by Seshata on 18/12/2015 | Konsum Medizinisch

Cannabis kann das Verdauungssystem sowohl positiv als auch negativ beeinflussen

Verdauungssystem Das Endocannabinoidsystem ist äußerst wichtig für die Steuerung der Verdauungsprozesse, u.a. des Appetits, des Speichelflusses, des Hungers und der Sättigung. Die Cannabinoidrezeptoren sind über das ganze Verdauungssystem sowie über die Gehirnregionen verteilt, die als entscheidend für die Darm-Hirn-Achse angesehen werden.


Auf manche Menschen kann es sich positiv auswirken, wenn dem fein abgestimmten Endocannabinoidsystem des Magen-Darm-Trakts (GI = Gastrointestinal tract, der wissenschaftliche Begriff für das Verdauungssystem) zusätzliche Cannabinoide zugeführt werden. Das ist insbesondere bei Patienten der Fall, die unter bestimmten Magen-Darm-Erkrankungen leiden, unter anderem Morbus Crohn, chronisch-entzündliche Darmerkrankung (IBD = Inflammatory bowel disease) und Reizdarmsyndrom (IBS = Irritable bowel syndrome).

Cannabis lindert Übelkeit bei den meisten Menschen, kann sie jedoch bei anderen auch hervorrufen (Evil Erin)
Cannabis lindert Übelkeit bei den meisten Menschen, kann sie jedoch bei anderen auch hervorrufen (Evil Erin)

Das Endocannabinoidsystem ist komplex und fein abgestimmt

Darüber hinaus kann man allein durch die Gabe von Cannabis Heißhunger bei Patienten auslösen, die unter Appetitlosigkeit leiden. Das ist oft sehr vorteilhaft bei Patienten, die unter bestimmten Krankheiten leiden, die mit Appetitmangel verbunden sind, von Krebs bis hin zu den eigentlichen Essstörungen. Positiv beeinflusst werden aber auch gesunde Personen, die lediglich aufgrund von Stress oder anderen Faktoren unter Appetitlosigkeit leiden.

Andererseits wirkt es sich bei manchen Personen negativ aus, wenn dem Magen-Darm-Trakt zusätzliche Cannabinoide zugeführt werden, und dies kann eine Reihe von ungewöhnlichen und unerwarteten Symptomen auslösen. Einige Wissenschaftler glauben sogar, dass Cannabis in seltenen Fällen zu akuten Brechanfällen führen kann, die man als Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom bezeichnet, und dass es zudem eine akute Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) auslösen kann.

Positive Effekte des Cannabiskonsums auf den Magen-Darm-Trakt

Mehrere Studien haben bewiesen, dass Cannabis bei der Eindämmung der Krankheiten Morbus Crohn, IBD, IBS und der durch Krebs bedingten Symptome Anorexie und Kachexie (Appetitlosigkeit und Kräfteverfall) hilfreich sein kann. Es wird sogar vermutet, dass die ersten drei Erkrankungen die Folge eines klinischen Endocannabinoidmangels (CECD = Clinical endocannabinoid deficiency) seien, einer Krankheit, bei der der Körper des Patienten nicht genügend Cannabinoide oder Cannabinoidrezeptoren erzeugt, was auf Entwicklungsprobleme in utero (in der Gebärmutter) oder in der frühen Kindheit zurückzuführen ist.

Im Allgemeinen werden Cannabinoide mit der Linderung von Entzündungen im Magen-Darm-Trakt assoziiert, und es ist auch bekannt, dass sie die Darmbewegungen vermindern (hauptsächlich, um die Geschwindigkeit zu verringern, mit der die Stoffe den Darm durchqueren) und Flüssigkeitsabsonderungen aufgrund einer Entzündung eindämmen, was dazu beiträgt, Übelkeit zu lindern sowie Erbrechen und Durchfall zu verhindern.

Wie regt Cannabis den Appetit an?

Bei „normalen“ Menschen wird nagender Hunger durch einen leeren Magen ausgelöst. Dabei wird ein Hormon namens Ghrelin freigesetzt, das den Vagusnerv des Magen-Darm-Trakts stimuliert und entlang der Darm-Hirn-Achse zum Gehirn hinaufwandert. Dort erreicht es den Hypothalamus, wo die nagenden Hungergefühle ausgelöst werden.

THC aktiviert die Ghrelin-Rezeptoren, indem es Signale entlang der Darm-Hirn-Achse zu den Gehirnregionen sendet, die für die Auslösung der Hungergefühle verantwortlich sind (vor allem der Hypothalamus), und somit erzeugt es letztlich auch dann Hunger, wenn der Magen nicht leer ist.

