by Scarlet Palmer on 13/12/2017 | Legal & Politik

LEAP Scandinavia in Oslo gestartet

LEAP Scandinavia „Law Enforcement Against Prohibition“ (LEAP) wächst schnell zu einer weltweiten Organisation heran. Mit dem Start von LEAP Scandinavia im November 2017 liegen die nordischen Staaten in der Bewegung gegen den Krieg gegen Drogen ganz weit vorne, und sie sind dabei auf unserer Seite.


Die Gruppe Law Enforcement Action Partnership hieß ursprünglich Law Enforcement Against Prohibition. Man könnte meinen, der Name „law enforcement against prohibition“ (übersetzt: Polizeibehörden gegen die Prohibition) klingt paradox, vielleicht sogar unsinnig. Aber wer sich etwas mit den Problemen auskennt, die die Gesetze gegen den Drogenkonsum mit sich bringen, der begreift schnell, weshalb Menschen, deren Aufgabe die Durchsetzung dieser Gesetze und die Bekämpfung eines für die Gesellschaft schädlichen Drogenkonsums ist, der Meinung sind, dass diese Gesetze nicht funktionieren. In Wirklichkeit vergrößern sie den Schaden sogar noch.

Wie hat LEAP angefangen?

LEAP wurde 2002 in den USA gegründet, und zwar (man mag es kaum glauben) von dem pensionierten Polizeidirektor Peter Christ, der schon immer der Meinung war, dass „dieser Krieg gegen Drogen eine bescheuerte Idee ist.“ Er ließ sich dabei von der Organisation „Vietnam Veterans Against the War“ (Vietnam-Veteranen gegen den Krieg) inspirieren. Wenn diese Leute etwas sagten, konnte ihnen niemand vorwerfen, sie wüssten nicht, wie es im Krieg zugeht. Christ hatte 20 Jahre bei der Polizei in einer Kleinstadt im Bundesstaat New York gearbeitet. Und wenn er etwas zu Gewalt und Verbrechen im Drogengeschäft sagte, mussten die Leute ihm zuhören.

Neil Woods und Suzanne Sharkey von LEAP UK auf dem Podium während der Nordischen Reformkonferenz in Oslo
Neil Woods und Suzanne Sharkey von LEAP UK

Neil Woods ist an einem ähnlichen Punkt angekommen, nachdem er 14 Jahre lang als verdeckter Ermittler bei einer Drogeneinheit der Polizei in Großbritannien tätig war. Es gibt wohl keine exponiertere Position für einen Polizeibeamten, der mit dem Drogenproblem zu tun hat, als dieses Doppelleben: Nach außen muss er sich stets als Crack- und Heroin-Abhängiger darstellen, und sich davon bewusst sein, fast sicher getötet zu werden, wenn diese Tarnung einmal auffliegen sollte. Woods lernte dabei die Eskalation des Kriegs gegen Drogen auf einem erschreckend brutalen Niveau kennen, und zwar sowohl des Kriegs gegen die Konsumenten als auch der Bandenkriege um die Kontrolle dieses unglaublich lukrativen Geschäfts. Sein Buch „Good Cop, Bad War“ (Guter Polizist, schlechter Krieg) befasst sich mit seinem Dienst bei der Polizei und liest sich extrem spannend.

Die Polizeitaktik hat den Drogenkrieg nur weiter eskalieren lassen

Diese Eskalation dauert bis heute an. Die Taktiken, die Woods zu Beginn seiner Karriere als verdeckter Ermittler entwickelt und angewandt hat, wurden zwar verbessert, aber die gnadenlose Gewalt der Drogenbosse, die er damit zur Strecke bringen wollte, hat damit Schritt gehalten. Während seiner Zeit als verdeckter Ermittler haben sich die Probleme, die er zu lösen hoffte, nur weiter verschärft. Schließlich zog er den einzig vernünftigen Schluss: Der Weg zur Beendigung dieses Krieges ist die Beendigung der Prohibition. 2011 kehrte er der Polizei den Rücken. Ein Jahr später gründete er die Organisation Law Enforcement Against Prohibition UK. Im Februar 2016 fand der offizielle Start im Unterhaus des britischen Parlaments statt.

Am 24. November 2017 stand er auf einem Podium in Oslo, um die Gründung von Law Enforcement Against Prohibition Scandinavia zu verkünden. Neben ihm stand Suzanne Sharkey, die Mitglied bei LEAP UK ist und genau wie Neil viel Erfahrung mit den Schäden sammeln musste, die die Drogenprohibition anrichtet. Auch sie war Mitarbeiterin der Polizei und in einer Drogeneinheit als verdeckte Ermittlerin tätig. Auch sie ist der Meinung, dass ihre Tätigkeit mehr Schaden als Nutzen gebracht hat und versucht nun, dies zu korrigieren. Aber in ihrer Eröffnungsrede bei der ersten Nordischen Reformkonferenz ging es nicht um LEAP. Es ging darum, dass sie heute noch in einer Langzeittherapie ist und seit neun Jahren keinen Alkohol mehr getrunken oder andere Drogen genommen hat.

