by Seshata on 29/01/2016 | Konsum

Warum berichten manche Cannabis-Erstkonsumenten, in einem High „hängen geblieben“ zu sein?

Hängenbleiben Im Internet finden sich viele Berichte von Leuten, die zum ersten Mal Cannabis konsumiert haben und dabei „in einer Schleife hängen geblieben“ sind, d. h., die Änderung ihres Bewusstseinszustands hielt mehrere Tage, Wochen oder sogar Monate an, obwohl sie danach kein Cannabis mehr genommen haben. Was genau geht da vor und wer ist davon betroffen?


Persistente Effekte: Pro und Contra

Manche Konsumenten berichten davon, dass die subjektiv positiven Effekte von Cannabis bei ihnen noch lange nach dem Zeitpunkt anhalten, in dem eigentlich alles wieder normal sein sollte. Häufiger kommt es allerdings vor, dass Personen, die ihren Erstkonsum von Cannabis als negativ empfunden haben, davon berichten, dass sie persistente, beunruhigende und negative Nachwirkungen verspürten.

Zuerst sollte man allerdings darauf hinweisen, dass diese Effekte offenbar nur bei einer kleinen Minderheit von Erstkonsumenten eintreten. Es ist nicht ganz klar, bei wie vielen genau, da offizielle Daten zu vielen Aspekten im Zusammenhang mit Cannabis noch nicht existieren. Wenn sich in Zukunft der legale Cannabiskonsum weiter durchsetzt, sollte sich bald ein genaueres Bild ergeben.

Menschen, die sich am nächsten Tag noch „high“ fühlen

Es scheint bei Erstkonsumenten recht verbreitet zu sein, dass in einer Sitzung gleich ziemlich viel Cannabis genommen wird und dass man dann zwar nachts  schlafen geht, sich am nächsten Morgen aber immer noch „high” fühlt. Da die typische Dauer eines Cannabis-„Highs“ 2 bis 4 Stunden beträgt und kaum Schwankungen unterliegt, könnte man erwarten, dass eine Nacht Schlaf für den Körper mehr als ausreichend ist, um das THC abzubauen und den normalen Bewusstseinszustand wiederherzustellen.

Es ist wichtig, an dieser Stelle auf den Unterschied zwischen den Menschen hinzuweisen, die am Tag nach einer Sitzung nur einen „Cannabis-Kater“ haben, und denjenigen, die sagen, dass sie subjektiv immer noch high sind. Im erstgenannten Fall berichten die Betroffenen nur davon, dass sie sich „groggy”, „ausgebrannt” oder „noch halb im Schlaf” fühlen.

Dieser Effekt kann etwas damit zu tun haben, dass der Cannabiskonsum die im REM-Schlaf verbrachte Zeit reduziert (eine wichtige Schlafphase, in der wir träumen und dadurch verschiedene mentale Prozesse erneuern und wiederbeleben), und das ist offenbar ein ganz anderes Phänomen als bei denjenigen, die meinen, immer noch high zu sein.

Denn im Gegensatz dazu verwenden die Menschen, die ein verlängertes „High“ erfahren, eher Beschreibungen wie „in einem Tagtraum“, „angezündet”, „nachleuchtend” und „sehr angenehm“ – im Allgemeinen also positive und angenehme Zustände.

Wie können die „positiven” Aspekte tagelang andauern?

Cannabis-Erstkonsumenten: im High „hängen geblieben“

Die meisten dieser Berichte sagen aus, dass die Betroffenen sich nur am nächsten Morgen noch high fühlten, aber es gibt auch Berichte von Menschen, die mehrere Tage lang weiter high blieben. Ein Betroffener berichtet,dass er sich bis zu sechs Tage „angezündet“ fühlte, nachdem er Cannabis genommen hatte. Ein anderer wird geradezu lyrisch bei der Darstellung seiner „wunderbaren“ Erfahrungen am Tag nach seinem „sehr psychedelischen“ Erstkonsum von Cannabis.

Es ist noch nicht geklärt, was der Grund dafür ist, dass manche Erstkonsumenten sich noch einige Tage nach ihrem Cannabiskonsum subjektiv high fühlen. Möglicherweise findet bei manchen Menschen der in der Leber erfolgende Abbau von THC in seine Metaboliten, die dann mit dem Urin ausgeschieden werden, langsamer statt als bei anderen, was es ihnen möglich macht, das THC länger im Blutkreislauf zirkulieren zu lassen. So hat es auch länger die Möglichkeit, das Gehirn zu erreichen, die CB₁-Rezeptoren zu besetzen und psychoaktive Effekte auszulösen.

