Das REVIRIDE-Hanf-Projekt könnte Italiens industrielles Kernland vor Verschmutzung bewahren

Italien Reviride ist ein Öko-Projekt des italienischen Unternehmens Hesalis, das mit Industriehanf verschmutzte Böden dekontaminiert und Menschen zu einem gesünderen Leben einlädt. Ziel ist es, Italien wieder grün zu machen und die steigenden Krebsraten zu stoppen.


Auf den Spuren des niederländischen Industriehanfpioniers HempFlax macht ein italienisches Unternehmen große Fortschritte bei der Nutzung der erstaunlich vielseitigen Hanfpflanze, um nicht nur den Boden, sondern auch die Wirtschaft einer verschmutzten und krisengeschüttelten Region wiederzubeleben. Trotz Rückschlägen durch die Polizei und eine Ernte, die den Mähdrescher zerbarst, zeigt das Projekt erste Erfolge.

Im Jahr 2013 startete Hesalis, ein italienisches Unternehmen mit Sitz in Terni, einer Industriestadt im Herzen Italiens, eine Umweltinitiative mit dem Namen Reviride, um Schwermetalle und chemische Giftstoffe aus Ternis kontaminiertem Boden mithilfe von Industriehanf zu entfernen. Das Projekt war so erfolgreich, dass sechs weitere italienische Gemeinden es wiederholen möchten.

„Die Stahl- und Chemieindustrie hat im letzten Jahrhundert Toxine in den Boden Mittelitaliens gelangen lassen“, erklärt Emilio Petrucci, Geschäftsführer von Hesalis. „Es hatte katastrophale Auswirkungen für das Land und die Menschen. Jeder dritte Mensch in Terni hat Krebs.“

Hanf rettet Italiens verschmutztes Kernland

Das kurzfristige Ziel von Reviride – lateinisch für „wieder grün machen“ – ist es, die Phytosanierungseigenschaften der Cannabispflanze zu nutzen, um den verschmutzten Boden Ternis zu revitalisieren.

Phytosanierung ist der Prozess, bei dem die Pflanze Toxine über ihre Wurzeln aufnimmt und in ungiftige Substanzen umwandelt. Dieses Verfahren wurde eingesetzt, um die durch die Tschernobyl-Katastrophe von 1986 in der Ukraine verursachte Verseuchung zu mindern.

Das langfristige Ziel von Reviride ist, die Gesundheit der Menschen in Terni durch die Schaffung von Voraussetzungen für eine umweltfreundliche und nachhaltige Hanfindustrie zu verbessern. Hesalis hat nicht nur zwei Hektar Industriehanf gepflanzt, um Giftstoffe aus dem Boden zu entfernen, sondern auch 254 Familien im Jahr 2017 mit Saatgut versorgt. 2018 sollen weitere 2.000 Familien mit Saatgut versorgt werden, um ein Programm zur Stadterneuerung auf Hanfbasis zu fördern.

Oude Pekela, das niederländische Dorf, in dem HempFlax seinen Firmensitz hat, befindet sich derzeit in einer ähnlichen Phase der Wiederbelebung durch Hanf. Die Hanf-Design-Factory ist die neueste Erweiterung des HempFlax-Geländes und eine spannende Kollaboration zwischen unserer Schwesterfirma, lokalen Unternehmern, Studenten der nahegelegenen Universität Groningen und der gesamten Gemeinde Pekela. Beide Projekte zielen darauf ab, lokales Know-how und neueste Hanftechnologie zusammenzubringen, um der umliegenden Region und ihren Bewohnern neues Leben einzuhauchen.

Wie stark ist Terni verschmutzt?

Terni kann auf ein einzigartiges industrielles Erbe zurückblicken, das bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, als die Stadt eine Schlüsselrolle in der Zweiten Industriellen Revolution spielte. Während des Zweiten Weltkrieges wurde sie mehr als 100 Mal bombardiert und so wurden 80 Prozent der Stadt in Schutt und Asche gelegt.

Nach dem Krieg wurde die Stadt als industrieller Dreh- und Angelpunkt für die Stahl-, Chemie- und Ölindustrie zur Herstellung von Waffen, Maschinen, Textilien, Elektrochemikalien und Kunststoffen wieder aufgebaut. Sie wurde „Die Stahlstadt“ und „das italienische Manchester“ genannt.

