Cannabis und Psychosen: Gibt es neue Erkenntnisse?

In der letzten Nummer der Peer-Review-Zeitschrift British Medical Journal erschien eine interessante Studie mit dem Titel „Kontinuierlicher Cannabis-Konsum und das Inzidenz- und Persistenzrisiko für psychotische Symptome: Eine Langzeit-Kohortenstudie über 10 Jahre“. Es ist bereits viel über Cannabis und Psychosen gesagt und geschrieben worden. In diesem Artikel möchten wir den Inhalt der aktuellsten Studie hierzu analysieren und uns damit auseinandersetzen, ob sie neue Erkenntnisse zu diesem kontroversen Thema bringt.


Cannabis und Psychosen - Sensi Seeds blog

In der letzten Nummer der Peer-Review-Zeitschrift British Medical Journal erschien eine interessante Studie mit dem Titel „Kontinuierlicher Cannabis-Konsum und das Inzidenz- und Persistenzrisiko für psychotische Symptome: Eine Langzeit-Kohortenstudie über 10 Jahre“. Es ist bereits viel über Cannabis und Psychosen gesagt und geschrieben worden. In diesem Artikel möchten wir den Inhalt dieser aktuellsten Studie analysieren und uns damit auseinandersetzen, ob sie neue Erkenntnisse zu diesem kontroversen Thema bringt.

Eine eingehende 10-jährige Studie

Was diese Studie so interessant macht, ist die Tatsache, dass es sich um eine Langzeitbeobachtung über 10 Jahre handelt, was den Ergebnissen logischerweise viel mehr Glaubwürdigkeit verleiht. Denn es wird nicht nur der Gesundheitszustand einer Gruppe von Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens untersucht, sondern es werden tatsächlich Variablen über mehrere Lebensjahre dieser Personen hinweg analysiert, wodurch ein viel vollständigeres und realistischeres Bildentsteht.

Der Hauptzweck dieser Studie war einerseits, zu ermitteln, ob der Cannabis-Konsum während der Adoleszenz das Risiko erhöht, psychotische Episoden zu erleiden, und andererseits das erstmalige Auftreten und das Fortbestehen subklinischer Merkmale von Psychosen in der allgemeinen Bevölkerung zu untersuchen. Wenn wir von subklinischen Merkmalen sprechen, dann meinen wir Symptome einer Psychose unterhalb der Schwelle, die eine vollständige klinische Diagnosestellung notwendig macht.

Es wurden insgesamt 1.923 Personen deutscher Nationalität im Alter zwischen 14 und 24 Jahren untersucht, die zum Bevölkerungsdurchschnitt zählen. Anfangs waren 2.210 Personen in die Studie einbezogen, aber der Mangel an Informationen über Konsum und Symptome hat die Teilnehmerzahl im weiteren Verlauf um 287 Personen reduziert.

Cannabis und psychotische Symptome

Der Konsum von Cannabis und die psychotischen Symptome wurden zu Beginn der Studie sowie nach 1,6 Jahren, 3,5 Jahren und 8,4 Jahren nach Beginn der Studie untersucht, die insgesamt 10 Jahre dauerte. Dabei wurde die Münchner Version des Composite International Diagnostic Interviews (M-CIDI) angewendet. Dieser Interview-Typus schließt Symptome, Syndrome und Diagnosen verschiedener psychischer Störungen gemäß den Definitionen und Kriterien der ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision) und des DSM-IV (Handbuch der Differentialdiagnosen, 4. Auflage) ein, ferner Informationen zu Häufigkeit, Dauer und Intensität der Symptome und zur psychosozialen Entwicklung.

Zu den wichtigsten zu ermittelnden Symptomen gehören z.B. Verfolgungswahn, Störungen der Denkabläufe, auditive Halluzinationen und Erscheinungsformen von Passivität.

Die an dieser Studie mitwirkenden Psychologen haben die Teilnehmer aufgefordert, eine Liste von Symptomen vorzulesen, und sie danach befragt, ob sie Erfahrungen dieser Art bereits gemacht haben, und wenn ja, in welcher Intensität diese Erfahrungen aufgetreten sind. Die Antworten wurden als vorhandene bzw. abwesende Symptome erfasst.

Unterschiedliche Konsumgewohnheiten

Um das Bestehen einer Gefährdung durch Cannabis generell festzustellen, verwendete man die Frage „Hast Du Cannabis fünf Mal oder öfter in Deinem Leben zu Dir genommen?“

Um eine kontinuierliche Konsumgewohnheit festzustellen, wurde sodann eine Skala von 1 bis 5 Punkten verwendet, wobei 1 „weniger als einmal im Monat“ und 5 „fast jeden Tag“ bedeutet.

