by Seshata on 04/07/2018 | Legal & Politik

Die Lage des heutigen Cannabis-Saatgutmarkts

Cannabis-Saatgutmarkts Die Cannabis-Saatgutindustrie hat sich in den letzten Jahrzehnten uneinheitlich entwickelt. Währenddessen haben sich die Zuchtmethoden stark verändert. Züchter arbeiten seit Jahren daran, Strains zu stabilisieren, und zeichnen akribisch Informationen jeder einzelnen Generation und deren Eigenschaften sowie die Ergebnisse jeder Kreuzung und Rückkreuzung auf.


Manche wenden jedoch weniger anspruchsvolle Methoden an, was zu weniger stabilen oder weniger zuverlässigen Strains führen kann. Das war schon immer so und der Mangel an Transparenz wurde sowohl durch die Illegalität als auch durch die Industriepolitik verschlimmert – Züchter verschleiern beispielsweise die Herkunft zweifelhafter Abstammungen oder führen wegen der Möglichkeit, aufzufliegen und verhaftet zu werden, keine Aufzeichnungen.

Cannabissamen
Der Cannabis-Saatgutmarkt ist in den letzten Jahren explodiert

Heute ist der weltweite Cannabis-Saatgutmarkt größer denn je. Seine genaue Größe ist jedoch schwierig abzuschätzen, da es keine hinreichenden Angaben dazu gibt. Ein fünf Jahre altes UNODC-Dokument zu diesem Thema versucht nicht einmal, einen genauen Wert zu beziffern – aber da der Gesamtwert der Cannabisindustrie von Jahr zu Jahr rasant steigt, ist es wohl unvermeidlich, dass auch die Saatgutindustrie an Wert gewinnt.

In den letzten zwanzig Jahren gab es einige bemerkenswerte Veränderungen. Heutzutage gibt es tausende neue selbstblühende, feminisierte oder CBD-Saatgutsorten sowie nach wie vor traditionelles, also reguläres Saatgut von Hunderten von Unternehmen in Dutzenden von Ländern. Innerhalb dieses Wirrwarrs von zu vielen Auswahlmöglichkeiten gibt es nur wenige offensichtliche Anhaltspunkte, auf die sich Käufer verlassen können, um eine fundierte Entscheidung zu treffen.

Das Saatgutgeschäft hat in mancher Hinsicht einen gewissen Reifegrad erreicht. Ansonsten ist es noch eine junge und sich rasant entwickelnde Branche.

Saatgut vs. Klone auf dem legalen Markt

Darüber hinaus wird die Existenz der Saatgutindustrie zunehmend von der wachsenden Bedeutung des Anbaus mittels Klonen betroffen – wenn auch nicht unbedingt bedroht.

Der Einsatz von Klonen hat eine Reihe von Vorteilen, die vor allem für große, kommerzielle Wachstumsmärkte wie Colorado, Kalifornien oder Kanada, aber auch für Grauzonenmärkte wie Spanien und die Niederlande interessant sind. Die Ernte wächst einheitlich, der gesamte Wachstumszyklus kann etwas verkürzt werden (oder zumindest können die ersten zwei bis drei Wochen des Pflanzenlebens an ein anderes Unternehmen ausgelagert werden), die Ernte kann zuverlässig vorhergesagt werden und so weiter.

Bei der Vermehrung durch Klone hat die Herkunft der Pflanze keinen wirklichen Einfluss auf das Ergebnis. Die Stabilität ist durch die Tatsache gewährleistet, dass jeder Klon genetisch identisch ist und es in der Regel nicht beabsichtigt ist, neue Generationen von Saatgut für den kommerziellen Cannabisanbau zu produzieren, sodass eine Fortpflanzung überflüssig wird.

Cannabis-Sämlinge, LED-Beleuchtung
Cannabis-Sämling unter LED-Beleuchtung

In der Welt der Cannabis-Samenzucht werden allerdings vermehrt Beschwerden laut, dass sich zunehmend weniger zuverlässige Verfahren in der Branche breitmachen, vielleicht als Antwort auf die „Pollen Chucking“-Mentalität, die die Klonindustrie fördert.