Eine andere Möglichkeit könnte in der Art der Verabreichung liegen. Der Verzehr von Cannabis-Edibles führt oft zu einer verzögerten Spitzenkonzentration von THC im Blut, da die Cannabinoide hierbei  normalerweise in Fett aufgelöst werden.

Fett löst die Cannabinoide aber langsam und über den Magen-Darm-Trakt auf, anders als bei der schnell wirkenden Zufuhr über das Rauchen oder Verdampfen oder mit Hilfe von Sublingualsprays, die die Cannabinoide über die Mundschleimhaut direkt in die Blutbahn gelangen lassen. Da sich THC im adipösen (fetthaltigen) Gewebe aufbaut, kann es außerdem sein, dass Menschen mit einem höheren Körperfettanteil eine „langsame Zufuhr“ von THC erfahren.

Aber was ist mit persistenten negativen Effekten?

Cannabis-Erstkonsumenten: im High „hängen geblieben“

Die Betroffenen beschreiben die negativen Effekte von Cannabis, die nach dem erstmaligen Konsum verbleiben, überwiegend als „Angst“, „Paranoia“, „Panik“, „Verwirrung“, „Desorientierung“ oder „Depersonalisierung“. Die meisten Personen, die diese negativen Effekte erfahren, erleben sie in den ersten Tagen oder Wochen direkt nach dem Cannabiskonsum und stellen danach fest, dass der Normalzustand schnell wieder zurückkehrt.

Allerdings gibt es auch eine signifikante Zahl an Personen, die davon berichtet haben, dass ihre intensiven negativen Gefühle Wochen oder sogar Monate andauerten und in einigen Fällen zu so gravierenden Abweichungen vom normalen Lebensablauf führten, dass es einer psychiatrischen Behandlung bedurfte.

In einigen Berichten über diese persistenten negativen Effekte wird auch das Auftreten von Selbstmordgedanken erwähnt, ebenso der Wunsch, sich selbst zu verletzen. Dennoch ist es problematisch, eine Verbindung zwischen Cannabis und Selbstmord zu ziehen, da die Personen, die von solchen Gefühlen berichten, bereits an diversen Geisteskrankheiten erkrankt gewesen sind oder kurz davor standen. Einige Studien haben den Cannabiskonsum mit einem erhöhten Suizidrisiko in Verbindung gebracht, jedoch haben andere festgestellt, dass in mehreren US-Bundesstaaten die Suizidraten zurückgegangen sind, seit dort Programme für medizinisches Cannabis umgesetzt wurden.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Der Konsum von Cannabis kann bei bestimmten dafür anfälligen Personen zwar suizidale Denkmuster verstärken, aber andererseits sind viele Personen, die wegen chronischer Schmerzen oder unheilbarer Erkrankungen einem erhöhten Suizidrisiko unterliegen, auch in der Lage, dieses Risiko zu verdrängen, wenn sie von medizinischem Cannabis profitieren können.

Warum erfahren manche Menschen diese negativen Effekte?

Cannabis-Erstkonsumenten: im High „hängen geblieben“

Das ist eine komplizierte Frage, die die Wissenschaft schon seit Jahrzehnten zu beantworten versucht. Diese Frage überschneidet sich allerdings stark mit der allgemeinen Erforschung von Cannabis und seinen Auswirkungen auf die geistige Gesundheit, und dieses Forschungsgebiet ist leider von Vorurteilen und politischer Einflussnahme durchsetzt. Eine klare Antwort zu erhalten, ist daher nicht einfach, und man könnte sicher auch sagen, dass es gar keine klare Antwort geben kann, da wir noch weit davon entfernt sind, alle Fakten zu kennen.

Interessant ist der Hinweis darauf, dass in dem 1980 erschienenen Buch High Culture: Marijuana in the Lives of Americans von William Novak der Verfasser feststellt, dass „schlimme Trips auf Marihuana statistisch gesehen nur einen winzigen Anteil ausmachen, aber sie kommen vor – besonders beim ersten Mal. Aber die ganz überwiegende Mehrheit der Erstkonsumenten schildert ihre Erfahrungen als neutral oder angenehm.“

Auch wenn negative Erfahrungen bei Erstkonsumenten sicher nur in der Minderheit der Fälle vorkommen, legt schon die Zahl dieser Berichte nahe, dass derartige Fälle heute öfter vorkommen. Schließlich kennen alle regelmäßigen Raucher mindestens ein oder zwei Personen, die ihren erstmaligen Cannabiskonsum „nicht verkraften konnten“. Dieses Phänomen kann an dem Anstieg des THC-Gehalts (im Verhältnis zu CBD und anderen Cannabinoiden und Terpenen) liegen, der bei den kommerziell vertriebenen Cannabissorten in den letzten Jahrzehnten zu verzeichnen war, oder es kann die Folge von Chemikalienresten auf schlecht angebautem Cannabis sein.

