by Tasha Kerry on 13/11/2018 | Meinung

Hilft oder schadet Cannabis bei Reizdarmsyndrom?

Reizdarmsyndrom Meine Magenprobleme begannen in meinen Mittzwanzigern. Krämpfe, Aufblähung der Bauchdecke und Erschöpfungserscheinungen nach dem Essen waren häufige Symptome. Als Folge verzichtete ich oft auf Nahrung oder trank einen Pfefferminz-Tee und rauchte einen Joint, wenn die Schmerzen zu stark waren. Ich wende diese Methode bis heute noch an, jedoch frage ich mich: Helfe ich meinem Körper bei der Heilung oder verschlimmere ich meinen Zustand?


Gesundheit beginnt im Magen

Weil ich nichts über Ernährung wusste, als meine Verdauungsprobleme begannen, wusste ich nicht, dass meine Ernährungsweise das Problem war. Wie die meisten Kinder, die in den 70er- und 80er-Jahren in Nordeuropa aufgewachsen sind, wurde ich mit Getreideprodukten, Sandwiches mit Fleisch-Aufschnitt und Spaghetti Bolognese großgezogen, und als Irin bekam ich auch eine gehörige Portion Kartoffeln. Was ich jetzt weiß, ist, dass diese säure- und stärkehaltige Ernährung den Grundstein für lebenslange Magenprobleme gelegt hat.

Als ich 30 Jahre alt war, landete ich mit solch starken Krämpfen im Krankenhaus, dass ich eine Woche lang sediert werden musste. Die Ärzte führten eine Reihe von Untersuchungen durch, konnten aber nichts finden. Als sie mich entließen, gaben sie mir keine Ratschläge oder Anweisungen. Sie hatten nichts anderes getan, als die Symptome, also die Schmerzen, zu bekämpfen. Schließlich ging ich zu einem Gastroenterologen und bekam eine Darmspiegelung, doch auch sie konnte nichts Ungewöhnliches finden. Dieser Arzt konnte mir also auch nicht helfen.

Hilft oder schadet Cannabis bei Reizdarmsyndrom?

Mit 32 war ich an einem kritischen Punkt, geplagt von ständiger Übelkeit und Müdigkeit. Ich rauchte Haschisch, um Energie für den Tag zu haben und meinen Magen zu beruhigen, ernährte mich regelrecht von Kaffee und Joints und bemerkte, dass es half, weniger zu essen. Ich fing eine Eliminierungsdiät an und verzichtete auf alles, außer einer Handvoll Gemüse und etwas Huhn oder Fisch. Während der nächsten sechs Monaten fand ich heraus, dass ich gegen Brot, Nudeln, Kartoffeln, Reis, Milch, Eis, Tee, Kaffee, Fleisch, Bier und Ketchup oder alles, was viel Säure oder Stärke enthielt, allergisch war. Ich reagierte außerdem allergisch auf Stress.

Heute weiß man, dass Stress eine große Rolle bei der Darm-Gesundheit spielt und zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Reizdarmsyndrom, Refluxösophagitis (Sodbrennen) und Magengeschwüren führen kann. Jüngste Forschungen haben die Rolle des Mikrobioms geklärt und herausgefunden, wie ein mikrobielles Ungleichgewicht in der Darmflora zu Entzündungen und Autoimmunerkrankungen führen kann. Es wird geschätzt, dass etwa 40 Billionen Bakterien den Darm bevölkern, die sich aus etwa 1.000 verschiedenen Arten zusammensetzen.

Bakterien, Cannabinoide und Darm-Gesundheit

Auch wenn es noch einiger Forschung bedarf, um den genauen Einfluss des Endocannabinoidsystems, des biologischen Systems, das sich über das Gehirn, den Verdauungstrakt, das Nervensystem, die Drüsen, die Haut, das Immunsystem und das Bindegewebe erstreckt, zu verstehen, ist inzwischen bekannt, dass es eine Vielzahl von Verdauungsfunktionen kontrolliert, einschließlich Beweglichkeit, Fettaufnahme, Hungersignalisierung, Darmpermeabilität und Wechselwirkungen mit dem Mikrobiom.

Die Bedeutung des Mikrobioms in Bezug auf das Endocannabinoidsystem ist eines der neuesten Gebiete der wissenschaftlichen Forschung, aber viele Studien zeigen, dass ein gesundes Gleichgewicht der Bakterien für die allgemeine Gesundheit unerlässlich ist. Um zu verstehen, wie allgegenwärtig Mikroben sind, hier eine Liste einiger der häufigsten bakteriellen Erkrankungen: Akne, Asthma, Allergien, Autismus, Autoimmunerkrankungen, Krebs, Karies, Depressionen, Angstzustände, Diabetes, Ekzeme, Magengeschwüre, Verhärtung der Arterien, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Unterernährung und Fettleibigkeit.

Hilft oder schadet Cannabis bei Reizdarmsyndrom?

