by Seshata on 26/08/2015 | Medizinisch

Kann Cannabis bei der Behandlung autistischer Störungen helfen?

autistischer Störungen Autistische Störungen (autism spectrum disorders - ASDs) sind durch Probleme mit sozialer Interaktion gekennzeichnet, und häufig zeigen die Betroffenen ein Wiederholungsverhalten und eine begrenzte Gruppenempathie. Einige Formen des Autismus führen auch zu kognitiven und sprachlichen Behinderungen, auch wenn das Asperger-Syndrom hier eine Ausnahme darstellt. Welche Rolle spielt also das Endocannabinoidsystem hierbei?


Das Endocannabinoidsystem ist in fundamentaler Weise mit autistischen Störungen verbunden

In den letzten Jahren sind viele Forschungsergebnisse zu den Zusammenhängen zwischen autistischen Störungen und dem Endocannabinoidsystem zusammengetragen worden. Dabei wurde nachgewiesen, dass die CB1-Rezeptoren in denjenigen Hirnregionen am höchsten konzentriert sind, von denen man annimmt, dass sie in Autismus-Fällen dysfunktional sind, insbesondere im Zerebellum, im Hippocampus und in den Basalganglien (Bauman und Kemper 2005, Courchesne et al. 2007).

CB1-Rezeptoren konzentrieren sich in den Hirnregionen Zerebellum und im Hippocampus, die auch mit autistischen Störungen im Zusammenhang stehen
CB1-Rezeptoren konzentrieren sich in den Hirnregionen Zerebellum und im Hippocampus, die auch mit autistischen Störungen im Zusammenhang stehen

Wenn der menschliche Fötus heranwächst, spielen die CB1-Rezeptoren und die mit ihnen zusammenhängenden Endocannabinoide eine wichtige Rolle bei der Ausdifferenzierung der Neuronen und der Axonalmigration (Fride et al. 2009), beides Prozesse, die für eine normale neurologische Entwicklung wesentlich sind. Außerdem legen neuere Studien den Schluss nahe, dass die CB1-Rezeptoren für die Festlegung der Synapsenpositionierung selbst verantwortlich sein könnten (Harkany et al. 2008). Eine Theorie lautet daher, dass die Aktivierung von CB1-Rezeptoren in der Kindheit autistische Störungen auslösen könnte, weil sie die normale Entwicklung des Gehirns unterbricht.

Die Rolle der CB2-Rezeptoren bei autistischen Störungen

Auch die CB2-Rezeptoren spielen bei autistischen Störungen möglicherweise eine Rolle. Es wurde nachgewiesen, dass CB2-Rezeptor-Agonisten die Frequenz herabsetzen, in der bestimmte wichtige Immunzellen, die als Monozyten bekannt sind, das Endothel durchwandern, also die dünne Zellschicht, die den Kreislauf von den Geweben und Organen trennt (Rajesh et al. 2007). Monozyten gehören zu den Schlüsselzellen im Zusammenhang mit dem Immunsystem, und eine Unterbrechung ihrer Entwicklung und ihrer Funktionen wurde mehrfach im Zusammenhang mit der Entwicklung von autistischen Störungen gesehen (Jyonouchi et al. 2014, Entstrom et al. 2010).

Eine neuere Studie (Siniscalo et al. 2013) hat gezeigt, dass bei Kindern mit Autismus die Konzentration von CB2-Rezeptoren in den Monozyten erhöht war, während die Konzentrationen von CB1-Rezeptoren und des Anandamid-abbauenden Moleküls Fettsäureamid-Hydrolase (FAAH) unverändert waren.

Die Rolle von Acetaminophen/Paracetamol bei der Entwicklung von Autismus

Es gibt Belege, die nahelegen, dass autistische Störungen bei Kindern durch die Einnahme von Paracetamol (Acetaminophen) ausgelöst werden könnten, von dem man annimmt, dass es seine analgetische Wirkung durch Einwirkung auf die Cannabinoidrezeptoren erreicht.

Acetaminophen wird im Zentralnervensystem u. a. zu dem Stoff P-Aminophenol abgebaut, der wiederum mit Arachidonsäure reagiert (die durch FAAH katalysiert wird). Diese Reaktion erzeugt den Stoff N-Arachidonoylphenolamin (AM404), der die zellulare Aufnahme von Anandamid verhindert. Im Ergebnis steigt so die Anandamidkonzentration und erzeugt einen analgetischen Effekt.

