John Sinclair – Interview mit einer Legende der Gegenkultur

Das Leben von John Sinclair sollte Cannabis-Liebhaber begeistern. Er war lange in den Bereichen Radio, Jazz sowie Lyrik aktiv und hat sich für Cannabis eingesetzt. Er hat mitbewirkt, dass die Cannabisgesetze im Staat Michigan dauerhaft geändert wurden und ist für viele aus der Cannabisbranche ein Held. Exklusives Interview von Sensi Seeds mit Sinclair!

In der Welt des Cannabis ist nichts selbstverständlich. Die Branche muss sich täglich mit Stigmatisierung, Repression und strengen Gesetzen (oftmals auf der Grundlage fehlerhafter Informationen) auseinandersetzen. Ohne das ungeheure Engagement verschiedener Persönlichkeiten wäre die Cannabisbranche heute nicht so weit gekommen. Viele Menschen haben sich voll und ganz der Verteidigung der Cannabispflanze verschrieben und versucht, das Image der Cannabisbranche zu verbessern und sie voranzubringen.

Sensi Seeds hat einen authentischen Unternehmer interviewt. John Sinclair, legendärer Cannabis-Aktivist, Jazzdichter, prominenter Vertreter de Gegenkultur und ein guter Freund der Sensi Seeds-Community, ist der Erste, der von dem Sensi Seeds-Team interviewt wurde.

Sie kennen John Sinclair nicht und würden ihn gerne näher kennenlernen? Nachstehend finden Sie einen Überblick über das eindrucksvolle Leben dieses Mannes, von ihm selbst verfasst.

Eine Einführung – John Sinclair mit seinen eigenen Worten

John Sinclair (geboren am 2. Oktober 1941) stammt aus Flint, Michigan in den USA. John besuchte das Albion College und schloss sein Studium am Flint College der University of Michigan im Januar 1964 mit einem Bachelorgrad in Englischer Literatur ab. Er studierte dann Amerikanische Literatur an der Wayne State University in Detroit und schrieb seine Masterarbeit über Naked Lunch von William Burroughs. Er brach das Studium jedoch ab und gründete den „Detroit Artists Workshop“. Ab hier erzählt er seine außergewöhnliche Geschichte mit eigenen Worten.

John Sinclair: Die Gruppierung radikaler Künstler „Detroit Artists Workshop“ brachte am 1. November 1964 zeitgenössische Avantgardekunst und die damit verbundenen Überzeugungen nach Detroit. Jede Woche wurden Jazzkonzerte und Lyrikveranstaltungen organisiert sowie zahlreiche Zeitschriften und Lyrikbücher veröffentlicht und Gemälde- und Fotografieausstellungen organisiert. Außerdem wurden Untergrundfilme vorgeführt und Kreativ-Workshops im Bereich Kunst angeboten. Der „Detroit Artists Workshop“ bot darüber hinaus den Künstlern der Kunstszene der Stadt einen Anlaufpunkt.

Kurz vor der Eröffnung des „Detroit Artist Workshop“ wurde ich zum ersten Mal verhaftet, weil ich gegen Cannabisgesetze verstoßen hatte. Im Oktober 1964 wurde ich wegen des Verkaufs von Betäubungsmitteln (Cannabis im Wert von 10 USD) an einen verdeckten Ermittler der Staatspolizei angeklagt. Ich bekannte mich des Besitzes für schuldig und wurde im Dezember vom Recorders Court in Detroit zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Meine Anfänge als Aktivist

Zum Cannabis-Aktivisten wurde ich im Januar 1965, als ich die Detroit LEMAR gründete, eine Bürgerinitiative, die sich der Legalisierung von Cannabis in Michigan widmete. LEMAR organisierte Aufklärungsveranstaltungen, veröffentlichte und verteilte Broschüren sowie andere Informationsmaterialien und stellte Referenten für Gruppen zur Verfügung, die sich für das Thema Cannabis interessierten. Ich wurde ein Pressesprecher von LEMAR und Befürworter der Legalisierung von Cannabis.