Negative Effekte des Cannabiskonsums auf den Magen-Darm-Trakt

Auf der anderen Seite kann Cannabiskonsum manchmal auch unangenehme Verdauungsprobleme hervorrufen, und man nimmt außerdem an, dass er in extrem seltenen Fällen zu einigen schweren Erkrankungen führt. Für gewöhnlich tritt dieses Phänomen bei chronischen Cannabiskonsumenten auf, die über mehrere Jahre hinweg große Mengen konsumiert haben.

Der Hypothalamus ist für die Erzeugung der Hungergefühle verantwortlich
Der Hypothalamus ist für die Erzeugung der Hungergefühle verantwortlich

Obwohl Cannabiskonsum normalerweise mit einer Anregung des Appetits assoziiert wird, scheint er manchmal den entgegengesetzten Effekt zu haben, sodass es den Konsumenten schlecht wird und sie nicht mehr essen können. Andere, häufig von den Betroffenen genannte Symptome sind Bauchschmerzen, Übelkeit und gelegentlich auch Erbrechen. Zahlreiche Erfahrungsberichte in diversen Internetforen erwähnen diesen Effekt, doch die Richtigkeit dieser Aussagen ist offenbar noch nicht offiziell überprüft worden.

Viele Langzeit-Cannabiskonsumenten berichten dagegen, dass sie nicht essen können, wenn sie nicht Cannabis geraucht haben; in dem meisten Fällen verschwinden die Symptome jedoch etwa eine Woche nach Beendigung des Konsums, und der normale Appetit kehrt wieder zurück. Könnte es in solchen Fällen sein, dass starker Cannabiskonsum die normale Übertragung der Ghrelinsignale beeinträchtigt, sodass der Betreffende am Ende THC braucht, um den Ausfall des Ghrelins zu ersetzen?

Eine wesentlich kleinere, aber bedeutendere Gruppe von Konsumenten berichtet, sie könne überhaupt nichts essen, während sie Cannabis raucht, oder könne nur Speisen in kleineren Mengen als üblich vertragen. Das scheint der Intuition völlig zu widersprechen, da THC eigentlich die Ghrelinrezeptoren stimulieren und Hungergefühle hervorrufen sollte. Aber die große Zahl ähnlicher Berichte offenbart hier ein Phänomen, das es wert ist, untersucht zu werden.

Das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom

Dieser Effekt hängt wahrscheinlich mit einer seltenden Störung zusammen, die Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom genannt wird. Die wenigen Patienten, die Berichten zufolge daran erkrankten, bemühten sich um medizinische Behandlung, weil sie nach einer Periode des starken, lang anhaltenden Cannabiskonsums unter akutem Erbrechen und Übelkeit litten. Das veranlasste die Autoren der Fallstudien zu dem Schluss, dass Cannabis das Problem verursacht habe.

Zwar ist diese Krankheit umstritten und kaum erforscht, doch es gibt inzwischen etwa zwei Dutzend Fallberichte; alle stimmen in auffallend vielen Punkten überein, und auch Cannabis spielt in allen Fällen eine zentrale Rolle. So verursacht das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom ein immer wiederkehrendes Erbrechen sowie ein zwanghaftes Bedürfnis zu baden, im Bemühen, die Übelkeit und den Drang zum Erbrechen zu lindern. Und auch diese Symptome treten typischerweise bei langjährigen, starken Cannabiskonsumenten auf.

In den meisten Fallberichten wurde nicht versucht, den Mechanismus zu erklären, der dieser offensichtlich paradoxen Nebenwirkung des starken, langjährigen Cannabiskonsums zugrunde liegt. Aber zumindest eine Studie hat die These aufgestellt, dass das Syndrom auf einen Effekt von THC auf die Darmbewegung zurückzuführen sein könnte, der vermutlich potenziell zu einer verspäteten Magenentleerung führt.

Durch Cannabis bedingte, akute Pankreatitis

Ebenso wie das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom ist nun auch Cannabis mit einer Handvoll Fällen von akuter Pankreatitis in Verbindung gebracht worden – aber diese These ist ebenfalls nicht stichhaltig, denn die meisten Personen in den Fallberichten waren außerdem starke, langjährige Tabakraucher.

Zwanghaftes Duschen ist ein typisches Kennzeichen des Cannabinoid-Hyperemesis-Syndroms (AndYaDontStop)
Zwanghaftes Duschen ist ein typisches Kennzeichen des Cannabinoid-Hyperemesis-Syndroms (AndYaDontStop)

Jetzt gibt es rund ein halbes Dutzend Berichte über Patienten mit akuter Pankreatitis, für deren Erkrankung letztlich Cannabis verantwortlich gemacht wurde, da sie in der Zeit, bevor sie einen Arzt aufsuchten, starke Cannabiskonsumenten waren. In einem Fall wurde ein Patient mehrere Wochen lang beobachtet, und man fand schließlich heraus, dass sich sein Zustand immer dann verschlechterte, wenn er Cannabis geraucht hatte (was ihm Freunde insgeheim mitbrachten, als sie ihn im Krankenhaus besuchten).