„Terni liegt in Mittelitalien, am Fuße eines Tals und umgeben von Bergen, was bedeutet, dass keine Luft zirkuliert und Giftstoffe hier regelrecht gefangen sind“, erklärt Petrucci, der in Kolumbien geboren wurde, aber seit 2005 in Terni lebt. „Als meine Familie sich hier niederließ, wurde mir schnell klar, wie viele Menschen um mich herum Gesundheitsprobleme wie Leukämie, Asthma und Lupus entwickeln.“

Hanf rettet Italiens verschmutztes Kernland

Das Problem der industriellen Umweltverschmutzung in Italien ist nicht auf Terni beschränkt, da viele italienische Städte und Regionen als „National Priorisierte Kontaminierte Standorte“ (kurz NPKS) identifiziert wurden. Das SENTIERE-Projekt aus dem Jahr 2014, eine Ergänzung zu einer epidemiologischen Studie des italienischen Gesundheitsministers von 2010, fand in 17 NPKS, darunter Terni, Zusammenhänge zwischen Umweltschadstoffen und „Krebsinzidenzen, Sterblichkeitsraten und Krankenhausentlassungen“.

Der Bericht besagt:

„Die Auswirkungen auf die Gesundheit in den verschiedenen NPKS müssen sorgfältig geprüft und als Ausgangspunkt für weitere analytische Untersuchungen genutzt werden, die kausale Zusammenhänge mit spezifischen Umweltexpositionen bestätigen und erklären können. Die Beobachtungen können jedoch bereits als Grundlage für verbindliche primäre Präventionsmaßnahmen betrachtet werden.“

Die Provinz Papigno wurde als das am stärksten verschmutzte Gebiet in Terni klassifiziert.

Das blühende Reviride-Projekt

„Der entscheidende Punkt war für mich, als mein Cousin an Leberkrebs starb“, sagt Petrucci. „Da habe ich mich entschieden, mich im Umweltbereich zu engagieren. Als ich sah, dass andere Projekte mit der Anwendung von Hanf Erfolg hatten, wusste ich, dass es die ideale Lösung für Terni ist. Das Schöne an Hanf ist, dass er sich in die heutige Industrie integrieren lassen und sie somit nachhaltig und umweltfreundlich machen kann.“

Das Projekt begann als private Gruppe mit Petrucci, dem Lebensmitteltechniker Claudio Natalini, dem Biologen Luca Schinoppi und dem Landwirt Riccardo Claudiani. Zuerst konzentrierten sie sich auf Nahrung und luden Leute auf Claudianis Bauernhof ein, um ihnen beizubringen, wie man selbst Gemüse anbaut und Bio-Rezepte zubereitet.

Kurz darauf begannen sie, auch Hanf in ihre Rezepte aufzunehmen, „aber damals wussten wir noch nicht, dass der Hanfmarkt in Italien im Begriff war zu explodieren“.

Hanf rettet Italiens verschmutztes Kernland

Im Jahr 2013 pflanzten sie die erste Hanfernte, aber es dauerte fünf Jahre, bis sie Erfolg hatten. „Das erste Jahr war katastrophal“, erklärt Petrucci. „Wir begannen mit Futura 75, die in Frankreich wunderbares Saatgut ist, weil sie sich an die Umgebung dort angepasst hat. In Italien sind die Bedingungen jedoch völlig anders und die Ergebnisse waren furchtbar.“

2014 war die Ernte nicht viel besser. Die Ernte war so schroff, dass sie „die Maschinen zerstörte“. Im Jahr 2016 tauchte die Polizei auf und schloss die Plantage. 2017 erfolgte dann die erste erfolgreiche Ernte. Es war auch das Jahr, in dem das Unternehmen durch ein Start-up-Beschleunigungsprogramm namens „ERG Regeneration Challenge“ ausgezeichnet wurde und die Werkzeuge zur Erweiterung seines Projekts erhielt.

Großer Hanf, große Herausforderungen, große Ziele

HempFlax ist es gelungen, von nur 140 Hektar Industriehanf im Jahr 1994 auf 2.500 Hektar im Jahr 2017 zu expandieren, mit dem Ziel, die Anbaufläche bis 2020 um weitere 1.000 Hektar zu erweitern.

Bis jetzt hat Hesalis zwei Hektar Industriehanf in verschiedenen Gebieten der Stadt gepflanzt. Jetzt, da sie die Werkzeuge und die Erlaubnis zur Expansion erhalten haben, erweitern sich auch ihre Ziele dementsprechend.