„Böse und schlecht, voller Schuld und Scham”

Sie erzählte dem Publikum auch, dass sie mehr als einen Suizidversuch hinter sich hat. Dass sie einige Reha-Gruppen und Entziehungsprogramme verlassen musste, weil sie rückfällig geworden war. Dass sie von der Gesellschaft stigmatisiert wurde und sich „böse und schlecht fühlte, voller Schuld und Scham“. Dass sie verhaftet, verurteilt und für Straftaten ins Gefängnis gesteckt wurde, die mit dem Konsum problematischer Drogen zusammenhingen. Dass sie obdachlos wurde. Dass sie Kinder hat. Und dass nichts davon sie abhalten konnte, ihren Weg der Selbstzerstörung und Verzweiflung weiter zu gehen und nichts ihr geholfen hat, damit aufzuhören.

Es werden arme und verletzbare Menschen weggesperrt, die Hilfe brauchen

Erst als sie sich davon zu erholen begann, stellte sich Suzanne Sharkey die Frage, ob die Dinge bei ihr auch anders hätten laufen können, und infolgedessen auch bei tausenden anderer Menschen, denen es wie ihr erging, auch bei solchen, die sie verhaftet hatte. Sie machte sich klar, dass sie arme, verletzbare Menschen mit wenig oder gar keiner Hoffnung weggesperrt hatte. Diese Menschen wurden kriminalisiert, obwohl sie Hilfe brauchten. Außerdem hatte sie weder an die Menge der vorhandenen Drogen noch an die Zahl der Konsumenten gedacht, die in der Gesellschaft lebten, die sie zu schützen versuchte.

Es ist fast unmöglich, kein Mitleid mit Neil und Suzanne zu haben oder sie nicht zu bewundern. Denn sie haben erkannt, was passieren muss: Entweder wenden sich alle Polizeibehörden gemeinsam gegen die Drogenprohibition, oder das Leiden geht für alle weiter wie bisher. Und für dieses Ziel kämpfen sie mit der gleichen Hartnäckigkeit, mit der sie früher Drogenkonsumenten verfolgt hatten. Und die Botschaft verbreitet sich schnell. Immer mehr Polizeibeamte folgen diesem Ruf. LEAP Scandinavia ist ein Beleg dafür und kommt nicht einen Augenblick zu früh, denn in den skandinavischen Staaten sterben prozentual mehr Menschen an Drogen als in den meisten anderen Staaten Europas.

Bård Dyrdals Weg zur Gründung von LEAP Scandinavia war anders

Der Polizeibeamte Bård Dyrdal bei der Ankündigung des Starts von LEAP Scandinavia auf dem Podium der Nordischen Reformkonferenz in Oslo
Der Polizeibeamte Bård Dyrdal bei der Ankündigung des Starts von LEAP Scandinavia während der Nordischen Reformkonferenz in Oslo

Das gehört zweifellos auch zu den Motiven von Bård Dyrdal, dem norwegischen Polizeibeamten, dem Neil nun seinen Platz auf dem Podium und das Mikrophon überlässt, während das Publikum der Nordischen Reformkonferenz applaudiert. Bård ist ein Mann, der einen anderen Weg gegangen ist. Sein Mut manifestiert sich in der Ehrlichkeit seiner Aussagen zur Drogenpolitik gegenüber Politikern, der Öffentlichkeit und der Polizei, und er arbeitet noch immer als Polizeibeamter. Damit hat er sich bei einigen Leuten ziemlich unbeliebt gemacht. Mit der Unterstützung durch LEAP UK und viele seiner skandinavischen Kollegen ist der Start von LEAP Scandinavia dennoch Realität geworden.

Wer Bård Dyrdal sieht, hat gleich das Gefühl, dass er genau das sagt, was er denkt. Er ist kein Mann, dem es auf Ruhm oder politische Macht ankommt. Wäre er Schauspieler, könnte er perfekt den erfahrenen, ehrenhaften Polizisten verkörpern: Stark überarbeitet, leicht übergewichtig, das Hemd leicht verknittert und absolut geradlinig in seinen Ansichten. Man nimmt ihm kaum ab, dass er jemand hinters Licht führen kann, wenn er als verdeckter Ermittler arbeitet. Er hat aber auch absolut keine Angst vor öffentlichen Äußerungen und Aktionen, so wie er hier auf dem Podium steht und erzählt, dass er Neil Woods zum ersten Mal im August 2017 getroffen hat, als dieser nach Oslo kam, um einen Vortrag über LEAP zu halten. Nur einen Monat später gründete Bård Dyrdal mit einer Gruppe aus vier weiteren Polizeibeamten LEAP Scandinavia (denn wenn er irgendwo Ehrgeiz zeigt, dann beim Voranbringen einer Drogenreform in Norwegen). Inzwischen hat die Organisation auch in Dänemark Mitglieder. Dyrdals Eingeständnis, er sei eben „schwedisch-zurückhaltend“, löst eine Welle des Gelächters aus, „aber wir werden ja sehen“.

