by Seshata on 26/02/2016 | Konsum

Was passiert in der Epiphyse, wenn wir Cannabis nehmen?

Epiphyse Die Epiphyse – den Mythen nach der Sitz von Spiritualität und Bewusstsein und Ort des sagenhaften „dritten Auges“ – ist für die Menschheit ein faszinierendes Objekt, seit sie ihre Funktion und Bedeutung entdeckt hat. Es ist bekannt, dass die Epiphyse auf psychoaktive Drogen reagiert. Was geschieht dort, wenn wir Cannabis nehmen?


Was passiert in der Epiphyse, wenn wir Cannabis nehmen - Sensi Seeds blog

Wozu dient die Epiphyse?

Obwohl sie zweifellos wichtig ist, besitzt die Epiphyse keineswegs mystische oder übernatürliche Eigenschaften, auch wenn viele das zu gern glauben möchten. Sogar einige große und bekannte Denker sind bei ihr in magisches Denken zurückgefallen, wie der Philosoph und Wissenschaftler Descartes, der die Epiphyse als den „Sitz der Seele“ beschrieben hat.

In Wirklichkeit ist sie nur eine von vielen Drüsen, aus denen das endokrine System bei Wirbeltieren besteht, das in hohem Maße an der Regulierung des Tagesrhythmus und der Produktion von Hormonen beteiligt ist, u. a. des wichtigen Hormons Melatonin, des „Schlafhormons“. Es gibt aber durchaus einige Dinge, die die Epiphyse als einzigartig und interessant auszeichnen. Wir wollen diese hier einmal näher betrachten.

Warum ist die Epiphyse so ungewöhnlich?

Oft wird angenommen, die Epiphyse stelle ein „drittes Auge“ dar, und sie verfügt tatsächlich über einige Eigenschaften eines einfachen Sehorgans
Oft wird angenommen, die Epiphyse stelle ein „drittes Auge“ dar, und sie verfügt tatsächlich über einige Eigenschaften eines einfachen Sehorgans

Die Vorstellung, die Epiphyse könne das sagenhafte „dritte Auge“ sein, hat sogar eine gewisse Tatsachenbasis. Denn diese Drüse ist aus Zellen aufgebaut, die als Pinealozyten bekannt sind und bei einigen Wirbeltieren, die nicht zu den Säugetieren gehören, tatsächlich auf Licht reagieren. Diese Fähigkeit macht sie den Zellen der Netzhaut sehr ähnlich, also des Teils des Auges, das das Licht durch die Linsenöffnung wahrnimmt.

Bei einigen ausgestorbenen Arten haben Wissenschaftler sogar Löcher entdeckt, die wie Augenansätze im mittleren hinteren Bereich des Schädels aussehen und es der Epiphyse ermöglicht haben könnten, das Licht direkt aufzunehmen, genau wie ein Auge. Tatsächlich haben auch manche lebende Arten der Reptilien und Fische noch ein funktionales „drittes Auge“, wie beispielsweise die neuseeländische Reptilienart Tuatara, deren zusätzliches Auge sogar eine eigene Linse, eine Netzhaut und eine Hornhaut aufweist! Man nimmt heute an, dass ein solches drittes Auge funktional gesehen dafür geschaffen war, die im Verlauf eines Tages und der Jahreszeiten schwankende Hormonproduktion zu steuern.  

Bei den Säugetieren ist dagegen keine Art bekannt, bei der die Pinealozyten direkt Licht aufnehmen, und es gibt keinen Nachweis dafür, dass ein „drittes Auge“ in funktionaler Hinsicht existiert. Allerdings ist bekannt, dass die Pinealozyten von Säugetieren direkt mit der Netzhaut selbst verbunden sind, die mit dem Wechsel der Lichtverhältnisse korrespondierende Signale an sie sendet, um den Tagesrhythmus zu steuern. Wenn man die Definition dessen, was ein Auge ausmacht, bis an die Grenzen ausreizt, kann man in der Tat behaupten, dass die Epiphyse von ihrer Funktion her auch bei Säugetieren so etwas wie ein drittes Auge darstellt.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Epiphyse, der mit Sicherheit auch für Säugetiere zutrifft, ist Folgendes: Anders als weite Teile des Gehirns ist die Epiphyse nicht durch die Blut-Hirn-Schranke vom Rest des Körpers getrennt. Sie bekommt daher jede Menge Blut direkt aus der hinteren Zerebralarterie, was auch etwas mit ihrer Sensibilität gegenüber psychoaktiven Substanzen zu tun haben könnte.

