by Micha on 31/03/2017 | Legal & Politik

Medizinisches Cannabis-Programm mit Startschwierigkeiten

Deutschland Am 9.3.2017 ist das lang angekündigte Gesetz zur Verwendung von Cannabis als Medizin in Deutschland in Kraft getreten. Mit Inkrafttreten dieses Gesetzes können Ärzte in Deutschland ab sofort Cannabisblüten und Cannabispräperate mit einem einfachen Betäubungsmittelrezept verordnen. Detaillierte Informationen dazu finden Sie in diesem Beitrag.


Patienten, die bisher im Besitz einer Ausnahmegenehmigung zur Selbsttherapie mit Cannabisblüten“ sind, müssen diese innerhalb der nächsten zweieinhalb Monate abgeben. Bis dahin soll eine ärztliche Regelversorgung an deren Stelle getreten sein. Doch kurz nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes herrscht in Sachen Cannabis-Medizin ein ziemliches Durcheinander.

Medizinisches Cannabis-Programm mit Startschwierigkeiten

Cannabis kostet auf einmal neun Euro mehr pro Gramm

Da viele Ärzte immer noch Vorurteile gegen medizinisches Cannabis haben, ist es nicht immer einfach, einen Arzt zu finden, der Cannabis auf Kassenrezept verordnet. Viele haben auch Angst vor Regressforderungen der Krankenkassen, die bei der Einzelfallprüfung die Kostenübernahme ablehnen könnten oder die Kosten für die viel zu teuren Cannabisblüten das ihnen genehmigte Budget für Medikamente überschreitet. In diesem Falle müsste der Arzt für bereits abgegebenes Cannabis in Regress treten. So stellen viele Arztpraxen derzeit nur Privatrezepte aus, bei denen der Patient die Medizin selbst zahlen muss. Doch wer mit einem solchen Rezept oder seiner noch gültigen Ausnahmegenehmigung in einer Apotheke Cannabis Flos erwerben möchte, erlebt eine böse Überraschung. Statt wie bisher 15 Euro/Gramm kosten fünf Gramm Medizinal-Hanfblüten jetzt 118 Euro, also fast 24 Euro/Gramm. Das liegt nach Aussage der Apotheken am neuen gesetzlichen Status, da Medizinal-Hanfblüten jetzt unter § 4 Arzneimittelpreisverordnung „Apothekenzuschläge für Stoffe“, fielen. Da Cannabis nun verschreibungsfähig, aber kein Fertigarzneimittel sei, müsse die Apotheke die Blüten dosieren. Zu diesem Zweck werden die Blüten im Hinterraum der Apotheke gegrindet und in Tagesrationen portioniert. Das Ganze kostet den Patienten mehr Geld und dient angeblich der Arzneimittelsicherheit. Apotheken, die das nicht machen, verstoßen nach eigener Aussage gegen das Gesetz und riskieren eine Geldstrafe.

Doch die begehrten Kassenrezepte, für die die Krankenkassen dann die Kosten übernehmen, gibt es nur nach einer Einzelfallprüfung der Krankenkasse. Hat diese Zweifel, wird der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hinzugezogen. Da dieser Vorgang im Schnitt fünf Wochen dauert, hatten zwei Wochen nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes nur sehr wenige der über 1.000 bereits in Cannabis-Therapie befindlichen Patienten die entsprechende Zusage. Ohne Grünes Licht der Kasse ist die notwendige Medikation zwar immer noch legal zu haben, doch zu einem noch unerschwinglicheren Preis als vorher. Momentan heißt es also: 24 Euro pro Gramm bezahlen oder abwarten, entscheidend sind Aktenlage und Geduld. Wer nicht warten kann, muss die Therapie abbrechen oder sich über den weitaus günstigeren Schwarzmarkt versorgen. Lediglich die Techniker Krankenkasse scheint hier etwas unbürokratischer vorzugehen und hat bereits ein paar in Therapie befindlichen Patienten die Kostenerstattung zugesagt.

