by Seshata on 13/08/2015 | Medizinisch

Wie mit Cannabis ME (chronisches Erschöpfungssyndrom) behandelt werden kann

chronisches Erschöpfungssyndrom Die myalgische Enzephalopathie (ME) ist eine komplexe und kontrovers diskutierte Krankheit, deren Kennzeichen eine chronische Erschöpfung ist, die keine erkennbare Ursache hat und sich durch Ausruhen nicht bessert. Auch wenn es nur sehr wenig empirische Forschung zum Potential von Cannabis zur Behandlung von ME gibt, berichten doch zahlreiche Patienten über eine subjektiv empfundene Besserung.


Was ist die myalgische Enzephalopathie?

Die myalgische Enzephalopathie (ME) ist seit ihrer ersten Beschreibung vor mehreren Jahrzehnten unter verschiedenen Namen bekannt, zu denen u. a. myalgische Enzephalomyelitis, chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS), chronischer Epstein-Barr-Virus (basierend auf der Annahme, die Krankheit werde durch das Epstein-Barr-Virus verursacht), post-virales Erschöpfungssyndrom und systemische Anstrengungsintoleranz zählen.

ME ist eine stark einschränkende Krankheit, da der Patient eine ständige, extrem starke Erschöpfung verspürt
ME ist eine stark einschränkende Krankheit, da der Patient eine ständige, extrem starke Erschöpfung verspürt

Neben dem Gefühl einer intensiven, nicht nachlassenden physischen und geistigen Erschöpfung und einer postexertionalen (nach einer Anstrengung auftretenden) Erschöpfung kann ME bei den Betroffenen auch Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Halsschmerzen, Verdauungsstörungen, geschwollene Lymphknoten, ein schlechtes Gedächtnis und geringe Konzentration sowie Depressionen hervorrufen. Die Symptome sind von Person zu Person unterschiedlich schwer und können in manchen Fällen die Lebensqualität des Patienten stark beeinträchtigen.

Physiologisch gesehen ist ME eng mit einer Entzündung des Gehirns und des Rückenmarks verwandt; was in dem Begriff „Enzephalomyelitis“ zum Ausdruck kommt. Dieser Begriff wird aber zunehmend durch „Enzephalopathie“ ersetzt, der die allgemeine Funktionsstörung des zentralen Nervensystems besser beschreibt. Eine 2014 durchgeführte Studie fand heraus, dass Patienten mit ME/CFS Marker einer Entzündung in bestimmten Regionen des Gehirns zeigten, die um 45 bis 199 % höher lagen als bei der gesunden Kontrollgruppe.

Was verursacht die myalgische Enzephalopathie?

Der eigentliche Auslöser für ME ist noch nicht bekannt, und man geht davon aus, dass daran eine Kombination genetischer, umweltbedingter, infektiöser und psychischer Faktoren beteiligt sein könnte.

Die Möglichkeit, dass auch Virusinfektionen dabei eine Rolle spielen, ist nicht völlig auszuschließen, obwohl die früher herrschende Ansicht, wonach der Epstein-Barr-Virus (der dafür bekannt ist, eine Mononukleose oder das Pfeiffersche Drüsenfieber zu verursachen) der eigentliche Auslöser ist, offenbar nicht zutrifft, denn dieser Virus ist nicht bei allen ME-Patienten zu finden. Heute bezeichnet man eine chronische Erschöpfung, die durch den Virus verursacht ist, daher als chronische Epstein-Barr-Erschöpfung). Es wird auch vermutet, dass chronischer Stress, der sechs Monate oder länger andauert, eine entscheidende Rolle spielen könnte.

Von der Mehrzahl der ME-Fälle sind Frauen betroffen, und es gibt offenbar auch eine etwas höhere Prävalenz bei amerikanischen Ureingeborenen und Afroamerikanern als bei weißen Amerikanern. Außerdem haben Familienstudien ergeben, dass die Blutsverwandten von Patienten ein erhöhtes Risiko haben, dass die Krankheit auch bei ihnen auftritt. Das deutet darauf hin, dass genetische Elemente tatsächlich für ihr Entstehen bedeutsam sind.

Bewirkt der Cannabiskonsum eine Linderung der ME-Symptome?

Man vermutet, dass eine Entzündung des Gehirns und des Zentralnervensystems Krankheiten wie ME auslöst
Man vermutet, dass eine Entzündung des Gehirns und des Zentralnervensystems Krankheiten wie ME auslöst
Man vermutet, dass eine Entzündung des Gehirns und des Zentralnervensystems Krankheiten wie ME auslöst
Man vermutet, dass eine Entzündung des Gehirns und des Zentralnervensystems Krankheiten wie ME auslöst

Auch wenn es offenbar keine empirischen Studien oder klinischen Versuche gibt, die sich speziell mit der Fähigkeit von Cannabis befassen, ME-Symptome zu lindern, gibt es in den Bundesstaaten der USA, in denen medizinisches Cannabis zugelassen ist, zahlreiche Patienten, die von einer subjektiv empfundenen Linderung ihrer Symptome berichten.

