Sechs Vorteile von Cannabis bei Migräne

Chronische Migräne ist eine schmerzhafte und beeinträchtigende Erkrankung, von der etwa 15 Prozent der Menschen weltweit betroffen sind. Der biologische Mechanismus hinter einer Migräne wurde noch nicht ganz klar, aber er hängt bekanntermaßen mit dem Serotoninsystem zusammen. Dieses wird auch von Cannabis beeinflusst, was nachweislich die Symptome lindert.

1. Analgetikum: hemmt die Schmerzempfindlichkeit und -reaktion des Nervs

Der offensichtlichste Nutzen von Cannabis für Migränepatienten ist seine Fähigkeit, Schmerzen zu lindern, die bei Migräneanfällen intensiv und sogar lähmend ausfallen können. Es wird angenommen, dass endogene Cannabinoide wie Anandamid den Schmerz einer Migräne lindern, indem sie die Zufuhr von Schmerzsignalen über die CB1-Rezeptoren ins Gehirn regulieren.

Ein im Journal of Neuroscience veröffentlichter Bericht aus dem Jahr 2013 besagt, dass Patienten mit chronischer Migräne Schmerzen aufgrund der Sensibilisierung von trigeminovaskulären nociceptiven Pfaden (Pfaden der schmerzempfindlichen trigeminovaskulären Nerven des Schädels) haben. Cannabinoide sind dafür bekannt, dass sie die Schmerzreaktionen dieser trigeminovaskulären Nerven hemmen, was darauf hindeutet, dass Cannabis so die Schmerzen bei einer Migräne lindern kann.

Die CB1-Rezeptoren in den Neuronen, die den Hirnstamm umgeben, werden ebenfalls durch Endocannabinoide antagonisiert, um die Übertragung von Schmerzreizen aus dem Hirnstamm auf andere Teile des Gehirns zu verhindern. Letztendlich ist die für Menschen mit Migräne doppelt nützlich.

2. THC (jedoch nicht CBD) wirkt serotoninhemmend

Seit einiger Zeit ist bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Serotonin-Signalsystem und dem Auftreten von Migräne gibt. Unmittelbar vor einem Anfall steigt der Serotoninspiegel dramatisch an und sinkt nach dem Anfall auf ein unterdurchschnittliches Niveau.

1985 wurde eine Studie veröffentlicht, in der die Auswirkungen von Delta-9-THC und CBD auf die Serotoninfreisetzung aus Blutplättchen untersucht wurden, die mit Plasma inkubiert wurden, das von Patienten, die eine Periode mit Migräneanfällen durchlebten, gewonnen wurde. Man kam zu dem Schluss, dass Delta-9-THC in unterschiedlichen Konzentrationen eine statistisch gesehen signifikante hemmende Wirkung auf das aus den Blutplättchen freigesetzte Serotonin hatte.

Allerdings zeigte das Blutplasma, das von Patienten während einer anfallsfreien Periode gewonnen wurde, keine hemmende Wirkung auf die Serotoninfreisetzung, obwohl es mit Delta-9-THC in der gleichen Konzentration behandelt wurde. Darüber hinaus zeigte auch CBD keine signifikante hemmende Wirkung, weder auf das Plasma aus anfallsfreien Perioden noch auf Plasma aus Perioden mit Anfällen.

Diese Studie und diverse ähnliche Studien, die seitdem durchgeführt wurden, zeigen, dass Delta-9-THC die Serotoninfreisetzung zwar bei Migräneanfällen hemmt, aber nicht während migränefreier Perioden, und dass CBD in beiden Situationen eine vernachlässigbare Wirkung hat.

3. Cannabis wirkt gefäßverengend, was auch Schmerzen lindern kann

Es wird angenommen, dass der Schmerz einer Migräne zum Teil durch einen komplexen Prozess der Erweiterung und Verengung von Blutgefäßen im Schädel verursacht wird. Wenn das Blut durch einen breiteren Abschnitt des Blutgefäßes fließt und dann auf einen verengten Abschnitt trifft, verursacht der Druck des Blutes, das versucht, durch den plötzlich engeren Kanal zu fließen, Wellen intensiver Schmerzen. Im Allgemeinen wird angenommen, dass die Serotoninfreisetzung dazu führt, dass die größeren Venen und Arterien verengt werden, während die kleineren peripheren Venen erweitert werden.

Aus diesem Grund werden bei der Behandlung und Prävention von Migräne häufig vasokonstriktorische Medikamente (Medikamente, die die Blutgefäße verengen) eingesetzt, da die Wahrscheinlichkeit verringert wird, dass Schmerzen auftreten, wenn der Dilatationseffekt nicht eintritt. Cannabis hat bekanntermaßen eine vasokonstriktorische Wirkung und es wird angenommen, dass seine Wirksamkeit bei der Linderung von Migräneschmerzen zum Teil darauf zurückzuführen ist.

