Cannabis und Sport – Doping oder nicht?

In den USA macht das öffentliche Image von Cannabis gerade einen Wandel durch. Im Zuge der Legalisierung entstehen neue Angebote, die Gesundheit und Bewegung in den Fokus rücken. Kalifornien ist ein Schritt voraus. Mal wieder.

Die Hippie-Bewegung, das Computer-Zeitalter, die Elektromobilität ­– wer sich für neue Trends interessiert, kommt um Kalifornien nicht herum. Hier werden Ideen und Produkte geboren, vermarktet und in die Welt exportiert. Es überrascht daher wenig, dass der bevölkerungsreichste Staat der USA auch bei der Legalisierung von Cannabis eine Vorreiterrolle übernahm.

Seit 1996 ist die Nutzung von Cannabis als Medizin erlaubt, 2018 hat Kalifornien auch den Freizeitkonsum legalisiert. Die gesetzliche Grundlage für die Legalisierung bildet Proposition 64, ein Dokument von mehr als 60 Seiten, das ohne juristische Kenntnisse kaum zu verstehen ist. Den meisten Konsumenten reicht es zu wissen, dass es in Kalifornien ab einem Mindestalter von 21 Jahren legal ist, Cannabis zu konsumieren, zu teilen und zuhause anzubauen.

Mittlerweile haben etliche Cannabis-Etablissements ihre Pforten geöffnet, auf den ersten Blick hat sich aber wenig verändert in Los Angeles und San Francisco. Wer in diesen Tagen am Strand in Venice unterwegs ist, dem präsentiert sich die übliche kalifornische Szenerie: Touristen grinsen in die Kamera, Mütter in schmalen Hosen schieben breite Kinderwägen vor sich hin und hier und da trifft sich eine Gruppe von jungen Menschen zum Sport.

Sie kombinieren Kugelhanteln mit Yoga und schaffen es dabei so perfekt auszusehen wie ihre Instagram-Accounts. Am Ende des Trainings machen Smoothies vom Farmers Market die Runde, ein paar der Jungs trinken Protein-Shakes. Doch da ist noch was. Was aus der Ferne wie ein kleines Tetra Pak mit Trinkhalm aussieht, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als Verdampfer.

Das Bild dieser gesundheitsbewussten, urbanen Jugend, die nach dem Sport Cannabis konsumiert, passt für Außenstehende ganz und gar nicht zusammen mit dem Bild des faulen Kiffers.

Cannifornication

Kalifornien ist gerade dabei mit den alten Klischees aufzuräumen. Zwischen den goldenen Stränden im Süden und den Redwoods im Norden entstehen neue Angebote, die Cannabis und Sport unter einen Hut bringen.

Galionsfigur dieser Bewegung ist Jim McAlpine, der mit seinem Henriquatre-Bart und Glatze an den Schauspieler Dwayne „the Rock“ Johnson erinnert. McAlpine ist der Mann hinter den 420 Games, einer Reihe von Sportevents, die mittlerweile in sieben verschiedenen Bundesstaaten ausgetragen werden.

Bei den 420 Games werden 4,2 Meilen (ca. 6,5 Kilometer) zurückgelegt. Dabei geht es nicht darum, sich auf der Strecke einen Joint anzuzünden. Der Konsum ist während dem Rennen ausdrücklich verboten.

Ziel ist es „die Stereotypen aufzubrechen, die während der Zeit der Cannabis-Prohibition entstanden sind“, so McAlpine im DOPE Magazine. Er will, dass Cannabis-Konsumenten in Zukunft nicht mehr alle über den gleichen Kamm geschoren und als „unmotivierte Kiffer“ abgestempelt werden.

Ein weiteres Baby von ihm ist das Power Plant Fitness in San Francisco. Das erste „Cannabis-Fitnesscenter der Welt“ will „Menschen ausbilden und ihnen den gesündesten Weg zum Konsum von Cannabis beibringen.“ Entsprechend ist der orale Konsum und das Verdampfen in speziellen Räumen erlaubt, während das Rauchen im gesamten Gebäude verboten bleibt.

McAlpine ist nicht nur Entrepreneur und Sportler, sondern auch selbst überzeugter Konsument. Eine Stunde vor dem Sport konsumiert er 50 bis 100 Milligramm THC in Form von Gummibärchen. Er sei dadurch motivierter und könne sich besser auf den Moment konzentrieren. Dabei gesteht er im Interview mit dem Denverite ein, dass Kiffen und Sport längst nicht für alle eine gute Kombination darstellen und bei gewissen Menschen auch negative Effekte hervorrufen können.

Was sagt die Wissenschaft über Kiffen und Sport?

Über die Wirkungsweise von Cannabis im Sport ist wenig bekannt. Laut dem australischen Pharmakologen Michael C. Kennedy setzen sich nur 15 englischsprachige Studien mit dem Thema auseinander. Einer, der sich auskennt, ist Gregory Gerdeman. Seit 20 Jahren untersucht der Neurowissenschaftler, wie Cannabis auf das Gehirn wirkt. Er sagt, dass die Kombination aus Cannabis und Sport Sinn macht.