Das Endocannabinoidsystem hat eine wichtige Funktion bei der richtigen Entwicklung der neuronalen Vernetzung, bei deren Unterbrechung es zu einer neurologischen Störung wie Autismus kommen kann
Das Endocannabinoidsystem hat eine wichtige Funktion bei der richtigen Entwicklung der neuronalen Vernetzung, bei deren Unterbrechung es zu einer neurologischen Störung wie Autismus kommen kann

Außerdem wurde nachgewiesen, dass eine Blockade der CB1-Rezeptoren durch Antagonisten die analgetische Wirkung von Acetaminophen vollständig aufhebt. Daher wird heute angenommen, dass Acetaminophen seine Wirkung durch den Abbau zu AM404 und die Aktivierung der CB1-Rezeptoren entfaltet, auch wenn mindestens eine Studie darauf hingewiesen hat, dass AM404 seine Wirkung über die CB1-, CB2- und TRPV1-Rezeptoren zusammen erzeugt.

Daher wurde die Theorie aufgestellt, die Einnahme von Acetaminophen in früher Kindheit könne zur Entwicklung von Autismus führen, weil sie eine normale immunologische Entwicklung verhindert (Torres 2003). Kinder, die eine geringere Fähigkeit zur Metabolisierung von Acetaminophen haben, könnten daher einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer autistischen Störung ausgesetzt sein, da höhere Konzentrationen des Stoffes längere Zeit im Blutkreislauf verbleiben.

Besteht ein Zusammenhang zwischen der MMR-Diskussion und der Paracetamol-Anwendung?

Es liegen tatsächlich belastbare Hinweise dafür vor, dass Kinder, die an Fieber leiden, weniger und nur leichtere Autismus-Symptome zeigen als im Normalzustand (Curran et al. 2007). Außerdem verursacht eine Aktivierung der CB1-Rezeptoren ein Absinken der Körpertemperatur, ebenso wie eine analgetische Wirkung (Fraga et al. 2009).

Interessanterweise ist von dem MMR-Impfstoff bekannt, dass er bei manchen Kindern, denen er verabreicht wird, leichtes Fieber auslösen kann. Daher wurde auch die Theorie aufgestellt (Schultz 2010), dass Auslöser für die Entwicklung von Autismus in Wirklichkeit das üblicherweise zur Behandlung dieser Fiebersymptome verabreichte Acetaminophen sei, nicht der Impfstoff selbst. In der Tat kann Fieber für die normale immunologische Entwicklung eines Kindes vorteilhaft sein und die Unterbrechung dieses Prozesses durch CB1-Rezeptor-Agonisten könnte sich als risikoerhöhend für die Entwicklung von Autismus erweisen. Diese Hypothese wurde jedoch bislang nicht überprüft.

Die mögliche Rolle des Dopamin-Botenstoffsystems bei autistischen Störungen

Eine Fallstudie (Dratcu et al. 2007) berichtet über einen Mann im mittleren Alter, für den zuvor eine Schizophrenie diagnostiziert worden war und der sich wegen psychotischer Symptome in eine psychiatrische Akutbehandlung begeben hatte, wo ihm dann zum ersten Mal die Diagnose eines Asperger-Syndroms gestellt wurde. Schizophrenie und das Asperger-Syndrom haben viele gemeinsame Merkmale und werden daher oft verwechselt.

Monozyten sind wichtige Immunzellen, die über die CB2-Rezeptoren gesteuert werden. Man geht davon aus, dass eine Monozyten-Dysfunktion mitverursachend für autistische Störungen ist

Nach einer Behandlung mit dem antipsychotischen Medikament Aripiprazol besserten sich die Asperger-Symptome erheblich. Aripiprazol ist ein partieller Agonist an den Dopamin-D2-Rezeptoren, und es existieren belastbare Nachweise, die zeigen, dass sowohl Schizophrenie als auch das Asperger-Syndrom fundamental mit einer Dopamin-Dysfunktion zusammenhängen.

Dabei sieht es so aus, als ob auch Anandamid bei diesem Prozess eine Rolle spielt. Von Anandamid ist bereits bekannt, dass es eine Funktion für das Dopamin-Botenstoffsystem hat, auch wenn der genaue Mechanismus noch nicht exakt nachvollzogen werden kann. Aber die vorliegenden Studien (aufgelistet in der umfassenden Übersicht von Beltramo et al. 2000) weisen darauf hin, dass eine der vielen Funktionen von Anandamid innerhalb des zentralen Nervensystems darin bestehen könnte, die psychomotorischen und sozialen Aktivitäten zu modulieren, die primär durch den Dopamin-D2-Rezeptor ermöglicht werden.

Welche Rolle spielen die Gene für die Entwicklung von autistischen Störungen?

Früher wurde angenommen, dass der Anteil der Autismus-Fälle, der auf genetische Faktoren zurückzuführen ist, bei 90 % liegt. Heute geht man davon aus, dass diese Schätzung zu hoch angesetzt war, weil sie auf schlecht angelegten Zwillingsstudien beruhte, und dass die tatsächliche Vererblichkeit von Autismus nur bei 30 % liegt.