Um den Cannabis-Konsum zwischen der ersten und zweiten Untersuchung festzustellen, wurde die Frage „Wie oft hast Du Cannabis seit dem letzten Interview konsumiert?“ gestellt.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass bei Personen, die vorher noch nie psychotische Symptome gezeigt und noch nie Cannabis konsumiert hatten, der Beginn des Konsums bis 3,5 Jahre nach Beginn der Studie das Risiko erhöht hat, dass sich psychotische Symptome in dem folgenden Zeitraum von 3,5 bis 8,4 Jahren nach Beginn der Studie  zeigen. Außerdem hat der kontinuierliche Konsum von Cannabis während des ersten Zeitraums nach Beginn der Studie das Risiko erhöht, dass sich anhaltende psychotische Störungen während des Zeitraums nach der zweiten Untersuchung zeigen.

Auf der anderen Seite betrug die Quote der psychotischen Symptome im Laufe des ersten Untersuchuingszeitraums 31% bei Konsumenten im Vergleich zu 20% bei Nicht-Konsumenten. Im Laufe des zweiten Untersuchungszeitraums betrugen diese Werte 14% bei Konsumenten und 8% bei Nicht-Konsumenten.

Es stellte sich ferner heraus, dass der Zusammenhang zwischen psychotischen Episoden und Cannabis-Konsum unabhängig von Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozioökonomischem Status, Konsum anderer Drogen, Aufwachsen in städtischen oder ländlichen Gebieten und Kindheitstraumata besteht. Auch eine Erweiterung der Fragestellung, bei der auch die Existenz anderer psychiatrischer Pathologien berücksichtigt wurde, führte nicht zu einer Veränderung dieser Ergebnisse.

Schlussfolgerungen

Die Autoren schließen daraus, dass der Konsum von Cannabis einen Risikofaktor für das Entstehen psychotischer Symptome darstellt, und dass der kontinuierliche Konsum von Cannabis das Risiko einer psychotischen Störung erhöht, weil diese Konsumform eine Dauerhaftigkeit der Symptome herbeiführt, obwohl diese bei jungen Personen normalerweise nur vorübergehender Natur und Teil ihrer psychosozialen Entwicklung sind.

Wie alle Studien weist auch diese einige immanente Einschränkungen ihrer Aussagen auf, die nicht unbeachtet bleiben dürfen. Die erste Einschränkung ist die Tatsache, dass wir es nur mit Personen einer bestimmten Staatsangehörigkeit zu tun haben. Wenn bei der deutschen Bevölkerung die Bedeutung des Konsums von Cannabis für die spätere Herausbildung einer psychotischen Symptomatik nachgewiesen zu sein scheint, muss dasselbe nicht auch für andere Länder gelten, in denen der Konsum von Cannabis nicht illegal ist (wie in Marokko oder Jamaika) und wo epidemiologische Studien keine größere Prävalenz für eine psychotische Pathologie als in anderen Ländern der Welt feststellen konnten.

Jedes Land hat seine eigenen Gesetze, Sitten und Gewohnheiten beim Konsum von Drogen. Aus diesem Grund sind die Ergebnisse zumindest nicht eins zu eins auf andere Länder übertragbar. Als Beispiel sei hier die Situation genannt, die derzeit in Spanien zu erleben ist, wo die zunehmende Zahl von Cannabis–Clubs sehr wahrscheinlich auf eine allgemeine Reduktion von Stressfaktoren bei ihren Mitgliedern hinauslaufen wird, die das Auftreten von psychotischen Symptomen verstärken können.

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, dass gerade in der Adoleszenz häufig von selbst wieder abklingende psychotische Symptome auftreten, die auch wichtig und notwendig für die psychische Entwicklung des Betroffenen sind. Die hier besprochene Studie zeigt, dass der kontinuierliche Konsum von Cannabis in diesem Lebensabschnitt diese Symptome „verewigen“ kann, indem eine psychotische Episode ausgelöst wird, die durch den Cannabis-Konsum in ein handfestes psychotisches Krankheitsbild einmünden kann.

Zusammenfassend können wir sagen, dass diese Studie neue Belege dafür liefert, von einem Cannabis-Konsum während der Adoleszenz abzuraten, zumindest aber zu einer gemäßigten Nutzung zu raten, umso mehr, wenn bei einem Betroffenen bereits psychotische Störungen vorgelegen haben.

Autor: Javier Pedraza

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.