angeblich zu einer weißeren, feineren Faser führen soll. Mittlerweile gibt es auch chemische und enzymatische Mittel, um die Röste zu beschleunigen.

Die Entrindung der Hanffaser

Die Entrindung ist die Entfernung des zentralen holzigen Kerns vom Schaft. Dieser Schritt kann unmittelbar nach der Röste durchgeführt werden, während die Stiele noch nass sind. In diesem Fall werden die feuchten Fasern vom Kern abgezogen und anschließend getrocknet. Alternativ können die Stiele getrocknet und dann mit speziellen Maschinen verarbeitet werden, die den holzigen Kern aufbrechen und von den Fasern trennen.

Moderne Maschinen machen die oft langen Röstezeiten und separaten Entrindungsabläufe überflüssig, kombinieren die beiden Prozesse zu einem und produzieren innerhalb weniger Minuten nach dem Mähen der Pflanze bündelbare Fasern.

Die Verarbeitung der Hanffaser

Nach der Entrindung der Fasern werden sie zu Ballen geformt und vom Feld genommen, um zu Garn verarbeitet zu werden. Häufig wird die Faser ohne weitere Verarbeitung gesponnen. Einige Hersteller haben jedoch chemische oder mechanische Verfahren entwickelt, welche die Weichheit oder Elastizität der Fasern erhöhen.

Einer der Prozesse erfordert beispielsweise das Einweichen der Fasern in einer fast siedendenden Lösung aus Seife und Natriumcarbonat, bevor sie mit Wasser gewaschen und in verdünnte Essigsäure getränkt werden. Die Fasern werden dann erneut mit klarem Wasser ausgewaschen, getrocknet und gekämmt, um ein außergewöhnlich weiches und feines Endergebnis zu erhalten.

Das Entfernen von Lignin aus der Hanffaser

Lignin ist ein hartes, holziges Biopolymer, das acht bis zehn Prozent des Trockengewichts der Hanffasern ausmacht. Es ist verantwortlich für das raue, kratzige Gefühl der traditionellen Hanffaser. Wird das Lignin entfernt, ist die resultierende Faser viel glatter und weicher. Die Unfähigkeit, das Lignin aus dem Hanf zu entfernen, ohne seine Stärke zu beeinträchtigen, führte dazu, dass andere Nutzpflanzen bevorzugt wurden – ein weiterer Grund, warum sein Einsatz in der postindustriellen Zeit so dramatisch zurückging.

Mitte der 1980er-Jahre entwickelten Forscher eine neue Technik, um das Lignin mit enzymatischen und mikrobiellen Mitteln zu entfernen. Das proteinverdauende Enzym Protease wird zunächst auf die Hanffaser aufgetragen und reduziert den Stickstoff in den Stielen. Anschließend kann der sogenannte Angebrannte Rauchporling (Bjerkandera adusta, eine Pilzart aus der Familie der Meruliaceae) auf den Fasern entstehen, der das Lignin verzehrt. Die mit dieser Technik hergestellten Fasern waren plötzlich wesentlich vielseitiger, sodass Hanf wieder in der Bekleidungsindustrie eingesetzt werden konnte.

Das Spinnen der Hanffaser zu Garn

Hanfgarn wird ähnlich wie andere Naturfasern gesponnen. Im Regelfall werden die Fasern zu langen, durchgehenden Fäden zusammengedreht, die oft mit Wachs oder einem ähnlichen Mittel versiegelt werden, um das Endergebnis wasserdicht oder haltbarer zu machen.

Üblicherweise werden in diesem Stadium des Prozesses der Mischung weitere Fasern zugegeben: anstatt Mischgewebe aus Fäden, die ausschließlich aus einer Faserart hergestellt werden, zu weben, ist der Faden selbst eine Mischung von Fasern, die seine endgültigen Eigenschaften beeinflussen. Dies ist jedoch nicht immer der Fall. Barchent zum Beispiel bezeichnet traditionell ein Textil aus einem Flachs-Kettfaden (Längsfaden), der mit einem Baumwoll-Schussfaden (Querfaden) verwoben wird.