Wie es derzeit aussieht, wird es mindestens noch bis Mitte April 2017 dauern, bis das neue Gesetz eine Versorgung der bereits anerkannten Patienten gewährleistet und neu hinzu gekommenen den legalen Bezug von medizinischem Cannabis ermöglicht. Bei wie vielen Patienten und bei welchen Indikationen die Kosten übernommen werden, ist derzeit kaum vorhersagbar. Lediglich bei Palliativ-Patienten müssen die Krankenkassen innerhalb weniger Tage entscheiden.

Hier noch einmal die wichtigsten Details des neuen Gesetzes im Überblick

Bei welchen Krankheiten kann Cannabis verschrieben werden?

Ärzte können medizinisches Cannabis jetzt für chronische Schmerzen, multiple Sklerose, Depressionen, Angststörungen, ADHS, Neurodermitis und andere viele Krankheiten verschreiben, sofern sie sich von der Behandlung einen medizinischen Nutzen versprechen und diesen entsprechend darlegen können. Die Formulierung des Gesetzes ermöglicht es, „dass eine Behandlung mit Cannabis auch dann eingeleitet werden kann, wenn theoretisch noch weitere, bisher nicht eingesetzte Behandlungen zur Verfügung stehen und der Patient noch nicht „austherapiert“ ist“, schreibt das „Ärzteblatt“.

Welche Ärzte können medizinisches Cannabis verschreiben?

Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen dürfen seit dem 9.3.2017 Cannabisblüten und Extrakte im Rahmen eines BtM-Rezepts verordnen.

Was kann verschrieben werden?

Neben den Fertigarzneimitteln Sativex und Canames (Nabilon) gibt es die Rezeptursubstanz Dronabinol sowie importierte Cannabisblüten aus den Niederlanden oder Kanada.

Was kostet ein Gramm THC?

  • 1000 mg THC kosten in Form des Mundsprays Sativex 456,80 Euro
  • In Form der Rezeptursubstanz Dronabinol kostet die gleiche Wirkstoffmenge 880 Euro
  • Als Medizinal-Hanfblüte der Sorte „Pedanios22/1“ oder „Bedrocan“ in einer Deutschen Apotheke kosten 1000 mg THC 68,20 Euro (bei einem Grammpreis von 15 Euro).

In einer niederländischen Apotheke kostet die gleiche Menge THC in Form von Bedrocan-Blüten sogar nur 28,18 Euro.

Wann zahlt die Krankenkasse medizinisches Cannabis?

Für eine Kostenübernahme müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:

  • das Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung;
  • nicht zur Verfügung stehende allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Therapie oder nicht anwendbare Therapieformen;
  • eine Aussicht auf positive Entwicklung;
  • bei der ersten Verordnung muss ein Antrag zur Kostenübernahme zugefügt werden, dessen Bearbeitung zwischen drei und fünf Wochen dauert. Die Kostenübernahme durch die Krankenkassen wurde ausdrücklich nicht an das Vorliegen bestimmter Indikationen knüpft.

Blüten oder Fertigpräperat?

Arzt und Patient entscheiden gemeinsam, in welcher Form Cannabis an die Patienten abgeben wird. Die Apotheker dürfen nur exakt das Medikament oder die Cannabis-Sorte verkaufen, die auf dem Rezept genannt ist.

Gibt es eine Obergrenze?

Die Höchstmengen für Verschreibungen innerhalb von 30 Tagen belaufen sich bei Sativex auf 1000 mg und für Dronabinol bei 500 mg. Für Cannabisblüten gilt eine Höchstmenge von 100 g pro Monat. Für das Fertigarzneimittel Canames wurde keine Höchstverschreibungsmenge festgelegt.

Wo gibt es medizinisches Cannabis

In jeder Apotheke. „Jede Apotheke kann jetzt nach einer ärztlichen Verordnung Rezepturarzneimittel mit Cannabis herstellen und abgeben“, so Präsident der Bundesapothekerkammer, Andreas Kiefer.

Ist Eigenanbau möglich?

