by Miranda on 24/02/2017 | Legal & Politik

Italien: Medizinisches Cannabis aus Armee-Anbau kommt in die Apotheken

Medizinisches Cannabis In Italien können Patienten seit dem 1. Januar 2017 von der Armee angebautes und produziertes medizinisches Cannabis landesweit in Apotheken erhalten. Nach einem Jahr unendlicher Debatten kommt das Cannabis aus nationaler Produktion in die italienischen Apotheken, wenn auch nicht ohne Hürden.


Italien: Cannabis aus Armee-Anbau kommt in die Apotheken - Sensi Seeds Blog

Das Jahr 2017 hat gerade erst begonnen, und schon gibt es in Europa neue Fortschritte in Sachen Cannabis. In Italien geht es weiter voran, denn seit dem 1. Januar 2017 können italienische Patienten in allen Apotheken des Landes medizinisches Cannabis erwerben, das von der italienischen Armee angebaut und hergestellt wird. Nach einem Jahr unendlicher Debatten, bei denen sich viele Ärzte und Mediziner für das Projekt ausgesprochen hatten, kommt das in Italien produzierte Cannabis nun in die italienischen Apotheken, wenn auch nicht ganz ohne Hürden, wie die Verzögerungen zeigen, die es bei seiner Verteilung gibt.

In Italien ist der legale Verkauf von Cannabis, das von der italienischen Armee produziert wird, seit etwas weniger als einem Monat in den Apotheken möglich. Der italienische Staat ist für die Zuteilung und Bereitstellung des medizinischen Cannabis verantwortlich, das nur gegen Rezept an Patienten verkauft werden darf.

Medizinisches Cannabis von der italienischen Armee

Mit dem Anbau, der Produktion und der Überwachung der Verteilung der Cannabispflanzen ist das „Chemisch-pharmazeutische Militär-Institut“ in Florenz beauftragt, dessen Leitung in den Händen von Oberst Antonio Medica liegt. Diese Institution der Armee hat bereits die ersten 2400 Dosen bzw. Packungen medizinisches Cannabis für den landesweiten Verkauf produziert. Die Abgabe erfolgt in den Apotheken und in den Krankenhäusern in ganz Italien, sodass die Patienten dann Zugang zu einem für sie sehr nützlichen Arzneimittel haben werden.

In den staatlich festgesetzten Verkaufsbestimmungen für medizinisches Cannabis in Italien wird neben der Rezeptpflichtigkeit auch verlangt, dass der Packungsinhalt stets Cannabis in naturbelassener Form sein muss (d. h. in pflanzlicher Form: Cannabis-Blüten oder -Buds), das anschließend nur in Tees verwendet oder mit einem Vaporizer inhaliert werden darf.

Patienten, die unter bestimmten Krankheiten oder Symptomen leiden, beispielsweise unter chronischen Schmerzen, multipler Sklerose, Schwindel und Übelkeit aufgrund einer Chemo- oder Strahlentherapie, können ein ärztliches Rezept erhalten. Die Liste der Krankheiten und Symptome ist lang und kann auf den Internetseiten des Gesundheits- und des Verteidigungsministeriums abgerufen werden, dem die chemisch-pharmazeutische Produktion unterstellt ist.

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Medizinisches Cannabis wird in pflanzlicher Form für Tees oder Vaporizer verkauft (CC. Prensa 420)

Da das Cannabis in einer pharmazeutischen Anlage der Armee produziert wird, steht auf der Packung des Endprodukts die Abkürzung FM2, mit der auch Sonderpräparate für das Militär gekennzeichnet sind, die ebenfalls in dieser Anlage produziert werden. Florenz wird die Stadt Italiens sein, in der die ersten Packungen mit medizinischen Cannabis verkauft werden, die in den Labors des dort ansässigen Instituts produziert wurden.

