Wo |Ungarn

Hauptstadt |Budapest

Einwohner |9855571

Legaler Status |illegal

Medical Program |no

by Seshata on 30/03/2016 | Meinung

Der Rechtsstatus von Cannabis in Ungarn – eine Übersicht

Ungarn Ungarn hat eine uralte Tradition bei der Nutzung von Hanf. Hanf war dort so bedeutsam, dass man sogar die ungarische Nationaltracht daraus herstellte.


Ungarn, ein Binnenland in Zentraleuropa, hat eine Bevölkerung von knapp 10 Millionen Einwohnern. In der Geschichte hat Cannabis stets eine entscheidende Rolle im täglichen Leben und in der Kultur Ungarns gespielt. Infolge der internationalen Gesetzgebung im 20. Jahrhundert hat Ungarn jedoch mittlerweile eine der repressivsten Gesetzgebungen in Europa.

Cannabis in Hungary - Sensi Seeds Blog

 

Zur Legalität von Cannabisbesitz, -verkauf und -anbau

Cannabiskonsum und -besitz

Der Konsum und Besitz von Cannabis sind in Ungarn illegal und können mit Gefängnisstrafe bis zu zwei Jahren (für kleine Mengen) und zwischen einem und fünf Jahren für größere Mengen bestraft werden. In der Praxis werden diese strengen Strafen für kleine Mengen nur seltenverhängt, und es ist möglich, dass Ersttäter lediglich eine Verwarnung oder eine Bewährungsstrafe erhalten. Bei einer zweiten oder bei weiteren Straftaten hat das Gericht diese Möglichkeiten aber nicht mehr, und es muss zu einer Strafverfolgung kommen.

Hungary 1

Nach ungarischem Recht wird nicht zwischen Cannabis und anderen Drogen differenziert, sodass Straftäter, die im Besitz von Cannabis (auch bei kleinen Mengen) angetroffen werden, den gleichen Strafen unterliegen wie solche, die mit Heroin oder anderen „härteren“ Substanzen erwischt werden. 2013 verabschiedete Ungarn ein neues Strafgesetzbuch, durch das viele Strafen für Besitz und Verkauf tatsächlich noch erhöht wurden. Daher ist es heute theoretisch sogar möglich, bei bestimmten erschwerenden Umständen eine maximale Gefängnisstrafe von bis zu fünfzehn Jahren für den Besitz oder Konsum von Cannabiszu verhängen.

Die Menge, die noch als für den persönlichen Konsum bestimmt angesehen wird, beträgt nach Auffassung der Gerichte ein Gramm des aktiven Wirkstoffs. Im Fall von Cannabis handelt es sich bei dem aktiven Wirkstoff um THC. Angenommen, das beschlagnahmte Cannabis enthält THC in einer Konzentration von 1 bis 8 Prozent, kann somit die Menge, welche man noch als für den persönlichen Konsum bestimmt ansieht, zwischen 12 und 100 Gramm liegen.

Trotz der Härte der Gesetze, die sich gegen den Besitz von Cannabis richten, handelt es sich hierbei um die meistkonsumierte Droge in Ungarn. Laut Zahlen des ungarischen Landesberichts 2011 haben 19,4 Prozent der 16-Jährigen in Ungarn schon einmal Cannabis ausprobiert, während das zweitbeliebteste Rauschmittel, „Alkohol mit Medikamenten gemischt“, nur von 10,3 Prozent genannt wird.

Der Verkauf von Cannabis

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Der Cannabiskonsum in Ungarn ist sehr hoch, trotz der Härte der dortigen Cannabis-Gesetzgebung (© Fora do Eixo)

Der Verkauf von Cannabis (oder jeder anderen Droge) ist mit einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren für kleinere Mengen und zwischen zwei und acht Jahren bei größeren Mengen bedroht. Unter erschwerenden Umständen oder in Fällen, bei denen es um besonders große Mengen geht, kann die Strafe auf bis zu 20 Jahre oder sogar auf eine lebenslange Haftstrafe erhöht werden.

Auch hier werden „kleine Mengen“ als ein Gramm des aktiven Wirkstoffs definiert; bei einer angenommenen THC-Konzentration von 1 bis 8 Prozent also mit 12 bis 100 Gramm Cannabis. Es wird berichtet, dass die Gerichte stets Cannabisproben nehmen und auf ihren THC-Gehaltuntersuchen lassen, und zwar in kriminaltechnischen Laboren (der gleiche Bericht besagt auch, dass der Schwellenwert für „kleine“ Mengen bei 5 Gramm reinem THC liegt, wobei die offiziellen Zahlen der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) den Grenzwert jedoch als Schwellenwert 1 Gramm reines THC angeben).