Anstatt mit der wachsenden Popularität von Klonen durch den Einsatz strikter Verfahren zu konkurrieren, verfolgen einige Saatgutproduzenten einen Ansatz, der den Markt mit billigem, minderwertigem Saatgut überschwemmt. Darunter befinden sich viele instabile F1- oder F2-Kreuzungen, die keine Garantie für Berechenbarkeit oder Qualität liefern.

Was ist „Pollen Chucking“ überhaupt?

„Pollen Chucking“ bedeutet genau das, was es impliziert: man erlaubt den männlichen Pollen, auf willkürliche und ungeordnete Weise mit weiblichen Pflanzen in Kontakt zu treten. An sich gibt es nichts am Pollen Chucking auszusetzen und es hat im Laufe der Jahre unzählige interessante Kreuzungen hervorgebracht. Einige von ihnen haben eine lange Lebensdauer, da sie als Klone am Leben erhalten und vegetativ vermehrt wurden.

Es gibt jedoch einen fundamentalen Unterschied zwischen Pollen Chucking und strikten, organisierten Zuchtprogrammen mit einem Endergebnis. Das soll nicht heißen, dass einer der beiden Ansätze von Natur aus besser ist. Um ein Zuchtprogramm für stabile, vorhersehbare Sorten zu schaffen, ist letzteres allerdings der richtige Weg.

Anders formuliert ist „Pollen Chucking“ schlichtweg eine offene Bestäubung. Wenn dieser Ansatz über mehrere Generationen hinweg beibehalten wird, kann die resultierende Population eine „Erbpflanze“ oder eine Landrasse werden. Solche Populationen sind von unschätzbarem Wert für die Produktion stabiler Sorten und weisen viele wichtige Eigenschaften auf, etwa Resistenzen gegenüber Schimmel, Hitze, Trockenheit oder Krankheiten.

Damit dieser Effekt eintritt, müsste das „Pollen Chucking“ jedoch über ausreichend viele Generationen hinweg erfolgen, damit die Population ein gewisses Maß an Einheitlichkeit erreicht, indem sie sich an ihre lokale Umgebung anpasst und bestimmte dominante Merkmale zum Ausdruck bringt, die für diese Umgebung am besten geeignet sind. Auf der anderen Seite kann „Pollen Chucking“ über eine oder zwei Generationen mit Eltern sehr unterschiedlicher Herkunft, die möglicherweise nicht stabil sind, zu sehr unvorhersehbaren Ergebnissen führen.

Stabilität und Vorhersehbarkeit vs. interessante Phänotypen?

„Pollen Chucking“ ist an und für sich nicht ein Problem. Eines der größten Probleme bei der Gestaltung des heutigen Saatgutmarkts ist die Tatsache, dass es wenig Transparenz und nur wenige Praxisstandards unter den Züchtern gibt.

Daher können Verbraucher teilweise instabiles F2- oder F3-Saatgut kaufen, ohne die Herkunft der Strains zu kennen oder (in den meisten Fällen) ohne über hinreichendes,  aber für diesen Zweck enorm wichtiges Hintergrundwissen zu verfügen.

Cannabissamen sprießt
Ein Cannabis-Sämling, der aus der Samenschale sprießt

Wenn sich die Samen geöffnet haben und vier oder mehr Phänos in einer Packung mit zehn Samen gefunden werden, von denen keines dem Weed gleichen Namens ähnelt, das zuvor in einer Apotheke, einem Coffeeshop oder einem Social Club gekauft wurde, wird das Problem offensichtlich. Unterschiede in Höhe, Struktur und Blütezeit können die Gesamtqualität und den Ertrag einer Ernte beeinflussen und zu Frustration bei den Growern führen – ein Grund mehr für diese, sich beim nächsten Mal für die Simplizität der Klone zu entscheiden!

Auf der einen Seite bietet diese Instabilität mehr Chancen, interessante Phänos zu finden, die der nächste preisgekrönte Strain werden könnten. Für die meisten Endverbraucher hingegen sind Zuverlässigkeit und vorhersehbar gleichbleibend hohe Qualität in der Regel weitaus attraktiver.

