by Silent Jay on 04/04/2014 | Medizinisch

Cannabis und die Parkinson-Krankheit

Parkinson Angeregt durch häufige Berichte über Patienten, die sich für eine Selbstmedikation entschieden haben, war die wissenschaftliche Gemeinschaft seit den 70er-Jahren in der Lage, ihre Forschung auf Cannabinoide zur Behandlung der Parkinson-Krankheit zu fokussieren. Die Zahl der zu diesem Thema durchgeführten Studien ist allerdings weiterhin relativ gering, trotz der jüngst wegen der Häufigkeit der von Patienten berichteten Fälle verstärkten Anstrengungen in dieser Richtung.


Demenz ist ein Verlust oder eine gravierende Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten, wobei diese vorübergehend sein oder sich als lang andauernder psychologischer Verfall darstellen kann. Es gibt mehrere Krankheiten, die als Formen der Demenz betrachtet werden, und zu den bekanntesten gehört die Parkinson-Krankheit.

Cannabis und die Parkinson-Krankheit

Eines der wichtigsten Symptome der Parkinson-Krankheit sind Störungen der motorischen Funktionen, die sich in vier Kategorien einteilen lassen, nämlich Zittern, Muskelversteifungen, verlangsamte Bewegungen und instabile Haltung.  Das Zittern ist sicher das am besten sichtbare und bekannteste unter den motorischen Symptomen, aber es gibt noch zahlreiche weitere spezifisch motorische Symptome, an denen der Patient im Einzelfall leiden kann.

Neben den motorischen Symptomen gibt es auch neuropsychiatrische Symptome der Parkinson-Krankheit, zu denen die Einschränkung bestimmter kognitiver Funktionen, Stimmungsschwankungen und Verhaltensstörungen gehören können. Diese Störungen manifestieren sich durchweg als Probleme mit der Konzentration, dem Gedächtnis, der Sprache und visuell-räumlichen Fähigkeiten. Der fortschreitende Rückgang dieser kognitiven Fähigkeiten kann langfristig zu wesentlich schwereren Demenzerscheinungen führen.

Angeregt durch häufige Berichte über Patienten, die sich für eine Selbstmedikation entschieden haben, war die wissenschaftliche Gemeinschaft seit den 70er-Jahren in der Lage, ihre Forschung auf Cannabinoide zur Behandlung der Parkinson-Krankheit zu fokussieren. Die Zahl der zu diesem Thema durchgeführten Studien ist allerdings weiterhin relativ gering, trotz der jüngst wegen der Häufigkeit der von Patienten berichteten Fälle verstärkten Anstrengungen in dieser Richtung.

Cannabis und die Parkinson-Krankheit

Neurodegeneration

Eins der physiopathologischen Merkmale der Parkinson-Krankheit ist die Fehlfunktion des dopaminergen Systems, bei der bestimmte Hirnstrukturen an einem Mangel an Dopamin sowie einigen weiteren Neurotransmittern leiden, was zu der Zelldegeneration führt, die die eigentliche Ursache für die Beeinträchtigung kognitiver Fähigkeiten ist.

Im Jahr 2004 haben Tests mit synthetischen Cannabinoiden an Ratten den eindeutigen Nachweis erbracht, dass eine Behandlung auf Cannabinoidbasis der Schlüssel zu einer wirksamen Behandlung dieser Krankheit sein könnte.

Beim ersten Versuch wurde den Ratten dabei eine Spritze mit einer Labordroge verabreicht, die eine Rolle als THC-Agonist spielt (THC ist einer der wichtigsten psychotropen Stoffe in Marihuana), und danach ein Toxin, das die gleichen Effekte wie bei der Parkinson-Krankheit hervorruft. Die Forscher entdeckten, dass es fast unmöglich war, die Gehirne der infizierten Ratten von denen der gesunden zu unterscheiden.

