by Seshata on 03/02/2017 | Anbau

Wie Landrassen-Cannabissorten von der Erde verschwinden

Vernichtung Regionale Cannabissorten heißen „Landrassen“, sie sind das Rückgrat der kommerziellen Zucht von Cannabissamen. Doch die Landrassen werden vom Verlust des Lebensraums, von staatlichen Vernichtungsprogrammen und von fremden Sorten bedroht. Hier untersuchen wir, wie dies geschieht und wie wir den verbleibenden Landrassen-Genpool erhalten können.


Überall auf der Welt bauen Menschen Cannabis und Hanf an – und in vielen Fällen tun sie das bereits seit Hunderten oder gar Tausenden von Jahren. Menschen leben in vielen verschiedenen Klimazonen, und aus diesem Grund brauchen wir Nutzpflanzen, die unter vielfältigen Umweltbedingungen gedeihen können.

Cannabis ist eine unglaublich nützliche  Pflanze für die Menschen, und ein Großteil dieser Nützlichkeit liegt in seiner Fähigkeit, sich an eine enorme Vielfalt von Umweltbedingungen anpassen zu können; von fast arktischer Kälte über ausgedörrte Wüsten bis hin zu brütender Hitze in den Tropen.

Jahrhundertelang haben Menschen unter den unterschiedlichsten Bedingungen genau die Cannabispflanzen, die sich am besten für ihre jeweilige Umwelt eignen, ausgewählt, angebaut, gehegt und gepflegt. So entstanden im Laufe der Zeit regionale Cannabissorten mit speziellen Merkmalen, Verwendungszwecken und Cannabinoidprofilen.

Wie Landrassen-Cannabissorten von der Erde verschwinden

Was genau ist eine Landrasse?

Landrassen  sind die Sorten einer Pflanzenart, die sich über längere Zeit an die regionalen Umweltbedingungen angepasst haben, und zwar isoliert von anderen Populationen derselben Spezies, bis zu einem Stadium, in dem sie einen bestimmten Grad der Inzucht und typischerweise eine Reihe von einmaligen Merkmalen entwickelt haben.

Dieser Prozess wird im Allgemeinen durch eine selektive Zucht des Menschen überwacht und unterstützt, aber im Gegensatz zu gezüchteten Kultivaren bilden Landrassen für gewöhnlich unterschiedlichere und variablere Eigenschaften aus, und die natürliche Selektion spielt eine weit größere Rolle.

Landrassen sind nicht nur auf Pflanzenarten beschränkt. Beispielsweise gibt es weltweit eine Menge verschiedener Sorten von Landrassenhunden, -katzen, -kaninchen, -schweinen, -schafen und -rindern, ebenso wie es diverse Landrassensorten bei Äpfeln, Weizen, Mais, Reis und natürlich bei Cannabis gibt.

Landrassen haben sich zumeist über Jahrtausende hinweg aus alten Abstammungslinien entwickelt, die in der Isolation überlebt haben. Sie können aber auch aus halbwilden Populationen von Kultivaren entstehen, die sich außerhalb der Anbauflächen vermehrt haben. Mit der zuletzt genannten Methode braucht eine Landrasse nur etwa hundert Jahre, um sich zu entwickeln.

Eigenschaften, die eine Landrasse charakterisieren

  • Spezifische, erkennbare Eigenschaften, es gibt jedoch erhebliche Abweichungen zwischen einzelnen Pflanzen
  • An regionale Umweltbedingungen angepasst, besonders an das Klima, an Krankheitserreger und Schädlinge
  • Entsteht nicht aus offiziellen Zuchtprogrammen
  • Nicht so stringent gepflegt, ausgewählt und veredelt wie ein Kultivar
  • Historische Isolation von anderen Populationen
  • Entstammt einem spezifischen geografischen Gebiet, hat einen lokalen Namen und traditionelle Anwendungsweisen
  • Kann deutlich abweichende Merkmale zeigen, wenn sie in einer anderen Umgebung angebaut wird
  • Liefert normalerweise zwar relativ einheitliche, aber im Vergleich zu Kultivaren relativ geringe Erträge

Das Pro und Kontra der Einheitlichkeit bei Nutzpflanzen

Dieses Nordic Wheat ist eine Landrassen-Sorte (© Dag Endresen)
Dieses Nordic Wheat ist eine Landrassen-Sorte (© Dag Endresen)

Landrassen sind für Pflanzenzuchtprogramme auf der ganzen Welt von entscheidender Bedeutung, und zwar schon seit Jahrhunderten. Doch die moderne Landwirtschaft ist viel zu stark von einheitlichen Pflanzensorten abhängig, und da diese auf riesige Gebiete bebaubaren Landes vordringen, ist die Biodiversität weltweit bedroht.

