Cannabis, Kognitive Verbesserungen und Kultur, Teil I

Nach mehr als 80 Jahren einer fast weltweiten Prohibition wird unser Denken über Marihuana und seine bewusstseinsverändernden Effekte größtenteils von Angst, Ignoranz und Desinformation beherrscht. Es gibt noch Dutzende von Mythen, die über die negativen Effekte von Marihuana zirkulieren, Mythen, die seit Jahrzehnten gezielt erschaffen und verbreitet werden. Viele Aktivisten haben versucht, gegen diese Mythen zu argumentieren, um den Gebrauch von Marihuana zu legalisieren; aber sogar viele dieser liberal gesonnener Aktivisten schämen sich, das positive Potenzial von Marihuana zu erwähnen, was seine bewusstseinsverändernden Eigenschaften betrifft. Das ist sicher auch eine strategische Entscheidung. Politische Argumente stützen sich für gewöhnlich auf die unglaubliche Nützlichkeit von Cannabis als Medizin, oder darauf, dass die Prohibition für unsere ganze Gesellschaft katastrophale Folgen hat. Ich verstehe die Strategie; beide Argumentationslinien sind richtig. Dennoch denke ich, dass wir nicht mehr still bleiben sollten, was die positiven bewusstseinsverändernden Wirkungen von Marihuana betrifft. Seit Tausenden von Jahren haben viele Kulturen Cannabis nicht nur für Nahrung, Kleidung, für medizinische und viele andere Zwecke verwendet, sondern auch dessen bewusstseinsveränderndes Potenzial geschätzt. Die frühe kulturelle Geschichte Indiens zum Beispiel ist stark vom Gebrauch von Haschisch zu bewusstseinsverändernden Zwecken beeinflusst. Viele Sadhus in Indien haben Haschisch seit Jahrhunderten verwendet, um näher an ihren Gottheiten in ihren Meditationen zu kommen. Im Sanskrit gibt es viele Name für Cannabis, die es alle loben: Vijaya und jaya, (“siegreich”), virapattra (“Das Blatt für Helden”), capala (“das leichtherzige”), ananda (“das freudige”), vakpradatava (“das, das die Sprache gibt”), medhakaritva (“Anregung zur mentaler Kraft”). Es ist Zeit, das Thema offen anzusprechen und über das bewusstseinsverändernde Potential von Marijuana zu sprechen. Was genau ist das positive Potenzial des Marihuanas Highs als ein veränderter Bewusstseinszustand? Wie kann ein High verwendet werden, um verschiedene kognitive Prozesse und Tätigkeiten zu bereichern? Wie viel kann dies für Nutzer bedeuten? Und welchen positiven Einfluss hatte der Gebrauch (nicht der Missbrauch) Marihuanas für verschiedene kognitive Verbesserungen bereits auf die menschliche Kultur und Geschichte?


“(…) denn die tatsächliche Erfahrung des gerauchten Krauts geriet außer Sicht durch den Nebel der schmutziger Sprache herablassender Schwindler, die die Erfahrung nie gemacht haben und doch darauf beharren, Zentren der Propaganda über Erfahrung zu sein”

Allen Ginsberg, amerikanischer Dichter, 1926-1997

Eine verzerrte und falsch informierte Perspektive auf Marihuana

Nach mehr als 80 Jahren einer fast weltweiten Prohibition wird unser Denken über Marihuana und seine bewusstseinsverändernden Effekte größtenteils von Angst, Ignoranz und Desinformation beherrscht. Es gibt noch Dutzende von Mythen, die über die negativen Effekte von Marihuana zirkulieren, Mythen, die seit

Allen Ginberg
Allen Ginberg

Jahrzehnten gezielt erschaffen und verbreitet werden. Viele Aktivisten haben versucht, gegen diese Mythen zu argumentieren, um den Gebrauch von Marihuana zu legalisieren; aber sogar viele dieser liberal gesonnener Aktivisten schämen sich, das positive Potenzial von Marihuana zu erwähnen, was seine bewusstseinsverändernden Eigenschaften betrifft. Das ist sicher auch eine strategische Entscheidung. Politische Argumente stützen sich für gewöhnlich auf die unglaubliche Nützlichkeit von Cannabis als Medizin, oder darauf, dass die Prohibition für unsere ganze Gesellschaft katastrophale Folgen hat. Ich verstehe die Strategie; beide Argumentationslinien sind richtig. Dennoch denke ich, dass wir nicht mehr still bleiben sollten, was die positiven bewusstseinsverändernden Wirkungen von Marihuana betrifft.