Genau wie bei Besitz und Konsum können Haftstrafen nach Ermessen des Gerichts auch dann zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn eine Person beim Verkauf kleiner Mengen Cannabis festgenommen wird. Sollte diese Person innerhalb von zwei Jahren erneut straffällig werden, ist eine Bewährungsstrafe nicht mehr möglich. Ist die betroffene Person drogenabhängig und hat sie sich vor der Festnahme wegen dieser Abhängigkeit in Behandlung befunden, kann das Gericht sie aber nicht strafrechtlich verfolgen (dies trifft wiederum sowohl auf Konsum und Besitz als auch auf den Verkauf zu).

Sollte eine Person jedoch beim Verkauf von Mengen festgenommen werden, die nicht mehr als „klein“ zu definieren sind, gibt es keine Möglichkeit für eine Bewährungsstrafe mehr, auch nicht im Falle einer Drogenabhängigkeit.

Der Anbau von Cannabis

Nach ungarischem Recht ist die Produktion von Cannabis mit Haftstrafen zwischen einem und fünf Jahren zu ahnden, oder mit Strafen von zwei bis acht Jahren, falls der Anbau im gewerblichen Umfang ausgeübt wird. Diese Strafe kann auf maximal fünf bis fünfzehn Jahre erhöht werden, wenn die betroffene Menge „beträchtlich“ ist.

Das Urteil kann auch in diesem Fall zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn es sich um eine Erststraftat mit einer nur kleinen Menge handelt, oder falls die Person beweisen kann, dass sie sich vor der Verhaftung wegen einer Drogenabhängigkeit in einer Behandlung befand.

Trotz der relativen Härte der Vorschriften gegen den Cannabisanbau gibt es in Ungarn eine aktive und blühende Subkultur des Cannabis-Anbaus. Außerdem geht die Entwicklung im Anbau in den letzten Jahren in Richtung groß angelegter und professionellerProjekte, wobei der Anbau oft von vietnamesischen Gangs betrieben wird, die Lagerhallen kaufen und den gesamten Raum dann zur Produktion von Cannabis mit hochwertigen Anlagen und großen Produktionsmengen nutzen. Zudem wird berichtet, dass diese Gangs in einigen Teilen Ungarns nun auch einen Großteil des Vertriebsnetzes kontrollieren.

Vor dem Auftreten dieses Phänomens, das zum ersten Mal 2010 im Jahresbericht der Internationalen Kontrollbehörde für Betäubungsmittel gemeldet wurde, fand der einheimische Anbau in Ungarn nur in relativ kleinem Rahmen statt. Wie zu hören ist, findet diese Art des Anbaus auch noch immer in unverändertem Ausmaß statt und greift normalerweise auf Samen von gewerblichen Saatgutbanken in den Niederlanden zurück.

Medizinisches Cannabis in Ungarn

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Cannabis wächst in Ungarn auch wild, wobei die Wildpflanzen normalerweise von Hanf und Ruderalis abstammen (© Clearwaters Photo).

Im ungarischen Recht gibt es keine Vorschriften für medizinisches Cannabis, und es gibt auch kaum Anzeichen dafür, dass sich das in naher Zukunft ändern wird. Es gibt jedoch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass das Medikament Sativex von GW Pharmaceuticals bald zugelassen wird. Vorschläge für die Zulassung von Sativex gingen dem ungarischen Innenministerium bereits 2013 seitens des britischen Innenministeriums zu, wobei jedoch unklar ist, was dabei herauskommen wird, da das Medikament anscheinend immer noch nicht erhältlich ist. Mehrere ungarische Forschungszentren haben sich an klinischen Studien zum Nachweis der Wirksamkeit von Sativex als Medikament gegen Tumorschmerzen beteiligt, aber die Ergebnisse der Studie waren nicht gerade vielversprechend.

Abgesehen hiervon gibt es als einzige in Ungarn erhältliche cannabisverwandte Substanz das Medikament Marinol, bei dem es sich aber gar nicht um richtiges medizinisches Cannabis handelt, sondern um eine synthetische Form von THC, die zur Behandlung von Appetitlosigkeit bei AIDS-Patienten sowie von Übelkeit und Erbrechen bei Krebspatienten verwendet wird. Die Berichte zur Wirksamkeit von Marinol sind unterschiedlich, und die Patienten berichten oft von belastenden Nebenwirkungen.