Im August 1965 wurde ich von Einsatzkräften des Drogendezernats der Polizei in Detroit verhaftet und wegen der Beschaffung einer kleinen Tasche mit Cannabis für einen verdeckten Ermittler dieser Abteilung angeklagt. Eine Straftat, für die bei einer Verurteilung eine mindestens 20-jährige Haftstrafe bis hin zu lebenslanger Haft anstand. Ich wollte die Verfassungsmäßigkeit einiger Aspekte der Cannabisgesetze in Michigan anfechten, fand jedoch keinen Rechtsanwalt, der dazu bereit war, diesen Weg mit mir zu gehen. Deshalb erklärte ich mich erneut des Cannabisbesitzes für schuldig. Der Recorders Court in Detroit verurteilte mich zu zwei zusätzlichen Jahren Bewährung, von denen die ersten sechs Monate im Zuchthaus in Detroit verbracht werden mussten.

Trans-Love Energies & die Begegnung mit MC-5

Im August 1966 wurde ich aus dem Zuchthaus in Detroit entlassen und tauchte wieder in die Community des „Detroit Artists Workshop“ ein. Zur Feier meiner Rückkehr organisierte die Initiative ein „Festival of People“, bei dem unter anderem eine Rock & Roll-Band namens MC-5 auftrat, die sich gerade in der Nachbarschaft niedergelassen hatte. Ich freundete mich mit der Band an. Sie bestand aus dem Leadsänger Rob Tyner und Tyners bestem Freund von der High School, dem Künstler Gary Grimshaw, der viele wichtige Poster für MC-5 und zahlreiche kulturelle Veranstaltungen in Detroit und Michigan entwarf.

Im Januar 1967 gründeten Tyner, Grimshaw und ich ein kulturelles Netzwerk namens Trans-Love Energies, das die sich in Detroit entwickelnde Hippie-Community zusammenführte. Wir planten unter dem Motto Guerilla Love Fare ein großes Benefizkonzert im Grande Ballroom, durch das die Finanzierung der geplanten Aktivitäten der Gruppe ermöglicht werden sollte. Dazu zählten die Agitation für die Legalisierung von Cannabis und ein Fonds für die Verteidigung von Mitgliedern der Community, die wegen Drogendelikten verhaftet wurden.

Bevor das Konzert stattfinden konnte, organisierten Einsatzkräfte des Drogendezernats der Polizei in Detroit eine Drogenrazzia bei der gesamten Community. 56 Personen wurden vor der Morgendämmerung verhaftet und ich wurde beschuldigt, der Anführer eines „groß angelegten Campus-Drogenrings zu sein“. Mir wurde vorgeworfen, kurz vor Weihnachten 1966 einer verdeckt arbeitenden Polizistin zwei Joints gegeben zu haben. Ich wurde zum dritten Mal wegen Verstoßes gegen die staatlichen Drogengesetze angeklagt (Violation of State Narcotics Laws = VSNL) und musste mit einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren bis Lebenslänglich rechnen.

Die Community und ich wehrten uns mittels Trans-Love Energies und Detroit LEMAR. Wir beauftragten ein Team von Rechtsanwälten, das die Cannabisgesetze des Staates für verfassungswidrig erklärte. Zunächst wurde darauf hingewiesen, dass Cannabis kein Betäubungmittel sei und dass die verhängte Freiheitsstrafe von 20 Jahren bis Lebenslänglich grausam und ungewöhnlich sei.

Das Gerichtsverfahren

So begann ein fünfjähriger Rechtsstreit vor dem Recorders Court in Detroit. Zum ersten Mal wurde ein dreiköpfiges Richtergremium ernannt, um zu beurteilen, ob ich mit meiner Behauptung der Verfassungswidrigkeit Recht hatte. Der Fall wurde anschließend beim Berufungsgericht in Michigan und dem obersten Bundesgericht in Michigan verhandelt. Während dieser Zeit wartete ich auf den Prozess und war gegen Kaution auf freiem Fuß. Alle drei Gerichte verweigerten das Urteil und entschieden, dass der Fall vor Gericht gebracht und gegen die Verurteilung Berufung eingelegt werden müsse, um die verfassungsrechtlichen Fragen ordnungsgemäß zu erörtern.

