by Seshata on 05/04/2013 | Cannabis Aktuelles

Cannabis und die posttraumatische Belastungsstörung

Bis zu 8,2 % der Amerikaner und 9,2 % der Kanadier leiden unter einer PTBS; die Schätzungen bezüglich der globalen Verbreitung klaffen extrem weit auseinander, von 1,3 % bis hin zu 37,4 %[1]. Viele PTBS-Patienten berichten über eine signifikante Linderung ihrer Symptome, wenn sie Cannabis konsumieren. Kürzlich wurden etliche schockierende Berichte über US-Kriegsveteranen und andere betroffene Personen veröffentlicht, die zu harten Freiheitsstrafen verurteilt worden waren, weil die Krankheit sie kriminell gemacht hatte. Das macht deutlich, dass weitere Anstrengungen nötig sind, um sicherzustellen, dass diese Personen mit geeigneten Medikamenten behandelt werden können.


Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS oder engl. PTSD = post-traumatic stress disorder) ist eine schwere psychische Erkrankung, die es den darunter Leidenden unmöglich machen kann, ein normales Leben zu führen. Wie der Name nahelegt, ist die Krankheit die direkte Folge eines früher erlebten Traumas. Zu den Symptomen gehören Rückblenden des traumatischen Ereignisses, die Vermeidung damit assoziierter Auslöser, ängstliches Verhalten, Depression, Aggressivität und Hypervigilanz (übermäßige Wachheit bzw. Wachsamkeit).

Globale Verbreitung  der PTBS

Bis zu 8,2 % der Amerikaner und 9,2 % der Kanadier leiden unter einer PTBS; die Schätzungen bezüglich der globalen Verbreitung klaffen extrem weit auseinander, von 1,3 % bis hin zu 37,4 %[1]. Viele PTBS-Patienten berichten über eine signifikante Linderung ihrer Symptome, wenn sie Cannabis konsumieren. Kürzlich wurden etliche schockierende Berichte über US-Kriegsveteranen und andere betroffene Personen veröffentlicht, die zu harten Freiheitsstrafen verurteilt worden waren, weil die Krankheit sie kriminell gemacht hatte. Das macht deutlich, dass weitere Anstrengungen nötig sind, um sicherzustellen, dass diese Personen mit geeigneten Medikamenten behandelt werden können.

Cannabis and Post-Traumatic Stress Disorder - 1 - PTSD is often associated with the trauma of combat, but may be a result of any traumatic event
PTBS wird häufig mit dem Kriegstrauma in Verbindung gebracht, kann sich jedoch aus jeder traumatischen Erfahrung entwickeln.

Allerdings entwickelt nicht jede Person, die eine traumatische Erfahrung macht, später eine PTBS. Eine Studie fand heraus, dass 17 %[2] der Irak-Veteranen später eine PTBS, allgemeine Angststörung oder Depression entwickeln, und laut einer anderen Studie leiden 25 %[3] der Kinder mit traumatischen Erfahrungen danach unter einer PTBS. Eine weitere Studie kam zu dem Schluss, dass eineiige Zwillinge[4] einem größeren Risiko ausgesetzt sind, nach einem Kriegstrauma PTBS zu entwickeln, wenn ihr(e) Zwillingsbruder/-Schwester ebenfalls unter der Störung leidet, was auf eine genetische Anlage hindeutet.

PTBS und Drogenabhängigkeit

Ebenso wie bei vielen anderen psychischen Störungen wächst bei PTBS-Patienten die Wahrscheinlichkeit[5], von Drogen wie Alkohol, Cannabis und Kokain abhängig zu werden. Deshalb bleibt es fraglich, ob Cannabis tatsächlich als Behandlungsmethode für PTBS angesehen werden kann, da die betroffenen Personen generell Zuflucht bei solchen Substanzen suchen, unabhängig davon, ob diese eine effektive Heilmethode darstellen oder nicht.