4. Cannabis könnte den akuten Ausbruch einer Migräne verhindern

Während Cannabis die Schmerzen und Symptome bei einem Menschen, der unter den Schmerzen einer ausgewachsenen Migräne leidet, lindern kann, könnte es unter Umständen auch dem akuten Ausbruch einer Migräne vorbeugen.

In der Zeit kurz vor einem Migräneanfall nimmt die Serotoninfreisetzung zu. Dies mag Betroffenen nicht unbedingt bekannt sein, aber es gibt mehrere auffällige Anzeichen dafür, dass ein Migräneanfall bevorsteht, wie eine Aura oder andere Störungen des Sehvermögens.

Wie bereits erwähnt, sind Ungleichgewichte im Serotoninspiegel mit dem Auftreten eines Migräneanfalls verbunden. Es wurde nachgewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Endocannabinoidsystem und dem Serotonin-Signalsystem gibt und dass die Aktivierung von CB1-Rezeptoren zu einer Senkung des Serotoninspiegels führen kann. Da die Serotoninfreisetzung unmittelbar vor einer Migräne zunimmt, kann der Einsatz von Cannabinoiden an dieser Stelle den abnormen Anstieg hemmen und die daraus resultierenden Prozesse verhindern, die zur Entstehung eines Migräneanfalls führen.

5. Tremorlindernde Eigenschaften

Menschen mit chronischer Migräne laufen Gefahr, eine allgemeine Bewegungsstörung zu entwickeln, die als Essentieller Tremor (ET) bekannt ist. Ein Essentieller Tremor zeichnet sich durch unkontrollierbares Zittern aus, üblicherweise an Händen und Armen, gelegentlich jedoch auch am Kopf oder an den Stimmbändern. Häufig wird es schlimmer, wenn man versucht, das betroffene Körperteil einzusetzen, etwa um zu schreiben oder um zu sprechen.

Es gibt bislang keine Studien, die sich ausdrücklich mit der Wirkung von Cannabis auf migräneinduzierten Essentiellen Tremor befasst, aber es gibt einige anekdotische Berichte von Migränepatienten, die eine subjektive Linderung ihres Essentiellen Tremors nach Cannabiskonsum verspürten. Es gibt auch zahlreiche Studien über die Fähigkeit von Cannabis, Tremores bei einer Reihe anderer Erkrankungen zu lindern, von denen einige (wie etwa Parkinson) den Tremor über ähnliche biologische Mechanismen wie eine Migräne auslösen können.

Derzeit wird daran geforscht, ob Cannabis zur Behandlung eines Essentiellen Tremors geeignet ist.

Es scheint, als würde das Serotonin-Signalsystem eine entscheidende Rolle beim Aufkommen von Tremorsymptomen, bei Parkinson und ähnlichen Erkrankungen sowie bei chronischer Migräne spielen. Insbesondere scheint es, dass ein niedriger Serotoningehalt oft mit Tremoren einhergeht.

Während Cannabis bei Migräne die Serotoninausschüttung aus Blutplättchen hemmen kann, hat sich in anderen Studien gezeigt, dass es auch die Synthese von Serotonin bewirkt. So könnte es bei Personen, die unter einem zu niedrigen Serotoninspiegel leiden, zur Anhebung des Serotoningehalts auf ein normales Niveau beitragen.

6. Cannabis als Mittel gegen Übelkeit

Übelkeit ist ein häufiges Symptom bei einer Migräne und wird ebenfalls mit einem verminderten Serotoninspiegel unmittelbar nach einem Migräneanfall in Verbindung gebracht. Cannabis hat sich als wirksames Mittel gegen Übelkeit bei diversen schweren Erkrankungen erwiesen und vermindert auch die Übelkeit, die als Nebenwirkung einer Chemotherapie auftritt.

Während es keine spezifischen Studien über die Fähigkeit von Cannabis zur Behandlung von migränebedingter Übelkeit gab, gibt es zahlreiche anekdotische Berichte von Patienten, die sich selbst mit Cannabis behandeln und subjektive Linderung verspüren. Es gibt noch verschiedene andere Erkrankungen, bei denen ein Serotoninüberschuss Übelkeit verursachen kann, die mithilfe von Cannabis gelindert werden kann. So kann Cannabis zum Beispiel die Übelkeit lindern, die bei Krebspatienten während einer Chemotherapie aufgrund eines Serotoninüberschusses auftritt, der den Magen-Darm-Trakt reizt.