Der menschliche Körper produziert eine Reihe von chemischen Verbindungen, die als Endocannabinoide bezeichnet werden. Sie steuern die Art und Weise, wie wir Schmerzen und Stimmungen wahrnehmen und sorgen dafür, dass unser Körper im Gleichgewicht bleibt. Dieser Zustand der Homöostase kann durch Krankheiten wie Krebs oder anstrengende körperliche Aktivitäten gestört werden.

Interessanterweise könnten extern produzierte Cannabinoide den Körper darin unterstützen, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Genau solche Stoffe gelangen in unseren Körper, wenn wir Cannabis konsumieren. Die bekanntesten sind THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol), wobei ersteres psychoaktiv wirkt und so dafür sorgt, dass wir uns „high“ fühlen.

Cannabinoide beeinflussen unser Schmerzempfinden, unsere Reaktionen auf Stress und unseren Appetit. Diese Effekte können positiv oder negativ sein. Sie hängen von verschiedenen Faktoren ab wie der Dosis, Toleranz und persönlichen Veranlagung.

Beispielsweise ist erwiesen, dass mehrere Cannabinoide bei geringer Dosierung einen bestimmten Effekt bewirken, während sie in höheren Dosierungen den gegenteiligen Effekt auslösen, und wenn sie mit anderen Cannabinoiden kombiniert werden, ergeben sich potenziell sogar noch größere psychologische Veränderungen – wie diese Studie aus dem Jahr 2013 über Cannabinoide und Angst aufzeigt.

Eine Substanz wie THC kann bei Personen mit unterschiedlicher Toleranz ganz unterschiedliche Wirkungen hervorrufen. Darüber hinaus kann eine identische Dosis von Cannabinoiden bei Personen mit bestimmten genetischen Eigenschaften eine völlig andere Reaktion hervorrufen als bei Personen mit anderer Veranlagung. Es kann sogar sein, dass Menschen mit hervorragender körperlicher Verfassung (die Sportler zweifellos besitzen) anders reagieren als der „Durchschnitt“ oder als ein kranker Mensch.

Cannabis als leistungssteigernde Substanz (Doping)

Nehmen wir mal an, die durch Cannabis hervorgerufenen Effekte bei einer Person positiv sind, sie sich dadurch besser fühlt, weniger Schmerzen wahrnimmt und Schwellungen schneller abklingen: In dem Fall könnte man bei Cannabis durchaus von einem leistungsstärkenden Mittel im Sinne von Doping sprechen.

Dagegen spricht die Tatsache, dass der Konsum den Puls erhöht und so früher zu einem Erschöpfungszustand führen kann. Auch verlangsamte Reaktionszeiten und Koordinationsschwierigkeiten, die mit Cannabis assoziiert werden, sind beim Sport nicht hilfreich.

Ob Cannabis als Doping einzuordnen ist oder nicht, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Fakt ist, dass im Moment noch zu wenige Studien existieren. Dies ist eine direkte Folge der Prohibition, die auch dazu geführt hat, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) Cannabis als Doping einstuft. Während THC verboten bleibt, hat die WADA im Jahr 2018 CBD von der Liste der verbotenen Substanzen gestrichen.

Professionelle Sportler, die gerne auch mal THC-haltige Produkte konsumieren, brauchen sich keine Sorgen zu machen, solange sie ein oder zwei Tage vor einem Ernstkampf ihren Konsum einstellen. Der 2013 revidierte THC-Grenzwert wurde mit 150 ng/ml THC-COOH nämlich recht hoch angelegt.

Amerikanische Profiliegen – es tut sich was

Die Überraschung war groß, als sich David Stern für die Nutzung von medizinischem Marihuana ausgesprochen hat. 30 Jahre lang hat er die beste Basketballliga der Welt, die NBA, mit eiserner Hand geführt. Er war es, der sich zu Beginn seiner Karriere für strengere Drogentests stark gemacht hat, er war es auch, der den Spielern verboten hat, mit Freizeitkleidern, Baseballmützen und Schmuck auf der Bank zu sitzen. Wenn also dieser gleiche David Stern behauptet, dass Cannabis von der Doping-Liste gestrichen werden sollte, kann man nicht anders als von einem Paradigmenwechsel sprechen.

Schon länger munkelt man, dass viele Spieler der amerikanischen Profiliegen Cannabis konsumieren. Einer von ihnen ist Kyle Turley. Fast zehn Jahre in der NFL (National Football League) haben ihre Spuren hinterlassen: Gehirnerschütterungen, Knieprobleme, Depressionen, chronische Kopfschmerzen. Probleme, die er mit einem Cocktail aus Schmerzmitteln (darunter Opioide), Muskelentspannern und Psychopharmaka bekämpft hat. Einmal fand ihn seine Frau, als er versuchte aus einem Fenster im dritten Stock zu springen.

