Vipern, Muggles und die Evolution des Jazz, Teil III

"Jazz ist eine sehr demokratische Musikform. Es kommt aus einer Gemeinschaftserfahrung. Wir nehmen unsere jeweiligen Instrumente und erschaffen zusammen etwas Schönes.”


Jazz ist eine sehr demokratische Musikform. Es kommt aus einer Gemeinschaftserfahrung. Wir nehmen unsere jeweiligen Instrumente und erschaffen zusammen etwas Schönes.”

Max Roach, Jazz-Schlagzeuger (1924-2007)

Ich habe in verschiedenen Veröffentlichungen argumentiert, dass ein High für geübte Marijuana Nutzer zur Verbesserung des empathischen Verstehens führen kann.[1] In seiner bahnbrechenden Studie On Being Stoned fand der Harvard Psychologe Charles Tart, dass viele Marijuana Nutzer, die seine Fragebögen erhalten hatten, folgenden Wirkungsweisen als häufig vorkommend bei moderater Dosierung bestätigten:

Ich habe Gefühle der tiefen Einsicht in andere Leute, wie sie ticken, welche ihre Spiele sind, wenn ich stoned bin (…). Ich fühle mich extrem stark in andere hinein; ich fühle, was sie fühlen; ich habe ein enormes intuitives Verstehen dafür, was sie fühlen. Ich fühle mich dessen so bewusst, was andere Leute denken, dass es eher Telepathie oder Gedankenlesen sein muss, als nur einfach eine erhöhte Sensibilität in Bezug auf subtile Verhaltensweisen.[2]

Jazz, Marihuana und die Verbesserung empathischen Verstehens

Kann Marihuana wirklich Menschen während eines Highs helfen, andere besser zu verstehen? Unzählige Benutzer haben nicht nur beschrieben, dass sie andere besser verstehen, wenn sie high sind; sie haben auch detailliert empathische Einsichten während ihres Highs beschrieben.[3] Wenn wir einige andere kognitive Effekte von Marijuana betrachten, macht hat das Sinn. Nehmen wir zum Beispiel das häufig berichtete verbesserte episodische Gedächtnis während eines Highs. Marihuana Nutzer haben immer wieder genau beschrieben, wie sie sich lebhaft an lang gegangene Episoden in ihren Leben erinnern können – häufig auch an ihre damaligen Gefühle und ihr ehemaliges Selbst. Wer sich aber zum Beispiel besser daran erinnern kann, wie er sich als Teenager vor einer Prüfung fühlte, wird auch seine Kinder in diesem Alter besser in dieser Situation verstehen. Marihuana Nutzer haben auch viele Arten von verbesserter Mustererkennung beschrieben. Das bringt sie nicht nur dazu, z. B. Gesichter in Gebirgsformationen während eines Highs zu sehen; es kann auch zu einer verbesserten Fähigkeit führen, Körpersprache in einer Situation zu lesen, und damit zum Beispiel empathisch zu entdecken, dass ein Freund Zeichen der Unsicherheit in einem Gespräch zeigt.

Musiker mit einem besseren empathischen Verstehen untereinander kommunizieren besser – außerhalb und auf der Bühne. Wenn sie live zusammen spielen, improvisieren Jazzmusiker oft und folgen keinen strikten Regeln; ihr musikalischer Auftritt als Gruppe ist von ihrem gegenseitigen Verstehen entscheidend abhängig, da sie aufeinander im Fluss ihres Spiels reagieren.

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Billie Holiday, 1915-59

In der Swing Ära waren die legendäre Billie Holiday und Lester Young für ihre fast telepathische Verbindung bei ihren Auftritten bekannt. Beide waren erfahrene Vipern und rauchten Marihuana oft vor und während den Auftritten.[4]   Wie für viele andere Vipern könnte ihnen ihr Gebrauch von Marihuana geholfen haben, dieses besonderes empathische Verstehen untereinander zu erreichen.

Kritische Anmerkungen

In einem Interview erinnert sich Klarinettist und Bandführer Artie Shaw, dass er von Viper Chuck Peterson, seinem erster Trompeter im Band, frustriert war.  Shaw hatte das Gefühl, dass Peterson, der immer high war, die Band verlangsamte und hinter dem beat hinken ließ. Er konfrontierte Peterson, der aber fand, dass er genau richtig spielte. Also machten sie ein Geschäft: Shaw, der als junger Mann eine Zeit lang Marijuana geraucht hatte, sagte, sie würden beide zusammen high auftreten – wenn das funktionieren würde, könnten sie von da an jede Nacht high auftreten. Shaw berichtete:

Er gab es mir, ich rauchte es und ich spielte unglaublich. Ich hörte Dinge, die ich vorher nie in diesen alten Arrangements gehört hatte. Als ich fertig war drehte ich mich zu ihm um und sagte: ‚Du hast gewonnen‘. ‚Nein, Mann‘, sagte er,  ‚Ich verliere.‘

Er hatte mir ungläubige Blicke während des Abends zugeworfen, und ich hatte geglaubt, dass er dachte, ‚Mann, der Kerl bläst sich ja den Kopf weg!‘ Ich hörte großartige Dinge. Aber die technische Fähigkeit, es zu tun – es ist ähnlich wie betrunken zu fahren. Du fühlst dich großartig, aber Du weißt nicht, was Du tust. Wenigstens war er ehrlich.[5]