Typischerweise berichten diese Patienten über eine Verbesserung bei Symptomen wie Schlafstörungen oder nicht erholsamem Schlaf, Muskel- und Gelenkschmerzen, Depressionen und emotionaler Unausgeglichenheit. Einige Patienten berichten auch davon, dass Cannabis ihre primären Erschöpfungssymptome tatsächlich bessert, wobei viele dieser Berichte darauf hinweisen, dass Sativa-dominante Sorten effektiver wirken als Indica-dominante.

Auch hier gibt es zwar keine spezifischen Studien zur Fähigkeit von Cannabis, ME-Symptome zu lindern, aber jede Menge Studien, die sich mit einzelnen Symptomen befassen, die zwar für ME typisch, aber nicht auf diese Krankheit beschränkt sind, wie z. B. Schlafstörungen, chronische Schmerzen, Probleme mit der Energieregulierung und Immunfunktionen sowie kognitive und emotionale Störungen.

Bei welchen ME-Symptomen wirkt Cannabis am besten?

Die Fähigkeit von Cannabis, bei Schlafstörungen zu helfen, ist relativ gut bekannt. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die REM-Schlafphasen nach dem Konsum von Cannabis zurückgehen, während die Tiefschlafphasen zunehmen, was bei dem Betroffenen eine insgesamt bessere Erholung bewirken kann.

Von chronischen Schmerzen ist ebenfalls gut bekannt, dass sie sich durch den Konsum von Cannabis bessern. Es wurde nachgewiesen, dass dies sowohl für neuropathische Schmerzen gilt, die durch eine Verletzung oder Dysfunktion des Nervs selbst ausgelöst werden, als auch für nozizeptive Schmerzen, die durch einen Faktor ausgelöst werden, der nicht in der Verletzung des Nervs selbst liegt, wie z. B. durch eine Wunde oder Entzündung im benachbarten Gewebe.

Das Potential von Cannabinoiden zur Behandlung von Depressionen und kognitiven Störungen wird kontrovers diskutiert. Es gibt aber Studien, die nahelegen, dass bei einigen Patienten ein positiver Effekt erzielt werden kann und dass dieser Effekt wahrscheinlich von der Dosis, der Regelmäßigkeit des Konsums und von früheren Konsumgewohnheiten abhängig ist, ebenso von genetischen Faktoren und Umweltfaktoren.

Nach verbreiteter Meinung reagiert eine Depression gut auf geringe und schlecht auf hohe Dosierungen  von Cannabinoidrezeptor-Agonisten wie THC, während die Gedächtnisleistung sich nachweislich durch eine Verabreichung von Rimonabant verbessert. Dabei handelt es sich um einen synthetischen CB1-Rezeptor-Antagonisten, der letztes Jahr seine Zulassung als gewichtsreduzierendes Arzneimittel wegen schwerer Sicherheitsbedenken verloren hat.

Die Beziehung zwischen ME und Fibromyalgie

Depressionen und emotionale Unausgeglichenheit sind ein häufiges Merkmal von ME
Depressionen und emotionale Unausgeglichenheit sind ein häufiges Merkmal von ME

Es gibt einen derart hohen Grad an Komorbidität und so viele gemeinsame Symptome bei ME und beim Fibromyalgiesyndrom (FMS), dass viele glauben, es handele sich um die gleiche Krankheit, die sich nur von Patient zu Patient in leicht unterschiedlicher Weise zeige. 50 bis 70 % der Patienten mit diagnostizierter FMS erfüllen auch die Kriterien für ME, und man nimmt an, dass die Differenzen bei der Diagnose daher kommen, dass Ärzte die Symptome ihrer Patienten entweder als Erkrankung der Muskeln und Gelenke (FMS) oder als Erkrankung des Immunsystems durch externe (z. B. durch einen Virus) oder autoimmune Ursachen (ME/CFS) diagnostizieren.

FMS ist eine Erkrankung, deren spezielles Kennzeichen chronische Schmerzen in bestimmten Bereichen des Körpers sowie eine erhöhte Berührungs- und Drucksensibilität sind. Daneben leiden die Patienten häufig unter chronischer Erschöpfung, Muskel- und Gelenkschmerzen, kognitiven Dysfunktionen, Schlafstörungen und Depressionen. Wenn die beiden Krankheiten als ein- und dieselbe angesehen werden, könnte man sagen, dass es sich bei FMS um einen Subtyp handelt, bei dem Schmerzen das primäre Symptom sind, und dass die Erschöpfung das primäre Symptom bei dem anderen Subtyp ist, der derzeit als ME oder CFS bekannt ist.

Während die Zahl der Forschungsarbeiten zu ME und Cannabis ziemlich bescheiden ist, gibt es zu FMS und Cannabis eine viel höhere Zahl an Studien. Viele von ihnen haben bestätigt, dass Cannabis eine wesentliche subjektive Besserung bei verschiedenen Symptomen bewirken kann, zu denen jedenfalls Muskel- und Gelenkschmerzen, Verdauungsstörungen und Schlafstörungen gehören.