Auszeichnungen sind nicht notwendigerweise der Schlüssel zur Stabilität

Es gibt eine Vielzahl preisgekrönter Saatgutfirmen, deren Produkte nicht unbedingt so stabil sind, wie sie sein könnten. Anstatt die Unternehmen mit den meisten Auszeichnungen oder die neuesten Pokalsieger ausfindig zu machen, ist es weitaus wichtiger, eine Hintergrundrecherche durchzuführen, wenn man mehr darüber wissen will, was man kauft.

Dies könnte bedeuten, in Foren herumzulauern, um sich mit anderen Growern auszutauschen, die die gleichen Samen angebaut haben, die man kaufen möchte, eine zuverlässige Website zu benutzen, um nach Informationen über Abstammung und mehr zu suchen, den Züchter direkt zu kontaktieren, einfach die Samen auszuprobieren und zu sehen, was man erhält, oder eine Kombination aus alledem.

Natürlich hilft die Lektüre der Grundlagen der Züchtung und der Stabilisierung neuer Strains und trägt dazu bei, dass alle Fragen, die man an andere Grower oder Züchter richtet, gut durchdacht und ausgearbeitet sind.

Je besser man über die Grundlagen der Saatzucht, der genetischen Vererbung und so weiter informiert ist, desto mehr wird man aus Gesprächen mit Züchtern und anderen Growern mitnehmen. Sobald man das eigene Hintergrundwissen fundiert genug ist, sollte es einfacher werden, Züchter zu erkennen und zu meiden, die schlechte oder unbefriedigende Rückmeldungen bezüglich der Zuchtdaten geben.

Cannabis ist ziemlich schwer zu stabilisieren

Es ist erwähnenswert, dass Cannabis allgemein insofern als schwer zu stabilisieren gilt, dass jede Pflanze, die aus einer Packung Samen hervorgeht, homogen ist.

Dies liegt zum Teil an der hohen genetischen Vielfalt innerhalb der globalen Cannabispopulation, selbst innerhalb relativ isolierter Landrassenpopulationen, und auch an der Tatsache, dass Cannabis allgemein zweihäusig ist (mit getrennten männlichen und weiblichen Pflanzen), während die meisten Kulturen einhäusig sind (mit männlichen und weiblichen Blüten auf derselben Pflanze).

Die Züchtung zweihäusiger Pflanzen bringt genetisch vielfältige Nachkommen hervor, da es notwendig ist, die Gene von zwei Elternteilen zu kombinieren. Umgekehrt können sich einhäusige Pflanzen (z. B. Tomaten) oft selbst bestäuben, wodurch die genetische Vielfalt innerhalb weniger Generationen stark reduziert werden kann.

Landrassen-Cannabis, Malana, Indien
Cannabis-Landrasse in Malana, Indien

Außerdem dauert es bei der Kreuzung zweier sehr unterschiedlicher Eltern (zum Beispiel von zwei verschiedenen Landrassen) mehrere Generationen, bis die volle Stabilität erreicht ist. Hinzu kommt, dass einige Züchter der Meinung sind, dass etwa sieben Generationen nach der ursprünglichen Elternkreuzung viele der wünschenswerten Eigenschaften tatsächlich wieder verloren gehen.

So kann es sein, dass Cannabissamen sich nicht immer richtig entwickeln, selbst wenn sie von Züchtern stammen, die sich die Zeit nehmen, Aufzeichnungen zu führen, um vorhersehbare, sorgfältige Ergebnisse zu gewährleisten. Dennoch erhält man wahrscheinlich konstantere und vorhersehbarere Ergebnisse als von Züchtern, die weniger Zeit und Sorgfalt dafür aufgebracht haben, Saatgut vernünftig zu stabilisieren.

Seriöse Züchter kreuzen und rückkreuzen in der Regel mehrere Generationen (in der Regel mindestens vier oder fünf, manchmal sogar acht oder neun), um Vorhersagbarkeit zu gewährleisten. Oder sie verwenden Elternbestände aus stabilen Inzuchtlinien, um einen sogenannten F1-Hybriden erzeugen, der ebenfalls ein hohes Maß an Einheitlichkeit und Vorhersagbarkeit aufweisen sollte (aber kein reinrassiges Saatgut produzieren wird, wenn er sich vermehren darf).