Verkauf nur in Apotheken und Krankenhäusern, viel günstiger als in den Niederlanden

Obwohl die Verwendung von medizinischem Cannabis in Italien bereits seit 2013 legal ist (aufgrund eines Gesetzes, das verschiedene Regionen bereits eingeschränkt hatten), war bis jetzt kein staatliches System vorhanden, durch das Krankenhäuser oder Apotheken mit Cannabis versorgt werden können. Alles bisher in Italien verkaufte medizinische Cannabis stammte daher aus den Niederlanden.

Deshalb hatten es die abgebenden Stellen, also die medizinischen Einrichtungen, mit einem Wust bürokratischer Prozeduren mit dem Gesundheitsministerium und den Niederlanden zu tun, die viel Zeit beanspruchten, bevor einem Patienten die Bezugsgenehmigung erteilt wurde. Die Patienten haben letztlich die Konsequenzen dieses schwerfälligen Verfahrens tragen müssen.

Der Verkaufspreis für Cannabis, das von der Armee in der Militäranlage in Florenz produziert wird, wird offenbar ca. 15 € pro Gramm betragen, während das importierte Cannabis aus den Niederlanden 24 €/g kostete. Für die Patienten bedeutet das eine Preissenkung von fast 30 %.

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In den italienischen Apotheken ist die Kauf von Cannabis nur mit ärztlichem Rezept zulässig (CC. Elliot Brown)

Das ist zweifelsfrei eine sehr erfreuliche Nachricht für die Patienten, ebenso die bessere Qualität des Cannabis, vor allem im Vergleich zu Schwarzmarktprodukten. Das produzierte Cannabis entspricht den EU-Anforderungen für Arzneimittel und hat einen höheren Anteil CDB als an THC. THC ist der psychoaktive Bestandteil von Cannabis, der bei Schwarzmarktprodukten bei 70 % und bei FM2 bei unter 24 % liegt und die bekannte zerebrale Wirkung hervorruft, die von vielen Patienten nicht gewünscht wird.

Die verfügbaren Daten weisen darauf hin, dass der Verbrauch in den italienischen Regionen, in denen die legale Verwendung von medizinischem Cannabis bereits zugelassen wurde, bei ca. 100 kg pro Jahr liegt, und dass dieses erste nationale Produktionslos lediglich 20 % des Gesamtverbrauchs deckt. Das ist aber nur die erste Lieferung, die für den Verkauf in Italien bestimmt ist. Es ist geplant, dass alle drei Monate eine Ernte eingefahren wird, d. h. der Anbau der Pflanzen findet ununterbrochen in den modernen, mit Spitzentechnologie und kostenintensiven Geräten ausgestatteten Gewächshäusern der Anlage in Florenz statt.

Hürden für einen fairen Zugang zu medizinischem Cannabis

Obwohl in Italien ein Cannabis-Rezept auf Grund des Ministerialerlasses vom 9. November 2015 auch verlängert werden kann, ist der Zugang zu medizinischem Cannabis nicht einfach. Das liegt wohl daran, dass das italienische Gesundheitsministerium und einige lokale Experten der Meinung sind, Cannabis solle nur als zweite Behandlungsoption eingesetzt werden, wenn die bekannten pharmazeutischen Erzeugnisse wie etwa Opiumderivate bei einem Patienten keine Wirkung zeigen.

Auch wenn durch diesen Erlass festgelegt wurde, dass Ärzte die Cannabis-Behandlung für verschiedene bestimmte Krankheiten verschreiben können, u. a. bei Rückenmarksverletzungen, für HIV-Therapien oder zur Reduzierung unfreiwilliger Körperbewegungen beim Tourette-Syndrom, gibt es nach wie vor einen spürbaren Vorbehalt, Cannabis als Behandlungsform zu akzeptieren, sobald der Zeitpunkt zur Verlängerung des Rezepts gekommen ist.

Dabei stellt die Rolle der Familienärzte ein Problem dar, das es zu lösen gilt: Viele von ihnen sind entweder nicht qualifiziert oder haben noch nicht die hierfür nötige Ausbildung erhalten und weigern sich deshalb nicht nur, Rezepte für medizinisches Cannabis auszustellen, sondern zeigen gelegentlich sogar die Patienten an, die wegen eines Rezepts bei ihnen anfragen.