Warum beeinflussen psychoaktive Substanzen häufig die Epiphyse?

Das neuseeländische Reptil Tuatara besitzt ein funktionierendes drittes Auge zur Steuerung seiner Tageszyklen (Out Shooting
Das neuseeländische Reptil Tuatara besitzt ein funktionierendes drittes Auge zur Steuerung seiner Tageszyklen (Out Shooting photos)

Die Epiphyse befindet sich aber nicht nur in der richtigen Position, alle Arten von Substanzen ungefiltert durch die Blut-Hirn-Schranke aufnehmen zu können, sondern ist auch eine zentrale Schaltstelle für eine ganze „Kaskade“ von Reaktionen, die ausgelöst werden, wenn das Norepinephrin, ein gut bekannter und für die Regulierung von Schlaf und Wachsein verantwortlicher Neurotransmitter, an seine Rezeptoren in der Epiphyse andockt.

Dockt das Norepinephrin an die Rezeptoren (die als adrenergische Rezeptoren bezeichnet werden) an, ist die Kette der hormonellen und enzymatischen Interaktionen, die daraus folgen, für die Signale verantwortlich, die dem Menschen bedeuten, wann es für ihn Zeit zum Schlafengehen ist und wann er wieder wach und aktiv werden sollte. Daher ist diese Kaskade tief in das eingebunden, was die „Stimmung“ eines Menschen ausmacht, wie er die Herausforderungen des neuen Tages sieht und auf sie reagiert. Sie stellt aber auch sicher, dass es regelmäßig zu Schlafphasen von ausreichender Qualität und Dauer kommt.

Wie man sieht, ist die Epiphyse wesentlich daran beteiligt, einen gesunden, positiven Geisteszustand zu erreichen, und sie ist zugleich stark in emotionale Zustände im Allgemeinen eingebunden. Wenn Menschen Psychopharmaka nehmen, beeinflusst das die komplexe Kaskade von Aktivitäten in der Epiphyse und vermittelt in Kooperation mit einigen anderen Teilen des Gehirns einen subjektiv veränderten Wahrnehmungszustand.

Ein Beispiel, das die Bedeutung der Epiphyse für das Wohlergehen in psychiatrischer Hinsicht verdeutlicht, ist ihr Zusammenhang mit der „Winter Blues“ genannten Erkrankung, einer jahreszeitlich bedingten Affektstörung (seasonally affective disorder, abgekürzt auch: SAD). Der Umstand, dass helles Licht eine übliche Behandlung für SAD ist, legt nahe, dass die Epiphyse und das mit ihr zusammenhängende lichtsensible Hormon Melatonin hierbei eine Rolle spielen. Dass geringe Lichtstärken ein so dramatisches Set psychischer Symptome auslösen können, legt außerdem die Schlussfolgerung nahe, dass die Epiphyse fundamental mit der seelischen Gesundheit im Allgemeinen zusammenhängt und dass ihre Dysfunktion auch hinter anderen mentalen Störungen stecken könnte.

Wie wirkt sich Cannabis in der Epiphyse aus?

Die Epiphyse (oder Zirbeldrüse) wird so genannt, weil ihre Form an den Zapfen einer Kiefer (= Zirbel) erinnert (Southernpixel - Alby Headrick)
Die Epiphyse (oder Zirbeldrüse) wird so genannt, weil ihre Form an den Zapfen einer Kiefer (= Zirbel) erinnert (Southernpixel – Alby Headrick)

Forschungsarbeiten an Ratten haben gezeigt, dass die Epiphyse ein funktionales Endocannabinoidsystem enthält, bei dem nicht nur Cannabinoidrezeptoren der Typen 1 und 2 vorhanden sind, sondern auch die endogenen Liganden, die an ihnen andocken, nämlich Anandamid und 2-AG.

Die Studie hat auch gezeigt, dass die Aktivitäten der CB?-Rezeptoren einem Tageszyklus folgend unterschiedlich gewesen sind, wobei die Phasen der geringsten Aktivität gegen Ende des Tageslichtzeitraums auftraten. Sie zeigte weiterhin, dass die Konzentrationen eines Enzyms namens NAPE-PLD, das für die Synthetisierung neuer Endocannabinoidmoleküle verantwortlich ist, etwa in der Mitte dieses dunklen Zeitraums zurückgingen.