Was ist ein echter F1-Hybride?

Es ist wichtig zu beachten, dass, wenn ein Zuchtprogramm zwei Elternteile verwendet, die genetisch stabil sind, auch der resultierende F1-Hybride im Allgemeinen stabil und homogen sein sollte. Bei Kulturen, die strenge, intensive Zuchtprogramme zur Erzeugung echter Inzuchtlinien durchlaufen haben, etwa Mais, ergibt die Kreuzung zweier solcher Inzuchtlinien einen F1-Hybriden, der nicht nur einen sehr hohen Heterosis-Effekt, sondern auch eine hohe genetische Einheitlichkeit aufweist.

Bei Cannabis zeigt sich der gleiche Effekt, aber auch hier ist der Grad der Homogenität möglicherweise nicht ganz so hoch wie bei anderen Kulturen. Für viele Züchter mit gutem Ruf ist er immer noch hoch genug, F1-Hybriden zuversichtlich als vorhersagbares Saatgut für Grower anzubieten – wie zum Beispiel den berühmten NL5-x-Haze-F1-Hybriden, der ursprünglich von The Seed Bank (einer der Vorläuferfirmen der Sensi Seeds Bank) im Jahr 1989 angeboten wurde. Der Strain NL5 x Haze, den Sensi heute noch anbietet, ist eine inzüchtige, stabilisierte Version genau dieser Linie (die den zusätzlichen Vorteil hat, reinrassig zu sein).

Hier ist eine kurze Anleitung, was die Begriffe F1, F2 und so weiter in Bezug auf die Mendelsche Vererbung bedeuten. Die Pflanzengenetik ist aber weitaus komplexer und man weiß heute, dass auch andere Faktoren wie die Epigenetik ins Spiel kommen. Doch selbst nach diesen Grundprinzipien werden die Nachkommen nicht so vorhersehbar sein, wie dieses Diagramm vermuten lässt, wenn die Parentalgeneration nicht stabiler Abstammung ist.

Wie ist die Stabilität von Landrassen?

Landrassen sollten nach den meisten traditionellen Definitionen (obwohl sich diese Definitionen oft erheblich unterscheiden) genetisch relativ ähnlich sein (im Vergleich zu einer unberührten, nicht isolierten Wildpopulation), aber heterogen und vielfältig genug, um sich an Veränderungen der Umwelt anzupassen.

Landrassen sind Populationen, die sich über mehrere Generationen in einem bestimmten Gebiet entwickelt haben und die begonnen haben, dominante Phänotypen hervorzubringen, die auf den Umweltbedingungen des Gebiets basieren (mit Hilfe von physischer Isolation und einem gewissen Maß an traditionellen landwirtschaftlichen Eingriffen).

So wie mit der der Zeit unerwünschte oder ungeeignete Merkmale aussortiert werden, werden die Individuen in der Bevölkerung allmählich homogener – wenn auch noch viel heterogener als ein absichtlich gezüchteter Nachkomme oder ein Cultivar.

Normalerweise werden Landrassen nicht als reinrassig angesehen. Sie neigen jedoch dazu, bestimmte Merkmale hervorzubringen, und es lassen sich in der Regel relativ leicht reinrassige Zuchtlinien von ihnen ableiten. Eine „Erbpflanze“, eine über einen langen Zeitraum kultivierte Gemüse- oder Obstsorte, sollte in der Regel reinrassig („true-to-type“) sein – man kann vielleicht sagen, sie steht eine Stufe über einer Landrasse, was die Sorgfalt ihrer Züchtung und Pflege angeht, und sie wird oft von einer Landrasse abgeleitet. Eine Landrasse selbst ist wiederum vielleicht als eine Stufe über einer Wildpopulation einzuordnen.

Ein Cultivar könnte dann also als eine Stufe über einer „Erbpflanze“ verstanden werden. Hier ist ein interessanter Artikel darüber, was „Cultivar“ nach US-amerikanischen und kanadischen Definitionen bedeutet (und wie man einen patentieren lassen kann…).

