Ist Barcelona das neue Amsterdam?

Meinung Seitdem im Jahr 2001 der erste Cannabisclub in Barcelona gegründet wurde, hat die Szene langsam, aber sicher an Boden gewonnen. Zweifellos ist Barcelona zum Cannabiszentrum Spaniens geworden, aber kann es auch schon für sich in Anspruch nehmen, Amsterdam als führende Cannabis-Hauptstadt Europas vom Thron gestoßen zu haben?


Ist Barcelona das neue Amsterdam?

Was hat Barcelona den Cannabistouristen zu bieten?

Gegenwärtig verfügt Barcelona über ungefähr 123 Cannabisclubs; früher waren es sogar 300, aber bei einer Welle von Razzien im letzten Jahr wurden sie zu Dutzenden geschlossen. Beispielsweise aufgrund schlechter Belüftung, illegaler Verkäufe oder weil die Clubs gegen die Vorschriften des Werbeverbots verstoßen hatten. Offensichtlich haben mehrere Clubs (ob vorsätzlich oder nicht) von „Anwerbetouren“ profitiert, die im Wesentlichen darin bestanden, dass Scouts Touristen aufgetrieben und als neue Clubmitglieder rekrutiert haben, und zwar gegen Entgelt oder Cannabis, das entweder vom Club stammte oder von den Touristen selbst eingesammelt wurde. Zurzeit ist ein einjähriges Verbot der Ausgabe neuer Lizenzen in Kraft.

Doch in Barcelona gibt es nicht nur Clubs, sondern auch einige Dutzend Head-Shops, eine Handvoll Glas-Shops und ein paar bedeutende jährliche Cannabismessen. Die wichtigste ist sicherlich die Spannabis, die jedes Jahr Ende März stattfindet. Während der Spannabis findet auch eine Reihe anderer Veranstaltungen statt, einschließlich der vielgepriesenen Events Secret Cup und Dab-a-Doo Concentrates Cup.

2012 gründete Sensi Seeds das „Hash Marihuana Cáñamo & Hemp Museum“ in Barcelona, das sich der Aufgabe verschrieben hat, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie Kulturen in aller Welt Cannabis und Hanf in Vergangenheit und Gegenwart angewendet haben. Ein toller Zeitvertreib für ein oder zwei Stunden, wenn man sich gerade in Barri Gòtic aufhält, dem faszinierenden, historischen Gothischen Viertel Barcelonas  (und genauso lohnenswert ist ein mehrstündiger Bummel durch die coolen, engen Gassen von El Gòtic, die überquellen vor malerischen Cafés und kuriosen, unabhängigen Boutiquen, inklusive einiger Head-Shops).

Hash Marihuana Cáñamo & Hemp Museum in Barcelona
Hash Marihuana Cáñamo & Hemp Museum in Barcelona

Welche Verträge bieten die Cannabisclubs?

Die Cannabisclubs sind Vereine, zu denen ausschließlich Mitglieder Zutritt haben; wer sich neu anmelden will, benötigt eine Empfehlung eines bereits existierenden Mitglieds. Die Mitglieder müssen mindestens 21 Jahre alt sein und ihren Wohnsitz in Spanien haben; Letzteres braucht in einigen Clubs allerdings nicht nachgewiesen zu werden. Die Mitgliedschaft kostet im Allgemeinen € 10-30 für ein Jahr (zum Glück liegen die Preise häufiger am unteren Ende der Skala, da man bei vielen Clubs Mitglied werden kann); außerdem bieten manche Clubs auch Mitgliedsverträge von kürzerer Dauer an, z. B. € 5 für drei Monate.

In Bezug auf Ausstattung und Komfort weisen die Clubs enorme Unterschiede auf – manchen ist anzusehen, dass sie große Summen für die Verschönerung ihres Interieurs aufgewendet haben, während andere eher provisorisch eingerichtet sind. Doch fairerweise muss gesagt werden, dass die Atmosphäre in den Letzteren oft viel gemütlicher und einladender ist als in einigen der steifen, formellen Clubs der vornehmeren Sorte – dafür haben diese allerdings meist bessere frisch gepresste Säfte. Aber nicht unbedingt besseres Cannabis; tatsächlich scheinen sich die Clubs, die der Einrichtung die geringste Aufmerksamkeit geschenkt haben, die größte Mühe zu geben, ihre Mitglieder mit hochwertigen Produkten zu versorgen. Für mich heißt das, dass sie die richtigen Prioritäten setzen. Wenn ich jedoch die Absicht hätte, einen neuen Freund oder Bekannten mit einem schicken Stammlokal zu beeindrucken, dann würde ich wahrscheinlich nicht gerade diese Clubs wählen.

Ist Barcelona das neue Amsterdam?

Welche Gesetze gelten für den Anbau, Konsum und Besitz von Cannabis?

Kurz gesagt – der entscheidende Punkt im spanischen Gesetz ist die Privatsphäre: Sowohl der Konsum als auch der Besitz und sogar der Anbau werden toleriert, solange all dies innerhalb der Privatsphäre des eigenen Hauses stattfindet (oder in den Privaträumen eines Vereins). Außerhalb der Privatwohnung riskiert man jedoch, verhaftet und mit gesalzenen Geldbußen bestraft zu werden. Ob Tourist oder spanischer Bürger – wenn man in der Öffentlichkeit wegen Rauchen oder Besitz von Cannabis festgenommen wird, muss man mit einer Geldbuße von insgesamt € 600 rechnen (diese ist kürzlich von € 300 heraufgesetzt worden, und es handelt sich tatsächlich um die Mindestgeldbuße – der Höchstbetrag (für „schwerwiegende Verstöße”) kann sich bis auf € 30.000 belaufen!).

