by Miranda on 22/03/2017 | Legal & Politik

PP-Abgeordneter verlangt sofortige Legalisierung von medizinischem Cannabis

Partido Popular Der an Krebs erkrankte spanische PP-Politiker Eduardo Van den Eynde hat einen Brief veröffentlicht, in dem er die Legalisierung von medizinischem Cannabis fordert, das er selbst gegen die Nebenwirkungen der Chemotherapie benutzt. Mit der Unterstützung, die er auch von anderen Politikern erhielt, hofft er auf eine neue Legalisierungsdebatte in Spanien.


Der an Krebs erkrankte Parlamentssprecher des Partido Popular (dt. Volkspartei) im Parlament von Kantabrien, Eduardo Van den Eynde, schrieb im vergangenen Monat einen offenen Brief, der nach der Veröffentlichung auf seiner Facebook-Seite viel Aufmerksamkeit in den Medien und sozialen Netzwerken fand. In dem Brief forderte er die Legalisierung von medizinischem Cannabis. Der spanische Politiker, der medizinisches Cannabis zur Milderung der Nebenwirkungen der Chemotherapie verwendet, erhielt dabei Unterstützung von Kollegen aus seiner eigenen Partei und von anderen politischen Gruppierungen sowie großen Zuspruch in den sozialen Netzwerken.

Unerwartete, aber willkommene Medienwirkung

Eduardo Van den Eynde hat niemals mit der Resonanz gerechnet, die sein nachdrücklicher und bewegender Brief hervorrief. Aber er ist froh darüber. Er hofft, dass er der Legalisierungsdebatte damit einen neuen Anschub verleihen kann, sowohl in der Gesellschaft als auch im spanischen Parlament.

Der Brief, den er auf Facebook mit dem Titel „Cannabis Terapéutico Ya“ (auf deutsch: Medizinisches Cannabis jetzt) veröffentlichte und der von der Tageszeitung El Diario Vasco vollständig abgedruckt wurde, war eigentlich nur als persönliche Reflexion gemeint, die er mit den wenigen Lesern und Followern seines Profils teilen wollte (so dachte er jedenfalls). Doch zum Glück war dem nicht so.

Der Brief von Eduardo Van den Eynde erfuhr vielfache Unterstützung im Netz und weckte auch das Interesse der Medien an seinem persönlichen Aufruf zur Legalisierung von medizinischem Cannabis. Es folgten Interviews und Berichte in den landesweiten Medien und in Medien der Cannabisbranche.

Das ist auch kein Wunder, denn es gibt nicht sehr viele Politiker auf der Welt und erst recht nicht in Spanien, die den Mut haben, sich offen für Cannabis einzusetzen und ihre Erfahrungen als Cannabis-Nutzer teilen, egal ob es sich um medizinisches Cannabis oder um Cannabis als Genussmittel handelt.

Eduardo Van den Eynde ist der Parlamentssprecher des PP in Kantabrien
Eduardo Van den Eynde ist der Parlamentssprecher des PP in Kantabrien

(CC. Partido Popular de Cantabria)

Umso bemerkenswerter ist es, wenn der betreffende Politiker zum Partido Popular gehört, der Regierungspartei Spaniens, die sich nicht gerade durch eine tolerante Position gegenüber Cannabis auszeichnet. Laut Van den Eynde sind es aber zwei völlig getrennt zu sehende Dinge, einerseits Cannabis-Konsument zu sein und andererseits zu einer politischen Partei der einen oder anderen Couleur zu gehören.

Politiker, Cannabis-Patient und Freizeitkonsument

Bei dem 57 Jahren alten Historiker und spanischen Politiker, der aktuell für den Partido Popular im Parlament von Kantabrien u. a. das Amt des Parlamentssprechers bekleidet, wurde vor fünf Jahren Lungenkrebs diagnostiziert. Seitdem kämpft er gegen die Krankheit und erlitt vor kurzer Zeit einen dritten Rückfall, den er hofft zu überstehen. Deshalb unterzieht er sich derzeit seiner neunten Chemotherapie im Krankenhaus Valdecilla in Santander.

Dieser Politiker des Partido Popular hat also leider schon eine gewisse Erfahrung mit der Krankheit und ihren harten und unvermeidlichen Behandlungsmethoden sammeln können. Daher ist er der Auffassung, dass er weiß wovon er redet, wenn er sagt, dass Cannabis eine enorme Hilfe gegen die Nebenwirkungen dieser Behandlungen ist: Schwindel, Erschöpfung und vor allem der wechselnde Gemütszustand, der in solchen Situationen für alle Kranke eine große Rolle spielt.