Das Spinnen von Hand

Dieser Prozess wurde traditionell von Hand durchgeführt, mithilfe von nicht mehr als zwei einfachen Werkzeugen, der Fallspindel und dem Rocken. Die Fallspindel ist ein dornartiges Gewicht, an dem die Rohfaser befestigt wird, und der Rocken ist ein Holzstab, um den die Längen der Rohfaser geschlungen werden.

Der Handspindel setzt die Spindeldrehung ein und löst langsam die Rohfaser aus dem Rocken. Die Spinnbewegung und der Zug des Gewichts beim langsamen Absinken bewirken, dass die Fasern fest zu Fäden gewickelt werden. Einige Hobby-Spinner und spezialisierte Hersteller drehen immer noch von Hand mit diesen traditionellen Werkzeugen.

Beim manuellen Spinnen mit Hanffasern ist eine leichte Hochwirtelspindel die beste Spindelwahl. Dabei handelt es sich um eine Spindel, die sich sehr schnell drehen kann und dabei ein feines, glattes Garn erzeugt. Die meisten Hanfgarne sind trocken gesponnen, können aber auch „nass“ gesponnen werden: Der Spinner befeuchtet lediglich die Finger mit Wasser und streicht beim Spinnen über das Garn, wobei er die Fasern glättet, um ein möglichst glattes Ergebnis zu erzielen.

Obwohl Hanf inzwischen mit einer Reihe alternativer Fasern konkurrieren muss, haben sowohl natürliche als auch synthetische, verbesserte Verarbeitungstechniken bahnbrechende neue Einsatzmöglichkeiten für Hanftextilien eröffnet. Auch steigt der Bedarf an Textilpflanzen mit geringer Umweltbelastung rasant an. Aus diesen Gründen gewinnt Hanf nach einer langen Phase des Rückgangs wieder an Bedeutung, wenngleich er nie wieder seinen früheren Status als Textilpflanze Nummer eins erreichen wird.

Hanftextilien aus Hanffasern

Es war schon immer möglich, aus Hanf eine Vielzahl hochwertiger, strapazierfähiger Stoffe herzustellen, entweder allein oder in Kombination mit anderen Naturfasern wie Flachs oder Seide. Obwohl die traditionelle Vorstellung von Hanfgewebe die rauer, kratzender Sackleinen und Leinwände ist, ist die Vielfalt der feinen Textilien, die daraus hergestellt werden können, bemerkenswert.

  • Flachs: Flachs oder Leinen ist ein gutes Beispiel für ein leichtes Textil, das aus reinem Hanf hergestellt werden kann. Wenn Flachs aus Hanf hergestellt wird, ist das Ergebnis leicht, langlebig und atmungsaktiv – hervorragend bei heißen, feuchten Bedingungen!
  • Frottee: Hanf wird auch häufig zur Herstellung von Frottee verwendet, dem Material, das entweder gewebt oder gestrickt werden kann und hauptsächlich für Handtücher verwendet wird. Aufgrund der bemerkenswerten Absorptionseigenschaften von Hanf gilt es als bestens geeignet für diese Verwendung.
  • Köperbindung: Hanffasern eignen sich auch sehr gut für verschiedene Arten der Köperbindung (oder auch Twill genannt), einschließlich Denim, Fischgrätenmuster und Flanell sowie für verschiedene Arten gestrickter Textilien, einschließlich Jersey und Velours.
  • Hanfseiden-Charmeuse: In Kombination mit Seide kann Hanf zu Taft verarbeitet werden, einem steifen, glänzenden Stoff, der in Ball- und Brautkleidern verwendet wird. Er kann auch zur Herstellung von Charmeuse verwendet werden – ein glänzender Satin, aus dem figurbetonte Dessous und fließende Abendkleider hergestellt werden. Selbst komplexe Jacquardgewebe, bei denen ein erhabenes Muster in das Gewebe eingewebt wird, können aus Hanf und Seide hergestellt werden.
  • Hanf-Mullwindeln: Hanf wird oft mit Baumwolle gemischt, um Stoffwindeln herzustellen. Es wird angenommen, dass Hanf eine bessere Absorption und Haltbarkeit hat als Baumwolle, die normalerweise hinzugefügt wird, um die Weichheit des Gewebes zu erhöhen. Hanf hat auch antibakterielle und antimikrobielle Eigenschaften, die helfen können, Windelausschlag und damit verbundene Hautprobleme zu verhindern.
  • Hanf-Baumwoll-Musselin: Hanf wird auch mit Baumwolle vermischt, um feinen Musselin oder Seihtücher herzustellen, von denen einige außergewöhnlich leicht und robust sein können und hervorragende Absorptionseigenschaften aufweisen. Darüber hinaus werden die meisten Strickstoffe aus Hanf in Kombination mit Baumwolle hergestellt, um sie weicher zu machen.

