Cannabis und Essstörungen

Seit Jahrtausenden ist Cannabis als appetitanregendes und den Genuss von Speisen förderndes Mittel bekannt, und dementsprechend wurde es lange Zeit zur Behandlung von Anorexie (Magersucht) und ähnlichen Essstörungen verwendet. Jetzt hat die moderne Forschung herausgefunden, dass es einen wesentlich engeren Zusammenhang zwischen dem Endocannabinoidsystem und Erkrankungen wie Anorexie gibt, als bisher vermutet wurde.


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Seit Jahrtausenden ist Cannabis als appetitanregendes und den Genuss von Speisen förderndes Mittel bekannt, und dementsprechend wurde es lange Zeit zur Behandlung von Anorexie (Magersucht) und ähnlichen Essstörungen verwendet. Jetzt hat die moderne Forschung herausgefunden, dass es einen wesentlich engeren Zusammenhang zwischen dem Endocannabinoidsystem und Erkrankungen wie Anorexie gibt, als bisher vermutet wurde.

Studien über Cannabis als Behandlungsmethode für Essstörungen

Zwar ist Cannabis jahrzehntelang als potenzielle Behandlungsmethode für Anorexie und damit verwandte Essstörungen erforscht worden, doch die Ergebnisse  waren nicht immer ermutigend. Eine frühe Doppelblind-Crossover-Studie, die 1983 veröffentlicht wurde, verglich den Effekt von THC auf den Appetit von Anorexie-Patienten mit dem eines wirksamen Placebos namens Diazepam   und stellte fest, dass die Verabreichung von THC nicht zu einer vermehrten Kalorienaufnahme oder Gewichtszunahme führte, und dass es außerdem bei mehreren Patienten „signifikante psychische Störungen“ verursachte.

Allerdings ergab eine neuere Doppelblind-Crossover-Studie, dass das synthetische THC-Gegenstück Dronabinol zu einer „kleinen, aber signifikanten“ Gewichtszunahme bei weiblichen Anorexie-Patienten führte, verglichen mit dem Placebo. Negative psychotrope Effekte wurden nicht beobachtet.

Mehrere Studien zu Anorexie-ähnlichen Verhaltensmustern in der Tierwelt  kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Verabreichung von THC oder anderen Cannabinoidrezeptoragonisten eine Zunahme des Gewichts und des Appetits bei den Versuchstieren auslöste. Eine Studie fand heraus, dass die tägliche Verabreichung von 0,5 mg THC bei Mäusen mit künstlich herbeigeführter, aktivitätsbasierter Anorexie in der Testgruppe „zu einer sinkenden Überlebensrate“ führte, dass die Überlebenden aber mehr Nahrung aufnahmen. Die tägliche Verabreichung des synthetischen Anandamid-Gegenstücks OMDM-2 (3 mg/kg) bewirkte allerdings eine erhöhte Nahrungsaufnahme, ohne die Überlebensrate insgesamt zu beeinträchtigen. Die Nahrungsaufnahme reichte jedoch nicht aus, um den Gewichtsverlust rückgängig zu machen.

Cannabis als appetitanregendes Mittel

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Essstörungen können sehr schwerwiegend sein und sogar tödlich enden (© S)

Auch wenn bisher nur wenige Studien speziell den Effekt von Cannabis auf den Appetit von Anorexie-Patienten erforscht haben, liegen bereits mehrere Studien über den Effekt von Cannabis und von Cannabinoiden auf die Form der Anorexie vor, die bei Personen auftreten kann, die unter bestimmten schweren Krankheiten wie Krebs, AIDS oder Hepatitis leiden.

So hat zum Beispiel 1994 eine Phase II-Studie über den Effekt von THC auf den Appetit von Krebspatienten ergeben, dass dreizehn von achtzehn Versuchspersonen über eine Verbesserung des Appetits nach der Einnahme von THC berichteten, ohne dass signifikante schädliche Nebenwirkungen aufgetreten sind. Aufgrund dieses Befundes wurde Cannabis als effektives und sicheres appetitanregendes Mittel für Krebspatienten eingestuft. Doch eine neuere klinische, Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie, die 2006 stattfand, entdeckte weder bei Cannabisextrakt noch bei THC im Vergleich zu einem Placebo signifikante Unterschiede in Bezug auf die Lebensqualität.