Somit begann mein Prozess vor dem Recorders Court im Juli 1969. Am Tag vor Prozessbeginn ließ die Staatsanwaltschaft die Anklage wegen „Verkauf oder Weitergabe“ mit der damit zusammenhängenden Haftstrafe von 20 Jahren bis Lebenslänglich fallen. Bei dem Gerichtsverfahren ging es letztlich um den Besitz der beiden Joints, die die verdeckt arbeitende Polizistin zweieinhalb Jahre zuvor erhalten hatte. Ich unterstützte die Verurteilung, die für meine Berufung notwendig war, wurde jedoch zu 9-1/2 bis 10 Jahren Gefängnis verurteilt und sofort ins Jackson-Gefängnis gebracht, um meine Strafe anzutreten.

White Panther Party

Vor meiner Inhaftierung war ich außerdem der Manager der Band MC-5 aus Detroit. Unter meiner Leitung unterzeichnete die Band einen Vertrag bei Elektra Records, veröffentlichte ihr erstes Album, das „live“ im Grande Ballroom aufgenommen worden war, und wurde in den USA und über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Noch heute wird die Band für ihre gut strukturierten, energiegeladenen Auftritte in Erinnerung behalten.

Während dieser Zeit wurden Detroit LEMAR, Trans-Love Energies, MC-5 und ich unerbittlich von Einsatzkräften des Drogendezernats der Polizei in Detroit und anderen lokalen Behörden wegen Verstoßes gegen die Drogengesetze verfolgt. Auch aufgrund unserer Ablehnung des Vietnamkrieges, der aktiven Unterstützung der schwarzen Befreiungsbewegung sowie aufrührerischer Konzerte und Auftritte in der ganzen Region wurden wir diffamiert.

Im Mai 1968 verließ die gesamte Trans-Love Energies-Community (einschließlich MC-5, der Up, der Trans-Love Light Show, der Untergrundzeitung Sun und der Artists Workshop-Pressemitarbeiter) Detroit und ließ sich 50 Meilen westlich in der Universitätsstadt Ann Arbor nieder. Hier setzte sie ihre Aktivitäten engagiert fort, ohne Angst vor brutalen Vergeltungsmaßnahmen der Polizei zu haben.

Im November 1968 bildete sich aus der Community die White Panther Party, eine linksradikale, anti-rassistische politische Bewegung unter der Führung von MC-5, die sich vollkommen auf die kulturelle und politische Revolution der 60er-Jahre konzentrierte. Nach der Veröffentlichung des ersten Albums von MC-5 im Januar 1969 begannen die Band und ich eine landesweite Tournee. Wir verbreiteten die Botschaft der White Panthers und stellten unser Programm „Rock & Roll, Drogen und Ficken auf offener Straße“ den rebellischen jungen Amerikanern im ganzen Land vor.

Die Freedom Ralley

Aufgrund meiner politischen Aktivitäten und der Tatsache, dass viele junge Amerikaner Fans der Band waren, hatte die Regierung etwas gegen mich. Das führte zu einer 10-jährigen Haftstrafe wegen zwei Joints. Diese Inhaftierung führte in den folgenden 29 Monaten zu zahlreichen Protesten und Kundgebungen, die am 10. Dezember 1971 in der „John Sinclair Freedom Rallye“ gipfelten. An dieser Kundgebung nahmen so viele Personen teil, dass in der Crisler Arena der University of Michigan mit 14.000 Sitzplätzen kein Platz leer blieb.

Während dieser Kombination aus Protestkundgebung und Festival setzten sich verschiedene Künstler wie Stevie Wonder, Phil Ochs, der Vorsitzende der Black Panther-Partei Bobby Seale, Allen Ginsberg sowie John Lennon & Yoko Ono für meine Freilassung und die Abschaffung derart harter Strafen in Bezug auf Cannabis ein. John Lennon schrieb sogar einen Song, in dem er gegen meine Inhaftierung protestierte, und sang ihn gemeinsam mit Yoko Ono während der Freedom Rallye.