Eine Form des Autismus, das fragile-X-Syndrom, ist die häufigste monogene (d. h. auf eine Mutation eines einzelnen Gens oder Chromosoms zurückzuführende) Form des vererbten Autismus und wird durch eine Inaktivierung des FMR1-Gens verursacht, das für die Produktion des Proteins FMR verantwortlich ist. Es ist bekannt, dass das Endocannabinoidsystem an der Steuerung kognitiver Funktionen wie Angst, Schmerzwahrnehmung und Empfänglichkeit für Anfälle beteiligt ist, ferner an der synaptischen Plastizität (die Fähigkeit der Synapsen, sich je nach ihrem Aktivitätslevel zu verstärken oder abzuschwächen), und dass alle diese Eigenschaften beim fragilen X-Syndrom beeinträchtigt sind.

Eine Studie (Busquets-Garcia et al. 2013), die sich mit der Erforschung der Rolle des Endocannabinoidsystems bei männlichen Mäusen mit züchtungsbedingt fehlendem FMR1-Gen befasste, fand heraus, dass sich bei einer Blockade der CB1-Rezeptoren die kognitiven Schäden, die Schmerzwahrnehmung und die Empfänglichkeit für Anfälle normalisierten, während sich bei einer Blockade der CB2-Rezeptoren die Angstzustände normalisierten.

Wie könnte Patienten mit autistischen Störungen hierdurch geholfen werden?

In den letzten Wochen gab es viele Berichte über die aktuelle Entscheidung des Michigan Medical Marijuana Review-Panels, die Nutzung von Cannabis für Patienten mit autistischen Störungen zuzulassen, obwohl die finale Entscheidung zu dieser Frage noch von der Abteilung für Lizenz- und Regulierungsangelegenheiten getroffen werden muss, die sich wahrscheinlich Ende Oktober hierzu äußern wird.

Paracetamol (Acetaminophen) wirkt indirekt auf die Cannabinoidrezeptoren und kann sogar Auslöser für eine autistische Störung sein, wenn es Kindern verabreicht wird

Es gibt mehrere anekdotische Berichte über Kinder, bei denen Autismus-Symptome nach der Einnahme von medizinischem Cannabis zurückgegangen sind – beispielsweise bei einem 9 Jahre alten, schwer autistischen Jungen namens Kalel Santiago, von dem kürzlich berichtet wurde, dass er nach einer Behandlung mit CBD-haltigem Hanfextrakt seine ersten Wörter überhaupt gesprochen hat. Genau wie bei Epilepsie scheint es so zu sein, dass die Mehrheit der Eltern ihren autistisch veranlagten Kindern CBD-haltige Öle verabreicht, offensichtlich mit positiven Ergebnissen. Wenn eine Aktivierung der Cannabinoidrezeptoren während des Wachstums des Kindes eine der Ursachen für autistische Störungen ist, muss auch überlegt werden, ob die Verabreichung von Antagonisten wie CBD diesen Effekt nicht stoppen kann.

Allerdings gibt es auch mindestens einen Bericht über autistische Kinder, die eine weiter gehende Linderung ihrer Symptome durch die Verwendung von THC und CBD zusammen erfuhren. Nach den vorliegenden Berichten profitieren diejenigen Kinder am meisten von einem erhöhten THC-Anteil, die sowohl an Epilepsie als auch an einer autistischen Störung leiden. Es gibt auch eine Fallstudie über einen sechs Jahre alten autistischen Jungen, dessen Symptome sich bei einer Behandlung mit dem synthetischen THC-Analogstoff Dronabinol merklich verbessert haben.

Wichtig ist an dieser Stelle aber der Hinweis, dass es sich hierbei um Einzelbefunde handelt, die nicht durch strikte empirische Tests begleitet wurden, die sicherstellen, dass keine anderen Faktoren für den aufgetretenen Effekt verantwortlich sind. Diese Befunde reichen daher für die meisten Ärzte nicht aus, um ohne Bedenken THC-haltige medizinische Cannabisprodukte für Kinder zu empfehlen, besonders wenn man berücksichtigt, dass auch Bedenken hinsichtlich der Wirkungen von THC auf die Hirnentwicklung bestehen. Außerdem reagieren unterschiedliche Erscheinungsformen des Autismus ganz verschieden auf die Verabreichung von THC, und es bedarf weiterer Forschungsarbeiten, um genauer bestimmen zu können, wie diese Reaktionen aussehen können.

Wenn die Forschung in diesem Spezialgebiet der Neurowissenschaft weitere Fortschritte macht, werden wir sicher auch erleben, dass zielgerichtete Therapien zur Behandlung von autistischen Symptomen bei Kindern entwickelt werden, mit dem Ziel, eine Verschlimmerung der Erkrankung zu verhindern und eventuell sogar, bereits eingetretene neurologische Schäden zu beheben. Es ist auch wahrscheinlich, dass wir in der Lage sein werden, zielgerichtete Therapien zu entwickeln, die es erwachsenen Personen mit einer autistischen Störung erlauben, ein normales oder jedenfalls in seiner Lebensqualität stark verbessertes Leben zu führen.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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