Auch wenn die diversen Studien zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sind, ist unbestritten, dass das Endocannabinoidsystem bei der Steuerung des Appetits und der Ernährung eine bedeutende Rolle spielt. Die oben erwähnten neueren Studien haben den Forschern ein genaueres Verständnis der grundlegenden Mechanismen des Endocannabinoidsystems und seiner weitreichenden Bedeutung für die Regulierung von lebenswichtigen biologischen Prozessen wie Appetit, Nahrungsaufnahme und Sättigung ermöglicht.

Das EC-System und die Regulierung der Nahrungsaufnahme

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Essstörungen haben vermutlich nicht nur psychologische, sondern auch genetische Ursachen (© S)

In dem Maße, wie unser Wissen über das Endocannabinoidsystem zunimmt, beginnt sich dessen Funktion bei der Entwicklung und Steuerung von Krankheiten wie Anorexie immer deutlicher abzuzeichnen.

Eine im Jahr 2005 veröffentlichte Studie wies nach, dass Personen, die unter Anorexie oder einer Binge-Eating-Störung leiden, signifikant erhöhteKonzentrationen des endogenen Cannabinoids Anandamid im Blut hatten, wohingegen -Patienten mit Bulimia nervosa normale Blutwerte aufwiesen. Außerdem beobachteten die Forscher, dass die Anandamidkonzentrationen umgekehrt mit dem Gehalt an Ghrelin zusammenhingen; einem weiteren Molekül, das bei der Regulierung des Appetits und der Nahrungsaufnahme eine wesentliche Rolle spielt.

Der Zusammenhang zwischen dem Botenstoff Ghrelin und dem Endocannabinoidsystem ist ausgiebig erforscht worden, und man hat festgestellt, dass THC bei Krebspatienten, die eine Chemotherapie erhalten,als effektiver Ersatz für Ghrelin fungieren kann. Ghrelin hat die Aufgabe, das periphere Nervensystem und letztlich das Gehirn zu stimulieren, um Hungergefühle zu erzeugen, wenn der Magen leer ist.  Wenn Ghrelin aus irgendeinem Grund fehlt (beispielsweise hemmen bestimmte Medikamente bei Chemotherapie-Patienten die Freisetzung von Ghrelin), spürt der Patient selbst bei einem leeren Magen keinen Hunger und kann daher magersüchtig werden.

Wenn man davon ausgeht, dass Anandamid in vieler Hinsicht dieselben biologischen Funktionen erfüllt wie THC, wird auch verständlich, dass überhöhte Anandamidkonzentrationen Patienten mit einer Binge-Eating-Störung zu exzessivem Essen verleiten.    Es ist jedoch unklar, warum Anorexie-Patienten mit ähnlich überhöhten Anandamidkonzentrationen keine Esslust verspüren (oder dieser widerstehen können).

Könnte Anorexie durch ein gestörtes EC-System verursacht werden?

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CBD-reicher Hanf ist in China jahrhundertelang als Appetitzügler verwendet worden (© twicepix)

Man nimmt heute an, dass das Endocannabinoidsystem nicht nur fundamentale Bedeutung für die Regulierung des Appetits und der Nahrungsaufnahme hat, sondern dass auch Anorexie und ähnliche Erkrankungen durch ein gestörtes Gleichgewicht dieses Systems ausgelöst sein könnten, das eventuell mithilfe gezielter Cannabinoidtherapien korrigiert werden kann.

In einer kürzlich durchgeführten Studie haben die Forscher die Gehirne von gesunden Frauen mithilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) mit denen von Anorexie- und Bulimiepatientinnen verglichen. Sie fanden heraus, dass Anorexie-Patientinnen einen signifikanten, allgemeinen Anstieg der CB1-Rezeptordichte in den kortikalen und subkortikalen Regionen des Gehirns aufwiesen, während die Bulimie- und die Anorexie-Patientinnen eine signifikant erhöhte CB1-Rezeptordichte in einer anderen Gehirnregion zeigten, die Inselkortex genannt wird. Außerdem wurde festgestellt, dass die Konzentrationen der natürlich vorkommenden Endocannabinoide sowohl bei den Bulimie- als auch bei den Anorexie-Patientinnen signifikant niedriger waren, insbesondere im Inselkortex.

Die Forscher schlossen daraus, dass der allgemeine Anstieg der CB1-Rezeptordichte bei den Anorexie-Patientinnen ein kompensatorischer Mechanismus für eine Unterfunktion des Endocannabinoidsystems sein könnte. Sie bemerkten auch, dass der Anstieg der CB1-Rezeptordichte im Inselkortex bei den Bulimie- und Anorexie-Patientinnen wahrscheinlich mit einer Störung des Belohnungssystems zusammenhängt, da der Inselkortex bekanntlich einen maßgeblichen Anteil an diesen Prozessen hat.