Mein Fall kam im Herbst 1971 vor das oberste Bundesgericht von Michigan, und LEMAR sowie die White Panther Party setzten sich weiterhin für eine Reform der Drogengesetze des Staates ein. Insbesondere aufgrund dieser Bemühungen sowie dank meiner am 9. Dezember 1971 (einen Tag vor dem Konzert) zur Rechtssache eingereichten Unterlagen gab das oberste Bundesgericht zu, dass Cannabis kein Betäubungsmittel ist. Es reduzierte die Strafen für den Besitz von Cannabis auf ein Jahr und auf maximal vier Jahre für den Verkauf.

Drei Tage nach der Protestkundgebung, am Montag, dem 13. Dezember, wurde ich auf Berufung entlassen, und im März 1972 wurde meiner Berufung stattgegeben. Mir wurden alle weiteren Strafen erlassen. Kurz darauf wurden etwa 140 weiteren Insassen der Staatsgefängnisse ihre Strafen erlassen.

Gemeinde Ann Arbor

Nach meiner Freilassung kehrte ich nach Ann Arbor zurück, um den Vorsitz der Rainbow Peoples Party zu übernehmen. Sie hatte die White Panthers abgelöst und widmete sich in Vollzeit der Organisation von Aktivitäten in der Ann Arbor-Gemeinde.

Die Rainbow Peoples Party führte viele Veranstaltungen durch und gründete beispielsweise den Ann Arbor-Gemeinderat, organisierte jede Woche kostenlose Konzerte in Parks (die Ann Arbor Blues & Jazz Festivals) und gab die Zeitung Ann Arbor Sun heraus. Abgesehen von diesen Aktivitäten tat sich die Rainbow Peoples Party mit anderen fortschrittlichen Vertretern der Gemeinde zusammen, um die Human Rights Party zu gründen. Es handelte sich um eine radikale politische Partei, die Kandidaten für den Stadtrat von Ann Arbor und andere öffentliche Ämter stellte.

Am 9. März 1972 wurden die Cannabisgesetze von Michigan vom obersten Bundesgericht Michigans für verfassungswidrig und ungültig erklärt. Das im vorherigen Dezember verabschiedete neue Drogengesetz trat erst am 1. April in Kraft. Somit gab es in Michigan im Frühjahr 1972 etwa drei Wochen lang kein Cannabis-Verbot. Als diese herrliche Zeit vorbei war, versammelten sich die Cannabisraucher von Ann Arbor auf dem großen Platz mitten auf dem Universitätscampus der University of Michigan zu einem „Hash Bash“, um zu zeigen, dass sie nach wie vor gegen die Drogengesetze angehen wollten.

Zwei Tage später fanden Wahlen in Ann Arbor statt. Zum ersten Mal durften 18-jährige Bürger wählen und die Human Rights Party bekam zwei Sitze im siebenköpfigen Stadtrat. Bald darauf schlug die Human Rights Party eine Verordnung vor, durch die Cannabis in Ann Arbor so gut wie legalisiert würde: Die Strafe für Verstöße gegen das Cannabisgesetz sollte auf eine Geldstrafe in Höhe von $ 5,00 beschränkt werden.

Es würden keine Verhaftungen mehr vorgenommen – bei Verstößen würde nur ein entsprechender Strafzettel ausgegeben. Diese Verordnung wurde verabschiedet. Dadurch wurden neue Maßstäbe im Kampf um die Legalisierung von Cannabis gesetzt. Jetzt, 40 Jahre später, haben wir unser Ziel beinahe erreicht.

Seitdem habe ich mich weiterhin für die Legalisierung von Cannabis eingesetzt und war zudem sehr aktiv als Dichter, Schriftsteller, Blues- und Jazzkünstler, Journalist, Discjockey, Radiomoderator, Rundfunkproduzent und Leiter verschiedener kultureller Organisationen, die ich an dieser Stelle nicht alle aufzählen kann. Seit 2003 lebe ich sowohl in Amsterdam als auch in den USA und trete in der ganzen Welt mit immer wieder anderen Musikern auf. Von jedem Ort aus mache ich Radiosendungen für www.RadioFreeAmsterdam.com.