Genetisch veränderte Mäuse zur Erforschung der Parkinson-Krankheit - Quelle: Forschung an Tieren verstehen
Genetisch veränderte Mäuse zur Erforschung der Parkinson-Krankheit – Quelle: Forschung an Tieren verstehen

Beim zweiten Versuch wurde einer Gruppe verschiedener Ratten zuerst das Toxin gespritzt und danach der Agonist, um die Bestätigung zu erhalten, dass Cannabis auch über neuroprotektive Eigenschaften verfügt. Auch hierbei waren die Ergebnisse positiv, wenn THC und Cannabidiol injiziert wurden (THC allein ergab zwar ähnlich positive Ergebnisse, aber auf einem niedrigeren Niveau), wobei sich das Fortschreiten der Krankheit um einen Zeitraum verlangsamte, der übertragen auf den Menschen mehreren Jahren entspricht.[1]

Schmerzen

Die Entdeckung, dass auch Schmerzen ein Symptom der Parkinson-Krankheit sein können, ist relativ neu. Auch wenn Schmerzen bei 50 bis 80 % der Patienten vorkommen, konnte bisher keine nachvollziehbare Verbindung zu der Krankheit hergestellt werden. Aber diese Schmerzen sind häufig stark, und zwar so sehr, dass sie die anderen Symptome an Schwere übertreffen, und können langfristig zu psychischen Rückwirkungen wie Depressionen oder Ängsten führen.

Schmerzen können auch eine direkte Folge motorischer Störungen sein, z. B. wenn Schmerzen als Ergebnis einer längeren Muskelversteifung auftreten, oder bei Schmerzen, die mit Dystonie oder Haltungsproblemen zusammenhängen, oder – seltener – wenn die Schmerzen direkt aus der zervikalen Region kommen.

Die Studie war in der Lage, acht verschiedene Gene zu überprüfen, von denen bekannt ist, dass sie ganz allgemein etwas mit Schmerzen zu tun haben, und zwar bei einer Gruppe, die aus 237 Parkinson-Patienten bestand. Die Forscher entdeckten dabei, dass diese Gene auf charakteristische Weise mit Schmerzen zu tun haben, d. h. indem sie Merkmale zeigen, die typischerweise mit dem endocannabinoiden System und dem Konsum von Stoffen wie Marihuana zusammenhängen.

Das Labor konnte hieraus den Schluss ziehen, dass die als Teil der Krankheit wahrgenommenen Schmerzen durch Anwendung von Marihuana gelindert werden können; die Forscher haben jedoch weitere Untersuchungen empfohlen, um eine mögliche Behandlung  anhand der individuellen Eigenschaften der Genomkarte des Patienten optimieren zu können.[2]

Dystonie und Dyskinesie

Cannabis und die Parkinson-KrankheitAuf Cannabinoide fokussierte Forschungsarbeiten haben schon bei zahlreichen Krankheiten nachgewiesen, dass diese Einfluss auf eine breite Skala motorischer Symptome haben, die sich durch Zittern, Krämpfe oder Muskelverhärtung äußern; dies ist in der Tat eine der Eigenschaften der auf Cannabis-Konzentraten basierenden Mundsprays wie z. B. Sativex, wie sie heute von Patienten mit multipler Sklerose genutzt werden.

Bei der Parkinson-Krankheit können einige Behandlungsformen, die diese Symptome lindern sollen, selbst wiederum zu weiteren Bewegungsstörungen führen, die zu den durch die Krankheit selbst  verursachten schweren motorischen Störungen hinzukommen. Diese Störungen werden oft als die hinderlichsten Folgen dieser Krankheit wahrgenommen, und es ist daher wenig überraschend, dass der größte Teil der Forschungsarbeiten sich auf diese konzentriert.

Eine 1985 begonnene Studie [3] beruhte bereits auf Tests, die an einem Patienten durchgeführt wurden, der seit vielen Jahren an der Parkinson-Krankheit gelitten hatte und eine Dystonie an allen Gliedmaßen zeigte, ebenso eine L-Dopa-induzierte Dyskinesie, d. h. eine Dyskinesie, die durch eine langfristige Behandlung mit einem der effektivsten Medikamente verursacht worden war, das zur Behandlung der Parkinson-Krankheit und des Parkinsonismus zur Verfügung steht: L-Dopa.

Verschiedene Dosierungen pharmazeutischer Medikamente, die üblicherweise zur Bekämpfung der Symptome der Parkinson-Krankheit – auch der Dyskinesie – eingesetzt werden, haben zwar eine positive Wirkung gezeigt, die aber nur marginal war. Tests mit verschiedenen Dosierungen von Cannabidiol, einem der am besten für medizinische Zwecke erforschten Cannabinoide, haben demgegenüber mehr als signifikante Ergebnisse erbracht. Eine Cannabidiol-Dosis zwischen 100 mg und 200 mg pro Tag war in der Lage, die klinischen Schwankungen, die normalerweise festgestellt werden, und die Dyskinesie um bis zu 30 % zu reduzieren.