Die Vorteile einheitlicher Pflanzen liegen sowohl für die Bauern als auch für die Züchter auf der Hand – beispielsweise die gleichbleibenden Erträge, das gleiche Aussehen, Aroma und die gleichen Anbaubedingungen dieser Pflanzen. Bis zu einem gewissen Grad werden einheitliche Pflanzen auch von den Verbrauchern erwartet, denn schließlich wollen die meisten westlichen Verbraucher auch, dass ein Gala-Apfel wie ein Gala schmeckt, und nicht etwa wie eine Pink Lady.

Aber einheitliche Pflanzen bringen auch große Nachteile mit sich, die oft nicht gleich erkennbar sind. Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür ist die Banane Gros Michel, die vor der heutigen Standardsorte Cavendish weltweit Standard war.

Bananen werden durch Ableger vermehrt, nicht durch Samen. In den 1950er-Jahren begannen große Bananenplantagen in ganz Lateinamerika, die Sorte Gros Michel zu verwenden und alle anderen Kultivare zu verbannen. Die Gros Michel war in Bezug auf Aussehen, Aroma und Geschmack im Vergleich zu anderen Sorten besonders vorteilhaft, und so ersetzten die Erzeuger ihre traditionellen Pflanzen rasch durch diese beliebtere und wertvollere Sorte.

Und da sie durch Klone vermehrt wurde, gab es praktisch keinerlei genetische Variationen zwischen verschiedenen Pflanzungen. Dann begann sich ein Pilz namens Panama-Krankheit auszubreiten, gegen den die Sorte Gros Michel nicht resistent war. Riesige Teile der Plantagen wurden in nur wenigen Jahren vernichtet.

Heute verlässt sich die Bananenindustrie viel zu sehr auf einen anderen genetisch einheitlichen Kultivar, nämlich die Sorte Cavendish, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis ein neuer Krankheitserreger erneut einen Großteil der Plantagen zerstört.

Landrassen-Populationen bilden einen Puffer gegen Krankheiten

Die schöne Maine Coon ist eine Katze aus Landrassen-Züchtung (© Nicholas Erwin)
Die schöne Maine Coon ist eine Katze aus Landrassen-Züchtung (© Nicholas Erwin)

Neue Kultivare werden häufig direkt aus Landrassen gezüchtet. Tatsächlich ist dieser Prozess auch das Rückgrat der kommerziellen Cannabiszucht. Züchter von Cannabissamen haben ihr Material immer wieder aus weltweiten Beständen von Landrassen-Cannabissorten bezogen und diese hybridisiert, um so einzigartige Kultivare zu erzeugen. Je mehr Mühe in einige Generationen von sorgfältigen Kreuzungen und Rückkreuzungen gesteckt wird, desto stabiler und reinrassiger wird die Sorte voraussichtlich sein.

Noch einmal: Diese Stabilität und Einheitlichkeit hat viele Vorteile, und diese erwarten die Verbraucher bei dieser besonderen Branche natürlich auch! Die meisten Grower loben die Eigenschaften einer gründlich stabilisierten Sorte und beklagen sich über unberechenbare Abweichungen bei einer schlecht stabilisierten Sorte.

Wenn jedoch eine Krankheit auftritt, ist es besser, über einen variablen Genpool zu verfügen, denn dann besteht eine größere Chance, dass es Individuen mit resistenten Genen in der Population gibt. Denn wenn alle Individuen identisch und für einen bestimmten Krankheitserreger empfänglich sind, sind auch alle Individuen der Population gleichermaßen bedroht. Da Cannabis oft durch Klone vermehrt wird, ist das ein ernsthafter Grund zur Sorge für Grower in der ganzen Welt. Aber weil es buchstäblich Tausende von Kultivaren gibt, sind wir noch weit von dem Ausmaß an Einheitlichkeit entfernt, das in der Bananenbranche zu beobachten ist.

