Sativex – Pionier der Cannabismedikamente

Sativex von GW Pharmaceuticals ist das erste vollständig zugelassene Medikament auf der Basis von Cannabis. Es handelt sich um einen Mundspray, der THC und CBD enthält, und bei der Behandlung von MS-Patienten eingesetzt wird. Heute ist Sativex in mindestens 25 Ländern erhältlich, darunter Kanada und viele Länder der EU.

Was ist Sativex, und wer kann es anwenden?

Sativex wird primär als zusätzliche Behandlung für spastische Muskellähmungen vermarktet, die bei Multipler Sklerose auftreten. Doch Sativex mindert nicht nur schwerwiegende spastische Symptome, sondern bessert auch nachweislich neuropathische Beschwerden und eine überaktive Blase bei MS-Patienten.

Das Mittel ist zwar als MS-Medikament zugelassen worden, doch in der III. Phase der klinischen Studien in den USA wurde auch geprüft, ob es sich als zusätzliches Mittel gegen krebsbedingte Schmerzen eignet; insbesondere bei Menschen, die nicht auf hohe Dosen von Opiaten ansprechen.

Vorläufig muss diese Frage mit einem Nein beantwortet werden, wie der CEO von GW, Justin Gover, erklärt: „Obwohl wir den primären Endpunkt in dieser Studie verfehlt haben, sind wir aufgrund der positiven Daten des Phase-II-Programms weiterhin von der Fähigkeit von Sativex überzeugt, Krebsschmerzen in dieser Patientenpopulation zu lindern“.

Obwohl es unter dem Handelsnamen Sativex vermarktet wird, ist das Medikament allgemein unter dem Namen Nabiximols bekannt. Es handelt sich um einen Extrakt, der mithilfe von Ethanol und CO2 aus zwei Cannabissorten gewonnen wurde (die verwendeten Sorten sind ein streng gehütetes Geheimnis).

Sativex ist ein Mundspray (es wirkt auf die Mundschleimhäute), das unter der Zunge eingebracht wird. Das Medikament ist im Wesentlichen eine Cannabisöl-Tinktur und enthält THC und CBD in nahezu gleich hohen Mengen: Jedes Spray enthält eine feste Dosis von 2,7 mg THC und 2,5 mg CBD.

Weltweite Verfügbarkeit und Vertrieb von Sativex

Im Juni 2010 wurde Sativex zum ersten Mal offiziell zugelassen. Kurz nach der Markteinführung in Großbritannien folgte der Launch in Kanada. Es war der Auftakt einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Sativex ist heute in mindestens 25 Ländern erhältlich, darunter die Niederlande, Schweiz, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Österreich, Polen, Australien und Neuseeland. 

Auch in den USA scheint Sativex kurz vor der Zulassung zu stehen. Nach einigen Verzögerungen, die durch die COVID19-Pandemie hervorgerufen wurden, hat GW die III. Phase der klinischen Studien wieder aufgenommen. Justin Gover hofft, dass Sativex schon 2021 als offizielles Medikament in den USA zugelassen wird, wie er in einer Medienmitteilung erklärt.

GW Pharmaceuticals ist nicht der einzige Player im Vertrieb von Sativex. In Großbritannien wird Sativex vom Pharmariesen Bayer vertrieben und vermarktet. Die europäischen Vertriebsrechte hat sich Almirall gesichert. Ein Blick in den Geschäftsbericht zeigt, dass der spanische Pharmakonzern 2019 über 30 Millionen Euro mit Sativex umgesetzt hat, fast 20% mehr als im Jahr 2018.

Was für Außenstehende wie ein Bombengeschäft wirken mag, hinkt in der Realität den Erwartungen hinterher. Im Jahr 2010 hatte Piper Jaffray, eine bedeutende US-amerikanische Investmentbank, Umsätze von fast 150 Millionen USD vorausgesagt (EU und Kanada).