Hanf ist langlebig, vielseitig und wächst schnell, was ihn zu einem starken Konkurrenten für andere Naturfaserpflanzen macht. Vor allem ist Hanf aber ein nachhaltiger Rohstoff. In einer Zeit, in der die Welt verzweifelt nach nachhaltigen Möglichkeiten sucht, bieten Hanftextilien eine gute und attraktive Alternative.

Hanf in der Mainstream-Modeindustrie

Das Modehaus Ralph Lauren hat von EnviroTextiles hergestellte Hanf-Seiden-Charmeuse intensiv in seinen Kleidungsstücken eingesetzt. Ralph Lauren hat aus diesem Textil Abendkleider und sogar eine Militärjacke hergestellt. Ralph Lauren hat in den letzten Kollektionen zudem mehrere unterschiedliche Hanfmischungen verwendet: Hanf, Acryl und Baumwolle für Jerseys, Pullover und Sweatshirts, Hanf und Baumwolle für Shorts, Hemden und Hosen sowie Leinen, Baumwolle und Hanf für Vorhänge, Bettwäsche und Polster.

Die Tatsache, dass Hanf zu einem Mainstream-Modeartikel geworden ist, wird durch Dutzende von Kleidungsstücken auf Hanfbasis, die heute in Geschäften wie H&M erhältlich sind, sowie durch die Zunahme hochwertiger Designerstücke wie einem Hermès-Schal aus Kaschmir, Seide und Hanf bestätigt.

Neben Ralph Lauren haben auch Donatella Versace, Behnaz Sarafpour, Donna Karan International, Isabel Toledo und Doo.Ri Stoffe von EnviroTextiles verwendet. Die New York Fashion Week 2008 war ein Meilenstein, bei dem viele dieser Designer ihre neuen Hanfdesigns erstmals präsentierten.

Hanftextil-Firmen, die man im Auge behalten sollte

Neben EnviroTextiles gibt es noch weitere Unternehmen, die hochwertige Hanfstoffe herstellen: Hoodlamb, Datsusara, Patagonien, Clothing Matters, Hempy’s, Livity Outernational, Satori Movement und Dash Hemp, um nur einige zu nennen.

Natürlich ist Stoff nur eines der wenigen Produkte, die aus Hanf hergestellt werden können. Fortschritte bei Verbundkunststoffe, Baustoffe, Lebensmittel und Gesundheitsprodukte werden täglich hergestellt. Es ist großartig, Teil einer Branche zu sein, die das große Potenzial hat, die Welt ein wenig umweltfreundlicher zu machen. Die Einsatzmöglichkeiten von Hanf sind ebenso vielfältig wie nachhaltig.

Comments

7 Kommentare zu „Alles über Hanffasern und die Hanf-Textilproduktion“

  1. Hallo Seshata,

    ich würde gerne wissen, welcher Hanfhersteller direkt das Material vom Feld nimmt ohne Rotte?

    grüße

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