Schließlich wurde durch diese Studie auch nachgewiesen, dass das Vorhandensein von THC die Aktivität eines Enzyms namens AANAT herabsetzt, und damit auch die Synthese von Melatonin selbst. Eine frühere Studie an Ratten wies ebenfalls nach, dass THC die Aktivität von AANAT reduziert, und legt den Schluss nahe, dass der hierbei eingreifende Mechanismus wie folgt aussieht: Der Neurotransmitter Norepinephrin löst eine Kaskade an Reaktionen aus, an deren Ende die Produktion von Melatonin steht. THC unterbricht diese Norepinephrin-Kaskade und reduziert so die Produktion von Melatonin.

Es ist wahrscheinlich, dass der endogene, zu THC analoge Stoff Anandamid die gleiche Aktion einer norepinephrin-induzierten Freisetzung von Melatonin durchführt und daher fundamental an der Funktion der Epiphyse beteiligt ist. Es scheint daher so zu sein, dass eher geringe Konzentrationen an Anandamid oder THC benötigt werden, damit die Melatoninproduktion ansteigen kann. Wenn die Melatoninkonzentration ansteigt, was normalerweise gegen Ende der Tageslichtperiode der Fall ist, treten Müdigkeitsgefühle auf.

Aber das Rauchen von Cannabis macht mich gerade müde! Wie kann das sein?

Die Epiphyse wurde lange als Sitz des Bewusstseins beim Menschen angesehen (Dean Terry)
Die Epiphyse wurde lange als Sitz des Bewusstseins beim Menschen angesehen (Dean Terry)

Wenn eher geringe Anandamidkonzentrationen nötig sind, damit die Produktion von Melatonin steigt, und die Aktivität der Cannabinoidrezeptoren gegen Ende der Tageslichtphase am geringsten ist, scheint das zu implizieren, dass die Zuführung von Cannabis eine Reduzierung von Melatonin auslöst, was dazu führen sollte, dass die Müdigkeit ebenfalls reduziert wird. Viele Menschen werden aber gerade nach dem Konsum von Cannabis müde. Warum ist das so?

Eventuell funktionieren die Mechanismen, die mit Cannabinoiden und Epiphysenhormonen zusammenhängen, bei Ratten ja einfach anders als beim Menschen. Denn während die Studien an Ratten klar nachgewiesen haben, dass THC die Melatoninkonzentration reduziert, gibt es Indizien, die nahelegen, dass beim Menschen genau das Gegenteil der Fall ist. Eine 1986 durchgeführte Studie wies nach, dass THC bei acht von neun gesunden, männlichen Freiwilligen einen dramatischen Anstieg der Melatoninkonzentration verursachte, die ihren Spitzenwert etwa 120 Minuten nach der Einnahme erreichte. Interessanterweise zeigte jedoch eine Person eine Abnahme von Melatonin als Reaktion auf THC, genau, wie es bei den Ratten beobachtet worden war.

Ob Cannabis den Menschen müde macht oder nicht, kann von der Dosis, der Toleranz und einer ganzen Reihe weiterer Faktoren abhängen, sogar von der Tageszeit, zu der der Betreffende Cannabis konsumiert, und ihrem Zusammenhang mit den typischen Rhythmen des Tagesablaufs. Außerdem könnte es auch ein genetisches Element geben, das die individuelle Reaktion auf Cannabinoide steuert, da in mehreren Studien festgestellt wurde, dass es genetische Unterschiede bei der Bildung von Cannabinoidrezeptoren gibt.

Man geht heute auch davon aus, dass viele der subjektiv empfundenen Effekte von Cannabis nicht per se von THC abhängig sind, sondern von THC in Kombination mit mehreren anderen Cannabinoiden und Terpenen. So wird beispielsweise angenommen, dass Myrcen das „High“ von reinem THC in der Weise beeinflusst, dass es beim Konsumenten insgesamt eher zu einem „Couchsitzer-Effekt“ führt. Außerdem wurde für reines THC auch nachgewiesen, dass es bei manchen Gelegenheiten entweder eine sedative oder eine stimulierende Wirkung hat, was von der Dosis abhängt.

Und wie genau beeinflusst die Epiphyse den Vorgang, durch den man „high“ wird?

