Vipern, Muggles, und die Evolution des Jazz, Teil II

Wie kann ein High die Leistung eines Jazzmusikers positiv beeinflussen? Die meist zitierte Wirkung in diesem Zusammenhang ist die Veränderung des Zeitgefühls während eines Highs. Dr. James Munch war während der 30er Jahre und der 40er Jahre Pharmakologe und Mitarbeiter von Harry J. Anslinger, des berüchtigten Chefs der nationalen Drogenbehörde FBN in den USA. Er machte zwar viele lächerlich falsche Aussagen über die angeblichen schrecklichen Wirkungen von Marihuana, traf aber bezüglich dieses Aspekts den Punkt, als er in einem Interview Jahre später über den Gebrauch von Marijuana bei Jazzmusikern sagte ...


Ich singe ein Lied nie zweimal gleich”

 Billie Holiday (1915-59)

Bei Jazz geht es um das im Hier-und-Jetzt-Sein”

 Herbie Hancock

Wie kann ein High die Leistung eines Jazzmusikers positiv beeinflussen? Die meist zitierte Wirkung in diesem Zusammenhang ist die Veränderung des  Zeitgefühls während eines Highs. Dr. James Munch war während der 30er Jahre und der 40er Jahre Pharmakologe und Mitarbeiter von Harry J. Anslinger, des berüchtigten Chefs der nationalen Drogenbehörde FBN in den USA. Er machte zwar viele lächerlich falsche Aussagen über die angeblichen schrecklichen Wirkungen von Marihuana, traf aber bezüglich dieses Aspekts den Punkt, als er in einem Interview Jahre später über den Gebrauch von Marijuana bei Jazzmusikern sagte:

“(…) was sie betraf bestand die Hauptwirkung darin, dass es das Zeitgefühl dehnt, und deshalb konnten sie mehr Beats in ihre Musik stecken, als wenn sie einfach nur den Noten gefolgt wären (…), wenn Sie Marihuana verwenden, können Sie ungefähr doppelt so viel Musik zwischen der ersten und der zweiten Note einarbeiten. Das ist es, was Jazzmusiker ausmachte.”[1]

Hyperfokussierung, beschleunigte Gedankenströme und ein verändertes Zeitgefühl

Munch’s Punkt über das veränderte Zeitgefühl und seine Rolle in der Jazzmusik ist wichtig; jedoch ist dies nur einer von mehreren entscheidenden Wirkungsweisen von Marihuana, die für Jazzmusiker eine eine positive Rolle  spielen können.

Eine der elementaren Wirkungen von Marihuana ist die Hyperfokusierung der Aufmerksamkeit. Mezzrow erinnert sich an diesen Hyperfokus im Hören, als er das erste Mal high ist:

“Als erstes bemerkte ich, dass ich begann, mein Saxofon zu hören, als ob es in meinem Kopf wäre, aber ich konnte nicht viel von der Band hinter mir hören, obwohl ich wusste, dass sie da waren. Alle anderen Instrumente klangen, als wären sie weit entfernt; (…)”. [2]

Mezz Mezzrow, 1899-1972
Mezz Mezzrow, 1899-1972

Dieser Hyperfokus ermöglicht es Mezzrow, sich besser auf die unmittelbare taktile Wahrnehmung seines Instrumentes zu konzentrieren, was wiederum seine Kontrolle darüber verbessert:

”Dann begann ich, viel stärker die Vibrationen des Saxophonblatts an meinen Lippen zu fühlen. Ich fand, dass ich viel besser Legato spielen konnte und genau das richtige Gefühl in meine Phrasen bekam.” . [3]

Während eines Highs ermöglicht dieser Hyperfokus der Aufmerksamkeit nicht nur eine analytischere Wahrnehmung dessen, was immer in diesen Fokus gerät; er könnte auch zu einer anderen, von Marihuana-Nutzern häufig beschriebenen Wirkung führen: zu einem beschleunigten Gedankenstrom – der dann wiederum vermutlich auch zu einer gedehnten Zeitwahrnehmung führt..[4]

In seinem Bericht “Marihuana, Amerikas neues Drogenproblem” von 1938, stellt R.P. Walton fest:

Die Übertreibung des Zeitgefühls ist einer der auffallendsten Effekte. Er ist wahrscheinlich mit der schnellen Folge von Ideen und Eindrücken verbunden, die durch das Bewusstseins strömen.[5]

Die Beschleunigung mentaler Vorgänge wird manchmal als ein Strom assoziativ verbundener Gedanken, Erinnerungen oder Imaginationen erfahren – was auch von der gebrauchten Dosierung abhängt. Offensichtlich kann die Beschleunigung geistiger Prozesse in einem Aufmerksamkeits-Tunnel der Wahrnehmung einem Musiker beim Spielen eines schnellen improvisierten Solos helfen, oder dabei, mit der Geschwindigkeit anderer Schritt zu halten. Wenn wir besser verstehen wollen, was während solch eines beschleunigten Stroms des Gedankens während eines High geschieht, müssen wir uns aber noch einige weitere damit verbundene Wirkungen von Marihuana ansehen.

