by Micha on 13/03/2017 | Medizinisch

Ausstiegsdroge Cannabis

Ausstiegsdroge Cannabis-Gegner nennen die Pflanze gerne Einstiegsdroge. Sie sei nur eine unter vielen illegalen Substanzen und bilde die Grundlage einer Drogenkarriere. Obwohl diese Theorie wissenschaftlich längst widerlegt ist, wird dieser alternative Fakt von Legalisierungs-Feinden gebetsmühlenartig wiederholt. Wie aber verhält es sich mit dem Ausstieg? Dazu mehr.


Ausstiegsdroge Cannabis - Sensi Seeds Blog

Cannabis-Gegner nennen die verbotene Pflanze gerne Einstiegsdroge. Cannabis sei nur eine unter vielen, weitaus gefährlicheren, illegalen Substanzen und bilde somit Grundlage einer zerstörerischen Drogenkarriere. Obwohl diese Theorie wissenschaftlich längst widerlegt ist und man das sogar auf drugcom.de, dem Aufklärungsprojekt der Bundesregierung zu Cannabis nachlesen kann, wird dieser alternative Fakt von Legalisierungs-Feinden gebetsmühlenartig wiederholt.

Selbst das US-amerikanische NIDA (National Institute of Drug Abuse), das jedweden Konsum von Drogen kategorisch ablehnt, ist sich nicht mehr ganz so sicher, ob Cannabis eine Einstiegsdroge ist, weil „die meisten Cannabis-Konsumenten keine härteren Drogen konsumieren“.

Wirklich gefährlich ist in diesem Zusammenhang höchstens die Illegalität, denn wer seine Kräuter über dunkle Kanäle beziehen muss, kommt immer mal wieder mit Menschen in Kontakt, die neben Cannabis auch andere Substanzen anbieten. Ansonsten gibt es keinen Beweis, dass Cannabis zum Konsum anderer Substanzen motiviert, im Gegenteil: Vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet erfüllt Cannabis alle Kriterien einer Ausstiegsdroge.

Die Studienlage ist vielversprechend

Das belegen neben zahlreichen Einzelfallbeispielen auch zwei Studien aus den USA und Kanada.

2012 sammelten kanadische Forscher in vier Hanfapotheken in British Columbia mithilfe des Personals und der Patienten Daten zum vergangenen und gegenwärtigen Cannabis-, Alkohol- und Substanzgebrauch, um sie anschließend demografisch auszuwerten. Im Rahmen der Studie wurden Daten von 404 anonymisierten Cannabis-Patienten auf das Phänomen des Substitutionseffekts von Medizinal-Hanfblüten hinauf untersucht. Hierbei sollte herausgefunden werden, ob der Konsum einer Substanz durch die Verwendung oder Verfügbarkeit einer anderen beeinflusst wird.

Über 41% (158 Personen) gaben an, Cannabis als „Ersatz für Alkohol“ zu verwenden , 36,1% (137 Personen) verwenden Cannabis als Ersatz für illegale Substanzen und 67,8% (259) gaben an, Cannabis als Ersatz für verschreibungspflichtige Arzneimittel zu nutzen. Die drei wichtigsten Gründe für eine Substitution mit Cannabis waren „weniger Entzug“ (67,7%), „weniger Nebenwirkungen“ (60,4%) und „besseres Symptommanagement“. Insgesamt ersetzten 75,5% (305) der Befragten mindestens eine andere, gesundheitlich gefährlichere Substanz durch Cannabis . Das deutet darauf hin, dass bereits jetzt, da Cannabis nicht in staatlichen Substitutionsprogrammen zur Verfügung steht, viele Patienten Cannabis als wirksame Substitutionshilfe und als sicherere Ergänzung oder Alternative zu ihrem verschreibungspflichtigen Medikament nutzen, schlussfolgern die kanadischen Forscher in der Studie.

Die erste Studie der Universität Berkeley von 2009 war zwar noch nicht so dezidiert, kommt aber prinzipiell zum selben Ergebnis. Damals wurden 350 Patienten eines medizinisches Cannabis Kollektivs in Berkeley (Kalifornien) zu ihren Konsumgewohnheiten befragt. Insgesamt gaben 71 % der Teilnehmer an, an einer chronischen Erkrankung zu leiden. 52 % der Befragten verwendeten Cannabis gegen chronische Schmerzen und 75 % nutzen Cannabis aufgrund einer psychischen Erkrankung. Die Autoren folgerten, dass „medizinische Cannabispatienten substituieren, indem sie Cannabis als Alternative zu Alkohol sowie verschriebenen Medikamenten und illegalen Drogen nehmen“. 40 % hatten Medizinalhanf als Ersatz für Alkohol, 26 % als Ersatzstoff für andere, illegale Substanzen und 66 % als Ersatzmittel für verschreibungspflichtige Medikamente verwendet. Die meist genannten Gründe der Substitution waren weniger starke Nebenwirkungen der Medikamente (65 %), eine bessere Linderung der Symptome (57 %) und weniger Entzugserscheinungen (34 %) durch Cannabis.