Vor zwei Jahren wagte Turley ein Experiment: Er setzte alle Medikamente ab und begann, ausschließlich Cannabis zu konsumieren. Weil es ihm seitdem endlich besser geht, hat sich Turley zu einem glühenden Befürworter von Cannabis entwickelt.

Immer mehr zurückgetretene Profis machen ähnliche Erfahrungen wie Turley. Sie setzen auf die Natur statt auf Chemie. Unter dem Namen „Athletes for Care“ haben sich fast 30 von ihnen zusammengeschlossen. Ziel ist es, die Gesundheit von Athleten zu fördern und sie möglichst gut für ein Leben nach der Profikarriere vorzubereiten. Ein wichtiger Teil des Programms ist die Nutzung von medizinischem Cannabis.

Auffällig ist, dass sich nach wie vor nur wenige aktive Sportler öffentlich für Cannabis aussprechen. Noch scheint die Angst vor einem Imageschaden und ausbleibenden Sponsoren zu groß.

Fürs Laufen, Agent Orange. Fürs Leben, Durban Poison.

Über Werbegelder macht sich Tyler Hurst keine Gedanken. Zwei bis viermal pro Woche schlüpft der 38-Jährige in seine Vibram-Sportschuhe und legt los. Für ihn ist Laufen eine Form der Meditation. Wenn er nicht läuft, macht Hurst Yoga, trainiert auf dem Hometrainer oder dem Rad. Im Idealfall macht er 90 Minuten Sport. Pro Tag.

Hurst achtet auf seine Ernährung. Ihm geht es gut. Doch das war nicht immer so. Nach einer Rückenverletzung konnte er vor zwei Jahren nur noch unter Schmerzen trainieren. In dieser Zeit begann Hurst mit Cannabis zu experimentieren. „Cannabis macht mich nicht schneller oder zu einem besseren Athleten, ich habe aber dadurch meine Schmerzen im Griff und erhole mich schneller.“

Hurst kombiniert verschiedene Konsummethoden wie Dabbing, Edibles und Vaporizer. In seinem Podcast Burning Bush berichtet er von den Erfahrungen, die er über die Jahre gemacht hat.

Hurst erzählt mir, dass er Cannabis-Sorten mit einem hohen Sativa-Anteil bevorzugt: „Fürs Laufen und Yoga, Agent Orange. Fürs Leben, Durban Poison.“ Wenn während dem Lauf die Wirkung des Cannabis langsam abnimmt, beginnt das „natürliche“ High.

„Das Runner’s High und das Cannabis-High kommen vom gleichen Ort“, so Hurst weiter. Viele Läufer kennen das Glücksgefühl, von dem er spricht. Dauerlaufen kann Menschen in einen rauschähnlichen Zustand versetzen. Laut Gregory Gerdeman ist dieses Runner’s High tatsächlich eng mit dem Endocannabinoid-System verknüpft. Schon 30 Minuten Bewegung reichen aus, dass der Körper vermehrt Endorphine produziert und die Konzentration des Endocannabinoids „Anandamid“ im Blut ansteigt.

Anandamid, dessen Name vom Sanskrit-Wort „Ananda“ (Freude, Glückseligkeit, Glück) abstammt, ist chemisch gesehen ein enger Verwandter von THC. Etwas salopp ausgedrückt könnte man sagen, dass Anandamid die menschliche Form von THC ist. Forscher gehen davon aus, dass die Glücksgefühle während dem Laufen evolutionäre Gründe haben. Was früher bei der Jagd half, treibt Menschen heute zum Marathon an.

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Comments

2 Kommentare zu „Cannabis und Sport – Doping oder nicht?“

  1. Axel Junker

    Bei Cannabis und Sport muss ich unweigerlich an Schach denken, sofern nicht unter Zeitdruck- , Höhen- oder Breitenmessung gespielt wird.

  2. Hallo zusammen

    Ich denke, dass Cannabis und Sport in Kombination immer häufiger auftreten wird. Insbesondere Cannabidiol wirkt entspannend auf die Muskeln und lindert Entzündungen.

    Liebe Grüsse

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    Das Sensi Seeds Redaktionsteam besteht aus Botanikern, medizinischen und juristischen Experten sowie renommierten Aktivisten wie Dr. Lester Grinspoon, Micha Knodt, Robert Connell Clarke, Maurice Veldman, Sebastian Marincolo, James Burton und Seshata.
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    Dr. Sanjai Sinha ist Mitglied der akademischen Fakultät des Weill Cornell Medicine Colleges in New York. Er verbringt seine Zeit damit, Patienten zu begleiten, Bewohner und Medizinstudenten zu unterrichten und im Gesundheitswesen zu forschen. Er genießt die Ausbildung von Patienten und die Ausübung evidenzbasierter Medizin. Sein starkes Interesse an medizinischer Überprüfung kommt von diesen Leidenschaften.
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