Carl Sagan, Cannabis, und die rechte Gehirnhälfte, Teil II

Leider starb Sagan bereits 1996 – zu früh, um die revolutionäre Entdeckung des endocannabinoiden Systems noch mit zu verfolgen. Seitdem haben wir sehr viel über die unglaubliche Bandbreite von dessen physiologischen und kognitiven Funktionen gelernt.


Leider starb Sagan bereits 1996 – zu früh, um die revolutionäre Entdeckung des endocannabinoiden Systems noch mit zu verfolgen. Seitdem haben wir sehr viel über die unglaubliche Bandbreite von dessen physiologischen und kognitiven Funktionen gelernt. Können wir also Beweise für oder gegen Sagans Hypothese finden, wenn wir uns zum Beispiel die Distribution von endocannabinoiden Rezeptoren (vor allem des CB-1 Rezeptors, auf den THC wirkt) betrachten?

Sagans These und das Endocannabinoid-System

Soweit ich sehen kann, scheint es nicht sehr viel Forschung zu geben, was die Lateralisierung und die Rolle der Endocannabinoide bei höheren kognitiven Funktionen betrifft. Eine oft zitierte Studie fand eine stärkere Durchblutung in Teilen der rechten Gehirnhälfte während eines Cannabis Highs[1], aber eine andere Studie kam zu folgendem Schluss: „wir konnten relativ hohe Konzentrationen cannabinoider Rezeptoren in kortikalen Bereichen der linken (dominanten) Gehirnhälfte beobachten, welche bekannt für deren verbale Funktionen sind“.“[2]

Es scheint viel zu früh zu sein, Schlussfolgerungen aus neurologischen Studien mit bildgebenden Verfahren zu ziehen, um Sagan’s These zu bewerten. Marsicano und Kuhner mahnen:

„(…) manchmal scheint das endocannabinoide System funktionell wichtig zu sein in Regionen oder Zellarten, in denen die Dichte der CB1 Rezeptoren relativ schwach ist (wie z.B. die Kontrolle von Schmerz im Stammhirn).“ [3]

“Die linke und die rechte Gehirnhälfte sind anatomisch ähnlich, jedoch verschieden. Die Kognitionsforschcung arbeitet weiter daran, herauszufinden, welche kognitiven Fähigkeiten von welcher Gehirnhälfte hauptsächlich geleistet werden  ”
“Die linke und die rechte Gehirnhälfte sind anatomisch ähnlich, jedoch verschieden. Die Kognitionsforschcung arbeitet weiter daran, herauszufinden, welche kognitiven Fähigkeiten von welcher Gehirnhälfte hauptsächlich geleistet werden  ”

Soweit ich sehen kann, haben wir noch nicht wirklich begonnen zu verstehen, wie die Endocannabinoide verschiedene höhere kognitive Funktionen in den verschiedenen Gehirnhälften beeinflussen.

Neuere neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Berichte über das Marijuana High

Trotzdem scheint Sagans Hypothese zumindest in anderer Hinsicht eine gewisse Bestätigung zu bekommen. Erstens haben wir inzwischen eine Unzahl weiterer Berichte von Marijuana Nutzern, die ebenfalls die kognitiven Verbesserungen beschreiben, die Carl Sagan beobachtet hatte. [4] Die eindrucksvollste Sammlung solcher Berichte stammt von seinem Freund Lester Grinspoon und findet sich auf dessen Webseite marijuana-uses.com.

Zweitens, wenn wir uns ansehen, was neurowissenschaftliche Studien inzwischen über die Unterschiede der kognitiven Funktionen in den beiden Gehirnhälften sagen, scheint Sagans These immer noch auf der richtigen Spur zu sein. Nach allem, was wir jetzt wissen, spielt die rechte Gehirnhälfte tatsächlich eine große Rolle bei all den kognitiven Prozessen, die Sagan während eines High als verbessert erlebte, sowie bei weiteren Funktionen, die immer wieder von anderen Marijuana Nutzern als verbessert oder intensiviert benannt wurden. In seinem Buch „The Master and his Emissary. The Divided Brain and the Making oft he Modern World (2009)“, gibt uns der Psychiater Ian McGilchrist einen Überblick über das derzeitige Wissen der Neurowissenschaft über die verschiedenen Arten der Kognition beider Gehirnhäften, beruhend auf Fällen von Schlaganfall, Spalthirnpatienten und anderen Studien. Nach McGilchrist ist die rechte Gehirnhälfte vor allem zuständig für unsere Fähigkeit, uns an Ereignisse zu erinnern (episodisches Gedächtnis), für Assoziationen zwischen weit auseinanderliegenden Ideen oder Begriffen, für komplexe Mustererkennung, das kreative Lösen von Problemen, Einsichten, das Verstehen von Humor, von Metaphern, dem Selbst-Gewahr werden, dem empathischen Verstehen anderer, der Verarbeitung von Wörtern, die das Bewusstsein betreffen, und der Interpretation von emotionalen Ausdruck im Gesicht, der Intonation und verbaler Implikationen. Auch scheint die rechte Gehirnhälfte von zentraler Bedeutung für die Interpretation non-verbaler Kommunikation und der Wahrnehmung von Musik zu sein. Um es hier kurz zu halten, belasse ich es bei dieser unvollständigen Auflistung. Tatsächlich beschreibt McGilchrist noch weitere kognitive Funktionen als rechts-hemisphärisch basiert, Funktionen, die wie die oben genannten immer wieder von Marijuana-Nutzern als während eines Highs verbessert beschrieben wurden.

