by Seshata on 22/01/2016 | Konsum

Die komplexen Effekte des mit Cannabis vermischten Nikotins

Nikotin Zwischen Tabak und Cannabis besteht schon seit Jahrhunderten ein seltsamer Zusammenhang, der von einem ständigen Auf und Ab gekennzeichnet ist. Warum verwenden so viele Menschen die beiden Pflanzen gemeinsam? Wie so oft bei der Wissenschaft der Cannabinoide ist auch hier die Wahrheit sonderbarer als in unseren absurdesten Träumen.


Tabak und Cannabis werden sehr häufig gemeinsam konsumiert

Seit Jahrhunderten werden die beiden Substanzen überall auf der Welt gemeinsam konsumiert, ob in Europa, Afrika oder Asien. Tatsächlich konsumieren schätzungsweise bis zu 70 % der Menschen, die Cannabis konsumieren, daneben auch Tabak. Sogar in Nordamerika, wo Cannabis traditionell pur geraucht wird, rauchen viele Konsumenten gleichzeitig Tabak.

Tabak wird seit Jahrhunderten überall auf der Welt mit Cannabis vermischt (© Wikimedia Commons)
Tabak wird seit Jahrhunderten überall auf der Welt mit Cannabis vermischt (© Wikimedia Commons)

Außerdem gibt es viele Konsumenten in Nordamerika, die direkt nach Cannabis Zigaretten rauchen. Diese erfahren wahrscheinlich ähnliche synergistische Effekte wie Menschen, die die beiden Substanzen miteinander vermischen (viele tun das nämlich, weil sie dadurch ein „stärkeres High“ erleben).

Zahlreiche Berichte belegen die unterschiedlichen Wirkungen

Viele Konsumenten berichten über subjektiv unterschiedlich empfundene Wirkungen, wenn sie reines Cannabis im Gegensatz zu mit Tabak vermischtem Cannabis geraucht hatten.

Am häufigsten wird über eine Intensivierung des „High“ berichtet, wenn Cannabis zusammen mit Tabak geraucht wird, allerdings hat der Tabakkonsum manchen Berichten zufolge auch den gegenteiligen Effekt der Abschwächung des High. Ein weiterer, häufig erwähnter Effekt ist die „Beruhigung“ des Rauchers, da der Cannabiskonsum manchmal Ängste hervorruft.

Die biologischen Mechanismen, die diesem eigenartigen Zusammenhang zugrunde liegen, sind äußerst komplex; zudem hat die Forschung heute herausgefunden, dass sie mit diversen anderen, lange Zeit als weitgehend unabhängig angesehenen Prozessen verbunden sind. Je mehr wir über diese untereinander verbundenen Systeme der Belohnung, Begierde, Sucht und Sättigung lernen, desto mehr beginnen wir in der Tat zu verstehen, dass alle Aspekte unseres Gehirns und Körpers untrennbar miteinander verflochten sind.

Cannabis, Tabak und der Hippocampus

Eine häufig zitierte, kürzlich durchgeführte Studie stellte einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und einer Verminderung des Umfangs und der Dichte des Hippocampus her; einer Gehirnregion, die mit dem Gedächtnis sowie mit Hemmung und Sucht assoziiert wird. Das wurde auch in dieser Studie aus dem Jahr 2011 nachgewiesen, doch man fand heraus, dass der Effekt von verschiedenen Faktoren abhing, einschließlich des Verhältnisses von THC zu CBD. Zumindest bei einer weiteren Studie wurde jedoch keine langfristige Veränderung festgestellt, und eine andere Studie hob die Möglichkeit hervor, dass die Reaktion des Hippocampus auf den Cannabiskonsum durch genetische Unterschiede verändert werden könnte.

Die Gehirnregion Hippocampus ähnelt in etwa einem Seepferdchen und stellt die Schaltzentrale der miteinander verknüpften Prozesse des Anreizes, der Belohnung und der Sucht dar (© Wikimedia Commons)

Diese Schrumpfung des Hippocampus wurde sowohl bei den ausschließlichen Cannabiskonsumenten als auch bei den Cannabis-/Tabakkonsumenten beobachtet, jedoch nicht bei denen, die nur Nikotin konsumierten. Bei den ausschließlichen Cannabiskonsumenten stellte man fest, dass ein kleiner Hippocampus mit einem schlechtem Gedächtnis einherging (was nicht verwunderlich ist, da ein gut entwickelter, normal großer Hippocampus für gewöhnlich mit einem guten Gedächtnis korreliert). Innerhalb der Gruppe galt also: je kleiner der Hippocampus, desto schlechter das Gedächtnis.