Der allgemeine Zustand der Cannabisforschung in Ungarn ist nicht gerade ermutigend und scheint sich primär auf mögliche negative Auswirkungen von Cannabis zu konzentrieren, was die offizielle Hardliner-Position gegenüber Cannabis und anderen Drogen noch verstärkt. 2015 wurde eine Studie veröffentlicht, die andeutete, dass eine ständig erhöhte CB1-Rezeptoraktivität die normale Funktion der Neurotransmitter im Gehirn verhindert; und dieser Bericht zu dieser Studie in einem populären Online-Magazin zeigt, wie einseitig die Einstellung gegenüber Cannabis sein kann.

Die Geschichte von Cannabis in Ungarn

Auf der Grundlage von Pollenanalysen von Sedimentkernen, die man in Sphagnum-Torfmooren im Südosten des Landes entnommen hat, nimmt man heute an, dass Cannabis erstmals in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends v. Chr. in der Region eingetroffen ist, welche heute als Ungarn bekannt ist. Dies passt auch genau zu Theorien, nach denen skythische Nomaden ihre Cannabisgebräuche mitbrachten, als sie sich ab ca. dem 7. Jahrhundert v. Chr. von den Steppen Zentralasiens aus nach Europa ausbreiteten.

Während der nächsten beiden Jahrtausende hat sich die Cannabis-Pollenzahl beständig erhöht, was vermuten lässt, dass sich die Pflanze etablierte. Ungarn hat eine sehr lange Geschichte des Hanfanbaus, von der man weiss, dass sie zumindest bis in das erste Jahrhundert v. Chr., also noch vor der römischen Invasion,zurückreicht. 2002 fand man bei archäobotanischen Ausgrabungen jede Menge Samen sowohl wilder als auch gezüchteter Erscheinungsformen in keltischen Ansiedlungen der Eisenzeit in der Nähe des heutigen Budapest. Es ist jedoch anzunehmen, dass der Anbau bereits lange Zeit davor existierte.

Der in den Torfbriketts aus dieser Periode gefundenen Pollenanzahl nach zu schließen scheint sich der Anbau um ca. 1000 v. Chr. herum fest etabliert zu haben. Man glaubt, dass diese Torfbriketts damals zum Rösten der Hanfstängel genutzt wurden, um die darin enthaltenen Fasern zu gewinnen. Dem Fund eines Hanfgewebestücks im westlichen Ungarn nach zu schließen, das man auf ca. 1050 v. Chr. datiert, muss es damals auf jeden Fall schon Hanftextilien gegeben haben.

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Ungarn hat eine lange Tradition in der Herstellung feiner Hanftextilien in leinenartiger Qualität (© adstream)

Seit dem 12. Jahrhundert wuchs die Anzahl der historischen Aufzeichnungen über den Hanfanbau noch bedeutend an. 1198, 1302 und 1324 gibt es Aufzeichnungen in Zollberichten, in denen oftmals vom Hanfspinnen, -weben und von der Hanfverarbeitung die Rede ist.

Obwohl die Cannabissorten, die heutzutage in Ungarnwild wachsen, im Allgemeinen eine Hanf- oder Ruderalis-Herkunft aufweisen, war Cannabis offenbar schon seit Jahrhunderten für seine psychoaktiven Eigenschaften bekannt.Eventuell sind auch einige Pflanzen, die wegen ihrer höheren Harzproduktion gezüchtet wurden, heute verlorengegangen. Von den Skythen berichtet der griechische Historiker Herodot um 450 v. Chr. jedenfalls, dass sie Cannabis wegen seiner berauschenden Wirkung nutzten, und es wird vielfach angenommen, dass sie in dieser Zeit einen Großteil der Gebiete bewohnten, die heute zu Ungarn gehören.

Industriehanf in Ungarn

Traditionell haben ungarische Bauerngemeinden Hanf produziert, den sie dann zu hochwertigen Textilien verarbeitet bzw. zu Stoffen versponnen und verwebt haben, die in ihrer Feinheit und Beschaffenheit der von Leinen gleichkommen oder sie sogar übertreffen. Zum Zweck der Produktion von Hanftextilien wurden spezielle Webstühle und andere Gerätschaften entwickelt, und diese Aktivität hatte auch wichtige soziale Elemente.

