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Marihuana und verlangsamte Zeitwahrnehmung

Das Phänomen der verlangsamten Zeitwahrnehmung während eines Highs ist eine der bestbekanntesten Wirkungsweisen von Marihuana – berüchtigt für manche, von anderen aber sehr wertgeschätzt.


Oh! Greif mich nicht mit deiner Uhr an! Eine Uhr ist immer zu schnell oder zu langsam. Ich kann mich nicht von einer Uhr tyrannisieren lassen!“

Jane Austen, Mansfield Park
English Novelist (1775-1817)

Fortgerissen von einem Gedankenstrom – Charles Baudelaire

Natürlich kann man diese „Verzerrungen“ der Zeitwahrnehmungen nur als Risiken für Marihuana-Gebraucher ansehen – und es ist sicherlich wahr, dass diese Wahrnehmungsveränderungen gefährlich sein können, zum Beispiel, wenn man ein Auto fährt. Auf der anderen Seite schätzen viele Nutzer von Marihuana gerade diese Veränderungen.

Es gibt detaillierte Berichte über diese Verlangsamung der Zeitwahrnehmung bereits von Mitgliedern „Club des Haschaschins“ („Haschisch-Clubs“), einer Gruppe französischer Intelektueller, der in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Paris gegründet wurde, um die bewusstseinsverändernden Wirkungsweisen von Marihuana zu erforschen. Die Mitglieder dieses Clubs nahmen große Mengen von Haschisch Marmelade zu sich, so dass es kaum verwunderlich ist, dass vielen von ihnen dieses Phänomen bekannt war, welches sich besonders bei größerer Dosierung zeigt. Charles Baudelaire, einer der Gründer des Clubs, schrieb darüber:

...ein neuer Strom von Gedanken wird dich davon reißen: für eine weitere Minute zieht er dich weiter in seinen lebendigen Wirbeln; und auch diese Minute wird zu einer Ewigkeit, da die normale Relation zwischen Zeit und dem Individuum vollkommen durcheinander geraten ist durch die Vielfalt und die Intensität der Eindrücke und Ideen. Du scheinst die Leben vieler Menschen im Raum einer Stunde zu durchleben.“1

 

Marihuana und verlangsamte Zeitwahrnehmung
Das Hôtel de Lauzun in Paris, Treffpunkt des „Club des Haschashins“.

Baudelaire’s Aussage weist uns bereits auf zwei der Wirkungsweisen von Marihuana hin, von denen ich glaube, dass sie relevant für den subjektiven Effekt der verlangsamten Zeitwahrnehmung sind. Er beschreibt, was eine Freundin von mir einmal „mindracing“ („Gedankenrasen“) während eines Highs nannte: „ein Strom von Gedanken … wird dich davon reißen … vollkommen durcheinander geraten (…) durch die Vielfalt und die Intensität der Eindrücke und Ideen.“ Baudelaire bemerkt auch die Intensität der Eindrücke und der Ideen, die „dich davon reißen.“ Dieser Effekt kommt von dem, was ich die Hyperfokussierung der Aufmerksamkeit unter Marihuana genannt habe. Während eines high fokussiert sich unsere Aufmerksamkeit sehr stark auf Eindrücke, Gedanken, Erinnerungen oder Imaginationen und wir vergessen dabei oft, was dabei um uns herum vorgeht. Wir kennen den ähnlichen wenn auch subtileren Effekt aus dem Alltag: schließt Du die Augen, um dich auf den Geschmack von Eiscreme zu konzentrieren, die gerade auf deiner Zunge zergeht, wird der Geschmack intensiver sein und du wirst auch mehr Details in den Geschmacksnoten erleben. Ein forcierter Fokus der Aufmerksamkeit bring immer mehr Intensität des Erlebnisses mit sich, worauf wir uns konzentrieren.

In der Ewigkeit: Fitz Hugh Ludlow

 In seinem berühmten Buch „The Hasheesh Eater“ (1857) gab uns der amerikanische Autor Fitz Hugh Ludlow eine noch detailliertere Beschreibung der Verlangsamung der Zeitwahrnehmung während eines Highs. Wie Baudelaire nahm auch Ludlow große Mengen Haschischs auf einmal zu sich und war dementsprechend vollkommen absorbiert von seinen intensiven Imaginationen und Gedankenströmen während seines Highs:

Mir kam der Gedanke, dass ich meine Zeit mit der anderer Menschen vergleichen sollte. Ich betrachtete meine Uhr und sah, dass der Minutenzeiger auf Viertel nach Sieben stand, steckte sie in Tasche zurück und gab mich wieder meinen Reflexionen hin. Jetzt sah ich mich als einen gefangenen Gnom (…) in einer Höhle „unter den Wurzeln des Ozenans.“ Hier (…) war ich dazu verdammt, die Laterne zu halten, die die Dunkelheit dieses Abyss‘ beleuchtete, während allein mein Herz wie eine gigantische Uhr die verbleibenden Jahre meines Lebens vorbei ticken ließ. Jetzt, als diese Halluzination verschwand, hörte ich in der Einsamkeit der Nacht draußen die Klänge der wundersamen wogenden See. In einer unvergleichlichen Kadenz rollten die Wogen bis an das Gebäude; (…) Jetzt marschierte eine bewaffnetes Heer im Gleichschritt durch die Straße. Allein ihr schweres Auftreten und das Knirschen ihrer ehernen Korsette brach die Stille (…). Und jetzt, in einem anderen Leben, erinnerte ich mich an die Tatsache, dass ich weit zurück in der Vergangenheit auf meine Uhr gesehen hatte, um die Zeit zu messen, die vergangen war. Die Uhr musste stehen geblieben sein; Ich hielt sie an mein Ohr, nein, sie ging immer noch. Ich war durch all diese unermesslich langen Träume in dreißig Sekunden gereist. „Mein Gott!“ schrie ich, „Ich bin in der Ewigkeit.“2

Marihuana und verlangsamte Zeitwahrnehmung
„Haschisch Raucher“ von Gaetano Previati, 1887.

Mindracing, Hyperfokussierung, und Assoziative Sprünge

Wie bei Baudelaire auch können wir bei Ludlow sehen wie sein Bewusstsein rast. Er geht durch so viele assoziative Ketten und detaillierte Vorstellungen, dass er das Gefühl hat, es hätte seit Beginn seines Tagtraumes eine lange Zeit vergehen müssen, da er normalerweise Stunden bräuchte, um durch solch detaillierte Vorstellungen zu gehen – die aber tatsächlich nur 30 Sekunden dauerten. Wie Baudelaire beschreibt auch Ludlow, dass er völlig von seinem Gedanken absorbiert ist; in anderen Worten, er hyperfokussiert auf einen inneren Gedankenstrom und kann deshalb seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf andere Prozesse richten, die sich in der Realität um ihn herum abspielen. Sowohl das Rasen seiner Gedanken als auch der Hyperfokus der Aufmerksamkeit werden in Lludlows Aussage über den radikalen Effekt der verlangsamten Zeitwahrnehmung genau beschrieben.

Ludlow’s Geschichte aber fügt einen weiteren Aspekt zu Baudelaire’s Bericht hinzu: Seine illustre assoziative Kette von Imaginationen ist nicht nur detailliert und lang, sondern auch sprunghaft. Er springt von einer Vorstellung zur anderen. Diese ungewöhnlichen assoziativen Sprünge, die immer wieder für ein High beschrieben werden, führen wohl noch mehr zu dem subjektiven Gefühl, dass er gedanklich eine sehr lange Strecke in sehr kurzer Zeit zurück gelegt hat, viel länger als als er es für gewöhnlich in 30 Sekunden tun würde.

Gemäß den Berichten von Ludlow und Baudelaire also könnte der Effekt der verlangsamten Zeitwahrnehmung daraus resultieren, dass man während eines High auf einen ungewöhnlich beschleunigten Gedankenstrom hyperfokussiert, der oft von sprunghaften Gedanken und Assoziationen geprägt ist.

Die Nutzung des Effekts der verlangsamten Zeitwahrnehmung

Diese Darstellung der verlangsamten Zeitwahrnehmung während eines Highs könnte erklären, warum viele Nutzer von Marihuana diesen Effekt so sehr schätzen. Mit einem beschleunigten und konzentrierten Bewusstsein können sie besser die subtilen Details von Wahrnehmungen erleben, als würden diese in Zeitlupe präsentiert. Für sie ist die subjektive Verlangsamung ihrer Zeitwahrnehmung nicht bloß eine perzeptuelle Verzerrung, sondern eine echte kognitive Verbesserung. Sicherlich kann dieser effekt auch für Entspannung genutzt werden, hauptsächlich um den immer schneller werdenden Routinen unseres Alltagslebens zu entkommen und im Hier und Jetzt zu sein. Viele aber mögen diesen Effekt vor allem, um die raren momente eines großen Geschmackserlebnisses von Wein mit mehr Nuancen und Subtilität zu erleben, um dem schier unendlich komplexen und beruhigenden Geräusch von Wellen zu lauschen, die nachts auf einem Strand versickern, oder um auf eine scheinbar unendlich währende Reise beim gemeinsamen Liebesspiel zu gehen.

1Charles Baudelaire, “Le Poème du Haschisch”, in: Artificial Paradises, Citadel, 1998)

2Ludlow, Fritz Hugh (1857/2009). The Hasheesh Eater: Being Passages from the Life of a Pythagorean. Chapter II: “Under the shadows of Esculapius.” http://www.lycaeum.org/nepenthes/Ludlow/THE/index.html

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.