Biodiversitäts-Hotspot Malana
Biodiversitäts-Hotspots wie Malana müssen erhalten werden

Jeder heute erhältliche Cultivar und Hybride, ob nun in Form eines Samens oder eines Klons, stammt letztlich von Landrasseneltern von einem oder mehreren (und möglicherweise Dutzenden) Standorten ab. Die heute erhältlichen modernen Sorten stammen von tropischen und äquatorialen Sativas und gemäßigten Afghanicas oder Indicas ab – aber noch lange bevor diese Sorten jemals an den holländischen Ufern landeten, wählten die lokalen Bauern Hanfpflanzen, die gut schmeckten und einen angenehmen Effekt beim Rauchen hatten!

Innerhalb der Landrassenpopulationen von Cannabis bleiben bestimmte Merkmale bis zu einem gewissen Grad variabel (typischerweise variabler als bei einer streng gezüchteten Sorte). Zum Beispiel mögen die Landrassen-Cannabissorten von Malana alle sehr ähnlich aussehen, aber sie bringen offensichtlich unterschiedliche Terpen- und Cannabinoidprofile hervor. Diese Schwankungen können durch das Habitat beeinflusst werden, besonders wenn es sich um Pflanzen im Freien handelt. Es gibt allerdings auch einige Variationen im Genotyp.

Wenn Grower eine Landrasse aus ihrem ursprünglichen Lebensraum entnehmen und anderswo züchten und pflegen (auch wenn sie indoor die lokale Umgebung und ihre Bedingungen so genau wie möglich nachbilden), spricht man von einer Erhaltungskultur (ex situ) und Pflanzen dieser Art können als allochthone Landrasse bezeichnet werden. Wenn man jedoch zulässt, dass sie sich im Freien relativ frei fortpflanzen kann, kann sie innerhalb weniger Generationen zu einer autochthonen Landrasse werden.

Eine solche Veränderung der Umgebung kann die Pflanze daran hindern, sich frei in ihrem natürlichen Lebensraum mit zufällig herumfliegenden Pollen fortzupflanzen, aber es wird immer noch erhebliche Unterschiede zwischen den Individuen geben. Die Bevölkerung kann sogar schnell variabler werden, da sie selbst auf kleine Veränderungen in der Umwelt reagiert und neue Eigenschaften hervorbringt, die vielleicht angepasster sind. Diese Variationen führen oft zu interessanten Phänos, die das Rückgrat neuer Zuchtprojekte bilden!

Landrassen gewinnen zunehmend an Anerkennung

Während die Cannabisindustrie weltweit wächst, beginnen die traditionellen Heimatländer von Cannabis – wie Indien und Kasachstan – die Bedeutung der natürlichen Reichtümer zu erkennen, die sie direkt vor ihrer Haustür haben.

In Indien sind einheimische Organisationen wie die Indian Landrace Exchange, die Indian Heirloom Seed Co. und andere damit beschäftigt, Landrassen- und Erbpflanzensamen aus dem ganzen Land zu sammeln, zu identifizieren, zu erhalten und auszutauschen. Die Bombay Hanf Company, ein im Jahr 2015 gegründetes Industrieunternehmen, arbeitet mit Familien in Himachal Pradesh, Uttarakhand, Punjab, Kaschmir und Jammu zusammen, um traditionelle Hanfprodukte herzustellen.

In Kasachstan und Kirgisistan gibt es Gerüchte, dass die jeweiligen nationalen Regierungen begonnen haben, ihre riesigen natürlichen Ressourcen in Form der wilden Cannabisfelder im Chu-Tal zu erkennen, auch wenn abzuwarten bleibt, welche Form dies annehmen wird.

Interessanterweise wurde kürzlich eine neue Definition von Landrasse in der Studie „Toward an Evolved Concept of Landrace“ vorgestellt, die 2017 in „Frontiers in Plant Science“ veröffentlicht wurde.

Nach dieser Definition bestehen Landrassen „aus kultivierten Sorten, die sich unter Verwendung konventioneller oder moderner Zuchttechniken in traditionellen oder neuen landwirtschaftlichen Umgebungen innerhalb eines definierten ökologisch-geografischen Gebietes und unter dem Einfluss der lokalen menschlichen Kultur entwickelt haben und weiterentwickeln können. Dazu gehört die Anpassung der Landrassen an neue Bewirtschaftungssysteme und die unbewusste oder bewusste Auswahl durch Landwirte oder Züchter unter Einsatz der verfügbaren Technologie“.