Doch die Forscher machten auch eine verblüffende Entdeckung: In der Gruppe der Cannabis-/Tabakkonsumenten war es genau umgekehrt – der kleinere Hippocampus entsprach einem besseren Gedächtnis! So wiesen Versuchspersonen, die Zigaretten in größerer Zahl rauchten, zwar eine stärkere Schrumpfung des Hippocampus auf, aber in Relation dazu ein besseres Gedächtnis (dennoch hatten sie im Allgemeinen ein schlechteres Gedächtnis als alle anderen Gruppen).

Auch wenn diese Studie in Bezug auf Umfang und Konzept begrenzt war und eine Korrelation, aber keinen Kausalzusammenhang herstellte (als Querschnittstudie, die nur ein kurzes Zeitfenster untersucht, ist sie beispielsweise einer Langzeitstudie unterlegen, die die Probanden über längere Zeit hinweg beobachtet, um Änderungen besser zu verfolgen und einen Kausalzusammenhang herzustellen), zeigte sie doch einen ungewöhnlichen Effekt auf, der noch nicht vollständig erklärt werden konnte.

Die Verbindung aller wichtigen Steuerungs- und Signalsysteme

Es wird nun deutlich, dass Tabak, Cannabis und andere psychoaktive Substanzen wie zum Beispiel Opioide in einem komplizierten Netzwerk von Anreiz und Belohnung miteinander verknüpft sind, wobei der Hippocampus im Wesentlichen als Zentrale für die Prozesse fungiert.

Wir verfügen im gesamten Körper – insbesondere im Gehirn – über Cannabinoidrezeptoren (wie unsere Leser zweifellos wissen!) sowie über Opioid- und Nikotinrezeptoren. Extrem hoch ist die Rezeptorendichte im Gehirn vor allem im Hippocampus, aber auch in der Amygdala (beide Regionen sind eng mit den Systemen Anreiz, Belohnung, Sucht usw. verbunden).

Die Agonisten (Aktivatoren) dieser drei Rezeptortypen (bei den Cannabisrezeptoren ist der bekannteste THC, bei den Nikotinrezeptoren Nikotin und bei den Opioidrezeptoren Morphium) sind von eminenter Bedeutung in Bezug auf die psychoaktiven und physiologischen Effekte, die sie bewirken können. Tatsächlich sind sogar Substanzen, die die Rezeptoren inaktivieren (wie zum Beispiel CBD bei den Cannabinoidrezeptoren und Naloxon bei den Opioidrezeptoren) aufgrund ihrer entgegengesetzten Effekte von großem Interesse.

Wie eng sind diese Systeme miteinander verbunden?

Zwar kennen wir diese Systeme schon seit Jahren, aber erst seit Kurzem beginnen wir zu verstehen, auf welch umfangreiche und vielfältige Weise sie untereinander verknüpft sind. Es ist wirklich ziemlich schwierig, sie angesichts der zahllosen, kreuz und quer zwischen ihnen verlaufenden Verbindungen überhaupt als getrennte Systeme zu betrachten.

Im Folgenden möchten wir einmal kurz zusammenfassen, wie diese Systeme einander beeinflussen können. Wir wissen, dass Nikotin auf die Opioid- (und möglicherweise Cannabinoid-) Rezeptoren sowie auf seine eigenen Nikotinrezeptoren wirkt. Wir wissen auch, dass eine längere Einwirkung von Nikotin offensichtlich dazu führt, dass die Zahl der CB₁-Rezeptoren im Hippocampus reduziert wird.

Die Reaktion des Gehirns auf Nikotin, Alkohol, Cannabis und andere abhängig machende Substanzen ist komplex und noch nicht vollständig geklärt (© Brian James)

Darüber hinaus ist uns bekannt, dass Substanzen, die die CB₁-Rezeptoren blockieren, bei Menschen und Tieren die Nikotin- und Morphiumsucht beenden können. Die Agonisten der CB₁-Rezeptoren verstärken also wahrscheinlich die Sucht nach Nikotin. Das würde sowohl das weitverbreitete Verlangen erklären, gleich nach dem Cannabiskonsum Zigaretten zu rauchen, als auch das subjektive Gefühl größerer Befriedigung, wenn beide Substanzen zugleich geraucht werden.

Tatsächlich hat es den Anschein, dass wir die Cannabinoidrezeptoren aktivieren müssen, um überhaupt einen „Belohnungs-“ Effekt durch den Konsum von Zucker, Nikotin, Alkohol oder Kokain zu verspüren; wenn die Aktivierung ausbleibt, wird nämlich kein Dopamin freigesetzt, und folglich kann der Mensch auch keinen Genuss empfinden!

Außerdem scheinen hierbei die Gene eine Rolle zu spielen – und zwar Variationen des CNR1-Gens (das die Expression des CB₁-Rezeptors kodiert), die mit Unterschieden in Bezug auf die Empfänglichkeit für Nikotinsucht in Verbindung gebracht werden. Dieser Zusammenhang wurde bei weißen Frauen, nicht jedoch bei weißen Männern festgestellt (in der betreffenden Studie wurde nur die weiße Rasse untersucht).