Ursache könnte der erhöhte THC-Gehalt sein

Da der Cannabismarkt in den Staaten des Westens sich von den importierten, im Freiland angebauten Sorten mit relativ geringem THC-Gehalt (und wenig Pestiziden, falls überhaupt) zu den im Gewächshaus mit Hilfe von künstlichen Nährstoffen und Agrarchemikalien gezogenen Sorten entwickelt hat, besteht definitiv die Möglichkeit, dass sowohl ihr relativer THC-Gehalt als auch die Reststoffe der Agrarchemie in den letzten Jahrzehnten zugenommen haben.

Wir besitzen keine Daten zu den unterschiedlichen Gehalten an chemischen Reststoffen in Cannabispflanzen im Verlauf mehrerer Jahre, aber sehr wohl Daten, die den Anstieg des THC-Gehalts belegen.

Es gibt kaum einen Grund zum Zweifel daran, dass der THC-Gehalt von Cannabis in vielen westlichen Staaten dramatisch angestiegen ist, da wir im Laufe der Jahre Sorten mit immer höherem THC-Gehalt gezüchtet haben, und da immer mehr Menschen Zugang zu diesen hochwirksamen Sorten haben. Wir hören heute von Sorten, die bis zu 35 oder 40 Prozent THC enthalten (auch wenn diese Zahlen wohl ins Reich der Sage gehören), obwohl 1980 noch niemand von solch hohen Werten gehört hatte und der durchschnittliche THC-Gehalt eher bei 2 bis 3 Prozent lag.

Heute liegt der durchschnittliche THC-Gehalt sicher auch nicht bei 35 Prozent, aber mit Sicherheit höher als bei 3 Prozent. 2008 hat die UNODC festgestellt, dass der Durchschnittsgehalt bei etwa 10 Prozent liegt, und in Colorado liegt er heute offensichtlich eher bei 18,7 Prozent!

THC scheint tatsächlich kurzfristige psychotische Effekte auszulösen

Cannabis-Erstkonsumenten: im High „hängen geblieben“

Wir haben so viele Belege für den Zusammenhang von THC mit kurzfristigen psychotischen Effekten, dass es töricht wäre, diese zu ignorieren. Wir haben nur wenige zuverlässige Belege, dass es zu langfristigen psychiatrischen Erkrankungen führt, aber sicher genügend Beweise, dass die akute Verabreichung von THC einen Zustand auslöst, der für einen kurzen Zeitraum einer Psychose sicher sehr ähnlich ist.

Es ist wahrscheinlich, dass einige der empfindlicheren Personen unter uns (deren Empfindlichkeit auf den vererbten Genen, dem Gesundheitszustand oder einigen anderen Faktoren beruht) einen durch THC ausgelösten, psychoseähnlichen Zustand erfahren können, der einige Zeit andauern kann. Bei den meisten Betroffenen wird sich dieser Zustand einfach wieder legen, aber bei einem kleinen Teil davon kann der THC-induzierte Zustand eine bei ihnen bereits angelegte geistige Erkrankung zum Ausbruch bringen.

Das ist aber nicht das Gleiche, als würde THC diese geistige Erkrankung selbst verursachen, denn diese Betroffenen wären wahrscheinlich auch ohne Cannabiskonsum eines Tages erkrankt, und der Ausbruch dieser Erkrankung ist durch Cannabis nur beschleunigt oder eventuell verschlimmert worden. Aber auch wenn THC derzeit nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann, eine geistige Erkrankung zu verursachen, ist es extrem wichtig, seine kurzfristige psychotische Wirkung genau zu erforschen.

Welche Nachweise gibt es dafür, dass THC Psychosen verursacht?

Werfen wir kurz einen Blick auf die existenten Nachweise. Die meisten Studien, die einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und langfristigen oder chronischen psychiatrischen Erkrankungen herstellen, sind unter mehreren Aspekten fehlerhaft. Der häufigste Fehler besteht darin, dass die Studien darauf angelegt sind, nur einen einzigen Zeitpunkt zu betrachten und nicht berücksichtigen, dass es andere Mitverursacher geben kann, die der wahre Grund für die betreffenden Geisteskrankheiten sein können. Andererseits gibt es sehr viele unmittelbare Nachweise in Form von Studien, bei denen THC verabreicht wurde und eine sofort einsetzende, kurzfristig andauernde psychoseartige Reaktion hervorgerufen hat.