Nein. Das Gesetz wird in Patientenkreisen auch das Cannabisanbau-Verhinderungsgesetz genannt. Patienten, die bereits einen Antrag zum Eigenanbau gestellt haben, wurden kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes aufgefordert, den Antrag auf Eigenanbau zurückzunehmen, da die Versorgung dem neuen Gesetz zufolge nun gesichert sei. Wer den Antrag nicht zurück nimmt, muss mit einer kostenpflichtigen Ablehnung rechnen. Sollte das Gesetz allerdings die Regelversorgung nicht oder nur unzureichend gewährleisten, weil die Kosten nicht übernommen werden und die Patienten ihre Medizin nicht aus eigener Tasche finanzieren können, werden viele den Eigenanbau als letzte Möglichkeit ansehen. Dann muss man bei einer Strafanzeige eben wie einst auf rechtfertigenden Notstand plädieren und hoffen, dass die Gerichte dieser Posse bald ein Ende bereiten.

Kommentar Abschnitt

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Eric Heinen

Ich nehme das Kraut seit 50 Jahren, hatte nie Probleme damit. Cannabis als Einstiegsdroge zu bezeichnen ist völliger Unsinn. Würde das auch öffentlich sagen wenn es gewünscht wird. Es ist unmöglich von Cannabis abhängig zu werden, man kann es sofort absetzen wenn es gewünscht wird. Järlich gibt es ca. 70.000 Tote die an den Folgen von Alkohol sterben. Von Cannabis kann man nur sterben wenn einem 50 Kilo davon auf den Kopf fallen.

02/04/2017

Selina

Ich bin 30, berentet, Schwerbehindert und Alleinerziehend. Meine Familie ist Pleite nach fast 2 Jahren selbstzahlende Cannabis Patientin... Ich habe Morbus Crohn, ADS, und noch weitere Erkrankungen wo Cannabis gut gehofen hat.

Nun wurde mir heute von der Krankenkasse mitgeteilt das ich mir schonmal andere Medikamente verschreiben lassen sollte, das das MDK Gutachten nicht Positiv ausgefallen ist.

Meine ganzen 5 Ärzte die mir das bescheinigten das es mir sehr gut für alle Erkrankungen geholfen hat, haben ja scheinbar alle keine Ahnung genauso wenig wie die Ärzte von der Bfarm scheinbar steht mir die Erlaubis ja gar nicht zu...

auf 45 kg kämpfe ich mich dann mal ein weiteres mal zum Anwalt.. :(

03/04/2017

Timon

Ich bin schockiert, welche negativen Auswirkungen das Gesetz hat. Der Sensi-Seeds-Leserin und Cannabis-Patientin Selina möchte ich sagen, dass mich Deine Geschichte sehr bewegt und dass es eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit ist, die Du gerade durch Deine Krankenkasse erleidest! Du bist aber mit Deiner Geschichte nicht allein. Es ist wichtig, dass wir uns organisieren und an die Öffentlichkeit und Medien wenden. Das Gesetz sollte den Ärzten wieder die Entscheidungshoheit zurückgeben! V.a. wenn Eigenanbau damit verhindert werden soll, muss es ja die reguläre Kostenübernahme durch die KK geben. Sonst wird das Gesetz ein Eigentor und wir haben bald eine neue Welle an Anträgen beim BfArM und entsprechende neue Gerichtsverfahren. Aber vielleicht waren wir auch naiv? Denn die KK verweisen auf Studien. Sie haben insofern damit Recht, dass eigentlich im deutschen System der gesetzlichen medizinischen Versorgung immer nur dann die Kostenübernahme verpflichtend ist, wenn entsprechende Studien die Sicherheit und Wirksamkeit belegt haben und für den (deutschen oder europäischen) Arzneimittelmarkt entsprechende Zulassungen für die genau definierten Indikationen erworben wurden. Ich befürchte die Cannabis-Befürworter wurden mit diesem Gesetz leider "ausgetrickst".

12/04/2017

Brigitte

Was nutzt es den Schmerzpatienten wenn das Gesetz verabschiedet wird, aber kein Arzt es verordnen möchte bzw. die Krankenkasse es ablehnt.

Das ist doch wieder einmal so etwas von geheuchelt. So etwas sollte selbstverständlich sein das Schmerzpatienten Cannabis zur Schmerzlinderung erhalten.

18/04/2017

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