Und was bedeutet das alles?

Wir sind wahrhaftig noch weit von einem präzisen Verständnis all der verschiedenen Prozesse entfernt, die als Reaktion auf die Aufnahme psychoaktiver Substanzen – einer einzelnen oder mehrerer zusammen – im Gehirn ablaufen.

Aber allmählich beginnen wir diese enorme Komplexität zu akzeptieren, und realisieren, dass die Erforschung des Gebrauchs bzw. Missbrauchs einer Droge oder einer psychischen Krankheit nicht im luftleeren Raum stattfinden kann – zum Beispiel können wir nicht mehr mit dem Finger auf Cannabis zeigen und ausschließlich dessen Konsum für das Auftreten von Psychosen verantwortlich machen, nachdem wir nun genau wissen, welch großen Einfluss auch andere Faktoren wie Nikotin haben können.

Heute können wir endlich die Ausmaße dieses immensen, vernetzten Systems erkennen, und dadurch wächst auch unsere Fähigkeit, individuelle Fälle differenzierter zu beurteilen, da unser Urteil auf einer wesentlich umfangreicheren und zusammenhängenderen Reihe von Faktoren, Einflüssen und Wechselbeziehungen basiert.

Wie setzen wir dieses Wissen nun in die Praxis um?

Die Wechselwirkungen zwischen Nikotin und THC sind komplex und in hohem Maße von der Dosis abhängig; zudem hängen sie zweifellos von ganzen Heerscharen anderer Variablen ab, die die Wissenschaft entweder noch gar nicht kennt oder eben erst zu begreifen lernt.

Die Forschung konnte sogar zeigen, dass die Blockierung der Cannabinoidrezeptoren die Sucht nach Opiaten und Nikotin beendet! (© JoshNV)

Bei der Erforschung kognitiver und psychischer Effekte von Cannabis ist der Tabakkonsum oft übersehen worden, obwohl längst erwiesen ist, dass Nikotin selbst eine psychoaktive Substanz ist. Dieses Versehen erscheint noch unglaublicher, wenn man den extrem hohen Anteil an Zigarettenrauchern unter jenen Menschen bedenkt, die an bestimmten Psychosen, wie z. B. Schizophrenie, erkrankt sind.

Kürzlich hat sich die Forschung dieses Themas endlich angenommen und hat – kaum verwunderlich – herausgefunden, dass Nikotin eng mit der Entwicklung von Psychosen zusammenhängt! Der Autor dieser Studie, James McCabe vom King’s College London, stellte in seinem Artikel fest: „Möglicherweise ist der wahre Schurke sogar Tabak, nicht Cannabis”.

Darüber hinaus ist Nikotin generell gesundheitsschädlich und sollte daher gemieden werden. Indem wir nun die Unterschiede zwischen den ausschließlichen Nikotin- und Cannabisrauchern und den Rauchern beider Substanzen untersucht haben, konnten wir wertvolle Einsichten in die vielfältigen Vernetzungen des Signal- und Belohnungssystems des Gehirns gewinnen.

Dank dieser und anderer relevanten Studien wissen wir heute, dass das EC-System bei der Regulierung des Anreizes und der Belohnung eine wichtige Funktion hat und dass es auch bei der Entstehung der Abhängigkeit von Substanzen wie Nikotin und Morphium eine bedeutende Rolle spielt.

Kommentar Abschnitt

Senden Sie den Kommentar

LEGALISATOR Oliver Becker

Ich sehe es genauso, das Nikotin bei Psychosen eine große Rolle spielt. Weiterhin ist zu bemerken, dass das Marihuana, welches heute auf dem Markt ist, fast ausschließlich aus Kunstlichtanbau stammt, bzw. selbst bei draußen angebautem Marihuana die Samen aus Kustlichtanbau stammen.

In der Natur entsteht THC ausschließlich (in psychoaktiven Mengen) im Gebirge. Alle traditionellen Anbaugebiete liegen in den Bergen (Rif-Gebirge, Himalaya,..). Im Flachland entsteht kein THC (oder nur unter 0,3 %), weshalb Deutschland auch kein traditionelles Anbauland für Haschisch oder Marihuana ist.

Ab Mitte der 80er Jahre kompensierten die Niederländer diese mit Lampentechniken, nur das mit Lampen (und CO²-Techniken)sozusagen ein Hochgebirgsklima von 5.000 bis 8.000 Meter simuliert wird, wo ujnter natürlichen Bedingungen keine Pflanze mehr wächst.

Aus diesen Gründen sind die THC-Werte auf unnatürliche Art und Weise angestiegen, was meines Erachtens der Hauptgrund dafür ist, das Psychosen in Zusammenhang mit Cannabis entstehen.

26/01/2016

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie einen Namen ein
Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
Read More