In seinem konkreten Fall hilft Cannabis besonders in zweierlei Hinsicht: Bei den körperlichen Auswirkungen der Chemotherapie, die er als „chemische“ Erschöpfung bezeichnet, weil der Körper sich wie mit Gift vollgepumpt anfühlt, und bei den psychologischen Auswirkungen der Niedergeschlagenheit. Cannabis hilft ihm also, seinen Gefühlshaushalt in den Griff zu bekommen.

Van den Eynde weiß sehr genau, wovon er spricht. Schließlich hat er während der ersten Behandlungszyklen der Chemotherapie kein medizinisches Cannabis verwendet, weil er davon ausging, dass es ihm nicht helfen würde. Erst nachdem er angefangen hatte, Cannabis als palliative Therapie gegen die Folgen der Chemotherapie anzuwenden, machte ihm diese persönliche Erfahrung den großen Unterschied bewusst.

Er ist Vater eines bereits 16 Jahre alten Sohnes, den er über die Pflanze aufgeklärt hat, seit seiner frühen Jugend ein großer Musikfan (er spielt E-Bass und E-Gitarre in zwei Rockbands)und bekennt sich zum regelmäßigen Konsum von Cannabis als Genussmittel, seitdem er Mitte 20 geworden ist. Im Laufe der Jahre hat er als Autodidakt sowie durch eigene Erfahrungen absolut fundierte Kenntnisse über die Cannabispflanze erlangt.

In seinem offenen Brief erzählt er, wie er seinen Konsum auf seine eigenen vier Wände und auf sporadische Gelegenheiten beschränkt hat. Er beschreibt sich als verantwortlichen Cannabis-Konsumenten, dem der Konsum stets gut bekommen ist und der nie Probleme damit hatte. Die Pflanze verhalf ihm insbesondere zu besserem Schlaf und zur Beruhigung seiner tendenziellen Angstzustände.

Persönliche Reflexionen zur Legalisierung von Cannabis 

„Ein unverständliches und unwissenschaftliches Verbot“

Van den Eynde erläutert in seinem offenen Brief, dass das Verbot von Cannabis für medizinische Zwecke zwar langsam zurückgedrängt wird und mancherorts bereits aufgehoben ist, z. B. in der Hälfte der Bundesstaaten in den USA, in Kanada, Chile, Frankreich und anderen Staaten Europas. Es gilt aber nach wie vor in vielen anderen Staaten der Welt, so auch in Spanien.

Die „Dummköpfe“ (wie Van den Eynde sie nennt), die sich nach wie vor der Legalisierung widersetzen, auch der von Cannabis als Genussmittel, hätten weder von der Geschichte noch von den Wirkungen der Pflanze ausreichende Kenntnisse. Die Argumente der Cannabis-Gegner beruhen nach seiner Meinung nicht auf wissenschaftlichen Fakten, sondern auf „wissenschaftlichen Pseudostudien“, die auf Missbrauch und nicht auf einem verantwortungsvollen und moderaten Gebrauch basieren.

Der PP-Politiker glaubt zudem, dass „die öffentliche Meinung verzerrt ist“, weil sie „in letzter Zeit von negativen Meinungen bombardiert wurde“, nach denen Cannabis eine bösartige Droge und damit ein Problem für die Gesellschaft ist. Cannabis habe jedoch die Menschheitsgeschichte über Jahrhunderte begleitet, während das Verbot relativ neu ist. Nur diese Propaganda sei schuld daran, dass so viele Patienten auf der Welt heute unter irrationalen Vorurteilen zu leiden hätten.

Die Cannabis-Pflanze wird seit Hunderten von Jahren als Medizin verwendet
Die Cannabis-Pflanze wird seit Hunderten von Jahren als Medizin verwendet

(CC. MarihuanayMedicina)

Für Van den Eynde ist das Verbot „unverständlich, absurd und nicht hinnehmbar“, weil die segensreichen und schmerzlindernden Wirkungen von Cannabis im Vergleich zu anderen Behandlungen für sehr viele Krankheiten festgestellt wurden und die Patienten trotzdem entweder keinen Zugang zu dieser hilfreichen Medizin haben oder gezwungen sind, auf den Schwarzmarkt zurückzugreifen, mit den entsprechenden Folgen.