Zwar liegen bedeutende Forschungsarbeiten über den Gebrauch von Suchtmitteln bei PTBS-Patienten vor, jedoch nur vergleichsweise wenige Studien, die sich auf die Wirksamkeit von Cannabis als Behandlungsmethode beziehen. Bis vor relativ kurzer Zeit herrschte in der medizinischen Fachwelt die Meinung vor, dass PTBS [6] Störungen in Bezug auf Cannabiskonsum noch weiter verschärfen würde; die Prozesse im Gehirn, die derartige Störungen auslösen, wurden jedoch kaum erforscht.

Die Rolle des Endocannabinoidsystems bei PTBS

Das Verständnis der komplexen Wechselwirkungen des Endocannabinoidsystems ist in den letzten Jahren beträchtlich gewachsen, und so rückte die Rolle, die es bei der Steuerung der PTBS-Symptome und ähnlicher Störungen spielt, immer mehr in den Blickpunkt. In einem 2012 veröffentlichten Artikel[7] wurde festgestellt, dass stresstolerante Personen, die akutem Stress in Form eines parabolischen (schwerelosen) Flugexperiments ausgesetzt wurden, einen deutlichen Anstieg der Endocannabinoid- (EC) Konzentration im Blutplasma aufwiesen, dagegen zeigte sich bei Personen mit geringer Stresstoleranz kein Anstieg.

Bei den Letzteren handelte es sich allerdings um gesunde Personen, die nicht unter irgendwelchen chronischen Stresskrankheiten litten. Andererseits zeigten PTBS-Patienten (und andere chronische Stresspatienten) permanent erhöhte EC-Konzentrationen, verglichen mit den Gesunden, sogar in alltäglichen, nicht belastenden Situationen. Das lässt den Schluss zu, dass das EC-System bei der Reaktion auf Stress definitiv eine Rolle spielt, doch die exakten Mechanismen sind nach wie vor unklar.

Der genetische Phänotyp der CB-Rezeptoren könnte die Veranlagung für PTBS erhöhen

Cannabis and Post-Traumatic Stress Disorder - 2 - Areas of the brain affected by PTSD
Zu den Bereichen des Gehirns, die durch PTBS beeinflusst werden, gehören der präfrontale Kortex und die Amygdala, beides Regionen mit einer bedeutsamen Konzentration von CB-Rezeptoren.

Des Weiteren wurde festgestellt, dass bei Patienten, die sich einer Herzoperation unterziehen mussten, nach der Operation stärkere PTBS-Symptome auftraten, wenn sie einen Einzelnukleotid-Polymorphismus (eine Abweichung, die nur eine der Nukleotidbasen A, C, T oder G betrifft) des CB2-Rezeptorgens in sich trugen.

Ein in diesem Jahr veröffentlichter Artikel[8] beschreibt die Rolle, die der CB1 -Rezeptor bei der Erfahrung und Erinnerung belastender Ereignisse spielt: Das normale EC-Signal des Rezeptors trägt zur Beseitigung der Angst bei, während das geschädigte Signal mit der Unfähigkeit assoziiert wird, traumatische Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu löschen und chronische Ängste und Depressionen (bei Tieren) aufzulösen.

Der Artikel wies auch darauf hin, dass die bestehenden Medikamente für PTBS “opportunistisch” verwendet wurden, also dann, wenn ihre Heilwirkung entdeckt wurde, und dass diese Medikamente ursprünglich zumeist für andere Krankheiten vorgesehen waren. Oftmals ist die Effektivität solcher Medikamente begrenzt, und zudem können sie schwerwiegende Nebenwirkungen bergen.

THC und Nabilon als mögliche Behandlungsoptionen

Cannabis and Post-Traumatic Stress Disorder - 3 - The synthetic THC analogue nabilone has been demonstrated to be effective against PTSD-related nightmares.
Das synthetische Gegenstück zu THC, Nabilon, ist nachweislich effektiv bei der Bekämpfung von Alpträumen, die mit PTBS zusammenhängen.