Auf der anderen Seite richtet sich die Kritik gegen die Maßnahmen des italienischen Staates auch gegen die derzeit produzierte jährliche Gesamtmenge. Denn nur 100 kg halten viele für eindeutig unzureichend, da dabei nur die Menge berücksichtigt wurde, die bis jetzt aus den Niederlanden importiert wurde, und nicht die Nachfrage aller Patienten in Italien, die sich bisher selbst versorgen oder auf den Schwarzmarkt zurückgreifen mussten. Es ist aber offenbar geplant, die Produktion auszuweiten, um in Zukunft die gesamte italienische Nachfrage decken zu können.

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Der Anbau und die Produktion des medizinischen Cannabis erfolgen in einer pharmazeutischen Anlage der italienischen Armee (C.C. copsadmirer@yahoo.es)

Medizinisches Cannabis für alle Italiener?

Zu den bereits genannten Problemen kommt noch, dass die Situation in Italien alles andere als einfach ist, da die italienischen Regionen keine gleichlautenden Vorschriften für medizinisches Cannabis haben, was zu regionalen Unterschieden führt. Denn obwohl der italienische Staat für die Kontrolle der Drogen und psychotropischen Substanzen zuständig ist, hat auch jede der 20 Regionen im Bereich des Gesundheitswesens die Befugnis, eigene Vorschriften für ihr Gebiet zu erlassen.

Bisher konnten die Ärzte in den am wenigsten restriktiven Regionen Cannabinoid-Arzneimittel wie etwa Sativex und Dronabinol verschreiben, die bei Nichtverfügbarkeit mit Hilfe einer personengebundenen Importgenehmigung im Ausland beschafft werden konnten, auch wenn der Patient dabei selbst für die Kosten aufkommen musste.

Derzeit haben 12 Regionen Vorschriften verabschiedet, die die Verwendung von pharmazeutischen Cannabis-Derivaten zur Behandlung bestimmter Krankheiten zulassen, die von den Regionen selbst festgelegt werden. Das hat zur Folge, dass die Liste der Krankheiten und Symptome, die mit medizinischem Cannabis behandelt werden dürfen, überall im Land anders aussieht.

In der Toskana können offenbar mehr Symptome behandelt werden als in anderen Regionen, z. B. auch Spastizität, Schmerzen bei Krebsleiden, wenn Morphin nicht ausreicht, neurologische Schmerzen, bei denen keine anderen Schmerzmittel wirken oder das Tourette-Syndrom, und außerdem war die Toskana die erste Region, die medizinisches Cannabis im öffentlichen Gesundheitswesen zugelassen hat. Später kamen noch weitere Regionen hinzu.

Im Dezember 2016 wurde ein Gesetz in der im Süden des Landes gelegenen Region Apulien erlassen. Dieses Gesetz erlaubt nicht nur die therapeutische Nutzung von Cannabis, sondern auch dessen Produktion auf dem Gebiet dieser Region. An diesem Projekt wirken verschiedene Organisationen aus dem Gesundheitswesen und die Universitäten mit. Die Cannabis-Präparate werden in einem regionalem Zentrum hergestellt, das das erste seiner Art in Italien ist. Die Regierung der Region Apulien, die es überwacht, hat ihre Absicht bekundet, das Projekt mit den Geldern zu finanzieren, die derzeit für Cannabis-Importe aus den Niederlanden vorgesehen sind.

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Cannabispräparate wie Dronabinol dürfen seit 2014 verschrieben werden (CC. Steffen Geyer)

Italienische Cannabis-Aktivisten befürworten die Legalisierung von Cannabis

In Italien läuft gerade eine Kampagne an, die von dem Verband Luca Coscioni zusammen mit anderen Cannabis-Organisationen und -Clubs betrieben wird. Der Slogan der Kampagne lautet „Legalizziamo!“ und prangert an, dass die bisherige Verbotspolitik total versagt hat. Das Ziel dieser Kampagne besteht in der Legalisierung von Cannabis als Arzneimittel und als Genussmittel sowie in einer gesetzlichen Regulierung der Cannabis-Clubs.