Der Einfluss von Marijuana auf die Aufmerksamkeit

Im allgemeinen scheint es also, dass die Wissenschaft in den letzten vierzig Jahren zumindest einige weitere Fakten zutage gebracht hat, die Sagan’s Hypothese stützen könnten, dass ein Marijuana High eher zu einer Verbesserung rechts-hemisphärischer kognitiver Funktionen führt. Ein interessantes Rätsel aber ist dann der Einfluss von Marijuana auf die Aufmerksamkeit. Während eines Marijuana Highs scheinen wir zu ‚hyperfokussieren’. Marijuana-Nutzer sind oft vollkommen absorbiert vom Geschmack von Schokolade, von einem intensiven Strom von Erinnerungen oder Ideen, oder von der sinnlichen Wahrnehmung eines Kusses.

“Romeo und Julia”, Gemälde von Frank Dicksee
“Romeo und Julia”, Gemälde von Frank Dicksee

Anders gesagt scheint ein High einen starken selektiven Fokus der Aufmerksamkeit zu bewirken  – auf was auch immer man gerade seine Aufmerksamkeit lenkt. McGilchrist zufolge aber ist die fokussierte, selektive Aufmerksamkeit keine der kognitiven Funktionen, die sich primär in der rechten Gehirnhälfte abspielen – das Gegenteil ist der Fall. Er fasst den Stand der Forschung so zusammen: „(…) die rechte Hemisphäre ist für jede Art von Aufmerksamkeit verantwortlich außer der fokussierten Aufmerksamkeit.“ [5]

Sagan’s Hypothese neu bewertet

Was also die Aufmerksamkeit betrifft, scheint es zumindest eine typische Veränderung kognitiver Prozesse während eines Highs zu geben, die nicht von einer Verbesserung kognitiver Prozesse in der rechten Gehirnhälfte herzurühren scheinen. Im allgemeinen sieht es aber so aus, als wäre Sagan mit seiner Hypothese auf dem richtigen Weg gewesen, auch wenn nicht alle der kognitiven Fähigkeiten, die während eines Highs intensiviert werden, in der rechten Gehirnhälfte  beheimatet zu sein scheinen.

Wie aber bewerten wir Sagan’s Hypothese, dass das High eventuell die Funktion der linken Gehirnhälfte unterdrückt und damit „die Sterne hervorscheinen lässt“ und die Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte stärker zum Tragen kommen? Soweit ich sehen kann, sind wir noch weit davon entfernt, sagen zu können, ob die kognitiven Verbesserungen während eines Highs durch eine solche Dynamik entstehen. McGilchrist zufolge befinden sich die beiden Gehirnhälften in einem ständigen Kampf um gegenseitige Kontrolle. Um unser Überleben zu sichern, brauchen wir und andere Tiere zwei unterschiedliche Systeme der Aufmerksamkeit, was er am Beispiel von Vögeln erklärt:  um Samen vom Boden aufzupicken, muss der Vogel seine selektive Aufmerksamkeit auf die Samen richten, um die motorische Kontrolle über das Picken zu sichern (linkshemisphärische Funktion); um aber zu überleben, muss der Vogel auch in dieser Aufmerksamkeit abgelenkt werden können, wenn am Rande seines Sehfeldes ein Raubtier wie ein Fuchs oder ein Falke auftaucht (rechtshemisphärische Funktion).

Laggar_Falcon_in_FlightEs muss also eine andere Art von weiter Aufmerksamkeit geben, die ihn ablenkt, wenn ungewohnte neue Stimuli auftauchen Nur das Zusammenspiel dieser miteinander konkurrierenden Aufmerksamkeits-Systeme, die in den verschiedenen Gehirnhälften lokalisiert sind, erlaubt dem Vogel und anderen Tieren wie uns zu überleben.

Es ist also klar, dass eine Verbesserung kognitiver Leistungen in einer Gehirnhälfte tatsächlich daher verursacht sein könnte, dass in der anderen Gehirnhälfte bestimmte Funktionen geschwächt bzw. unterdrückt werden. Wir werden auf weitere Forschung warten müssen, um besser zu verstehen, wie konsumiertes Cannabis das endocannabinoide System beeinflussen kann und was generell dessen Rolle bei höher kognitiven Funktionen ist. Doch ich denke, vierzig Jahre nach Sagan’s Hypothese können wir sagen, dass er mit seiner Hypothese auf einem interessanten Weg war. Soweit ich einschätzen kann, werden wir nur dann besser verstehen, warum ein Marijuana High Prozesse wie das episodische Gedächtnis oder Mustererkennung positive beeinflussen kann, wenn wir damit beginnen zu erforschen, wie die Endocannabinoide und konsumiertes Cannabis verschiedene kognitive Prozesse in den verschiedenen Gehirnhälften beeinflussen.

[1] Roy Mathew et al. (1997) , „Marijuana intoxication and brain activation in marijuana smokers“, Life Sci. 1997;60(23): S. 2075-89.

[2] Glass, M., Dragunov, M., Faull, RL (1997) „Cannabinoid receptors in the human brain: a detailed anatomical and quantitative autoradiographic study in the fetal, neonatal and adult human brain.“ Neuroscience. 1997 Mar; 77(2): S. 299-318.

[3] Marsicano, G., and Kuner, R. (2008), „Distribution of CB1 Cannabinoid Receptors in the Nervous System“, in: Attila Köfalfi (ed.) (2008),  „Cannabinoids and the Brain“,  Springer Science and Business Media, New York, S. 164.

[4] Vergleiche Sebastián Marincolo (2010), „High. Insights on Marijuana“, Dogear Publishing Indianapolis, Indiana.

[5] McGilchrist, Ian (2009), „The Master and His Emissary, The Divided Brain and the Making of he Modern World“, Yale University Press, New Haven and London, S. 39.

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