Daher scheint Cannabis zumindest eine Rolle zu spielen, doch ebenso gut kann es sein, dass diese Patienten eine Vorerkrankung hatten, die durch den Cannabiskonsum verschlimmert wurde. Möglicherweise ist der Effekt aber auch von der Dosis abhängig, oder er beruht auf der Aktivität anderer Moleküle, die Signale übermitteln. In der Tat hat eine kürzlich durchgeführte Studie über Anandamidkonzentrationen bei Pankreatitis-Patienten herausgefunden, dass Anandamid den Schweregrad der Pankreatitis entweder vermindern oder steigern kann, je nachdem, ob es vor oder nach der Gabe von Cerulein verabreicht wurde; Cerulein ist ein Hormon des Magens, das bekanntermaßen auch Darmbewegungen und Flüssigkeitssekretionen beeinflusst.

Warum verursacht Cannabis bei manchen Menschen Verdauungsprobleme?

Es ist unklar, warum manche Menschen über diese anscheinend widersprüchlichen Auswirkungen des Cannabiskonsums berichten, und es ist nicht bewiesen, dass Cannabis die Effekte tatsächlich verursacht hat. Allerdings deutet die schiere Menge der Erfahrungsberichte darauf hin, dass der Cannabiskonsum irgendwie mit dem Phänomen zusammenhängt.

Bei der weiteren Untersuchung könnte man an die These der Vorerkrankungen anknüpfen. Diese können Verdauungsprobleme hervorrufen, die durch den Cannabiskonsum eventuell verschlimmert werden. Beispielsweise weiß man, dass chronischer Stress bei vielen Patienten zu Appetitlosigkeit führt, die auch häufig mit Cannabis behandelt wird. Bei vielen Erfahrungsberichten, die über Appetitlosigkeit in Verbindung mit starkem Cannabiskonsum klagen, spielen Stresssymptome tatsächlich eine Rolle; darüber hinaus ist bekannt, dass sowohl Cannabiskonsum als auch chronischer Stress die Produktion und Übertragung des „Hungerhormons“ Ghrelin verändern können.

Abgesehen von den offenkundigen Gesichtspunkten Dosis, Konsistenz und Dauer des Cannabiskonsums (und den etwas weniger offenkundigen Wechselwirkungen und Beziehungen zwischen den Myriaden von Darmorganismen wie Ghrelin und Cerulein) könnte es sich durchaus herausstellen, dass letztlich genetische Unterschiede zwischen den Menschen darüber entscheiden, wie wahrscheinlich es ist, dass sich der Cannabiskonsum negativ auf die Regulierung des Appetits auswirkt. Oftmals kann schon eine Mutation eines einzigen Gens Erfahrungen bei einem Menschen bewirken, die das Gegenteil von dem darstellen, was als „normal“ gilt.

Möglicherweise werden die potenziell negativen Effekte von Cannabis von den Betroffenen ab und zu auch heruntergespielt. Und zwar aus Angst vor Verurteilung oder Bestrafung, vor allem in Gesellschaften, in denen Cannabis nach wie vor illegal ist; aber es kann auch am allgegenwärtigen Trend zum blinden Glauben an die heilenden Eigenschaften von Cannabis liegen, der dazu führt, dass einfach alles geleugnet wird, was diesem Argument widerspricht.

Deshalb ist es umso wichtiger ist es, dass wir uns von dieser Tendenz distanzieren und ein unvoreingenommenes Bild des wahren Potenzials von Cannabis präsentieren, ohne seine Grenzen und Gegenindikationen zu verschweigen.

Cannabis besitzt auf jeden Fall zahlreiche bemerkenswerte Eigenschaften, aus denen sich breit gefächerte medizinische Anwendungsmöglichkeiten ergeben, aber es ist einfach unredlich zu behaupten, dass es absolut keine unerfreulichen, schwächenden Nebenwirkungen bei manchen Menschen auslösen könne. Im Allgemeinen sind diese Nebenwirkungen jedoch milder Natur; und wenn sie gelegentlich in schwerwiegender Form auftreten, dann offenbar nur bei einem Bruchteil der Konsumenten, verglichen mit der Gesamtzahl der Menschen, die regelmäßig ohne jegliche Beschwerden Cannabis konsumieren, sei es zur Entspannung oder aus medizinischen Gründen.

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