Zu den Zielen der Kampagne gehört auch der freie Anbau von Cannabis für den Eigenbedarf. Der Eigenbedarf soll ausschließlich für medizinische Zwecke bestimmt und auf maximal 5 Pflanzen pro Person begrenzt sein. Außerdem ist die Gründung von Cannabis-Clubs für den nicht-gewerblichen Anbau und den Konsum mit maximal 100 Mitgliedern vorgesehen. Schließlich soll auch der gewerbliche Anbau nach vorheriger Information der zuständigen Behörden zugelassen werden, wobei die Werbung für die Produkte sowie ihr Verkauf in unmittelbarer Nähe von schulischen Einrichtungen verboten bleibt. Letzteres stimmt mit der derzeit aktuellen Rechtslage in Amsterdam überein.

Die Kampagne schlägt ferner mehrere Maßnahmen vor, wie etwa die Erweiterung der Liste der Krankheiten, bei denen eine Behandlung mit medizinischem Cannabis erlaubt ist, eine Qualitätskontrolle der staatlichen Cannabisproduktion, die Verwendung der Einnahmen aus der Besteuerung von medizinischem Cannabis für Informations- und Unterstützungskampagnen sowie zur Verbesserung der Wirtschaftslage durch einen Abbau der Staatsverschuldung.

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Legalizziamo! ist eine Kampagne für die Legalisierung von Cannabis, die das Versagen des Kriegs gegen die Drogen anprangert (CC. Marco Gentili)

2017: Cannabis-Legalisierung in Italien weiter auf dem Vormarsch

Während das medizinische Cannabis in Italien auf dem Vormarsch ist, ist der Gesetzentwurf zur Legalisierung von Cannabis offenbar erst einmal aufgeschoben worden, bis das politische Klima sich ein wenig stabilisiert hat.

Der Text dieses Gesetzentwurfs wird nochmals die parlamentarische Kommission durchlaufen, um die weit mehr als tausend Änderungsanträge abzuarbeiten, die von den Gegnern des Entwurfs vorgelegt wurden. Im vergangenen Juli haben sich allerdings schon 113 Parlamentsmitglieder verschiedener Parteien dem Entwurf angeschlossen.

Sollte der Gesetzentwurf wieder eingebracht und vom italienischen Parlament verabschiedet werden, wäre es den Bürgern neben dem Anbau von bis zu 5 weiblichen Cannabispflanzen zur Deckung des Eigenbedarfs gestattet, bis zu 15 Gramm Cannabis zu Hause zu verwahren oder 5 Gramm Cannabis in der Öffentlichkeit mit sich zu führen.

Außerdem würden Cannabis-Clubs mit maximal 50 Mitgliedern Verkaufslizenzen erhalten und es würde ein staatliches Monopol errichtet, durch das der Verkauf von Cannabis und Cannabis-Derivaten in den autorisierten Geschäfte legal wäre, während der Handel und Verkauf von Cannabis außerhalb dieser Geschäfte weiterhin strafbar wäre.

Auch wenn das erste Cannabis aus nationaler Produktion in den italienischen Apotheken einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Legalisierung von Cannabis in Italien bedeutet, muss noch viel geschehen, sowohl im medizinischen Bereich als auch für Cannabis als Genussmittel.

Um diese Ziele zu erreichen und die Gesundheit der italienischen Patienten wirksam schützen zu können, d.h. aller Patienten, die sich für eine Behandlung mit medizinischem Cannabis entscheiden, müssen noch viele Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, die bisher den fairen Zugang zu diesem Arzneimittel behindern, einem Arzneimittel, das in vielen Fällen hilfreich und nötig ist. Es sind die Politiker, die letztlich die Entscheidungen treffen. Aber die Bürger (vor allem die kranken) sind die Betroffenen.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.