„Der schwierigste Teil ist, die verschmutzten Zonen zu erreichen, wo der Anbau verboten, aber am nötigsten ist. Wir wollen ein F&E-Agrartechnologie-Zentrum im Herzen Italiens aufbauen, weil es derzeit keinen Hanfverband, Saatgutproduktionen oder ähnliches gibt.“

Petrucci ist sich auch der sozioökonomischen Probleme Ternis bewusst. „Hier ist der Hauptgewinn für jeden jungen Mann, einen Job bei einem der großen multinationalen Unternehmen zu bekommen, weil es ein sicherer Gehaltsscheck für den Rest seines Lebens ist – aber was für ein Leben ist das?“

Hanf rettet Italiens verschmutztes Kernland

„Wir haben hier Schwerindustrie, hohe Arbeitslosenquoten und viele kranke Menschen in Terni und diese Probleme werden nicht verschwinden, wenn wir keine Veränderungen herbeiführen. Eine Zentrum für Agrartechnik wird nicht nur zur Förderung des Umweltbewusstseins beitragen, sondern auch junge Talente zurück in das italienische Kernland locken.“

Hesalis unterteilt sein Hanf in Lebensmittel und Gegenstände. Die Nahrungsmittelpflanzen sind biologisch und die Ernten werden für essbare Produkte wie Öl und Mehl verwendet. Die auf verschmutzten Flächen geernteten Pflanzen werden für Biomasseprodukte wie Ziegel und Papier verwendet.

Industriehanf entfernt nicht nur Giftstoffe aus dem Boden – ein Hektar Industriehanf kann bis zu 18 Kilogramm Eisen und Blei extrahieren – er belebt das Anbaugebiet, das somit wieder für den Anbau weiterer Industriepflanzen genutzt werden kann. „Das Potenzial für Biomasseprodukte ist unbegrenzt. In Zukunft könnten wir Toilettenpapier für ganz Italien liefern, oder genug Ziegel, um 500 Häuser zu bauen.“

Von allen Herausforderungen, vor denen Hesalis stand, war die schwierigste, eine Sorte zu finden, die sich an das Klima und die Bodenverhältnisse in Terni anpasst. Aufgrund der EU-Vorschriften, wonach in Europa nur  vom European Seed Catalogue zertifizierte Hanfsamen mit einem THC– beziehungsweise Tetrahydrocannabinol-Gehalt von weniger als 0,2 Prozent verwendet werden dürfen, sind alle europäischen Landwirte gezwungen, Samen derselben zentralen Samenbank zu verwenden.

„Das Problem ist, dass ein Hanfsamen, der sich so entwickelt hat, dass er in Ungarn großartig wächst, in Italien nicht gut wachsen kann, weil er nicht an unser Terrain und unsere Sonne angepasst ist. Um die Umweltprobleme Italiens wirklich bekämpfen und einen gesunden Lebensstil auf Hanfbasis fördern zu können, brauchen wir eine Pflanze, die italienisch ist.“

Das Problem wird durch ein Gesetz von 2017 noch verkompliziert, das den Anbau und Verkauf von Pflanzen mit einem THC-Gehalt von weniger als 0,6 Prozent erlaubt, eine Situation, die nur in Italien existiert. Eine Sorte zu entwickeln, die ideal für italienische Wachstumsbedingungen ist, ist ein weiteres Ziel von Petrucci.

Hesalis hat eine Spendenkampagne mit einem Ziel von einer Million Euro gestartet, um die notwendigen Mittel für die Ausweitung des Projekts auf ganz Terni zu beschaffen. Hesalis arbeitet auch mit Partnern in der Toskana, der Emilia Romagna, dem Latium, Venetien, Apulien und Sizilien zusammen, die das Projekt in den jeweiligen Regionen ausweiten wollen.

„Das Projekt ist so konzipiert, dass es überall wiederholt werden und durch die Wiederbegrünung dieser vergessenen Brachflächen sowohl Arbeitsplätze schaffen und Einnahmen generieren als auch die Gesundheit verbessern kann. Wir wollen niemandem einen Thunfisch geben, wir wollen ihm das Fischen beibringen“, sagt Petrucci.

Sowohl Sensi Seeds als auch HempFlax wünschen Hesalis viel Erfolg bei diesem ehrgeizigen und ambitionierten Projekt! Natürlich werden wir unsere Leser weiterhin über neue Entwicklungen informieren. Kennen Sie andere Hanf-Projekte, die etwas Aufmerksamkeit in diesem Blog verdienen? Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen!

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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