  • Disclaimer:
    Dieser Artikel stellt keinen Ersatz für eine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar. Wenden Sie sich immer an Ihren Arzt oder eine andere zugelassene medizinische Fachkraft. Sie sollten wegen etwas, das Sie auf dieser Website gelesen haben, weder zögern, Ihren Arzt aufzusuchen, noch deswegen eine medizinische Beratung missachten.

Comments

4 Kommentare zu „Sechs Vorteile von Cannabis bei Migräne“

  1. Christoph Walczuch

    Top Beitrag! Respekt 🙂

    Ich bin selber mein Leben lang schon Migränepatient, die Migräne habe ich von meinem Dad geerbt wenn das möglich ist, ansonsten reiner Zufall.

    Auch mir hilft Cannabis extrem bei meinen Migräneanfällen. Aber etwas anders, es wirkt bei mir komplett vorbeugend. Das heißt, wenn ich mal einen Joint am Tag rauche dann kriege ich für weitere 2-3 Tage zu 100% keine Migräne. Auf lange Sicht kann ich sagen, dass ich keine Migräne kriege wenn ich regelmäßig Cannabis konsumiere, bei mir reicht es schon nur jedes Wochenende FR/SA zu rauchen um meinen Migräneanfällen zu entkommen.

    Ich muss sagen die „Kopfschmerzen“ die ich durch die Migräne kriege konnte Cannabis zuvor noch nicht beseitigen oder angenehm machen. Im Gegenteil, diese waren dann immer von mir als schlimmer wahrgenommen worden, aus einem Pochen wurde eine Pochsalve quasi. Wenn ich Cannabis konsumiere „nachdem“ ich die Migräne bekommen habe wirkt es sich total negativ darauf aus, tu ich es aber wenn ich erste Anzeichen für eine Migräne bemerke (quasi vor der Migräne), dann lindern sich die Symptone allmählich und es dauert keine 20Minuten bis die unangenehme Abfolge der Symptome unterbrochen wird, was dannach folgt ist die Entspanntheit und der Genuß des Zustandes 😉

    Rauche ich mir keinen Joint wenn ich erste Anzeichen der Migräne bemerke, so muss ich mich mit diesen befassen und mit deren Folgen zurechtkommen. Das sieht dann ungefähr-(stark abweichend, mal so mal so)- so aus:

    …bei mir ist es dann immer die gleiche Abfolge: Die rechte Augenbraue wird taub und kribbelt unangenehm, danach verschwindet dieses Gefühl aber hinterlässt einen leichten Schmerz über dem Auge (fühlt sich dann an als ob man ein Stein dort abbekommen hätte), danach werden beide Hände abwechselnd taub, auch mit dem Kribbelgefühl verbunden, selten folgt danach dass mein Zahnfleisch taub wird und kribbelt, das ist das unangenehmste Gefühl was ich jemals erleben durfte, wirklich. Nachdem nun nichts mehr taub wird nehme ich ein unangenehmes Gefühl „im“ Auge wahr, kurz darauf wird alles allmählich verschwommener und verschwommener fast schon verflossen, in dieser „Phase“ sehe ich nur noch auf dem linken Auge und kann kaum lesen, ein normaler Satz kostet mich bis zu 10m Zeit und vorallem Anstrengung ihn richtig zu entziffern, da egal wo ich hingucke, der Rechte Teil des Wortes/Textes/Bildes undeutlich ist. Wenn das nach 1-4std. vergangen ist, kommen die Kopfschmerzen, diese empfinde ich als „Pochen“ und je öfter ich dieses Pochen empfinden muss desto unangenehmer wird es. Wenn ich diese letzte schmerzhafteste Etappe überstanden habe, gehe ich schlafen, muss dazu noch sagen dass ich einen Epilepsieanfall jedes Mal bekomme wenn ich mich schlafen lege „während“ eines Migräneanfalls, ich muss die komplette Migräne überstehen und darf nicht schwächeln und ans schlafen denken :(. Wegen dieser Art der Epilepsie war ich mal 3 Wochen im Krankenhaus zur freiwilligen Untersuchungen, aber diese ergaben für mich nichts genaueres oder informatives. Jedenfalls, wenn ich dann am nächsten Tag irgendwann aufstehe dann werde ich mit starken Kopfschmerzen wach die ich als „Stechen“ empfinde, je ruckartiger ich meinen Kopf bewege, desto schlimmer ist dieser Schmerz. Ganz besonders schlimm ist es wenn ich Husten oder Niesen muss, da breche ich Teils zusammen für wenige Sekunden vom Schmerz. Diese Stechschmerzen bleiben dann diesen ganzen Tag, allerdings werden sie von Stunde zu Stunde angenehmer und je mehr Flüssigkeit ich zu mir nehme desto schneller gehen diese auch weg. Wenn meine Hände kribbeln kann ich keinen Stift in der Hand festhalten, wenn meine Zunge taub ist nimmt man an ich wäre im Vollsuff wenn ich versuche zu sprechen. Generell mache ich einen höhst abwesenden und realitätsfremden Eindruck wenn ich eine Migräne habe. Bekannte sagen es wäre höchst grusselig mir in die Augen zu schauen wenn ich meine Migräne habe, wieso habe ich bisher noch nicht erfahren.