Das Endocannabinoidsystem und ME

Eine geringe Zahl von Studien hat sich mit der Funktion des Endocannabinoidsystems (ECS) für das Entstehen und Fortschreiten von ME befasst, und mehrere Studien haben seine Funktion bei Stress und allgemeiner Erschöpfung sowie bei postviralen Erschöpfungszuständen erforscht. Daneben existieren auch relativ viele Studien zum ECS und verwandten Störungen wie FMS, chronischem Stress und multipler Sklerose, bei der eine chronische Erschöpfung ebenfalls zu den primären Symptomen zählt und die in vieler Hinsicht ME ähnlich ist.

Die Fibromyalgie und ME sind eng verwandte Krankheiten, wobei erstere mehr durch Schmerzen und letztere durch Erschöpfung gekennzeichnet ist
Die Fibromyalgie und ME sind eng verwandte Krankheiten, wobei erstere mehr durch Schmerzen und letztere durch Erschöpfung gekennzeichnet ist

Im Wesentlichen sieht es so aus, dass das gemeinsame Krankheitsbild, das ME und chronischem Stress zu Grunde liegt, eine Entzündung im Gehirn und in einzelnen Bereichen des zentralen und peripheren Nervensystems ist. Auch wenn Entzündungen nicht allgemein als Symptom von FMS gelten, gibt es zunehmend Nachweise dafür, dass in Wirklichkeit das Gegenteil richtig ist und dass eine Entzündung der Faszien (also der Gewebeschicht, die Muskeln und Organe innerhalb des Körpers umgibt und voneinander trennt) dabei eine zentrale Rolle spielt. Ursache von multipler Sklerose ist eine Entzündung und Zerstörung der Myelinschichten, die die Neuronen im Gehirn und im Zentralnervensystem umgeben.

Es wurde als sicher nachgewiesen, dass das Endocannabinoidsystem eine wesentliche Rolle beim Auftreten und bei der Steuerung von Entzündungen spielt, und seine Beteiligung bei der Entstehung von FMS ist ebenfalls gut bekannt. Außerdem ist die Tatsache, dass chronischer Stress eine wesentliche Ursache für Entzündungen im zentralen und peripheren Nervensystem darstellt, heute ebenfalls durch Forschungsarbeiten abgesichert.

Forschungsarbeiten zu Entzündungen, dem Immunsystem und ME

Eine wichtige, 2012 durchgeführte Studie befasste sich mit der Wirkung der Krankheit auf die Entwicklung von Genen  bei MS- und ME-Patienten im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe. Die Studie fand heraus, dass die Gene, die an der Bildung der Metabolit-Entdeckungs-Rezeptoren und der adrenergen Rezeptoren beteiligt waren, bei ME-Patienten vermehrt auftraten, während bei MS-Patienten nur ganz bestimmte adrenerge Rezeptoren vermehrt zu finden waren.

Einer der adrenergen Rezeptoren, die bei ME-Patienten vermehrt auftraten, war der TRPV1-Rezeptor, der nicht direkt Teil des Endocannabinoidsystems ist, obwohl man in verschiedenen Fällen festgestellt hat, dass seine biologischen Mechanismen von durch das Endocannabinoidsystem ausgelösten Aktivitäten beeinflusst werden können. Ferner ist bekannt, dass das endogene Cannabinoid Anandamid in der Lage ist, diesen Rezeptor zu aktivieren.

Die Wechselbeziehungen zwischen Anandamid, dem TRPV-1-Rezeptor und der Muskelerschöpfung bedürfen noch weiterer Forschung. Interessanterweise erforschte eine 2010 durchgeführte Studie die möglichen positiven Wirkungen eines regelmäßigen Konsums von stark kakaohaltiger, polyphenolreicher Schokolade bei Personen, die an CFS leiden. Es stellte sich heraus, dass die Symptome sich bei der Gruppe der Schokolade-Konsumenten im Vergleich zur Kontrollgruppe durchweg verbesserten. Kakaohaltige Schokolade ist dafür bekannt, dass sie Stoffe enthält, die mit Anandamid nahezu identisch sind, und man nimmt an, dass ihr Wirkmechanismus bei der Erzeugung eines subjektiven Gefühls des Wohlbefindens und der Entspannung über den TRPV-1 Rezeptor verläuft.

Ganz offensichtlich bedarf es noch vieler weiterer Forschungsanstrengungen, bis wir ein ausreichendes Verständnis von den Zusammenhängen zwischen dem Endocannabinoidsystem und Krankheiten wie ME gewonnen haben. Aber schon jetzt steht fest, dass die Funktionen des Endocannabinoidsystems bei solchen Krankheiten eine ganz fundamentale Rolle spielen.

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MagischePflanzen.de

Sehr interessanter Bericht, wieder ein undementierbares Argument zur Verbesserung (und zum Ausbauen/Stabilisierung) der medizinischen Nutzung von Hanf in Deutschland und vielen weiteren Ländern!

19/08/2015

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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