Natürliches Cannabis (Blüten), das in Europa zunehmend verschrieben wird, ist Investoren ein Dorn im Auge. Zudem kämpft Sativex mit einem Preisproblem: In England kostete im Jahr 2019 eine Monatsration mehr als 500 €. In Australien lag der Preis für einen Vorrat von sechs bis acht Wochen bei umgerechnet über 400 €.

Geschichte von Sativex – ein Blick zurück

Cannabis ist eine uralte Medizin und wird seit Tausenden von Jahren als Heilmittel verwendet. Doch erst in den Neunzigerjahren begannen Wissenschaftler allmählich zu verstehen, wie Cannabis im Körper funktioniert. Die Entdeckung des Endocannabinoid-Systems war ein wichtiger Durchbruch. Es legte den Grundstein für alles, was danach kommen sollte.

GW Pharmaceuticals war das erste Unternehmen, das sich ernsthaft mit der Entwicklung von Cannabismedikamenten auseinandersetzte. GW wurde 1998 von Geoffrey Guy gegründet, einem Wissenschaftler, der an das Potenzial von Cannabinoiden glaubte.

Bereits ein Jahr später kam Justin Gover an Bord. Aller Anfang war schwer, bis zur Markteinführung von Sativex vergingen mehr als 10 Jahre. Allerdings muss diese Zahl auch etwas relativiert werden: Es gibt kaum ein Medikament, das ohne Verzögerungen und Rückschläge auf den Markt kommt.

Heute produziert GW 20 Tonnen Cannabis pro Jahr, aus dem THC und CBD extrahiert werden. Wo genau das Cannabis angepflanzt wird, ist ein streng gehütetes Geheimnis. Der Standort wird rund um die Uhr bewacht. Für den Fall, dass doch einmal etwas gestohlen werden sollte, ist jede Pflanze mit einem genetischen Fingerabdruck versehen und so rückverfolgbar.

Ist Sativex weniger effektiv als pflanzliches Cannabis?

Das von GW Pharmaceuticals hergestellte Sativex ist von manchen als Wunderdroge gefeiert worden, während andere es als bloße Quacksalberei abgetan haben. Die vehementesten Kritiker verstiegen sich sogar zu der Behauptung, das Mittel sei Teil einer weitreichenden Verschwörung, dass medizinisches Cannabis nur unter spezifischen Deckmäntelchen legitimiert werden solle; auf diese Weise könnten die Pharmaunternehmen von Sativex profitieren, während man zugleich dafür sorgen könnte, dass ein großer Teil der Cannabisforschung illegal bliebe.

Doch wie steht es mit der Wirksamkeit von Sativex? Was sagt die Wissenschaft? Mehrere Studien haben gezeigt, dass Sativex einen eindeutigen Effekt auf die Symptome der mit MS einhergehenden spastischen Muskellähmungen hat, ebenso wie auf Neuropathien (Nervenschmerzen), die durch MS und Krebs verursacht werden. Die Befürworter von Sativex argumentieren, dass der Wert des Mittels darin bestehe, dass es im Gegensatz zu pflanzlichem Cannabis eine standardisierte Behandlung mit festgelegten Dosierungen ermöglichen würde.

Allerdings besitzt Sativex außer der Tatsache, dass es professionell verarbeitet, verpackt und in einheitlich dosierten Mengen verkauft wird, offenbar keine besonders einzigartigen Eigenschaften. Denn bei Sativex handelt es sich um eine simple Cannabistinktur aus CO2 und Ethanol: Es enthält nach wie vor all die Terpene und Cannabinoide, die man auch in jedem anderen Cannabisextrakt findet. Möglicherweise verfügt es über spezielle medizinische Wirkungen, die mit den verwendeten Sorten assoziiert werden, doch dafür gibt es keinen stichhaltigen Beweis.

Darüber hinaus wird von vielen kritisiert, dass es langsamer wirke und weniger effektiv sei als die traditionellen Methoden des Cannabiskonsums. Aus Patientenberichten im Internet ist zu entnehmen, dass die Betreffenden lieber pflanzlichen Cannabis als Sativex einnehmen; für gewöhnlich stellen diese Patienten fest, dass Sativex Schmerzen weniger wirkungsvoll lindert, auch wenn es anderen Berichten zufolge bei der Verminderung von Muskelspasmen sehr effektiv sein soll.