Von 1972 stammt ein Betäubungsmittelbericht aus dem Iran, der den Fall eines Polizisten ohne psychotische Vorgeschichte schildert, der „in eine sehr gewalttätige Erregung mit paranoischen Wahnvorstellungen verfiel und sich anstrengte, sein Gewehr in die Hände zu bekommen, um auf seine imaginären Verfolger zu schießen“, nachdem er „einen Anfall des Bhang-Trinkens“ hatte.

Aus dem Jahr 2005 haben wir zwei Fallstudien über „Cannabis-akute Psychosen“. Danach erfuhren die beiden Betroffenen, die „regelmäßige, aber nur gelegentliche“ Konsumenten waren, nach der oralen Verabreichung von THC „Depersonalisierung, paranoide Gefühle und Derealisation“. Beide Betroffenen fühlten sich am nächsten Tag wieder „gut“ und hatten keine Rückfälle.

Eine andere Studie aus 2005 führt aus, dass „sogar Kritiker akzeptiert haben, dass psychotische Symptome durch Cannabis induziert werden können, und dass solche Symptome im Allgemeinen schnell abklingen und sich vollständig zurückbilden“. Allerdings stellte diese Studie einen sehr starken Zusammenhang zwischen der Cannabis-Psychose und der späteren Entwicklung von paranoider Schizophrenie fest, was das oben genannte Konzept stützt, wonach eine Cannabispsychose Auslöser für bereits angelegte Krankheiten sein kann.

2009 wurde eine ausgezeichnete Übersicht über die vorhandene Literatur zu Cannabis und akuter Psychose veröffentlicht, die feststellt, dass „diese psychotischen Symptome im Allgemeinen vorübergehend (Dauer: wenige Minuten bis Stunden) sind, es aber auch einige Berichte über Symptome gibt, die über Wochen hinweg andauerten. … Schwere oder persistente psychotische Reaktionen sind selten und treten eher bei Personen mit einer bereits vorher existierenden psychiatrischen Erkrankung auf“.

Sollte man sich Sorgen über den eigenen Konsum machen?

Cannabis-Erstkonsumenten: im High „hängen geblieben“

Um es noch einmal zu sagen: Man muss unbedingt im Kopf behalten, dass diese persistenten negativen Effekte ungewöhnlich sind und dass die meisten Menschen ihren ersten Cannabiskonsum als angenehme Zeit erleben. Und selbst wenn sie für sich feststellen, Gefühle wie die vorstehend genannten zu empfinden, ist es wichtig, ruhig zu bleiben und die eigene Erfahrung rational zu verarbeiten.

Denn Gefühle wie Angst, Paranoia und Depersonalisierung beim erstmaligen Cannabiskonsum sind normalerweise vorübergehend und die Folge des Konsums einer starken psychoaktiven Wirkstoffs. Viele Menschen, die solche Gefühle erfahren, beginnen sofort damit, die eigene Gesundheit in Frage zu stellen. Aber wer daran denkt, dass das eine natürliche Reaktion auf einen starken Wirkstoff ist, kann sich dadurch vergewissern, dass er nicht krank ist und hat mehr Vertrauen, dass der Normalzustand sehr bald wiederkehren wird. Ob diese Haltung auch zu einer schnelleren Rückkehr des Normalzustands führt, ist ungeklärt, aber es kann sicher einen großen Unterschied im Zustand der Panik und Furcht ausmachen, den man hat, solange die ungewöhnlichen Gefühle andauern.

Wenn der veränderte Zustand allerdings länger als wenige Tage andauert, kann es empfehlenswert sein, einen Psychiater aufzusuchen, da dies auf das Vorliegen einer bestehenden Erkrankung hinweisen kann. Noch einmal: Wenn dies der Fall ist, bedeutet das nicht notwendigerweise, dass Cannabis eine solche Erkrankung verursacht hat; es ist auch möglich, dass der vorübergehend veränderte Geisteszustand nur den Weg für ihr Erscheinen geebnet hat.

Eventuell ist es auch möglich, das Risiko des Auftretens psychotischer Symptome dadurch zu reduzieren, dass man sich für Cannabissorten mit hohem Gehalt an CBD entscheidet, da von diesem bekannt ist, dass es den psychoaktiven Effekten von THC entgegenwirkt. Vielleicht ist das die wichtigste Überlegung überhaupt, aber man sollte auch nicht vergessen, wie wichtig eine entspannte Umgebung, ein gefüllter Magen, ein gut mit Wasser versorgter Körper und ein klarer Kopf sind, wenn man zum ersten Mal Cannabis konsumiert.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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