White Panther: Das Vermächtnis von John Sinclair

Nun kennen Sie die Lebensgeschichte von John Sinclair in seinen eigenen Worten. Wenn Sie möchten, können Sie sich außerdem anhören, wie er seine Jahre als Aktivist beschreibt. „White Panther: Das Vermächtnis von John Sinclair“ ist ein Kurzfilm über das Vermächtnis von Sinclair. Er beinhaltet Interviews mit John Sinclair und viele faszinierende Archivaufnahmen aus den Jahren, in denen er sich als Aktivist betätigt hat.

Sensi Seeds im Interview mit John Sinclair

Als Sensi Seeds die Möglichkeit bekam, ein Interview mit John Sinclair zu führen, fühlte es sich so an, als würde man unmittelbar in die Geschichte des Cannabis eintauchen. Sensi Seeds kennt Sinclair bereits seit Langem. Beinahe jedes Jahr moderierte Sinclair Radiosendungen vom Cannabis College aus. Seit er regelmäßig nach Amsterdam kommt, trifft er Ben Dronkers bei beinahe jedem Cannabis-Cup.

Als Sensi Seeds John Sinclair fragte, wie sein Alltag aussieht, antwortete er:

„Frühstück, Zeitung, Cannabis, Musik. Ich verbringe den Tag am liebsten folgendermaßen (würde es jeden Tag tun, wenn ich könnte): Ich stehe auf, starte entspannt in den Tag, frühstücke, hole meine Zeitung und gehe zum Coffeeshop, lese die Zeitung, mache das Kreuzworträtsel, trinke ein paar Tassen Espresso und rauche meinen Joint. Dann mache ich den Computer an und vernetze mich mit der Welt“.

Sinclair beschreibt, dass er in seiner eigenen Welt lebt und nicht sehr stark von der Außenwelt beeinflusst wird.

„Zunächst einmal werde ich von der Außenwelt nicht sehr stark beeinflusst. Ich bin gerne draußen, bewege mich in der Außenwelt, mag frische Luft und die Gesellschaft anderer Menschen. Aber in Wirklichkeit lebe ich in der Welt meiner Gedanken, verstehen Sie?“.

Im Leben von Sinclair sind Kunst, Lyrik, Jazz-Musik und Radiosendungen wichtig. Es geht ihm nicht allein darum, Kunst zu schaffen. Er möchte sie mit allen um sich herum teilen.

„Ich mache unglaublich gerne Radiosendungen. Radiosendungen wie die, die ich mache, gibt es heute nicht mehr. Deshalb habe ich das Gefühl, dass ich eine lange Tradition bewahre. Erst gestern habe ich eine Kolumne zu dem Thema für den Michigan Medical Marihuana Report geschrieben. Ich habe dort eine Kolumne und kann meine Themen frei wählen. Also habe ich darüber geschrieben, welche Musik im Radio lief, als ich ein Kind war. Sie war für das Leben sehr wichtig, war immer da – und es war immer großartige Musik. Sie war kostenlos, immer dabei: im Auto, im eigenen Zimmer. Aufgrund der großartigen Musik war das Leben wundervoll und aufregend. Man könnte sagen, dass es der Soundtrack des Lebens war“.

Sinclair beschrieb wie es war, als Manager für MC5 zu arbeiten, die Rock & Roll-Band, der er zu Berühmtheit verhalf. Er erklärte, was damals in der Musikszene anders war und was die Tatsache, dass weniger Menschen zuschauten, für die Musiker und ihre Fans bedeutete:

„Es geht um den menschlichen Faktor. Zu meiner Zeit wurde ein Festival von 2000 Menschen besucht, es gab eine Bühne und es wurde kein Eintritt verlangt. Da waren Hippies, die sich einfach nur amüsieren wollten. Das war das Konzept: Einfach nur Spaß haben. Es gab LSD, Joints, man konnte sich ausziehen, wenn man wollte, vögeln – worauf man Lust hatte. Und es gab gute Musik. Wenn man heutzutage Musiker in einer beliebten Band ist, macht das keinen Spaß“.