Darüber hinaus haben Mitglieder verschiedener Vereine darauf hingewiesen, dass sich die Polizei gelegentlich Personen oder Gruppen schnappt, die sie aus Clubs kommen sieht; daher ist es für gewöhnlich ratsam, verräterische Artikel sicher in der Unterwäsche zu verstecken, denn bei routinemäßigen Polizeikontrollen auf der Straße dringt man nicht bis in die intimen Körperregionen vor.

Wenn eine Person beim Anbau oder im Besitz von Cannabismengen erwischt wird, die ein Gericht später als überhöht beurteilt, kann eine Anklage wegen Vertrieb erhoben werden; in diesem Fall wird zumeist eine Freiheitsstrafe von ein bis drei Jahren verhängt (wobei wiederholte oder besonders schwere Verstöße zu weit höheren Strafen führen können).

La Sagrada Familia, Barcelonas berühmte Kathedrale.
La Sagrada Familia, Barcelonas berühmte Kathedrale.

Wie lässt sich all das mit Amsterdam vergleichen?

Verglichen mit vielen anderen europäischen Städten ist Barcelona preiswert, doch in Spanien zählt sie zu den teureren Städten. Ein einfaches Hotelzimmer kostet rund € 40 pro Nacht, ein paar gute Teller Tapas gibt es schon für € 10-15, und Cannabis kostet nur € 8 pro Gramm. Und wenn Leute mit knappem Budget ein wenig suchen, können sie sogar noch bessere Geschäfte machen als oben angegeben. Trotz des oft unangenehm schwülen Wetters im Juli und August ist das Klima für gewöhnlich warm und sonnig, und man pflegt hier einen entspannten, gemütlichen Lebensstil.

Im Vergleich dazu kann man in Amsterdam zwar ein Hotelzimmer für € 40 finden, aber man muss es sich wahrscheinlich mit diversen Nagetieren und/oder Schimmelpilzen teilen; das Essen ist im Allgemeinen teurer und meistens auch reichlich ungenießbar, und für erstklassige Cannabissorten muss man bis zu € 16 pro Gramm hinblättern. Dazu kommt das scheußliche Wetter in Amsterdam – bis auf zwei Septemberwochen jedes Jahr -, und auch die Niederländer sind nicht gerade für ihr sonniges Gemüt bekannt. Außerdem sind die spanischen Cannabisgesetze im Allgemeinen wohlwollender und werden vermutlich selbst dann noch weiter gelockert, wenn die niederländischen Gesetze verschärft werden.

Ada Colau, die gegenwärtige Oberbürgermeisterin von Barcelona.
Ada Colau, die gegenwärtige Oberbürgermeisterin von Barcelona.

Somit läuft Barcelona Amsterdam in vieler Hinsicht den Rang ab, wenn es um das Reiseziel für den anspruchsvollen Cannabiskonsumenten geht. Aber aufgrund bestimmter Aspekte der Cannabisszene Barcelonas lässt sich mit Sicherheit feststellen, dass die Stadt doch noch nicht so weit ist, Amsterdam als Top-Cannabiszentrum Europas vom Thron zu stoßen – und wenn sich das System nicht ändert, wird sie das wohl nie ganz schaffen.

Der entscheidende Unterschied besteht in der Offenheit der Szene, die es den Touristen ermöglicht, sich willkommen zu fühlen. Obwohl es möglich ist, die Regeln trickreich so zurechtzubiegen, dass man sich die Mitgliedschaft in einigen Clubs verschaffen kann, muss man sich in der Stadt schon ein wenig auskennen, um dies zu erreichen. Ohne diese Kenntnisse wird der durchschnittliche Tourist die Clubs wohl kaum betreten können, womöglich weiß er auch einfach nicht, wo sie sind, oder dass es sie überhaupt gibt. Natürlich ist das ganz im Sinne der Behörden – schließlich floriert der Tourismus in Barcelona sowieso, und die Verantwortlichen sehen daher keine Notwendigkeit, ein neues Amsterdam zu erschaffen. Denn obwohl die neue linksgerichtete Oberbürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, zweifellos für Cannabis ist (ihr Vorgänger hatte versprochen, die Zahl der Clubs auf nur 11 zu reduzieren; Colau dagegen versprach, bei der Regulierung „die Meinung der Branche zu berücksichtigen”), war eine ihrer ersten Amtshandlungen, einen einjährigen Baustopp für neue Touristenherbergen einzuführen, um „den gewaltigen Zustrom von Touristen in die katalanische Hauptstadt vernünftig zu begrenzen”.

Diese Verhältnisse spiegeln sich deutlich in der Tatsache wider, dass die Clubs in Barcelona für gewöhnlich höchstens halbvoll sind; dagegen sind die Coffeeshops in Amsterdam nach wie vor brechend voll, obwohl es Anzeichen für den Niedergang der Szene gibt. Dennoch kommen Tag für Tag ganze Flugzeugladungen voller Touristen an, um in eine Szene einzutauchen, von der sie immer noch relativ sicher sind, dass sie sie ohne Diskriminierung willkommen heißt.

Zurzeit braucht Amsterdam also nicht zu befürchten, seine Krone zu verlieren – fragt sich bloß, wie lange noch?

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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