Zudem haben mehrere Studien die Möglichkeit untersucht, dass mit dem Endocannabinoidsystem zusammenhängende Genmutationen die Betroffenen anfälliger für Essstörungen wie Anorexie machen könnten.  So kam eine 2009 veröffentlichte Studie zu dem Schluss, dass ein Einzelnukleotid- Polymorphismus im CNR1-Gen, das die Ausbildung des Cannabinoidrezeptors Typ I kodiert, sowie ein zweiter Polymorphismus in einem Gen, das die Produktion des Anandamid abbauenden Moleküls FAAH kontrolliert, zu der biologischen Anfälligkeit für Anorexie und Bulimie beitragen könnten.

Cannabiskonsum bei Anorexie-Patienten

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Unter Anorexie leidende Frauen neigen eher zum Konsum von Cannabis, Alkohol und Tabak als die Bevölkerung im Allgemeinen (© shjauzmn

Mehrere Studien haben das Ausmaß des Drogenkonsums und -missbrauchs bei Menschen berechnet, die unter Essstörungen leiden, und kamen zu dem Ergebnis, dass sie überdurchschnittlich viel Cannabis konsumieren; allerdings gilt dies auch für Alkohol, Tabak und viele andere Substanzen.    Cannabis ist die illegale Droge, über deren Konsum Menschen mit Essstörungen am häufigsten berichten, was allerdings kaum verwunderlich ist, da es schließlich auch global die am häufigsten konsumierte illegale Droge ist.

Es liegen keine Studien über das Risiko vor, dass Cannabiskonsum Anorexie hervorrufen oder es den Erkrankten erleichtern könnte, sich dem Hungern hinzugeben, aber es gibt Hinweise darauf, dass Cannabis unter bestimmten Umständen den Appetit unterdrücken kann. In der Tat wurde Cannabis in China jahrhundertelang als Appetitzügler verwendet.

Doch Studien deuten darauf hin, dass dieser Effekt von hohen CBD- oder THCV-Konzentrationen abhängt – also von zwei Cannabinoiden, die nachweislich appetithemmende Eigenschaften besitzen.    Studien, die vom britischen Cannabinoid-Forschungsunternehmen GW Pharmaceuticals – dem Hersteller des cannabinoidhaltigen Mundsprays Sativex – durchgeführt wurden, bewiesen, dass diese beiden Cannabinoide einen appetitzügelnden Effekt ausübten, nachdem sie Mäusen verabreicht wurden.

Dieser Effekt erklärt sich aus der Tatsache, dass es sich bei den Stoffen um einen Antagonisten und einen umgekehrten Agonisten der Cannabinoidrezeptoren handelt, die den appetitanregenden Effekt der Agonisten wie Anandamid oder THC hemmen. GW Pharmaceuticals hat 2008 ein Patent für ein neues, appetithemmendes Medikament angemeldet, das auf diesen beiden Molekülen basiert, aber bisher ist nicht bekannt, ob das Medikament bereits entwickelt wurde.

In jedem Fall ist es unwahrscheinlich, dass Anorexie-Patienten, die Cannabis konsumieren, Cannabis mit höheren Konzentrationen an CBD oder THCV als an THC verwenden, da es sich bei solchen Sorten sehr wahrscheinlich um Hanf handeln würde.  Sollte sich jedoch die Hypothese bestätigen, dass ein gestörtes Endocannabinoidsystem Anorexie verursacht, dann kann der Konsum von THC-reichem Cannabis bei Menschen, die einen Mangel an Anandamid – das endogene Gegenstück zu THC – haben oder es nicht effektiv nutzen können, das Gefühl der Belohnung subjektiv verstärken.

Dieses Gebiet muss jedenfalls noch weitaus gründlicher erforscht werden, bis wir so viel über das Endocannabinoidsystem wissen, dass wir dessen Zusammenhang mit der Entwicklung und Steuerung von Krankheiten wie Anorexie vollständig verstehen können.  Doch bereits jetzt steht fest, dass es eine wesentliche Rolle bei dieser Krankheit spielt und dass wir über ein genaueres Verständnis dieser Vorgänge verfügen müssen, um gezielte Therapien für Anorexie, Bulimie und verschiedene ähnliche Störungen entwickeln zu können.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.