Bei höheren Dosierungen wurde keine weitere Verbesserung festgestellt, jedoch traten Nebenwirkungen wie Schwindel, Benommenheit und eine zunehmende Schwere der Parkinson-Symptome auf.

Wurde die Verabreichung von Cannabidiol eingestellt, verursachte dies eine schwere allgemeine Dystonie und eine gesteigerte Sensibilität für bislang unwirksame Behandlungen.

1986 wurde eine vergleichbare Studie [4] bei an Dystonie leidenden Patienten durchgeführt, die diese Ergebnisse bestätigte, wobei die Besserungsquote bei der Dystonie sich nach Angaben der Patienten auf 20 % bis 50 % belief.

1998 bestätigten weitere Forschungsarbeiten, [5] dass die Konzentration von Cannabinoidrezeptoren im Globus pallidus die Wirkung von synthetischem THC auf Dystonie und Dyskinesie erklären konnte, da diese Hirnstrukturen für die Steuerung willentlicher Bewegungen verantwortlich sind.

Neben diesen Fortschritten beim Nachweis der Wirksamkeit von Cannabis zur Bekämpfung von Parkinson-Symptomen gibt es regelmäßig auch neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem Endocannabinoidsystem und seinen Funktionen, die das noch begrenzte Wissen zur Pathologie und Physiopathologie dieser Krankheit, über das die moderne Medizin derzeit verfügt, ständig bereichern.

So machte im Jahr 2007 ein Forscherteam der Stanford-Universität eine bedeutende Entdeckung an der Hirnstruktur Striatum[6], die für ihre Aktivität in Abhängigkeit vom Dopamin-Level bekannt ist. Dabei wurden erstmals zwei Zelltypen unterschieden, die in dieser Struktur gefunden wurden und von denen die erste für das Auslösen von Bewegungen verantwortlich ist, die zweite für das Verhindern nicht-willentlicher Bewegungen. Es gibt Anzeichen dafür, dass ein niedriger Dopaminlevel – ein Grundelement der Physiologie der Parkinson-Krankheit – direkte Auswirkungen auf die Zellen des Typs hat, der für das Verhindern von Bewegungen verantwortlich ist und diese Zellen hyperaktiv macht, was die Schwierigkeiten erklären würde, die Patienten haben, wenn sie willentliche Bewegungen durchführen wollen.

Es wurden mehrere Tests durchgeführt, die auf diese Hyperaktivität abzielen. Die Kombination eines Medikaments, das Dopamin nachbildet, mit einem Medikament zur Verlangsamung des Abbaus des Endocannabinoidsystems durch Konzentration auf die verantwortlichen Enzyme hat beeindruckende Ergebnisse gezeigt, die viele Möglichkeiten für weitere Forschungsarbeiten sowohl zu palliativen Behandlungen als auch zu einer Heilung eröffnen.

Cannabis und die Parkinson-Krankheit

 

Dosierung und jüngste Fortschritte der Forschung

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich die Forscher auf einen der grundlegenden Parameter konzentriert, der die Entwicklung einer von der Schulmedizin akzeptierten Behandlung auf Cannabinoidbasis verhindert, und zwar die Dosierung (vgl. zu Dystonie und Dyskinesie am Ende des zweiten Abschnitts).

Auch wenn viele Patienten diese Empfehlung aus naheliegenden Gründen unbeachtet lassen, raten die mit der Forschung am besten vertrauten Mediziner nicht unbedingt zu einer Selbstmedikation. Denn das Risiko, dass im Falle einer Überdosierung die Schwere der Symptome zunimmt, ist von einiger Signifikanz, insbesondere unter Berücksichtigung der komplexen und variablen Pharmakologie von Cannabinoiden in allen ihren Erscheinungsformen.

Aus diesem Grund wurden in den letzten Monaten einige beobachtende Studien durchgeführt, die auf den Berichten von einigen hundert Patienten beruhen, die zur Linderung ihrer täglichen Beschwerden auf Cannabis zurückgegriffen haben.

Im Juni 2013 hat ein australisches Labor eine Studie veröffentlicht, [7] die sich der UPDRS (Einheitliche Bewertungsskala für die Parkinson-Krankheit) bediente, mit der die Schwere der Krankheitssymptome gemessen werden kann. Das Labor verglich die auf dieser Skala erreichten Werte, insbesondere bezüglich der vier Hauptmerkmale für motorische Symptome der Parkinson-Krankheit vor und nach der Einnahme von Cannabis. So wurde erkannt, dass die in der Pflanze enthaltenen Cannabinoide (oder Phytocannabinoide) nicht nur einen Einfluss auf das Zittern, sondern auch auf die Muskelverhärtung und die Akinesie (die Seltenheit und Langsamkeit der körperlichen Bewegung) haben.