Das Leben von John Sinclair ist sehr inspirierend: Musik, Lyrik, Aktivismus … Sensi Seeds wollte deshalb gerne wissen, was John Sinclair, abgesehen von Cannabis, als Inspirationsquelle diente:

„Ich war immer kreativ. Man muss die Kreativität halt umsetzen. Ich wende meine Kreativität in unterschiedlichen Bereichen an und mache gerne viele verschiedene Dinge. Ich gehe sie aber immer auf die gleiche Art und Weise an – kreativ halt. Deshalb komme ich ohne Probleme auf kreative Ideen. Ich habe immer wieder neue Einfälle. Das macht mein Leben aus [lacht]. Das war eine gute Frage“.

Wir haben John Sinclair gefragt, wie er auf Cannabis aufmerksam geworden ist:

„Im Herbst 1957 habe ich „On the Road“ von Jack Kerouac gelesen, als das Buch herauskam. Daraus habe ich meine Lebenseinstellung bezogen. So wollte ich sein. Die Romanfiguren im Buch rauchten Joints, hörten Jazz und amüsierten sich sehr. Darum geht es bei On the Road: Um die spannenden Gespräche und die Energie, den Spaß, den sie hatten. Das wollte ich. Deshalb gehörte Cannabis dazu. Es dauerte ein paar Jahre, bis ich an Cannabis kam. Erst in den 60er-Jahren kam man als Weißer in den USA an Cannabis“.

Sinclair beschrieb, welche Bedeutung das Radio für ihn hatte und was es bedeutete, anderen Menschen Musik vorzustellen. Er liebte es, Menschen Musik näher zu bringen, die sie noch nie zuvor gehört hatten. Die Radiokarriere von Sinclair begann selbstverständlich, lange bevor es das Internet gab. Also wollte Sensi Seeds gerne wissen, wie er den Übergang in das digitale Zeitalter erlebt hat. Er beantwortete diese Frage auf seine typische humorvolle Art: 

„Ich lebe in dieser Welt, also gefällt es mir. iTunes ist das Beste, das mir passiert ist, seit es Sex zwischen Menschen unterschiedlicher Rassen gibt. Ich liebe iTunes. Mein ganzes Leben lang habe ich Musik zusammengetragen. iTunes ist sehr viel besser als Schallplatten“.

Wir haben ihn gefragt, ob er die digitale Welt der traditionellen vorzieht:

„Mir gefällt sie! Man hat die gesamte Musik immer dabei. Auf meiner Festplatte sind 750 Gigabyte Musik. Als ich früher Radiosendungen machte, musste ich eine ganze Milchbox voll LPs transportieren. Jetzt ist das Medium mit meiner ganzen Musik und Aufzeichnungen meiner Sendungen so klein, dass ich es in meine Tasche stecken kann. Viele davon sind online, jeder kann sie sich anhören. Das ist großartig. In meinem Archiv an der University of Michigan habe ich Kassettenaufnahmen aller Sendungen, die ich in den vergangenen 40 Jahren gemacht habe. Um das zu digitalisieren, wären mehrere Personen mehrere Monate lang beschäftigt. Aber vielleicht machen wir es irgendwann mal! [lacht]“.

Sensi Seeds hat Sinclair nach dem seltsamsten, außergewöhnlichsten Ort gefragt, an dem er bislang eine John Sinclair-Radiosendung aufgezeichnet hat.