Der Autor folgerte daraus, dass die Einnahme von Tetrahydrocannabinol (THC) die Symptome zwar zeitweilig zum Stillstand bringen könnte, dass aber dessen langfristige Verwendung zu einer Schädigung des CB1 -Rezeptor-Signals führen und somit eine Verschlimmerung der Symptome wie Angst, Reizbarkeit und Schlafprobleme bei PTBS-Patienten bewirken würde.

Eine Studie[9] aus dem Jahr 2009 untersuchte die Effektivität von Nabilon, einer synthetischen Form von THC, als zusätzliche Behandlung der PTBS. Unter einer zusätzlichen Behandlung versteht man eine Therapie, die als Ergänzung einer primären Therapie verordnet wird, in diesem Fall Antidepressiva und Schlaf- bzw. Beruhigungsmittel. Diese Studie fand heraus, dass Alpträume bei 72 % der Patienten aufhörten oder weniger häufig auftraten. Außerdem verbesserte sich die Qualität und Dauer ihres Schlafes, und auch die Zahl der Rückblenden während des Tages konnte reduziert werden.

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse dieser Studie bedeutet die ziemlich kleine Größe der Stichprobe von nur 47 Personen, dass weitere Untersuchungen erforderlich sind, um die Effektivität von Nabilon endgültig beurteilen zu können. Doch da das Interesse an der Verwendung von Cannabinoiden als Behandlung für PTBS so rasch wächst, werden die Ergebnisse weiterer Forschungen wahrscheinlich schon bald vorliegen.

Ungeachtet der anhaltenden Kontroverse in Bezug auf die Effektivität von medizinischem Cannabis als Behandlung für PTBS hat der Sachverständigenrat für Medizinischen Cannabis kürzlich empfohlen, PTBS weiterhin als eine der Krankheiten zu kennzeichnen, bei denen Cannabis potenziellen Konsumenten auf Rezept gegeben werden darf.[10]

[1]     Van Ameringen M, Mancini C, Patterson B, Boyle MH. (2008). Post-traumatic stress disorder in CanadaCNS Neuroscience & Therapeutics. 14(3), 171-81.

[2]     Anderson KC, Insel TR. (2006). The Promise of Extinction Research for the Prevention and Treatment of Anxiety Disorders. Biol Psychiatry. 60(4), 319–321.

[3]     McCloskey LA, Walker M.(2000). Posttraumatic Stress in Children Exposed to Family Violence and Single-Event Trauma. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry. 39(1), 108–115.

[4]     Koenen KC et al. (2003). Co-twin control study of relationships among combat exposure, combat-related PTSD, and other mental disorders. Journal of Traumatic Stress. 16(5), 433–438.

[5]     Bonin MF et al. (2000). Drinking away the hurt: the nature and prevalence of PTSD in substance abuse patients attending a community-based treatment program. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry. 31(1), 55–66.

[6]     Cornelius et al. (2010). PTSD contributes to teen and young adult cannabis use disorders. Addictive Behaviors. 35(2), 91–94.

[7]     Schelling G. (2012). Endocannabinoids in stressed humans. European Journal of Psychotraumatology. 3, 1-1.

[8]     Neumeister A. (2012). The endocannabinoid system provides an avenue for evidence-based treatment development for ptsd. Depression and Anxiety. 30(2), 93–96.

[9]     Fraser GA. (2009). The Use of a Synthetic Cannabinoid in the Management of Treatment-Resistant Nightmares in Posttraumatic Stress Disorder (PTSD). CNS Neuroscience & Therapeutics. 15(1), 84–88.

[10]   Peters J. (2012). Medical Cannabis Advisory Board Recommends Keeping PTSD As Medical Marijuana Qualifier (Santa Fe Reporter)

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.