Eine humane, wissensbasierte Drogenpolitik für Skandinavien

Er spricht für alle Mitglieder von LEAP Scandinavia, wenn er sagt: „Wir sind Leute, die eine humane und vor allem wissensbasierte Politik zur Drogenbekämpfung wollen“. Man muss sich bewusst sein, wie radikal diese Aussage für die Polizei ist. Und es ist nicht die letzte, die er hier macht. Er sieht den Drogenkonsum als Problem des öffentlichen Gesundheitswesens und argumentiert, dass die für seine strafrechtliche Verfolgung eingesetzten Ressourcen bei den Gesundheitsbehörden viel sinnvoller verwendet werden könnten. Das sei aber keine für einen Polizeibeamten typische Ansicht, fügt er ironisch hinzu. Bård Dyrdal hat auch Kollegen, die höhere Strafen für Drogenkonsumenten und mehr Geld für „schlagkräftigere Waffen in unserem Arsenal“ fordern. Inspiriert von LEAP UK, wollen Dyrdal und die anderen Mitglieder von LEAP Scandinavia aber lieber untersuchen, was für die Gesellschaft insgesamt die beste Lösung ist, „denn davon werden wir am Ende alle profitieren. Auch die Polizei.“ Sie setzen sich aus polizeilicher Perspektive für bessere und sicherere Wege ein, mit Drogenthemen umzugehen, und sie sehen eine Bestrafung nicht als den besten Weg, jemand zu helfen, der ein Drogenproblem hat. Mit der Konsequenz eines Fahnders, der eine kriminelle Szene beobachtet und einen wenig glaubhaften Zeugen vernimmt, fragt er: „Sollte der Staat wirklich Menschen Schaden zufügen, damit diese Menschen sich nicht selbst schaden?” Bård Dyrdal schüttelt den Kopf. „Ich verstehe das nicht.“

Norwegen könnte den Weg für andere Staaten freimachen

Die Polizei in Norwegen verhaftet heute mehr Menschen als je zuvor, aber die Quote des Drogenkonsums sinkt trotzdem nicht. Auch die Zahl der Todesfälle wegen einer Überdosis sinkt nicht wesentlich. Die Regulierung von Drogen in ähnlicher Weise, wie Alkohol reguliert wurde, könnte einen großen Schritt vorwärts bedeuten. Bård möchte erleben, dass Norwegen dabei nicht nur zu anderen Staaten aufschließt, sondern eine führende Rolle bei der Reform der Drogenpolitik übernimmt. Er nennt Portugal als Beispiel für einen solchen Fortschritt, meint aber, dass man dort nicht weit genug gegangen ist. Entkriminalisierung ist besser als Prohibition, aber nur eine Regulierung kann das Problem an der Wurzel packen. LEAP Scandinavia gewinnt schnell neue Mitglieder, und man kann nur hoffen, dass es ihnen gelingt, ihre Ziele so schnell wie möglich in die Praxis umzusetzen.

Dieses nordische Netzwerk hat einen weiteren Vorteil, den Bård Dyrdal nicht erwähnt hat, der von Neil Woods aber sehr geschätzt wird: Es sorgt für einen Gemeinschaftssinn unter den Angehörigen von Polizeiberufen, die gegen die Drogenprohibition sind. Ein Drogenkonsum, auch in seiner problematischen Variante (die nur etwa 10 % ausmacht), führt regelmäßig zum Entstehen von Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften sind sich einig, dass eine Prohibition mehr schadet als nutzt. Wenn man Angehöriger eines Polizeiberufs ist, führt einen aber schon dieser Gedanke und erst recht das Reden darüber in eine starke Isolierung. Auch Bård Dyrdal wurde deshalb von seinen Kollegen als Dissident bezeichnet. Irgendwann entschied er sich wegen der emotionalen Klimas in der Polizeibehörde, bei der er arbeitet, nicht mehr an Diskussionen über Drogenpolitik teilzunehmen, sondern ganz offen zu sagen, was er darüber denkt.

Ein Ende der Isolierung

LEAP Scandinavia braucht Menschen wie Bård Dyrdal, ebenso wie LEAP UK Menschen wie Suzanne Sharkey und Neil Woods braucht. Und es ist klar, dass diese Menschen eine Organisation wie LEAP benötigen, damit sie den Kontakt zueinander finden und stärker werden, um so die Prohibition zu beenden. Ganz ähnlich wie es Menschen tun, die Drogen konsumieren. Sensi Seeds gratuliert LEAP Scandinavia zum erfolgreichen Start, wünscht für die Zukunft alles Gute und wird an dieser Stelle weiter über die Aktivitäten von LEAP berichten.

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Nichts für ungut seit ihr noch ganz dicht habt ihr nicht mehr alle Tassen im Schrank.

15/12/2017

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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