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Dizzy Gillespie (links), 1917-93

Zeigt dies, dass Jazz Musiker, die Marihuana rauchten, allgemein einer Selbsttäuschung über ihre Leistung während eines Highs erlebten? Wohl kaum. Erfahrene Vipern wie Satchmo, Bessie Smith, Billie Holiday, Lester Young, Cab Calloway, Fats Waller, Theloneous Monk, Anita O’Day, Lionel Hampton, Count Basie, Duke Ellington und viele andere waren offensichtlich großartig, als sie high auftraten. Dizzy Gillespie schrieb, dass er zum Marijuana Rauchen gebracht wurde, als er 1937 nach New York kam. In seiner Autobiografie erinnert er sich, dass fast alle Jazzmusiker, die er kannte, Pot rauchten und einige der älteren Musiker es schon seit 40 oder 50 Jahren geraucht hatten. Sicher waren diese nicht alle Opfer einer Selbsttäuschung.

Die Geschichte von Artie Shaw erinnert uns aber daran, dass nicht jeder Musiker während eines Highs eine bessere Live-Performance zeigen kann; wie mit anderen Tätigkeiten muss ein wahrer Kenner die Wirkungen des Highs meistern und lernen, wie man auf einem High ’surft‘ – genau so wie ein Surfer lernen muss, wie man eine Welle mit einem Surfbrett reitet.

Aber auch für Musiker, die mit einem Marihuana High auf der Bühne nicht umgehen können, könnte das High trotzdem nützlich sein. Shaw sagt, dass er unter dem Einfluss eines Highs Dinge in altbekannten Arrangements hörte, die er vorher nie gehört hatte. Diese neue Wahrnehmung hätte auch ihn zu neuen Interpretationen oder Arrangements führen können. Ein Marihuana High kann verschiedene kreative Tätigkeiten auf viele Weisen bereichern.[6] Manche Autoren empfinden zum Beispiel, dass sie große Ideen durch ein High haben, die sie kurz notieren können, finden aber, dass es schwierig ist, während eines Highs die Details auszuarbeiten. Falsch verwendet kann Marihuana sicher auch einen negativen Einfluss auf kreative Leistungen haben.

Das Marihuana High hat Satchmos Musik mit großer Wahrscheinlichkeit bereichert. Er war vermutlich ein Experte darin, ein High zu surfen, und deswegen liebte er es wohl auch. Das bedeutet sicher nicht, dass seine musikalischen Fähigkeiten auf den Einfluss von Marihuana reduziert werden können. Diese gründeten sicher vor allem in seinem enormen Talent, seinem Charakter, seiner Disziplin, Ausbildung und Erfahrung. Dementsprechend wurde die Evolution des Jazz sicher nicht alleine durch den Gebrauch von Marijuana bedingt, sondern von vielen Faktoren beeinflusst, wie zum Beispiel dem soziologische Prozess der Verstädterung. Aber wenn wir die vielen bekannten kognitiven Änderungen während eines Highs in Betracht ziehen, können wir daraus schließen, dass Marihuana maßgeblich zur Evolution des frühen Jazz beigetragen hat. Es half unzähligen Vipern, Nacht um Nacht neue Soli zu produzieren – flüssig, schnell und fantasievoll. Es half bei ihren Auftritten nicht nur bei individuellen Leistungen, sondern verbesserte bei vielen auch das gegenseitige Verstehen und half ihnen, auf der Bühne zusammen zu finden.

 “If you don’t live it, it ain’t come out of your horn”, sagte Charlie Parker. Von Beginn an in New Orleans war Marihuana war ein integraler Bestandteil der Entwicklung einer freien, fröhlichen, empathischen, rebellischen, enthemmten und phantasievollen Viper-Kultur, die sie mit ihrem Jazz zelebrierten.[7]

[1]    Compare Sebastian Marincolo (2010) High. Insights on Marijuana, Dog Ear Publishing, Indiana, and Sebastian Marincolo (2013), High. Das positive Potential von Marijuana, Klett-Cotta/Tropen, Stuttgart.  

[2]    Tart, Charles T. (1971). On Being Stoned: A Psychological Study of Marijuana Intoxication. Palo Alto, Cal.: Science and Behavior Books., p. 133.

[3]    Compare for instance Lester Grinspoon (ed.), marijuana-uses.com

[4]    See Donald Clarke (2002), Billie Holiday: Wishing on the Moon, DaCapo Press.

[5]    Aram Saroyan (August 6, 2000), „Artie Shaw Talking“, Los Angeles Times , http://articles.latimes.com/2000/aug/06/magazine/tm-65218/2

[6]    See my „Marijuana and Creativity – A Love Story“, https://sensiseeds.com/en/blog/marijuana-creativity-part-love-story/

[7]    Eine gute Quelle zum Thema Cannabis und Musik sind die Arbeiten von Jörg Fachner. Siehe auch Russell Cronin (2004), „The History of Music and Marijuana“, Cannabis Culture Magazine, http://www.cannabisculture.com/content/2004/09/08/3434.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.