Die Lösung heißt nicht Verbot, sondern Aufklärung

Van den Eynde meint, dass Cannabis in all seinen Formen, also als Cannabis, Haschisch, Öl etc. „überhaupt nicht schlimmer ist als Alkohol oder die vielen dutzend Drogen, die wir legal auf Rezept oder ohne Rezept zu uns nehmen“, wie etwa Benzodiazepine, Schmerzmittel, Opioide oder das leberschädigende Paracetamol. Trotzdem „werden diese Substanzen nicht verboten, weil ihr Nutzen ihre möglichen Nebenwirkungen übersteigt“.

Seiner Meinung nach gibt es immer ein Risiko, dass einige Menschen solche Substanzen missbrauchen oder eine Abhängigkeit von ihnen geraten, aber es sei doch bewiesen, dass ein Verbot nicht die richtige Lösung dafür ist. Am besten sei es, die genannten Substanzen nur in mäßigen Dosen zu sich zu nehmen, so wie es Millionen Menschen auf der Welt bereits tun. Er glaubt, dass „das Problem nie im Gebrauch, sondern nur im Missbrauch bestanden hat. Und dieses Problem stoppt man nicht mit Verboten, sondern mit Wissen, Information und Bildung“. 

„Cannabis ist keine Einstiegsdroge“

Für Van den Eynde ist klar, dass der Mythos, vom Joint sei es nur ein kleiner Schritt zur Heroin-Spritze, völlig falsch ist. Es gebe keinen kausalen Zusammenhang zwischen beiden Drogen, diese Gefahr bestehe also nicht. Für ihn „ist es ein viel zu großer Sprung, den nur einige wenige Verzweifelte gehen“.

Er unterscheidet die Wirkungen von Cannabis von denen anderer Wirkstoffe, die in der Tat das Leben ruinieren können, wie etwa LSD, Speed oder Heroin, die er im Laufe seiner Jugend, seines Lebens und seiner Erfahrungen als Musiker aus der Nähe kennengelernt hat. 

Van den Eynde ist Freizeitkonsument seit er Mitte Zwanzig ist
Van den Eynde ist Freizeitkonsument seit er Mitte Zwanzig ist

(CC. Heath Alseike)

„Das Verbot verhindert nicht den Konsum von Cannabis“

 Van den Eynde meint auch, dass das Verbot statt einer Verhinderung des Konsums den schnellen Zugang zu Cannabis erleichtert, auf dem Schwarzmarkt natürlich. Aber leider „findet dort weder eine Überwachung durch den Staat noch eine Kontrolle durch die Gesundheitsbehörden statt, sodass die Nutzer zu einem Konsum ohne Qualitätsgarantien oder Zugangskontrollen verurteilt sind“. Zugleich lasse sich die öffentliche Hand immense Steuereinnahmen entgehen und die Gewinne des Schwarzmarkts der Mafia zufließen, und das nur auf der Grundlage von Vorurteilen, die ohne wissenschaftliche Beweise auskommen.

Die Illegalität von Cannabis und die fehlende Regulierung des Marktes setzt viele Cannabis-Patienten einem Konsum ohne Sicherheitsgarantien aus. Ihm selbst, wie Van den Eynde in einem Radio-Interview für Cadena Ser erzählt, falle es dagegen leicht, an gutes Cannabis zu kommen. Er habe das Glück, „gute Freunde zu haben, die Cannabis anbauen und ihn aus dem Bestand ihres eigenen Anbaus mitversorgen“.

Er weist jedoch darauf hin, dass es vielen anderen Patienten nicht so gut geht wie ihm, weshalb er „eine Legalisierung verlangt, damit Cannabis in den Krankenhäusern ausgegeben wird“, wo die Patienten die nötigen Informationen über die geeignete Form der Verabreichung (Verdampfung, orale Einnahme, Öl…), die richtige Dosis etc. erhalten können.

Cannabis ist weder rechts noch links

Man darf nicht vergessen, dass Eduardo Van den Eynde Mitglied des Partido Popular ist, also der politischen Partei, die die spanische Regierung stellt und in dieser Legislaturperiode nur über eine Minderheit im Parlament verfügt. Die PP-Regierung hat sich bisher nicht gerade dadurch ausgezeichnet, eine tolerante Position gegenüber Cannabis zu vertreten (u. a. förderte sie die Kriminalisierung der Cannabis-Clubs), und bis jetzt hat sie sich jeder diesbezüglichen Gesetzesänderung in Spanien widersetzt.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Wahrnehmung von Cannabis in der spanischen Gesellschaft hat sich gewandelt und sogar innerhalb des Partido Popular gibt es noch in der Minderheit befindliche Gruppen, die den Wechsel wagen und den Diskurs über Cannabis ändern wollen.