„Das war auf einem Flughafen, in Schiphol. Ich kannte einen Künstler namens Anthony Murrell. Er produzierte für unseren Radiosender verschiedene Sendungen mit dem Schwerpunkt Kunst und hatte einen Freund, der ein spannendes Projekt am Flughafen durchführte. Er rekonstruierte auf dem Flughafen „De Nachtwacht“ (Die Nachtwache) von Rembrandt van Rijn. Außerdem habe ich mehrere Sendungen in Zügen gemacht. Als ich kürzlich vom North Sea Jazz Festival in Rotterdam zurückkam, habe ich eine im Zug gemacht. Oder in Zügen von New Orleans nach Chicago. In Flugzeugen nicht, da ist es so laut. Und auf einem Schiff! Auf einer Fahrt von Holland nach England. Ich saß auf dem Deck, rauchte einen Joint und zeichnete eine Sendung auf. Oder auf dem Pidgeon Poetry Boat in den Kanälen von Amsterdam im Rahmen einer kulturellen Veranstaltung. Wir haben auf dem Boot Lesungen organisiert. Das war cool – wir haben gleichzeitig eine Sendung aufgezeichnet“.

Wir wollten nun wissen, ob es jemanden gibt, mit dem John Sinclair gerne zusammenarbeiten würde. Es gibt vermutlich unzählige Leute, die nichts lieber täten als mit Sinclair zusammenzuarbeiten. Wen aber würde Sinclair wählen?

„Ganz klar: Keith Richards“.

Sinclair ist der Meinung, dass es von all den Alben, die er gemacht hat, einige Platten gibt, die am besten veranschaulichen, was ihn ausmacht.

„Ich habe drei oder vier richtig gute Alben gemacht, denke ich. Dazu zählt eine Platte, die ich mit Wayne Kramer von MC5 aufgenommen habe, und eine in Detroit eingespielte Hornsektion. Eine von sehr wenigen Lyrikplatten mit Hornsektion. [lacht] „Full Circle“ heißt sie. Vor fünf Jahren habe ich eine weitere wirklich gute Platte mit ein paar Jungs gemacht, mit denen ich seit 30 Jahren in Detroit zusammenarbeite. Sie heißt „Detroit Life“ und in allen Gedichten wird irgendwo Detroit erwähnt. Dann gibt es da noch ein mehrteiliges Blues-Album namens „Fattening Frogs for Snakes“. Der erste von den vier Teilen heißt „The Delta Sound“ – eine wirklich ausgezeichnete Platte. Andre Williams hat sie für mich produziert. Wenn sich jemand für meine Werke interessiert, wäre das ein guter Anfang. Dann gibt es noch ein anderes Stück, das ich zu Ehren von John Coltrane geschrieben habe. Das Lied heißt „Song of Praise“ und die Begleitmusik ist wirklich toll. Diese Lieder sind alle auf meiner CD Baby-Website zu finden – und noch viele mehr“.

Im letzten Teil des Interviews von Sensi Seeds mit Sinclair ist dieser auf seine Jahre als Aktivist eingegangen. Er beschrieb, dass die Aktivistentätigkeit ganz anders war als jetzt, wo es soziale Medien gibt. Bevor es Facebook gab, wurden Kundgebungen Sinclair zufolge anhand von Postern angekündigt, die per Post verschickt wurden. Alle Aktionen erfolgten in kleinerem Rahmen. Aber gerade deshalb war der „menschliche“ Faktor so gut spürbar.

„Die Menschen zeigten, was sie bewegte. Der Kampf war die Grundvoraussetzung für das Leben. Es war nicht einfach zu sagen, was man sagen wollte. Es war eine Herausforderung, es den Menschen zu präsentieren, die es möglicherweise hören wollten. Es war schwierig und bedeutete viel Vorbereitung, vor anderen aufzutreten. Wir kämpften darum, bezahlt zu werden, unsere Rechnungen bezahlen zu können … Naja, das ist heute immer noch so [lacht]. Ja, es gab viele Herausforderungen. Das Leben war eine Herausforderung. Wie kann ich es am besten beschreiben … Es gab diese schreckliche Vorstellung des „American life“ und unsere Aufgabe war es, dem zu trotzen. Wenn wir uns ihm nicht widersetzt hätten, hätte es alles überlagert. Hat es ja letztlich auch. Wir haben uns ihm widersetzt, aber letztlich haben die Vertreter dieser Lebensart gewonnen. Jetzt ist es so, wie sie es haben wollten. Furchtbar“.