Warum wir Landrassen-Sorten erhalten müssen

Der Verlust an Biodiversität könnte das gesamte Leben auf der Erde bedrohen (© planeta)
Der Verlust an Biodiversität könnte das gesamte Leben auf der Erde bedrohen (© planeta)

Die schier endlosen Variationen innerhalb der Welt des Cannabis sind also außerordentlich wichtig und müssen so gut wie möglich erhalten werden. Dank dieser Variationen konnten die Züchter Kultivare mit einer großen Bandbreite von nützlichen Eigenschaften entwickeln. Beispielsweise können Grower in feuchten Regionen der Erde Sorten wählen, die durch ihre gute Anpassung gegen Pilzbefall resistent sind, und Grower in sehr heißen Regionen können hitzeresistente Sorten wählen usw.

Angesichts der Tatsache, dass all diese nützlichen Eigenschaften von kommerziellen Kultivaren letztlich von ihren Landrassen-Eltern stammen, ist es nur vernünftig, die weltweiten Landrassen-Genpools zu erhalten. So erhalten wir nicht nur Puffer gegen Krankheiten und Schädlinge etc., sondern wir entdecken womöglich noch weitere Variationen und Eigenschaften, die sich als besonders nützlich für die Entwicklung neuer Kultivare erweisen könnten, die sich in Zukunft in Medizin, Forschung und Industrie nutzen ließen.

Daher ist es nahezu selbstmörderischer Irrsinn, wenn wir zulassen, dass unsere Ackerpflanzensorten immer weiter reduziert werden, bis nur noch ein paar Dutzend „globale“ Sorten übrigbleiben. Zwar droht uns dieses Szenario bei Cannabis sehr wahrscheinlich nicht, denn wir verfügen über Tausende von Sorten, und es gibt praktisch keine große Cannabis-Monokultur, die mit der von Mais, Weizen, Baumwolle usw. vergleichbar ist. Nichtsdestotrotz scheinen Landrassen-Cannabissorten in alarmierendem Ausmaß aus ihren angestammten Lebensräumen zu verschwinden.

Wo hat sich Cannabis zu Landrassen entwickelt?

Die Panama-Krankheit vernichtete die Bananenpflanzen in den 1950er-Jahren (© Scot Nelson)
Die Panama-Krankheit vernichtete die Bananenpflanzen in den 1950er-Jahren (© Scot Nelson)

Überall da, wo sich Menschen während der jahrtausendelangen weltweiten Ausbreitung ihrer Art niedergelassen haben, ist auch Cannabis aufgetaucht. Die Gattung Cannabis ist heute in allen Kontinenten außer der Antarktis zu finden, und wo sie aufgetreten ist, hat sie auch Landrassen hervorgebracht.

So scheint die Gattung Cannabis sehr stark von einer phänotypischen Verformbarkeit zu profitieren, also von der Fähigkeit, eine Menge möglicher Varianten innerhalb einer Spezies oder Gattung auszubilden. Außerdem ist Cannabis eindeutig in vieler Hinsicht nützlich für die Menschheit, war es doch für zahlreiche Kulturen der Erde eine nachweisbar bedeutsame Pflanze, wie historische Aufzeichnungen über Jahrtausende hinweg belegen. Demnach kann Cannabis unter dem Druck von Umwelteinflüssen und menschlichen Einwirkungen neue Varianten ausbilden, und zwar relativ leicht und schnell.

Cannabis hat sich erfolgreich an Lebensräume in Afrika, Europa und auf dem amerikanischen Kontinent angepasst und Dutzende verschiedener, einmaliger Populationen in seinem Heimatkontinent Asien hervorgebracht. Zu den berühmten Landrassen-Sorten in Afrika zählen unter anderem: Malawi Gold, Durban Poison und Swazi Gold; zudem sind weniger bekannte Sorten in Kenia, Tansania, Kongo und Mosambik zu finden.

In Lateinamerika gibt es mehrere Landrassen, die für die kommerzielle Zucht von grundlegender Bedeutung sind. Drei der bemerkenswertesten Sorten heißen Panama Red, Acapulco Gold und Oaxacan; allerdings sind die beiden erstgenannten in der heutigen Cannabisszene so gut wie unbekannt.

Bei den europäischen Cannabis-Landrassen handelt es sich meistens um Faser- und Samensorten und weniger um cannabinoidreiche Sorten. Da Europa größtenteils in kühlen, gemäßigten Zonen liegt, mit kalten Wintern und milden Sommern, werden hier weniger Cannabinoide als in den Tropen und Subtropen produziert. Dennoch gibt es offenbar einige Landrassen mit Drogenpotenzial, zum Beispiel die Sorte Kalamata aus der südgriechischen Peloponnes.

Woher kommen die Gefahren für Landrassen-Sorten?

