Was Haschisch mit Walter Benjamin machte, Teil II

Benjamin selbst bemerkte, wie viel sensibler er während seines Highs wurde: "(m)an wird so zart: fürchtet, ein Schatten, der auf's Papier fällt, könnte ihm schaden", und wie sich sein Zeit- und Raumgefühl änderten: "Nun kommen die Zeit- und Raumansprüche zur Geltung, die der Haschischesser macht. Die sind ja bekanntlich absolut königlich. Versailles ist dem, der Haschisch gegessen hat, nicht zu groß, und die Ewigkeit dauert ihm nicht zu lange."


Lange vergangene Erinnerungen, Gesichter und Rembrandt

In seinem Aufsatz „Haschisch in Marseilles“1 zitiert Benjamin seine Freunde Joël und Fränkel, die mehrere Effekten eines Hashisch Highs beschrieben hatten, einschließlich eines zeitweise verbesserten episodischen Gedächtnisses, spontaner Einsichten, einer Änderung der Raumwahrnehmung, eine Intensivierung der Farbwahrnehmung, sowie Störungen des Kurzzeitgedächtnisses:

Bilder und Bilderreihen, längst versunkene Erinnerungen treten auf, ganze Szenen und Situationen werden gegenwärtig (…) Er (der Mensch) gelangt auch zu Erlebnissen, die der Eingebung, der Erleuchtung nahekommen … Der Raum kann sich weiten (…) Farben werden heller, leuchtender; (…) Die Zusammenhänge werden wegen des oft plötzlichen Abreißens jeder Erinnerung an Vorhergegangenes schwierig (…).“2

Benjamin selbst bemerkte, wie viel sensibler er während seines Highs wurde: „(m)an wird so zart: fürchtet, ein Schatten, der auf’s Papier fällt, könnte ihm schaden“, und wie sich sein Zeit- und Raumgefühl änderten: „Nun kommen die Zeit- und Raumansprüche zur Geltung, die der Haschischesser macht. Die sind ja bekanntlich absolut königlich. Versailles ist dem, der Haschisch gegessen hat, nicht zu groß, und die Ewigkeit dauert ihm nicht zu lange.“3

Er notierte auch, dass er sich während eines Haschischs Highs auffallend stark auf Gesichter konzentrierte:

Nämlich machte er (Haschisch) mich zum Physignomiker, zumindest zum Betachter von Physiognomien, und ich erlebte etwas in meiner Erfahrung ganz Einziges: Ich verbiss mich förmlich in die Gesichter, die ich da um mich hatte und die zum Teil von remarkabler Rohheit oder Häßlichkeit waren.“4

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Rembrandt Gemälde „Der heilige Bartholomäus“, 1661

Benjamin schrieb, dass ihm diese Bewusstseinsveränderungen zu einem tieferen Verständnis verhalfen: „Ich begriff nun auf einmal, wie einem Maler – ist es nicht Rembrandt geschehen und vielen anderen? – die Häßlichkeit als das wahre Reservoir der Schönheit, besser als ihr Schatzbehalter, als das zerrissene Gebirge mit dem ganzen inwendigen Golde des Schönen, erscheinen konnte, das aus Falten, Blicken, Zügen herausblitzte.“5

Diese Beobachtungen sind bemerkenswert, nicht nur weil sie zeigen, dass Benjamin Einsichten unter dem Einfluss von Haschisch hatte, die er später als Essayist verwendete. Sie sind auch angesichts unzähliger anderer Berichte von Cannabis-Nutzern interessant, die detailliert darüber berichtet haben, wie ein Cannabis High bei ihnen zu besserem empathischen Verstehen führte – was natürlich die Fähigkeit einschließt, Gesichtsausdrücke zu lesen und zu verstehen. Viele Cannabis-Nutzer haben ebenfalls beschrieben, dass sie während eines Highs besser in der Lage sind, andere Menschen, Musik oder Kunst besser zu verstehen, die sie normalerweise gar nicht mögen oder interessant finden. Im ersten Protokoll eines Haschischexperiments schrieb Benjamin:

Gefühl, Poe jetzt viel besser zu verstehen. Die Eingangstore zu einer Welt des Grotesken scheinen aufzugehen. (…)”6

Hyperfokussierung, Humor und die Pâté de Lyon

Die starke Fokussierung Benjamins auf Gesichter während eines Haschischexperiments ist nur ein Beispiel von verschiedenen „Hyperfokus“ – Effekten, die er berichtet. Ich habe in meinem High. Insights on Marijuana7 argumentiert, dass die Hyperfokussierung der Aufmerksamkeit einer der grundlegenden Effekte eines Cannabis Highs ist ist.