Sinclair ist sehr detailliert auf den Unterschied zwischen der heutigen Kommerzialisierung der Musik und der freien Liebe eingegangen, für die sich Sinclair und seine Mitstreiter eingesetzt haben. Die heutige Einstellung zur Musik ist das komplette Gegenteil von der Vorstellung, die Sinclair vom Leben hatte. Er wollte, dass keiner für irgendetwas bezahlen musste.

Sensi Seeds hat Sinclair gefragt, was er über die Entwicklung der Cannabisgesetze in den USA denkt. Als er Aktivist war, wurden viele wegen Cannabis inhaftiert. Mittlerweile haben jedoch viele Staaten den Gebrauch von Cannabis für medizinische Zwecke legalisiert. In manchen ist sogar der Freizeitkonsum von Cannabis legal.

„Meiner Meinung nach ist das alles gut! Fortschritt ist immer gut. In zwei Staaten wurde der Freizeitkonsum legalisiert und jetzt gilt es wirtschaftliche Aspekte und Vertriebsfragen zu klären. Ich bekomme Cannabis auf Rezept in Michigan und sogar in Holland. Ich hatte allerdings nicht erwartet, dass der Prozess so langwierig sein würde. Ich dachte, er wäre 1977 bereits abgeschlossen“.

Wir haben John Sinclair gefragt, was er von den uneinheitlichen staatlichen und bundesstaatlichen Cannabisgesetzen in den USA hält. Uns interessierte vor allem, ob er glaubt, dass das Ende vom Lied ein riesiger Konflikt sein wird. Er antwortete:

„Meiner Meinung nach kann man die bundesstaatlichen Gesetze mit der Sowjetunion vergleichen: Eines Tages werden wir aufwachen und sie existieren nicht mehr. Wer hätte damals gedacht, dass es die Sowjetunion einmal nicht mehr geben würde? Als ich aufgewachsen bin, war der Kalte Krieg das zentrale Element der Gesellschaftsordnung. Sogar noch länger: von meinem vierten bis 50. Lebensjahr. Ich habe den gesamten Kalten Krieg miterlebt. 1991 passierten dann plötzlich eine Reihe von Umwälzungen innerhalb des Landes. Was auch immer passiert ist, der amerikanische Geheimdienst hat es nicht vorhergesehen. Die CIA war geschockt, als der Kalte Krieg vorbei war.

Wer weiß also schon, was die Zukunft bringt? Ich hätte nie gedacht, dass es die UdSSR eines Tages plötzlich nicht mehr geben wird. So sehe ich das. Es gibt keine Grundlage für diese Drogengesetze, es gibt keine pharmazeutische Grundlage, es ist ganz einfach Betrug. Und auf Bundesebene wird die Bundesregierung voll und ganz von den großen Konzernen beeinflusst – in diesem Fall von der Pharma- und Spirituosenindustrie. Sie sind gegen die Legalisierung von Cannabis, weil sie dann Gewinneinbußen verzeichnen würden. 

Es ist so: In den Niederlanden kamm man jeden Tag Cannabis rauchen, obwohl es verboten ist. Es interessiert niemanden. Arm dran sind nur diejenigen, die es anbauen und erwischt werden. Wir dürfen Cannabis rauchen, es ist legal. Die Regierung sollte Cannabis stärker legalisieren, damit es sich finanziell rentiert. Dann könnte sie wichtigen Vertretern der Branche offen Anerkennung zollen, statt sie zu Kriminellen zu machen. Ben Dronkers wäre wunderbar geeignet“.

Es war ein großes Vergnügen, das Interview mit John Sinclair zu führen, der die Werte der Hippie-Revolution noch heute vertritt. Er ist charmant und wer ihn einmal getroffen hat, vergisst ihn nicht so leicht wieder. Sensi Seeds hat sich riesig gefreut, das Interview durchzuführen und zu veröffentlichen.

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