Argumente für Sativex

Wir dürfen eines nicht vergessen: Im Kampf um die globale Anerkennung von medizinischem Cannabis waren Sativex und GW Pharmaceuticals ausgesprochen machtvolle Werkzeuge. Leider sind die Gesundheitssysteme der meisten westlichen Länder heute so beschaffen, dass man äußerst realistisch vorgehen muss, wenn man der Allgemeinheit ein neues Medikament zugänglich machen will. Das heißt, man muss sich Methoden bedienen, die den Aktivisten an der Basis für gewöhnlich nicht gefallen.

In diesen Systemen muss Cannabis vollkommen auseinandergenommen und zu einem Arzneimittel mit festgelegter Dosis verarbeitet werden; nur so kann es im Rahmen der modernen Medizin als geeignet angesehen werden. GW Pharmaceuticals hat nun ein solches Produkt zur Verfügung gestellt, die notwendigen Schritte unternommen und sich in jeder Phase genau an die Spielregeln gehalten. Immerhin hat es damit erreicht, dass ein Cannabismedikament heute in über 25 Ländern der Welt erhältlich ist, sogar in denen, die in Bezug auf die medizinischen Cannabisgesetze hinterherhinken.

Von einem ethischen Standpunkt aus ist es durchaus berechtigt, die Heuchelei zu kritisieren, mit der das Unternehmen in der Vergangenheit auf Gesetzesänderungen drängte, die ihm selbst nützen, während es für Hobbyzüchter, die letztlich seinem Geschäft schaden könnten, im Grunde nichts übrig hat. Positiv betrachtet sind Unternehmen wie GW durch ihre zweifellos wertvolle Arbeit Vorkämpfer für Gesetzesänderungen in Ländern, die sich ansonsten gegen Reformen sträuben würden.

Wie ein objektives Urteil über die Entwicklung von GW Pharmaceuticals und Sativex auch aussehen mag – in jedem Fall müssen wir erst einmal abwarten, wie sich dies letzten Endes auf die Cannabisbranche insgesamt auswirkt. Die nächsten Jahre werden für die Bewegung zur Legalisierung von Cannabis entscheidend sein, und Sativex wird in diesem Prozess mit Sicherheit eine wichtige Rolle spielen.

Nutzen Sie Sativex bei der Behandlung von MS? Oder kennen Sie jemanden, der Erfahrung mit Sativex hat? Wir sind sehr an Ihren Erfahrungen interessiert. Besonders dann, wenn Sie auch pflanzliches Cannabis konsumieren. Teilen Sie Ihre Erfahrungen in der Kommentarspalte oder schreiben Sie uns auf Facebook. Wir sind gespannt!

  • Disclaimer:
    Dieser Artikel stellt keinen Ersatz für eine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar. Wenden Sie sich immer an Ihren Arzt oder eine andere zugelassene medizinische Fachkraft. Sie sollten wegen etwas, das Sie auf dieser Website gelesen haben, weder zögern, Ihren Arzt aufzusuchen, noch deswegen eine medizinische Beratung missachten.

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    Das Sensi Seeds Redaktionsteam besteht aus Botanikern, medizinischen und juristischen Experten sowie renommierten Aktivisten wie Dr. Lester Grinspoon, Micha Knodt, Robert Connell Clarke, Maurice Veldman, Sebastian Marincolo, James Burton und Seshata.
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    Dr. Sanjai Sinha ist Mitglied der akademischen Fakultät des Weill Cornell Medicine Colleges in New York. Er verbringt seine Zeit damit, Patienten zu begleiten, Bewohner und Medizinstudenten zu unterrichten und im Gesundheitswesen zu forschen. Er genießt die Ausbildung von Patienten und die Ausübung evidenzbasierter Medizin. Sein starkes Interesse an medizinischer Überprüfung kommt von diesen Leidenschaften.
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