Die neuste Meta-Studie aus dem Jahr 2016 untermauert die Erkenntnisse der vorherigen Erhebungen. Eine Meta-Studie basiert nicht auf neuen Forschungen, sondern analysiert und fasst Studienergebnisse anderer Studien zusammen. In diesem Fall wurden Daten von 60 verschiedenen Studien über den medizinischen und den nicht-medizinischen Cannabis-Konsum ausgewertet. Zwar wiesen die Forscher darauf hin, dass ein Großteil der ausgewerteten Studien zu wenige Teilnehmer aufwies, was wiederum an den schwierigen Bedingungen liegt, die das Erforschen einer illegalen Substanz mit sich bringt. Trotzdem sprechen die Ergebnisse auch hier eine klare Sprache:

Die 60 ausgewerteten Studien bestätigen, dass Cannabis in einer Weise mit anderen, illegalen Substanzen interagiert und deren Konsum beeinflusst. Bei vielen Abhängigen sei die Bereitschaft, sich mit Cannabis zu substituieren, oft höher als die, klassische Substitutionsmittel einzunehmen. Deshalb und weil die langfristige Verwendung von Methadon gesundheitlich bedenklicher ist als sauberes Heroin, haben es Deutschland und die Schweiz Ärzten mit großem Erfolg ermöglicht, neben Methadon für Langzeit-Abhängige auch die Substitution mit sauberem Heroin zu ermöglichen.

Die Substitution einer psychoaktiven Substanz durch eine andere mit dem Ziel, gesundheitliche und soziale Folgeschäden zu begrenzen, gilt als eine der vier Säulen deutscher Drogenpolitik und heißt „Überlebenshilfe und Schadensminderung“. Cannabispatienten machen nichts anderes, wenn sie ihre Blüten als Alternative zu Alkohol, Medikamenten und illegalen Drogen verwenden.

Die kanadischen Forscher schlagen vor, medizinisches Cannabis im Rahmen einer ärztlichen Behandlung legal als Ausstiegsdroge verwenden zu können, um so den Gebrauch anderer, gesundheitlich bedenklicherer Substanzen wie Opioide und Opiate zu verringern. Dieser Effekt ist bereits statistisch nachweisbar. In den USA ist die Zahl von legalen Opioiden und illegalen Opiaten seit der Jahrtausendwende im Bundesdurchschnitt immens angestiegen. Lediglich in Bundesstaaten, wo Cannabis zum Freizeitgebrauch oder aus medizinischen Gründen legal war, war bis 2014 ein Rückgang der Todesfälle durch Opioide zu verzeichnen.

„Cannabis nimmt mir den Saufdruck“

Auch in Deutschland gibt es immer mehr Berichte zur „Ausstiegsdroge Cannabis“, auch wenn die nationale Studienlage zu Cannabis als Substitutionsmittel noch ein weißes Blatt ist. Doch als Abhängiger ist es bereits möglich, eine Ausnahmegenehmigung zum Erwerb von Cannabisblüten zu erhalten, wenn der behandelnde Arzt vom Erfolg der Therapie überzeugt ist. Cannabis-Patient Karl „Shorty“ Huber war früher Alkoholiker und substituiert sich seit Jahren mit Cannabis. Anfangs illegal, verfügt der 52-jährige seit April 2015 über eine Ausnahmegenehmigung zur Selbsttherapie mit Cannabisblüten. „Cannabis nimmt mir den Saufdruck. Alkohol ist ein Rauschgift, Cannabis ein Rauschmittel“, beschreibt Shorty die Wirkungsweise seiner pflanzlichen Ersatzdroge, die ihm seit vielen Jahren ein geregeltes Leben und intaktes, soziales Umfeld ermöglicht. Ab kommenden Monat wird ein einfaches Betäubungsmittelrezept anstelle von „Shortys“ Ausnahmegenehmigung treten und seine Versorgung mit Medizinal-Blüten voraussichtlich erleichtern. Auch das Hanf Journal berichtete schon 2013 über einen ehemaligen Heroinabhängigen, der sich ohne anderes Substitutionsmittel erfolgreich mit Cannabis therapiert. Doch insgesamt ist die Substitution mit Cannabis in Europa, anders als in den USA und Kanada, noch eher die Ausnahme. Aber gerade hier sollten die Ergebnisse aus Übersee und viele Fallberichte aus Europa Anlass genug sein, das Potential der Ausstiegsdroge Cannabis schnell und umfassend zum Gegenstand medizinischer Forschung zu machen.

 

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