Die Zukunft der Cannabissamen-Vielfalt

Was die Zukunft für den globalen Saatgutmarkt bereithält, ist unklar. Die Bedeutung von Landrassen- und Erbpflanzensorten muss international anerkannt und gesichert werden, vielleicht mit einer Reihe von Herkunftsbezeichnungen, wie sie aus der Lebensmittelindustrie bekannt sind (ein Konzept, das bereits von kalifornischen Cannabisbauern gefordert wird).

Ein international anerkannter Standard für die Saatgutzüchtung und Transparenz in kommerziellen Indoor-Zuchtprojekten sollte ebenfalls eingeführt werden, damit die Verbraucher besser über das von ihnen gekaufte Saatgut informiert werden können. Darüber hinaus sollte ein Moratorium für die Einführung ausländischer Genetik in traditionellen Landrassen- und Erbpflanzengebieten vereinbart und von Cannabis-Saatgutproduzenten und Landwirten weltweit umgesetzt werden, zumindest bis Landrassen- und Erbpflanzensorten angemessen identifiziert und geschützt werden können.

Das alles wird natürlich äußerst schwierig umzusetzen sein, zumindest bevor die Integrität der Landrassenzonen vollständig beeinträchtigt ist. Schon jetzt sind die Landrassenpopulationen in Marokko fast ausgelöscht, und es gibt anekdotische Evidenz, dass auch Jamaika, Panama und viele andere karibische und süd- und mittelamerikanische Populationen bereits stark betroffen sind.

Wildes Cannabis, Malana
Tiefland, selbstblühende Cannabis-Biotypen in Indien

Erwähnenswert ist aber auch, dass die Einführung fremder Genetik nicht automatisch das Ende einer Landrasse bedeutet. Nach einer Definition von 1998 ist „eine autochthone Landrasse eine Landrasse, die über einen langen Zeitraum im betreffenden Anbausystem angebaut wird. Da sich die Umwelt jährlich verändert und die Landrasse mit wenigen Genotypen anderer Landrassen oder Sorten ,kontaminiert’ wird, wird sie sich kontinuierlich anpassen.“

Eine widerstandsfähige Landrassenpopulation sollte also in der Lage sein, ein gewisses Maß an fremdem genetischem Material aufzunehmen, ohne ihren Gesamtcharakter zu beeinträchtigen. Der Wettlauf um den Schutz der verbliebenen Landrassenpopulationen ist also nicht verloren – es geht jetzt darum, dass nicht zu viel Fremdmaterial eingebracht wird.

In Marokko zum Beispiel bedeutet die schiere Menge billiger, feminisierter und oft schlecht stabilisierter Genetik, die in den lokalen Genpool eingeführt wurde, und auch die klare Präferenz der Bauern für ertragreiche Sorten, die dazu führt, dass Landrassen abgelehnt werden, dass der Kampf dort wahrscheinlich schon verloren ist – es sei denn, es können vernünftige und dringend benötigte Zuchtprogramme implementiert werden, die auf lokale, dürrebeständige Anpassungen zurückgreifen, vielleicht mit der kontrollierten Einführung stabiler ausländischer Sorten zur Verbesserung von Geschmack und Cannabinoidprofilen.

Man bedenke auch, dass sich in vielen Ländern wie Marokko (wo Cannabis nicht einheimisch ist, sondern in mehreren Wellen über mehr als tausend Jahre eingeführt wurde) ohne die Einführung ausländischer Genetik, Landrassen niemals hätten etablieren können. Die meisten Einführungen waren jedoch limitiert und bestanden aus relativ stabilen Landrassen/Erbpflanzen.

Doch heute zeichnet sich sozusagen ein Verdrängungswettbewerb ab und wenn sich dieser auf andere ehemals unberührte Populationen ausbreitet, könnten wir uns von dem Reichtum an Landrassensorten verabschieden, auf den wir angewiesen sind, um kommerzielle Sorten für Orte zu entwickeln, an denen Cannabis nicht natürlich wächst.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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