Die Tests wurden an Patienten mit einem Durchschnittsalter von 66 Jahren und zu einem Zeitpunkt vor der Zuführung von Cannabis und sodann 30 Minuten nach dieser Zuführung durchgeführt. Die Unterschiede in den Werten, die bei jedem der vier wichtigen motorischen Symptome festgestellt wurden, waren überzeugend, insbesondere deshalb, weil die betreffenden Patienten zuvor bereits seit durchschnittlich 7,5 Jahren diagnostiziert worden waren.

Die getesteten Patienten hatten eines gemeinsam: Sie waren alle  regelmäßige Cannabis-Konsumenten, die sich aus eigenem Antrieb für eine Selbstmedikation entschieden hatten. Nach Angabe dieser Patienten konnte eine „Dosis“ Cannabis, d. h. eine Cannabis-Zigarette oder eine Dosis verdampfter Cannabis, für 2 bis 3 Stunden Linderung verschaffen.

Schließlich bewies eine von israelischen Neurologen im März 2014 vorgelegte Studie erstmals die Wirksamkeit von Cannabinoiden bei einer Symptomgruppe der Parkinson-Krankheit, zu der sowohl motorische als auch nicht-motorische Störungen gehörten. Diese Befunde bedeuten einen unglaublichen Fortschritt, da Tests dieser Art schon immer schwierig oder fast unmöglich gewesen sind, weil das medizinische Cannabis, das bei diesen Forschungsarbeiten benötigt wird, nur begrenzt verfügbar ist.

Nach Meinung der beteiligten Wissenschaftler könnten die mit dieser Studie gelegten Grundlagen ein Katalysator für den Beginn der Entwicklung einer Behandlung sein, die auf Cannabinoiden beruht. Eine solche Behandlung könnte dann für die ca. 7 Mio. Patienten, die weltweit an der Parkinson-Krankheit leiden, bald zur Realität werden.

Die quellen

[1] Marihuana-ähnliche Stoffe können eine Hilfe bei einigen schweren Krankheitsformen sein, von der Parkinson-Krankheit bis hin zu Schmerzen – 27. Oktober 2004 – Society for Neuroscience – http://www.sciencedaily.com/releases/2004/10/041027102621.htm

[2] Der Beitrag genetischer Varianten zur Schmerzanfälligkeit bei der Parkinson-Krankheit – 4. April 2012 – European Journal of Pain – http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/j.1532-2149.2012.00134.x/abstract

[3] Positive und negative Effekte von Cannabidiol bei einem Parkinson-Patienten mit Sinemet-induzierter dystonischer Dyskinesie – Neurology 1985- http://www.cannabis-med.org/studies/ww_en_db_study_show.php?s_id=142

[4] Open Label-Evaluierung von Cannabidiol bei dystonischen Bewegungsstörungen  – International Journal of Neuroscience 1986 – http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3793381

[5] Die Wirkungen des Cannabinoidrezeptor-Agonisten Nabilon auf L-DOPA- induzierte Dyskinesie bei Patienten mit idiopathischer Parkinson-Krankheit (PD) – Movement Disorders 1998 – http://www.cannabis-med.org/studies/ww_en_db_study_show.php?s_id=153

[6] Eine Erhöhung der Aktivität marihuanaähnlicher Chemikalien im Gehirn hilft bei der Behandlung von Parkinson-Symptomen bei Mäusen – Stanford Medicine – http://med.stanford.edu/news_releases/2007/february/malenka.html

[7] Behandlung mit medizinischem Marihuana (Cannabis) bei motorischen und nicht-motorischen Symptomen der Parkinson-Krankheit. Eine Open-Label-Beobachtungsstudie – MDS 17. Internationaler Kongress für die Parkinson-Krankheit und Bewegungsstörungen, Band 28, Juni 2013 – http://www.mdsabstracts.com/abstract.asp?MeetingID=798&id=106491

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Elisabeth.Meidlinger@gmail.de

Hallo Mama,
hier einige Infos für den Neurologen.
LG
Ilona

13/03/2015

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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