    Ich hoffe dir bringt dieser Beitrag von mir etwas, vllt. habe ich etwas erwähnt wovon du noch nichts gehört hast 🙂

    mfg Chris

    1. Stefanie - Sensi Seeds

      Danke für deinen Beitrag, Chris und dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, alles genau zu schildern. Vielleicht hilft das anderen Migräne-Patienten. Wäre doch nur zu wünschen.

  2. Hallo,
    danke für diese sehr informativen Beiträge.
    Ich leide solange ich erinnern kann an Migräne, über die Jahre hinweg immer häufiger und heftiger. Derzeit an ca. 25 Tagen im Monat.
    Seit zwei Jahren nehme Ich Sativex, mit bisher sehr guter Wirkung. Schon 1 Sprühstoß täglich hat die durchschnittliche Schmerzintensität von 7-10 auf 3-6 reduzieren können. 7-10 tritt nur noch wenige Male im Monat auf. Akut habe ich mehrfach mit 2-3 Sprühstößen extra eine beginnende Migräneattacke aufhalten können. Auch Übelkeit und Brechreiz sind deutlich reduziert.
    Nebenwirkungen wie Mattigkeit, Antriebslosigkeit und Schwindel erlebte ich kaum. Ganz im Gegenteil. Nach Einnahme hatte ich einen klareren Kopf und konnte sogar effektiver als sonst Arbeiten erledigen.
    Seit einigen Tagen erlebe ich eine Veränderung. Ca. 15-30 Minuten nach Einnahme erlebe ich eine plötzlich einsetzende Mattigkeit und Antriebslosigkeit, welche ich so zuvor nie erlebt habe.
    Hat Jemand eine Idee dazu? Gibt es ähnliche Erfahrungen?
    Über Rückmeldung freue ich mich.
    Viele Grüße!

    1. Scarlet Palmer - Sensi Seeds

      Hallo Isolde,

      zunächst möchten wir Ihnen für Ihren Kommentar danken. Wir können Ihre Situation durchaus nachempfinden und möchten Ihnen unser Mitgefühl aussprechen. Da Sensi Seeds aber keine Arzneimittel-Agentur oder Arzt-Praxis ist, können und dürfen wir Ihnen nichts anderes raten, als Ihren Arzt oder Ihre Krankenversicherung zu kontaktieren.

      Auch gibt es die Möglichkeit, sich an eine Selbsthilfe-Organisation für medizinische Cannabispatienten zu wenden. Im Vereinigten Königreich gibt es die United Patients Alliance, während man sich in weiten Teilen der restlichen Welt an die National Organization for the Reform of Marijuana Laws (NORML) wenden kann, die den Kontakt zu einer Gruppe in Ihrer Nähe herstellen kann (suchen Sie nach „United Patients Alliance“ oder „NORML“ gefolgt von Ihrem Wohnort). In Deutschland gibt es innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e.V. (ACM) die Selbsthilfegruppe SCM, in der sich Patienten mit und ohne Kostenübernahme und mit unterschiedlichen Krankheitsbildern austauschen.

      Beste Grüße

      Scarlet

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Autor und Gutachter

  • Profile-image

    Sensi Seeds

    Das Sensi Seeds Redaktionsteam besteht aus Botanikern, medizinischen und juristischen Experten sowie renommierten Aktivisten wie Dr. Lester Grinspoon, Micha Knodt, Robert Connell Clarke, Maurice Veldman, Sebastian Marincolo, James Burton und Seshata.
    Weiterlesen
  • Sanjai_Sinha

    Sanjai Sinha

    Dr. Sanjai Sinha ist Mitglied der akademischen Fakultät des Weill Cornell Medicine Colleges in New York. Er verbringt seine Zeit damit, Patienten zu begleiten, Bewohner und Medizinstudenten zu unterrichten und im Gesundheitswesen zu forschen. Er genießt die Ausbildung von Patienten und die Ausübung evidenzbasierter Medizin. Sein starkes Interesse an medizinischer Überprüfung kommt von diesen Leidenschaften.
    Weiterlesen
Scroll to Top