Die Störung des Kurzzeitgedächtnisses, verbesserte Mustererkennung & Imagination

Aufgrund der starken Fokussierung der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment oder Gedanken vergessen Marihuana Nutzer oft den Anfang einer durchlaufenen Gedankenkette oder den ursprünglichen Bezugsrahmen eines Gesprächs. Das führt häufig zu einem “Worüber-sprachen-wir-gerade? – Moment“ – man verliert den Faden. Auch wenn dies in der wissenschaftlichen Literatur über Marihuana überwiegend negativ beschrieben wird, scheint dies auch positive Seiten zu haben. Während unerfahrene Benutzer – besonders, wenn sie hohe Dosierungen nehmen – dadurch desorientiert werden, können erfahrene Benutzer, die geeignetes Marihuana verwenden, den Faden besser behalten, finden aber auch, dass ihr Gedankenstrom weder von dem Ausgangsthema noch von dem ursprünglich intendierten Ziel zu stark eingegrenzt wird. Das erlaubt einen assoziativen Strom von Gedanken oder Imaginationen, die freier sind und assoziativ weitere Sprünge zulassen.

Viele Marihuana Nutzer haben auch berichtet, dass sie während eines Highs eine verbesserte Fähigkeit haben, neue Muster zu sehen. Sie entdecken Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Mustern. Beim Spielen eines Instrumentes können diese Effekte dann schnelle Improvisation über bekannte Musikthemen entstehen, die zu neuen Variationen der Themen und Übergängen führen. Subjektiv führt dies zum Gefühl eines schnellen und mühelosen Flusses musikalischer Ideen.

Außerdem haben Marihuana-Nutzer generell beschrieben, dass ein High ihre imaginativen Fähigkeiten visuell, auditiv-, gustatorisch, oder sonstwie  verbessert, was für die Erfindung neuer Ideen entscheidend sein kann. Selbstverständlich kann eine solche verbesserte Fähigkeit der auditiven Imagination einem Musiker nicht nur auf der Bühne bei der Improvisation helfen, sondern auch dabei, an einer neuen Komposition eines Musikstückes zu arbeiten.

Bei Mezzrows erstem High führen die miteinander verbundenen Effekte der Hyperfokusierung der Aufmerksamkeit, des beschleunigten Gedankenstromes, einer verbesserten Mustererkennungsfähigkeit und einer verbesserten Fähigkeit zur Imagination zu einer explosiven Leistung:

”Alle diese Noten schlüpften aus meinem Horn, als wären sie schon vorgefertigt, eingefettet und in den Trichter gestopft, so dass ich nur etwas blasen musste, um sie auf ihren Weg zu schicken, eine direkt nach der anderen, niemals daneben, nie verspätet, alles ohne die kleinste Anstrengung. Die Phrasen schienen kontinuierlich zu sein, und ich blieb beim Thema ohne abzuschweifen. Ich hatte das Gefühl, ich könne jahrelang so weiter spielen, ohne das mir jemals die Energie oder die Ideen ausgingen.”

Swing Tanzen
Swing Tanzen

Die aphrodisierende Wirkung von Marijuana

Mezzrow erwähnt noch eine andere Wirkung, mit der Marihuana Jazz beeinflusste:

“Wir Vipern begannen zu verstehen, dass wir eine ganze Reihe von Dingen gemeinsam hatten: (…) wir alle waren uns einig, dass ‚muta‘ auch  aphrodisische Eigenschaften hat, was uns nicht gerade davon rennen ließ.”[6]

Viele haben Mezzrow zitiert, um den Einfluss von Marihuana auf Jazzmusiker  zu illustrieren, übergehen dabei aber in der Regel, dass sein High-Abenteuer auf der Bühne in einer ekstatischen Gruppenerfahrung endet – ähnlich wie einige Jahrzehnte später Konzerte der Beatles:

Die subtilen Änderungen in unserem Spiel ließ die Leute durchdrehen ; (…) eine Art Elektrizität knisterte in der Luft und ließ sie alle glühen und springen. (…) es schien, als wären alle diese Leute auf der Tanzfläche zu einer einzigen, verzauberten Masse verschmolzen; (…) die hypnotisiert zur Band aufblickte und schwankte (…). Eine Entertainerin (..) wand sich wie eine Schlange in einem Bienenstock. Der Rhythmus hatte wirklich von dieser Queen Besitz ergriffen; (…), über das, was sie mit ihrem Körper anstellte (..) sollte man nicht in gemischter Gesellschaft sprechen. “Tu das nicht!”, schrie sie. “Tu mir das nicht an!”[7]

Das meinte wohl Duke Ellington, als er über Jazz sagte:

“Im Großen und Ganzen ist Jazz immer die Art von Mann gewesen, dem sie ihre Tochter nicht anvertrauen wollen.”

 

(Fortsetzung in Teil III)

[1]    Larry “Ratso” Sloman (1998), Reefer Madness. The History of Marijuana in America, S. 146-147.

[2]    Mezz Mezzrow (1946/1990), Really the Blues, Souvenir Press, London, S. 72.

[3]     Ebd.

[4]    Siehe Sebastian Marincolo (2010) High. Insights on Marijuana, Kapitel 6, “Intensified Imagination, Mindracing, and Time Perception Distortions”, Dog Ear Publishing, Indiana.

[5]    Walton, R.P. (1938), Marijuana. America’s New Drug Problem, Philadelphia, Lippincott, S.105.

[6]    Mezz Mezzrow (1946/1990), Really the Blues, Souvenir Press, London, S. 93.

[7]     ibid, S. 73.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.