Eines der frustrierendsten Dinge bei einer Erkrankung wie einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung ist, dass es keine physischen Indikatoren gibt, was bedeutet, dass keine der herkömmlichen Tests für glutensensitive Enteropathie, Koloskopie oder Bariumstudien die Ursache der Erkrankung identifizieren können. Eine Studie aus dem Jahr 2003 bestätigte jedoch, dass Cannabinoide als Behandlung für Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt werden können, da Verdauung, Sekretion und Entzündung durch das Endocannabinoidsystem gesteuert werden. Schätzungsweise leiden bis zu 15 Prozent der Weltbevölkerung unter dem Reizdarmsyndrom, aber nur fünf bis sieben Prozent werden diagnostiziert.

Störungen des Darmmikrobioms können durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht werden, aber die häufigsten sind Stress, Ernährung sowie der übermäßige Einsatz von Antibiotika. Jeder dieser Faktoren verursacht einen Anstieg schadhafter Bakterien. Eine kanadische Studie aus dem Jahr 2015 zeigte auf, dass die Zusammenhänge so weitreichend sind, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit Reizdarmsyndrom auch unter generalisierten Angststörungen leiden, doppelt so hoch ist wie unter nicht Erkrankten. Es ist wenig verwunderlich, dass Cannabis zur Behandlung von Reizdarmsyndrom empfohlen wurde, nachdem herkömmliche Behandlungsmethoden versagt haben.

Die Darm-Gesundheit ist ein Lifestyle

Die Forschung zeigt, dass wenn gewisse Rezeptoren im Darm angesprochen werden, sie als entzündungshemmendes Mittel im Darm wirken und Moleküle, die als Endocannabinoide bekannt sind, über die Darmschleimhaut übertragen werden und die Entzündung in Schach halten. Infolgedessen beeinflussen Endocannabinoide die Entzündungsrate im Darm und die Bakterien, die zu Reizdarmsyndrom- und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa führen.

Cannabinoide sind jedoch nur ein Faktor, der Entzündungen im Körper beeinflusst, und alles Cannabis der Welt wird niemandem helfen, der darauf besteht, jeden Abend Fertiggerichte zu essen, der sich weigert, sich zu bewegen, und denkt, dass Salat lediglich etwas für Kaninchen ist. Besucht man im Internet Seiten mit Gesundheitstipps, erhält man Empfehlungen wie „verwenden Sie Vollkorn“, „versuchen Sie es mit pflanzlicher Ernährung“ oder „essen Sie Lebensmittel, die viele Polyphenole enthalten“. Aber wie jeder mit Reizdarmerkrankung weiß, kann der Rat von Ernährungswissenschaftlern das Problem auch oftmals verschlimmern.

Hilft oder schadet Cannabis bei Reizdarmsyndrom?

Denn wie ein Fingerabdruck ist auch das Mikrobiom eines jeden Menschen einzigartig. Was also bei einer Person funktioniert, funktioniert nicht zwangsläufig bei einer anderen. Als mir zum Beispiel ein Arzt riet, Vollkorn zu essen, um mein Mikrobiom auszugleichen, verweigerte ich dies schlichtweg, weil ich wusste, dass ich tagelang unter einem aufgeblähten Magen leiden würde. Über einen Zeitraum von zehn Jahren habe ich herausgefunden, was ich essen kann und was nicht. So bekam ich mit einer Kombination aus Bewegung, einer paläo-ketogenen Diät und Cannabis mein Reizdarmsyndrom und meine Gicht erfolgreich in den Griff.

Könnte es mir besser gehen? Ja, mit 100-prozentiger Gewissheit sogar. Ich habe nach  wie vor Probleme, aber ich bin mir der Auslöser bewusst und ergreife vorbeugende Maßnahmen. Regelmäßige Bewegung hat definitiv am meisten geholfen, aber ich vermeide es auch, etwas zu essen, wenn ich den genauen Inhalt nicht kenne. Das bedeutet, dass ich nie auswärts esse, denn die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es das Risiko nicht wert ist. Neben der Zubereitung meiner eigenen Speisen und nur seltenem Alkoholkonsum halte ich meine Kalorienzufuhr auf einem gesunden Niveau – auch wenn ich als Cannabiskonsumentin durchaus der einen oder anderen Sünde schuldig bin. Eine Studie ergab jedoch, dass der sogenannte Fresskick bei Cannabiskonsumenten zu einem höheren HDL-Wert („gutes Cholesterin“) und einer besseren Insulinresistenz führt.

Fazit: Obwohl die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt, gab und gibt es genügend Beweise, um mich all die Jahre selbst mit Cannabis zu behandeln, und ich werde dies auch weiterhin tun. Das Gleichgewicht zwischen Cannabiskonsum und regelmäßiger Bewegung, zusammen mit einer fettreichen, kohlenhydratarmen Ernährung, stellt einen wesentlichen Bestandteil der Wiederherstellung meiner Gesundheit dar. Für den Fall, dass ich erneut einen Krampfanfall bekomme, werde ich mich weiterhin auf die Behandlung verlassen, die mir jahrelang geholfen hat: eine Tasse Pfefferminz-Tee gepaart mit einem Joint.

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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