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„High. Insights on Marijuana“, 2010

Dieser Hyperfokus kann von geübten Nutzern zu vielen Zwecken verwendet werden; um sich besser auf eine kreative Arbeit zu konzentrieren, um farbliche oder andere Details in einem Kunstwerk oder in der Natur zu entdecken, oder sich besser auf den Text zu konzentrieren, wenn man einen Lied hört. Später in seinem Aufsatz berichtet Benjamin, dass sein starker Fokus während des Highs eine andere Beobachtung möglich machte: „Es gab Zeiten, in denen die Intensität der akustischen Eindrücke alle anderen verdrängte.“8 Während seines Highs hilft dieser starke Aufmerksamkeitsfokus ihm zu verstehen, wie stark der Dialekt ist, den er in Gesprächen um ihn herum hört: „An diesem Stimmenlärm war nun das Eigentümlichste, dass er ganz und gar nach Dialekt klang. Die Marseiller sprachen mir sozusagen nicht gut genug Französisch.“9

Benjamin notierte auch, dass er während seines Highs einen wunderbaren, inspirierten Humor entwickelte – und er beweist diese Behauptung in seinem Protokoll mit Sätzen, die unter dem Einfluss von Haschisch geschrieben wurden; Sätze, die vom Comedy-Genie Groucho Marx stammen könnte, wie z.B. der Ausspruch: „Wenn Freud eine Psychoanalyse der Schöpfung machen würde, dann würde die Fjörde nicht gut wegkommen.“10

Eine weitere lustige Notiz in einem High Protokoll handelt von Entenleberpastete aus der Stadt Lyon (pâté de Lyon):

Löwenpastete, dachte ich witzig lachend, als es sauber auf einem Teller vor mir lag und dann verächtlich: Dieses zarte Hasen-oder Hühnerfleisch – was es nun sein mag. Meinem Löwenhunger wäre es nicht unangemessen erschienen, sich an einem Löwen zu sättigen.“11

So profan, wie das auch scheinen mag, auch diese Beobachtung Benjamins ist hochinteressant. Unter normalen Verhältnissen würden wir bei „Lyon“ oder „pâté de Lyon” wohl kaum an einen Löwen denken. Die Assoziation Lyon-Lion ist zwar gewissermaßen offensichtlich, aber wir verwenden im Alltag viele Ausdrücke und Namen, ohne an deren metaphorischen Inhalt oder an solche Assoziationen zu denken. Namen und viele Ausdrücke werden gewöhnlich ‚undurchsichtig‘ für uns im täglichen Gebrauch.

Benjamins Reflexionen über diese Assoziationen während seines Highs scheinen nur lustig und nicht gerade nützlich zu sein – es sollte aber auch klar sein, dass der von Benjamin beschriebene Prozess der sich ändernden Wahrnehmung während eines Highs im Allgemeinen helfen kann, zu einem tieferen Verstehen der Sprache und zu interessanten Assoziationen in Bezug auf deren sonst nicht mehr beachteten metaphorischen Gehalts kommen kann.

Zusammenfassung

Lassen Sie mich kurz zusammenfassen: Benjamin und seine Freunde experimentierte mit Haschisch und beschrieben im Detail viele genau der kognitiven Verbesserungen eines Cannabis Highs, die ich selbst erforscht und in meinen Büchern und Aufsätzen beschrieben und erklärt habe. Wir finden hier wunderbare Beschreibungen der Hyperfokussierung der Aufmerksamkeit, von einem zeitweise verbesserten episodischen Gedächtnis, Änderungen in der Wahrnehmung der Zeit und des Raums, spontanen Einsichten, eine verbesserte Musteranerkennung (wie z.B. das Sehen neuer Muster in Gesichtern oder in der Kunst), um nur einige nennen. Auch wenn die Protokolle Benjamins häufig schwer zu lesen sind und mitunter eine geradezu poetischen Sprache verwenden, gibt es hier viel zu finden, wenn man an den typischen kognitiven Veränderungen während eines Highs interessiert ist. Benjamins Beschreibungen zeigen, dass seine gesamte Erfahrung eben gerade nicht durch sein früh notierten Satz beschrieben werden kann, dass das Denken unter dem Einfluss von Haschisch den gleichen Pfaden wie immer folgt, diese aber mit Rosen bestreut seien.

Wie ich eingangs erwähnt habe, haben Benjamins Haschisch Experimente nicht nur Einsichten über die Bewusstseinsveränderungen während eines Highs hervorgebracht, sondern hatten einen entscheidenden Einfluss auf Benjamins Wahrnehmung und seines Denkens über Kunst. Im nächsten und letzten Teil dieses Essays werde ich zeigen, wie tief Benjamins Verständnis des Highs wirklich war – wie aufschlussreich einige seiner Behauptungen im Licht meiner Forschung sind – und wie sehr diese Erfahrungen während eines Highs Benjamin, einen der einflussreichsten Denker der Moderne, wirklich beeinflussten.

Sources

  1. In: Walter Benjamin (1972), „Über Haschisch“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt
  2. Ibid, S. 45.
  3. Ibid, S. 46.
  4. Ibid, S. 48.
  5. Ibid, S. 48.
  6. Ibid., “Hauptzüge der ersten Haschisch Impression”, S. 66.
  7. Sebastian Marincolo (2010) High. Insights on Marijuana, Dog Ear Publishing, Indianapolis 2010.
  8. Walter Benjamin (1972), „Über Haschisch“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, S. 53.
  9. Walter Benjamin (1972), „Über Haschisch“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, S. 54.
  10. Walter Benjamin (1972), „Über Haschisch“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, S. 120.
  11. Walter Benjamin (1972), „Über Haschisch“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, S. 49.

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