Die Epiphyse ist stark in die Steuerung des Schlafs und der Tagesrhythmen beim Menschen eingebunden (Fl??d)
Die Epiphyse ist stark in die Steuerung des Schlafs und der Tagesrhythmen beim Menschen eingebunden (Fl??d)

Das ist noch nicht ganz klar, wir wissen bisher nur, dass an der subjektiven Erfahrung eines Highs viele unterschiedliche Bereiche des Gehirns beteiligt sind. Die Epiphyse ist nur ein kleines Glied in einer extrem langen und komplizierten Kette, die von einigen der einfachsten und fundamentalsten Bereiche des Gehirns (und die Epiphyse kann definitiv als fundamental bezeichnet werden, da sie in fast jedem heute lebenden Wirbeltier vorkommt) bis zu einigen der fortgeschrittensten Bereiche reicht, wie z. B. zum Neokortex, über den nur die Säugetiere verfügen.

Allerdings wurde die Epiphyse wiederholt in einen Zusammenhang mit der Biosynthese wichtiger natürlicher Wirkstoffe gebracht, die mit dem Schlaf, dem Träumen und mit Traumvorstellungen zusammenhängen. Das Vorhandensein dieser Wirkstoffe in der Epiphyse ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb sie von vielen als „Sitz der Seele“ oder als Schlüssel zur „spirituellen Erleuchtung“ betrachtet wird. Der berühmteste dieser Wirkstoffe ist zweifellos das N,N-Dimethyltryptamin, häufig bekannt unter der Abkürzung DMT.

Es wird zwar derzeit kontrovers darüber diskutiert, ob die Epiphyse für die Synthetisierung von DMT beim Menschen verantwortlich ist oder nicht, aber es gibt signifikante Hinweise darauf, dass dies der Fall ist. So wurden DMT und die damit verwandten Wirkstoffe Tryptamin und Bufotenin im menschlichen Urin gefunden, und DMT selbst wird nachweislich in der Epiphyse des Rattengehirns synthetisiert. Für den eng mit DMT verwandten Wirkstoff 5-MeO-DMT wurde bewiesen, dass er in der Epiphyse des Menschen synthetisiert wird, aber für DMT selbst ist dieser Beweis bisher nicht gelungen.

Sicher scheint jedenfalls, dass die Epiphyse sehr stark an der Produktion und/oder Verarbeitung von Stoffen beteiligt ist, von denen bekannt ist, dass sie dabei helfen, „Traumzustände“ während des Schlafes zu erzeugen. Es gibt daher viele Theorien, nach denen die subjektive Erfahrung, durch Cannabis, Halluzinogene oder andere psychoaktive Drogen „high“ zu werden, auch die subjektive Erzeugung einer „traumhaften“ oder sonst veränderten Realität einschließt.

Die Epiphyse ist Teil eines komplexen, faszinierenden Systems

DMT ist ein Bestandteil von Ayahuasca, eines starken Halluzinogens, dessen Konsumenten oft Kunstwerke wie dieses produzieren (Howard G Charing)
DMT ist ein Bestandteil von Ayahuasca, eines starken Halluzinogens, dessen Konsumenten oft Kunstwerke wie dieses produzieren (Howard G Charing)

Auch wenn wir noch weit davon entfernt sind, das komplexe Netzwerk chemischer Substanzen zu verstehen, die im Gehirn zusammenwirken, beginnen wir schon damit, eine einfache Karte zu erstellen, wie alle diese miteinander verbundenen Prozesse zusammenpassen. Es wird zunehmend klar, dass das Endocannabinoidsystem ein fundamental wichtiges Nachrichtensystem darstellt, das dazu dient, verschiedene Teile des Gehirns miteinander zu verbinden, von denen viele zusammenwirken müssen, um uns das subjektive Gefühl eines „Highs“ zu vermitteln.

Die Epiphyse selbst ist wesentlich an diesem Prozess beteiligt und hat dabei unzweifelhaft eine Bedeutung als Quelle bewusstseinsverändernder Wirkstoffe. Sie arbeitet mit dem Endocannabinoidsystem und verschiedenen anderen Regelungssystemen zusammen, um unsere subjektive tägliche Erfahrung von Stimmung, Wachsein und Müdigkeit zu steuern, und wenn wir ihr externe psychoaktive Substanzen zuführen, kann sich dieser Prozess in fundamentalen Punkten verändern, was für den Betroffenen sehr angenehm sein kann!

Kommentar Abschnitt

Haben Sie eine Meinung dazu? Lassen Sie es uns mit einem Kommentar wissen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie einen Namen ein
Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.