by Micha on 04/01/2017 | Meinung

Die ersten legalen Cannabis-Pflanzen zu medizinischen Zwecken sind geerntet

Pflanzen Ende September 2016 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) dem ersten deutschen Cannabis-Patienten eine Genehmigung zum Eigenanbau von Medizinal-Hanfblüten erteilt. Dem an Multiple Sklerose erkrankten Michael F. wurde am 6. April diesen Jahres vom in höchster Instanz das Recht auf Eigenanbau im Rahmen seiner staatlich genehmigten Selbsttherapie zugesprochen.


Die ersten legalen Cannabis-Pflanzen zu medizinischen Zwecken sind geerntet - Sensi Seeds Blog

Insgesamt 16 Jahre und bis zur letzten Instanz, dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, hatte Michael F. geklagt. Seit kurzer Zeit stehen deshalb die ersten 20 Medizinal-Hanfpflanzen der Bundesrepublik Deutschland, die legal für einen zu medizinischen Zwecken angebaut werden, in einer Mannheimer Privatwohnung.

Allerdings ist die Genehmigung bis zum 30. Juni 2017 befristet. So kann sie die Bundesregierung einfach wieder einziehen, falls bei dem Patienten kein Notstand mehr gegeben ist. Das könnte passieren, wenn bei so schwerwiegenden Erkrankungen wie der des Betroffenen eine Kostenübernahme der Blüten durch die Krankenkassen erfolgt. Damit, so argumentiert man im Bundesgesundheitsministerium, fiele der Notstand weg und die Anbaugenehmigung wäre Geschichte. Ob das neue Gesetz wirklich schon ab 2017 die Kostenübernahme für die Medizinalblüten bei schwerwiegenden Krankheiten beinhaltet, ist derzeit allerdings noch unklar. Im Moment weiß man nicht mal, mit wie viel Verzögerung das ursprünglich für Januar 2017 geplante Gesetz in Kraft treten wird. Sicher ist nur, dass es später als angekündigt in Kraft treten wird, weil es im Rahmen der letzten Sitzung im Jahr 2016 kurzfristig und für alle überraschend von der Tagesordnung des Bundestags gestrichen wurde. Somit kann es auch dem Bundesrat, der dem Gesetz nach der Verabschiedung durch den Bundestag ebenso zustimmen muss, nicht wie geplant im Februar vorgelegt werden.

Verschiebung des Cannabisgesetzes

Beobachter vermuten hinter der erneuten Verschiebung die ungeklärte Frage der Kostenübernahme, gegen die sich besonders die Krankenkassenverbände wehren. Anderseits ist auch der Anbau von Medizinal-Hanfpflanzen im großen Stil geplant. Es wird damit gerechnet, dass vielleicht schon 2017 den ersten paar Pflanzen tausende in staatlich lizenzierten Anlagen folgen werden. Doch dazu muss erst einmal die Gründung einer Cannabis-Agentur, die den Anbau überwachen und regulieren soll, forciert werden. Sobald diese 2017 ihre Arbeit aufgenommen hat, wird die Öffentlichkeit mehr über bereits laufende Anträge, Lizensierungsprozesse sowie zu anderen Details des Anbaus erfahren. Das dem Bundesgesundheitsministerium unterstellte BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) gibt derzeit keine Informationen über das heraus, was im Hintergrund bereits vorbereitet wird. Die Behörde beruft sich dabei auf das noch nicht verabschiedete Gesetz zu medizinischem Cannabis und den damit verbundenen, noch ungeklärten Fragen zu den Rahmenbedingungen.

Die erste Ernte liegt im Tresor

Derweil stehen in Mannheim 20 „Jorges Diamond“ auf Erde. Gedüngt wird mit zertifiziertem Bio-Dünger und das Gießen geschieht per Hand. Die erste Ernte ist bereits eingefahren und wird, wie es die bislang einzigartige Genehmigung vorschreibt, jetzt im Tresor des 54-Jährigen gelagert. Da er krankheitsbedingt die Pflege der Pflanzen nicht gewährleisten kann, hilft ihm seine Frau bei allen notwendigen Handgriffen. Hierzu muss auch sie als „Betäubungsbeauftragte“ auf der „Ausnahmegenehmigung zur Selbsttherapie mit Cannabis“ vermerkt sein. Die Erntemenge nach acht Wochen Blütezeit beträgt maximal 240 Gramm und ist somit gerade so viel, wie Michael zur Linderung seiner Krankheitssymptome braucht. Um mit einer ausreichenden Menge Medizin versorgt zu sein, muss der MS-Patient direkt nach der Ernte wieder 20 vorbereitete Stecklinge in die Blütekammer stellen.