Seit Tausenden von Jahren haben viele Kulturen Cannabis nicht nur für Nahrung, Kleidung, für medizinische und viele andere Zwecke verwendet, sondern auch dessen bewusstseinsveränderndes Potenzial geschätzt. Die frühe kulturelle Geschichte Indiens  zum Beispiel ist stark vom Gebrauch von Haschisch zu bewusstseinsverändernden Zwecken beeinflusst. Viele Sadhus in Indien haben Haschisch seit Jahrhunderten verwendet, um näher an ihren Gottheiten in ihren Meditationen zu kommen. Im Sanskrit gibt es viele Name für Cannabis, die es alle loben: Vijaya und jaya, (“siegreich”), virapattra (“Das Blatt für Helden”), capala (“das leichtherzige”), ananda (“das freudige”), vakpradatava (“das, das die Sprache gibt”), medhakaritva (“Anregung zur mentaler Kraft”).[1]

Es ist Zeit, das Thema offen anzusprechen und über das bewusstseinsverändernde Potential von Marijuana zu sprechen. Was genau ist das positive Potenzial des Marihuanas Highs als ein veränderter Bewusstseinszustand? Wie kann ein High verwendet werden, um verschiedene kognitive Prozesse und Tätigkeiten zu bereichern? Wie viel kann dies für Nutzer bedeuten? Und welchen positiven Einfluss hatte der Gebrauch (nicht der Missbrauch) Marihuanas für verschiedene kognitive Verbesserungen bereits auf die menschliche Kultur und Geschichte?

Marihuana für kognitive Verbesserungen

Ich habe in meinen zwei Büchern über das Marijuana High[2]  argumentiert, dass es zu verschiedenen systematischen Änderungen im Denken und in der Wahrnehmung führen kann, die von erfahrenen Benutzern zu verschiedenen Zwecken positiv verwendet werden. Ich habe versucht, zu einem besseren Verstehen vieler kognitiven Verbesserungen beizutragen, die von unzähligen Nutzern in der Geschichte

Sadhu
Sadhu

immer wieder beschrieben worden sind: eine Hyperfokussierung der Aufmerksamkeit und ein verstärktes Gefühl, im Hier-und-Jetzt zu sein; eine Intensivierung von Sinneserfahrungen, die oft viel analytischer in feineren Nuancen erlebt werden; eine Verbesserung des episodischen Gedächtnisses und unserer Fähigkeit zur Imagination; ein assoziatives Rasen von Gedanken, verbessertes kreatives Denken und eine verstärke Fähigkeit der Erkennung verschiedenster Muster; eine Verbesserung der Fähigkeit zur Introspektion bestimmter körperlicher Zustände, aber auch der Fähigkeit, zu besonderen introspektiven Urteilen über die eigene Stimmung und den eigenen Charakter zu kommen; die  Verbesserung des empathischen Verstehens anderer Menschen sowie eine allgemein verbesserten Fähigkeit, spontan Ideen und tiefe Einsichten in den verschiedensten intellektuellen Bereichen zu generieren.

 ‚Set‘ und ‚Setting‘ und die ‚Robustheit‘ kognitiver Effekte

Wie Timothy Leary und andere betont haben, hängt das Marijuana High (wie auch psychedelische Zustände, die durch Substanzen wie LSD oder Psylopsibin hervor gerufen werden) vom ‚Set‘ und dem ’setting‘ des Benutzers ab, wobei das ‚Set‘ für ihn Vorbereitung des Benutzers steht, aber auch die Persönlichkeitsstruktur und Stimmung des Subjekts mit einschließt. Das “setting” ist die physische Umgebung des Gebrauches, aber auch die soziale Umgebung, also andere Menschen, die während der Erfahrung in der Nähe sind, und die kulturelle Umgebung.[3]

Einige der grundlegenden kognitiven Veränderungen während eines Highs sind robuster und nicht so stark abhängig von set und setting, wie zum Beispiel die Hyperfokussierung der Aufmerksamkeit und die Intensivierung verschiedener Sinneserfahrungen. Andere, komplexere kognitive Fähigkeiten während eines High sind stärker vom Set und Setting abhängig. Du wirst wahrscheinlich keine wertvolle introspektive Einblicke bekommen, wenn Du Dich währed des Highs allein damit beschäftigst, Ego-Shooter zu spielen. Ich habe deshalb immer betont, dass kognitive Verbesserungen während eines Highs nicht automatisch erfolgen; Marihuana hat das Potenzial, um zu vielen Verbesserungen zu führen, aber es benötigt Sachkenntnisse und Fähigkeiten, um besonders komplexe kognitive Fähigkeiten zu verbessern, wie zum Beispiel die Fähigkeit zur Introspektion, zum empathischen Verstehen, oder der Fähigkeit, spontan tiefe Einsichten. Dazu ist wichtig, dass Nutzer ihre Umgebung sorgfältig wählen, und sie müssen gelernt haben, mit welcher Dosierung welche Cannabis-Pflanzensorte bei einer bestimmten Stimmung für welche Art von Tätigkeit hilfreich sein kann.