Die unverheirateten Frauen einer Gemeinde versammelten sich zum Schwätzchen beim gemeinsamen Spinnen, während die Aussaat und die Ernte der Pflanzen wichtige gemeinsame Aktivitäten für die Männer des Dorfes waren. In der Tat wurde die farbenprächtige Tracht, die zu manchen Anlässen auch heute noch in Ungarn getragen wird, typischerweise aus Hanf und Leinen hergestellt.

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Die traditionelle ungarische Kleidung wird typischerweise noch immer aus Hanf und Leinen hergestellt, die zu komplexen und farbenprächtigen Mustern verwoben werden (© wok)

Hanf spielte lange Zeit eine grundlegende Rolle in der ungarischen Geschichte, und obwohl er im 20. Jahrhundert schwere Rückschläge erlebte, ist die Hanfbranche nie ganz verschwunden. Während die Hanfproduktion nach der Entscheidung der USA, Hanf durch den Marihuana Tax Act 1937 effektiv zu verbieten, auch im größten Teil Europas eingestellt wurde, befanden sich Ungarn und ein Großteil von Zentral- und Osteuropa unter einem komplett anderen politischen Einfluss (der sich hauptsächlich auf die UdSSR konzentrierte, obwohl Ungarn erst gegen Ende des zweiten Weltkriegs unter sowjetische Kontrolle gestellt wurde).

Somit konnte diese Branche uneingeschränkt weiter gedeihen, zumindest bis in die 1960er Jahre, als das sowjetische Kollektivierungsprogramm den traditionellen Hanfanbau durch Bauern praktisch beendete. Eine staatliche Produktion von Hanf lief immer noch weiter, bis sie bei Auflösung der Sowjetunion 1991 dann komplett zusammenbrach. Seither ringt Ungarn um den Wiederaufbau der Hanfbranche. Durch seine umfangreichen Bemühungen im Hinblick auf Zucht und Forschung ist das Land erneut zu einem der weltweiten Marktführer für Hanf geworden.

Ungarn hat die Liste der gewerblich vertriebenen Hanfsorten um eine Vielzahl hochwertiger fasernhaltiger Sorten ergänzt , wobei viele davon  von Dr. Ivan Bûcsa, einem renommierten Hanfzüchter am GATE Agricultural Research Institute Kompolt, entwickelt wurden. Bûcsa verbesserte nicht nur vier staatlich registrierte Hanfsorten, sondern züchtete auch die weltweit einzige gewerblich vertriebene Hanf-Zierpflanze, die unter dem Sortennamen Panorama bekannt ist, obwohl er in einem Interview mit Hempfood.com sagte, dass “sie sich nicht gut verkauft”. Ungarn kann jedoch heute bereits gesunde Exportziffern für Hanfprodukte einschließlich Papier, Textilien, Öl und Kunststoffe aufweisen.

 

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Halàsz Alexandra

Geehrtes Redaktionsteam

Viel interessantes ist Ihrem Artikel zu entnehmen, gerade bezüglich der archäo-botanischen Funde in Ungarn. Danke Ihnen für das informative Material.
Zu korrigieren wären; Die Entwicklung der berühmten ungarischen Sorten
Kompolti F1 und weiterer Kompolti Sorten wurden von Herrn Dr. Fleischmann Rudolf im ehemaligen staatlichen Forschungslabor in Kompolt (ca. 20 km südlich von Erlau) ausgeführt, welches, nach seinen Erfolgen im Kreuzen von Klima und Schädlingsresistenter sowie Ertragreicher Sorten von Getreide, Mais und Hanf, seinen Namen erhielt.
Prof. Dr. Bocsa Ivàn hat das von Dr. Fleischmann gezüchtete und entwickelte Material übernommen und weitergeführt.
Dr. Fleischmann war ein überragender Wissenschaftler der aufgrund seines deutschen Hintergrunds und seines katholischen Glaubens zur damaligen Zeit des so genannten Kommunismus, nicht für höhere Weihen genehm war.
Die Forschungsanstalt in Kompolt wurde Anfang der neunziger Jahre geschlossen und die Forschung in die Szent Istvàn Agrarwissenschaftliche Universität integriert und nach Szervas verlegt.

Hochachtungsvoll
Alexandra Halàsz

03/04/2016

Stefanie

Vielen Dank für das Lesen unseres Blogbeitrags und für die Korrektur.
Beste Grüße,
Stefanie

04/04/2016

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.

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