Er beschreibt die Wirkung von Jorges Diamond, der Sorte seiner Wahl, als „ausgeglichen“. Es helfe gut gegen sein Hauptsymptom, die Ataxie, mache weder hektisch noch schlapp und sei nicht sehr anfällig für Schädlinge.

Mehr Genehmigungen sollen folgen

Neben diesem Fall gibt es derzeit noch weit über 100 anerkannte Patienten, die einen Antrag zum Anbau ihrer Medizin gestellt haben. Mindestens bei drei von ihnen stehen die Chancen ausgesprochen gut, bald einen ebensolche Erlaubnis zu erhalten: Günther Weiglein hatte zusammen mit zwei anderen Cannabis-Patienten ebenso erfolgreich wie der MS-Patient aus Mannheim geklagt. Allerdings ist das BfArM in nach jeder verlorenen Instanz in Berufung gegangen und deshalb steht hier die höchstrichterliche Entscheidung noch aus. Da das Gericht aber wahrscheinlich ähnlich entscheiden wird wie bei Michael F. und sich die Bundesregierung dessen bewusst ist, muss das BfArM vermutlich noch einigen anderen Patienten den Eigenanbau zugestehen. Die Behörde hat kürzlich angekündigt, in ähnlich gelagerten Fällen weitere Genehmigungen zu erteilen.

Ein Gramm selbst angebautes Cannabis kostet Patienten in Deutschland im Schnitt 1,50 Euro, der Preis in der Apotheke ist zehnmal so hoch. Fertigpräparate oder Cannabis-Extrakte sind sogar bis zu 100 mal so teuer wie die selbst ergärtnerten Blüten. Während viele Länder mit medizinischem Cannabis-Programm den Eigenanbau von Patienten unter bestimmten Voraussetzungen erlauben oder wenigstens dulden, soll genau das in Deutschland mit dem neuen Gesetz verhindert werden – falls es dann einmal in Kraft treten sollte. Deshalb und weil es nicht aus rationalen Überlegungen oder Gründen der Empathie zustande kam, wird es in Patientenkreisen nicht selten das „Cannabisanbau-Verhinderungsgesetz“ genannt. Denn auch die Regelversorgung mit Cannabis-Blüten und die ersten legalen Pflanzen gibt es nur, weil die Bundesregierung seit 16 Jahren fast jeden Prozess verliert, bei dem es um medizinisches Cannabis geht. Einsicht oder gar Empathie sind kaum zu erwarten, wie die vorläufige und sehr kurze Gültigkeit der ersten Anbauerlaubnis beweist.

 

Kommentar Abschnitt

Senden Sie den Kommentar

W.Aster

ich bin ebenfalls der Ansicht das Cannabis endlich legalisiert werden sollte.. aus medizinischer Sicht hat es sehr wohl bekannte wirkstoffe die nicht süchtig machen sondern demjenigen die Schmerzen lindern.

05/01/2017

Stuart

Wovor haben "DIE" eigentlich Angst? Tolle Arbeit, weiter so! thx

06/01/2017

Wolle

Kennt jemand die E- mail von dem jenen der die Genehmigung hat

Habe auch MS seit 16 Jahren und habe auch schon alles probiert

06/01/2017

Stefanie

Hallo Wolle,
ich kann Ihnen leider nicht mit einer E-Mail-Adresse weiterhelfen, aber mit weiterführenden Links:

https://hanfverband.de/themen/medizin/ratgeber-fuer-patienten
https://sensiseeds.com/de/blog/cannabinoide-der-medizin-ein-uberblick-fur-arzte-und-fachpersonal/
http://selbsthilfenetzwerk-cannabis-medizin.de/

Alles Gute,
Stefanie

13/01/2017

Demir

Solange die Pharma Industrie in Deutschland das Sagen hat, glaube ich nicht daran das dieses Gesetzt jemals in Kraft treten wird. Bestes Beispiel ist doch schon die Bevormundung bei Arzneimitteln, ein Medikament der Firma X kostet zb. 48,58 € und von der Firma Y kostet es 48,48 €, von welcher Firma bekommt man das benötigte Medikament wohl? Und eine Kostenübernahme der Kassen, die sich jetzt schon Querstellen, wird es so schnell nicht geben. Warum wurde denn wohl bei der letzten Sitzung eben dieser Punkt von der Tagesordnung gestrichen? Ich selbst bin seit 9 Jahren an einer Trigeminus Neuralgie durch Ärtztepfusch erkrankt, und bekomme keine Erlaubnis zur Einnahme von Cannabis, mit der Begründung das es darüber keine Studien gäbe das Cannabis für diese Art Erkrankung überhaupt hilfreich wäre. Solang unsere Politiker mit verbundenen Augen durch den Tag sich quälen, wird sich daran auch nichts ändern.

22/01/2017

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie einen Namen ein
Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
Read More
Read More