Die Vernichtungsaktionen im Krisengebiet Casamance gehen weiter (© Genevacall.org)
Die Vernichtungsaktionen im Krisengebiet Casamance gehen weiter (© Genevacall.org)

Die Hauptgefahren für die weltweiten Landrassen-Cannabispopulationen scheinen in der Einführung fremder Gene, in staatlichen Vernichtungsprogrammen und im allgemeinen Verlust des Lebensraumes zu liegen. Derzeit ist nicht hinreichend bewiesen, dass der Klimawandel die Landrassen-Cannabissorten bedroht, aber in Zukunft muss man auch mit diesem Problem rechnen.

Speziell der Verlust der Cannabis-Landrassen ist noch kaum erforscht. Doch es gibt allgemein starke Hinweise auf Verluste an Biodiversität im Pflanzen- und Tierreich, die als Folge menschlicher Einwirkungen anzusehen sind. Darüber hinaus deuten zahlreiche Erfahrungsberichte von Bewohnern der traditionellen Lebensräume für Landrassen darauf hin, dass der Rückgang der regionalen Typen durch die Einführung fremder Sorten verursacht wurde.

Und trotz des globalen Trends zur Legalisierung von Cannabis haben auch die weltweiten Vernichtungsprogramme noch nicht aufgehört. In den USA und in Australien führen die Bundesbehörden weiterhin alljährlich Vernichtungsprogramme durch, obwohl von vielen Seiten immer stärker gegen diese Praxis protestiert wird.

In Südafrika haben es die Sprühprogramme der Regierung auf die umfangreichen illegalen Cannabisfelder des Landes abgesehen, wobei manchmal sogar Gesundheitsschäden für die dortigen Bewohner in Kauf genommen werden. Inmitten der gegenwärtigen Krise im Umfeld von Gambias Ex-Präsident Yahya Jammeh haben senegalesische Truppen gezielt Pflanzen vernichtet, die sie für eine Einkommensquelle der Jammeh-treuen Rebellen in der Konfliktregion Casamance hielten.

In Kasachstan sind die Behörden noch nicht sicher, ob sie ihre umfangreichen natürlichen Cannabisressourcen in einer für die Wirtschaft profitablen Weise nutzen oder die Vernichtungsprogramme weiterführen wollen, die wohl ein veraltetes Überbleibsel aus der Sowjet-Ära sind. Kasachstan besitzt das größte Gebiet der Welt mit wild wachsendem Cannabis; vermutlich ist das Land evolutionsgeschichtlich sogar die Heimat der Gattung Cannabis. Somit wäre es sowohl für das kasachische Ökosystem als auch für die Menschheit allgemein ein tragischer Verlust, wenn dieser wertvolle natürliche Genpool gerade dort verschwinden würde.

Zum Glück sind die Vernichtungsaktionen mehrere Jahre lang offenbar nicht durchgeführt worden, und selbst als die Aktionen ihren Höhepunkt erreicht hatten, war es den Behörden nicht möglich, das zähe Gewächs auszurotten.

Wie sollen wir das Problem lösen?

Bemühungen zur Bewahrung der traditionellen Landrassen-Sorten (nicht nur von Cannabis) sind bereits im Gange, sie werden zum Beispiel von Organisationen wie Biodiversity International und dem National Institute of Agricultural Botany in Großbritannien durchgeführt. Außerdem sind Samendepots wie das Svalbard Institute eine unverzichtbare Methode zur Aufbewahrung von Samensorten, falls diese künftig einmal benötigt werden. Des Weiteren gibt es sogar Einrichtungen, die der Erhaltung von Cannabissorten dienen, wie das Vavilov Institute in Russland. Und schließlich haben manche Cannabiszüchter und Grower umfangreiche Sammlungen von Landrassengenen eingerichtet, dank derer bestimmte Sorten erhalten werden können, selbst wenn sie in der freien Natur bedroht sind.

Es wäre außerdem klug, wenn man es vermeiden würde, fremde Sorten – insbesondere kommerzielle Hybriden – in Regionen einzuführen, in denen historische Landrassen heimisch sind. Die Erhaltung und Bewahrung der Landrassen hängt weitgehend davon ab, ob sie von anderen Populationen derselben Spezies isoliert werden. Zwar mögen die kurzfristigen Vorteile der Einführung einheitlicher, ertragreicher Kultivare attraktiv sein, aber der langfristige Schaden für das Ökosystem und die Biodiversität können wesentlich schwerer wiegen als irgendwelche Vorteile.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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