Die vielen positiven Verwendungen des Marihuanas Highs

Unzählige Marihuana-Nutzer in der Geschichte haben es geschafft, sich Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, um Marihuana unter bestimmten Verhältnissen für viele verschiedene bewusstseinsverändernden Verwendungen positiv zu nutzen. In den aktuellen Diskussionen über die verschiedenen Gebrauchsweisen von Marihuana wird diese Art von Gebrauch Gebrauch häufig unter der Kategorie “Entspannung  (recreational)”, oder als “inspirativ (inspirational)” zusammengefasst. Meiner

Timothy Leary, Amerikanischer Harvard Psychologe, 1920-96
Timothy Leary, Amerikanischer Harvard Psychologe, 1920-96

Ansicht nach geben diese Begriffe kaum das riesige Spektrum des von Marihuana-Nutzern berichteten Gebrauches wieder. Natürlich schätzen viele Nutzer Marihuana zur Entspannung und einfach, um Spaß zu haben; ich möchte diese Verwendungen nicht  herabsetzen, da sie für viele bestimmt äußerst wichtig und bereichernd sind. Außerdem verwenden Künstler, Schriftsteller, Musiker und andere Marihuana zu “inspirativen” Zwecken, um Kunst zu erzeugen, die Wahrnehmung einer Landschaft zu genießen, oder alle Arten von Ideen zu generieren. Auch diese Art des Gebrauches ist unglaublich wichtig und hat vielen geholfen, ihre Kunst zu entwickeln, als Person zu wachsen, oder wertvolle Ideen in vielen Bereichen ihrer Leben zu bekommen. Aber wenn wir einen näheren Blick darauf werfen, wie so viele Nutzer es geschafft haben, ein Marihuana High in ihre Leben zu integrieren und auf so unglaubliche viele positive Weisen zu verwenden, wird klar, dass “Entspannung” und “Inspiration” nur einen kleinen Teil des bewusstseinsverändernden Potenzials dieser Pflanze benennen.

 

Während meiner Forschung in den letzten zehn Jahren habe ich Hunderte von Berichten von Cannabis-Nutzern für ein ganzes Spektrum von positiven kognitiven Effekten gelesen. Viele Nutzer berichten, wie das Marihuana High sie ins “Hier – und Jetzt” des Erlebens bringen kann; sie erklären, wie sie sich stärker mit anderen verbunden fühlen und wieder einen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen bekommen,  wie ihr High zu einem besseren Verstehen ihrer Kinder und ihrer Partner oder Schüler führte, wie es zu tiefen Gesprächen und Familienheilung geführt hat. Sie nehmen  neue Nuancen und Aspekte in einem Kunstwerk wahr oder erweitern während eines Highs plötzlich ihren musikalischen oder künstlerischen Horizont. Zahlreiche Benutzer schätzen die Fähigkeit, während eines Highs in der Erinnerung zurück zu reisen, Erfahrungen noch einmal zu durchleben und wieder zum Kind zu werden, welches sie einst waren; viele erzählen, wie ihnen ein High half, spontan Ideen für eine  Problemlösung zu finden oder wie es ihnen geholfen hat, sie von der Alkoholsucht oder von anderen Süchten zu befreien. Andere berichten detailliert, wie ihnen Marijuana half, Sex auf viele Arten mehr zu genießen und bessere, empathischere Liebhaber zu werden. Manche konzentrieren sich während eines Highs besser bei der Arbeit, werden kreativ beim Kochen, sie verwenden einen High, um Muster in der Musik zu erkennen.Sie finden introspektiv Muster in der Art und Weise, wie sie ihre Ehe führen, wie sie Schach spielen, oder mit welch steifem Schritt sie gehen – und diese neue Perspektive erlaubt ihnen oft schlechte oder eingefahrene Gewohnheiten für immer zu ändern. Sie verwenden die verlangsamte Zeitwahrnehmung, um in einem scheinbar unendlich gedehnten Moment der Seligkeit in warmem Mineralwasser zu schwimmen. Ein Analphabet beschreibt, wie ein High ihm zum ersten Mal half, ganze Sätze zu verstehen, während viele andere beschreiben, wie sie während eines Highhs eine Fremdsprache besser verstehen oder sprechen. Im zweiten Teil dieses Aufsatzes werde ich verschiedene prominente Marihuana-Nutzer nennen, um ein Licht darauf zu werfen, wie wichtig der positive Gebrauch von Marihuana für diese,  ihr Denken und ihre Arbeit war – und durch sie und ihr Werk, Millionen von Menschen positiv beeinflusste.

 

Footnotes

1.Vergleiche Jonathan Green (2002), Cannabis, Thunder’s Mouth Press, New York, S.48

2.Vergleiche Sebastian Marincolo (2010), High. Insights on Marijuana, Dog Ear Publishing, Indianapolis and Sebastian Marincolo (2013) High. Das positive Potential von Marijuana. Tropen, Stuttgart

3.Timothy Leary, Ralph Metzner, Richard Alpert (1964/1992), The Psychedelic Experience. A Manual Based on the Tibetian Book of the Dead. Citadel Press, Kensington

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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