Als er im gleichen Radio-Interview gefragt wurde, wie es ist, zu einer Partei zu gehören, die die Legalisierung von Cannabis nicht unterstützt, erwiderte Van den Eynde, dass die eigene politische Ausrichtung und die Tatsache, Konsument bzw. Befürworter eines medizinischen Wirkstoffs zu sein, ja wohl zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Der Politiker erkennt an, dass das Beseitigen eines Tabus und die Veränderung einer medial von Vorurteilen bestimmten Meinung schwierig sind. Aber er will seine persönliche Situation sowie die Resonanz und Unterstützung, die er nach Veröffentlichung seines Briefs erhalten hat, dazu nutzen, um auf all das hinzuweisen und die Debatte sowohl innerhalb seiner Partei als auch im Parlament zu eröffnen.

Obwohl seine Partei keine offizielle Stellungnahme zu seinem Brief abgegeben hat, erhielt Van den Eynde viel überraschende Unterstützung von den Mitgliedern seiner eigenen und von Politikern anderer Parteien, sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene. Viele der Unterstützer kennen selbst Patienten, die medizinisches Cannabis genutzt haben oder derzeit nutzen, um die Behandlung so unterschiedlicher Erkrankungen wie Krebs, multiple Sklerose u.a. unterstützend zu begleiten.

Es ist Zeit, der Legalisierung und Regulierung von Cannabis in Spanien grünes Licht zu geben
Es ist Zeit, der Legalisierung und Regulierung von Cannabis in Spanien grünes Licht zu geben

(CC. Alejandro Forero Cuervo)

Es ist an der Zeit, den ersten Schritt zu machen

Es ist nicht das erste Mal, dass dieser untypische und interessante Politiker Überlegungen zu brisanten Themen wie Drogen oder Prostitution im Netz oder auf seinem Blog äußert. Und zweifellos sind die Ansichten Van den Eyndes über diese Themen weit entfernt vom politischen Mainstream.

Schon 2009, als er beim Partido Popular Koordinator für Kommunikation in Kantabrien war, schrieb er in einem Blog-Post, dass das „große Problem der Drogen nicht in ihrem Konsum, sondern in ihrem Verbot liegt“.

In einem anderen Post heißt es: „Nur wenn Drogen legal und ihre Produktion, ihr Verkauf und Vertrieb gesetzlich geregelt sind, wird das, was heutzutage ein Problem internationalen Ausmaßes ist, zu einem schlichten Problem der öffentlichen Gesundheit, genau wie der Tabakkonsum, der Alkoholismus oder der Konsum von Anxiolytika“.

Heute schreiben wir das Jahr 2017. Die Jahre vergehen, die Argumente wiederholen sich, die Zeiten ändern sich, aber allem Anschein nach bewegt sich in der Cannabis-Frage beim Partido Popular kaum etwas. Hoffen wir, dass die Forderung eines Parteimitglieds nach Legalisierung von medizinischem Cannabis Bewegung in die Partei bringt und sie für eine gesetzliche Regulierung von Cannabis jetzt grünes Licht gibt. Denn das „Jetzt“ in der Kopfzeile des Briefes bedeutet, dass die Legalisierung von Cannabis sowohl als Medizin als auch als Genussmittel nicht mehr länger aufgeschoben werden kann. Die Patienten haben keinen Grund, länger zu warten.

Van den Eynde glaubt, dass die spanische Gesellschaft und auch der PP für die Legalisierungsdebatte reif genug sind. Seiner Auffassung nach ist das Verbot von Cannabis als Medizin und Genussmittel ein Problem, dass weitere hinter sich her zieht (die Mafia, die fehlenden Gesundheitskontrollen etc.), und „Wegschauen hat noch nie geholfen“.

Um es in den eigenen Worten des PP-Abgeordneten zu sagen: „Ist das Leben nicht schon schwierig genug, dass man es noch um dumme Vorurteile bereichern muss, die enorme Probleme und unnötiges Leid verursachen? Vielleicht ist es Zeit, mit dieser Forderung den ersten Schritt zu machen … Es wäre eine moralische Pflicht, diesen Unsinn zu beenden.“

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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