Violettes Cannabis: Wieso färben sich einige Strains lila („purple“)?

Lange waren die einzigen violetten („purple“) Cannabissorten diejenigen, die im Freien angebaut und dort kalten Bedingungen ausgesetzt waren. Viele Strains färben sich bis zu einem gewissen Grad lila, wenn sie der Kälte ausgesetzt sind; nun haben selektive Züchtungen eine Cannabisgenetik hervorgebracht, die auch unter normalen Umweltbedingungen violett ist.

Was sind Anthocyane?

Anthocyane sind eine Gruppe von rund 400 wasserlöslichen Pigmentmolekülen, die aufgrund ihrer Struktur und Biosynthese als Flavonoide eingestuft werden. Sie erscheinen je nach pH-Wert rot, lila oder blau (bei saurem pH-Wert erscheinen sie rot, bei neutralen Bedingungen lila und bei alkalischem blau).

Flavonoide sind im Allgemeinen gelb, daher ihr Name, der sich aus dem lateinischen Wort für „gelb“, (flavus), ableitet. Ein Zusammenhang zum Geschmack besteht nicht. Tatsächlich sind Flavonoide in der Regel extrem bitter und werden im Allgemeinen mit Pigmentierung in Verbindung gebracht.

Cannabis ist eine hochwachsende Pflanze. Alle hohen Pflanzen besitzen ein Gefäßsystem, das aus Xylem und Phloem besteht, Strukturen, die Nährstoffe und Wasser in der gesamten Pflanze verteilen. Diese Pflanzen enthalten Anthocyane in allen Teilen: Blättern, Blüten, Früchten, Stängeln und sogar Wurzeln.

Je nah Genotyp der Cannabispflanze können diese Anthocyane in der zweiten Hälfte der Blütezeit sichtbar werden, unabhängig von den Umweltbedingungen. Sie können sich auch bei Kälte zeigen. Aber wenn die Pflanze nicht genügend Anthocyane produziert, kann es sein, dass das Aussehen der Pflanze überhaupt nicht beeinflusst wird.

Wie beeinflussen Anthocyane das Aussehen der Pflanze?

Anthocyane werden nicht über die gesamte Lebensdauer der Pflanze produziert, erst in den letzten Wochen der Blüte beginnen sie, ihr Aussehen zu verändern. Durch die Abwesenheit von Chlorophyll in der Endphase des Grows können die Pigmente noch deutlicher durchscheinen.

Während die Tage kürzer werden und die dunklen Stunden zunehmen, erhalten photoperiodenabhängige Pflanzen das Signal, die Produktion von Chlorophyll (das für die Photosynthese und das vegetative Wachstum unerlässlich ist) einzustellen, sodass die Energie ausschließlich auf die Produktion von Blüten konzentriert werden kann. Wenn das Chlorophyll abgebaut wird und sich aus den Strukturen der Pflanze löst, sammeln sich Anthocyane an, wodurch die Pflanze violette, blaue und rote Farbtöne annimmt.

Selbst Cannabispflanzen mit einem niedrigen Gehalt an Anthocyanen verfärben sich oft gegen Ende des Blühzyklus. Die meisten Grower werden mit den Gold-, Orange- und Ockertönen vertraut sein, die in den Wochen vor der Ernte bei vielen Cannabissorten auftreten – und während das Vergilben in der vegetativen Periode oder in der frühen Blütezeit normalerweise auf eine Krankheit oder einen Mangel hinweist, ist es in den letzten Phasen der Blütezeit völlig natürlich.

In diesem Fall sind die verantwortlichen Pigmente Carotinoide, eine Gruppe von rund 600 Molekülen, die von hellgelb bis orange-rot reichen.  Da Carotinoide während des gesamten Lebenszyklus der Pflanze produziert werden, ist ihr Auftreten in der Endphase der Blüte eher auf die Einstellung der Chlorophyllproduktion als auf eine erhöhte Produktion der Pigmente zurückzuführen.

Cannabis kann sich auch aufgrund von Kälte verfärben

Bestimmte Cannabissorten enthalten zwar Anthocyane, bleiben aber im Aussehen unverändert, es sei denn, sie werden längeren Zeiten kalten Temperaturen ausgesetzt. Der Mechanismus hinter diesem Phänomen ist nicht vollständig erforscht, aber es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen Kälte und erhöhter Anthocyanproduktion, da beispielsweise auch  Blutorangen eine Kälteperiode benötigen, um ihre Färbung zu erreichen.

Eine Studie zeigt, dass ein komplexer Satz genetischer Umstände zu diesem Phänomen führt: ein bestimmtes Gen, das allen Zitrussorten gemeinsam ist, aber bei den meisten nicht exprimiert wird, wird bei Blutorangen wirksam, da ein spezieller Abschnitt der DNA, der als Retrotransposon bezeichnet wird, vorhanden ist. Hierbei handelt es sich um ein mobiles genetisches Element ist, das als Teil mehrerer essentieller Gene transkribiert werden kann.

Aufgrund der Fähigkeit, Retrotransposonen in essentielle Gene einzubringen und dadurch Mutationen und potenzielle Nicht-Variabilität zu verursachen, haben Pflanzen komplexe Mechanismen entwickelt, um sicherzustellen, dass Retrotransposonen und ähnliche genetische Elemente inaktiv bleiben. Diese Mechanismen können jedoch in Zeiten von erhöhtem Stress, also zum Beispiel bei Kälteeinwirkung, gestört werden.

Die oben genannte Studie zeigte, dass bei Blutorangen die Aktivierung des Retrotransposons die Expression des ansonsten inaktiven Gens auslöst und die Anthocyanproduktion einsetzt. Obwohl es keine Studien zur kälteabhängigen Anthocyanproduktion in Cannabispflanzen gibt, ist es wahrscheinlich, dass ein derartiger Mechanismus im Spiel ist.

Sind Anthocyane auch nützlich oder nur hübsch?

Anthocyane sind bekannt als starke Antioxidantien und besitzen analgetische, entzündungshemmende und neuroprotektive Eigenschaften. Jüngste Forschungen haben gezeigt, dass bestimmte Anthocyane eine gewisse selektive Affinität zu den Cannabinoidrezeptoren haben, wobei sich einige Typen an die CB1- und andere an die CB2-Rezeptoren binden.

Während die Studien noch nicht abgeschlossen sind, ist es zu früh, um abschließend sagen zu können, ob Anthocyane die jüngsten Schlagzeilen in den Medien wirklich verdient haben, die violette Lebensmittel als „Superfoods“ preisen. Frühere Forschungen haben Anthocyane mit einer Vielzahl von gesundheitsbezogenen Aussagen in Verbindung gebracht, darunter erhöhte Lebenserwartung, kardiovaskuläre Gesundheit, Krebsprävention und Demenz.

Der Verzehr von Blutorangen wurde ebenfalls mit einer verbesserten kardiovaskulären Gesundheit in Verbindung gebracht und es gibt Hinweise darauf, dass sie bei der Vorbeugung von Fettleibigkeit helfen können, selbst bei Personen, die sich fettreich ernähren.

Das Rätsel endlich zu lösen, warum Cannabis und andere Pflanzen bei Kälte oder Stress reichlich Anthocyan produzieren, könnte viele potenzielle Vorteile für Medizin und Forschung haben. Wenn sich außerdem herausstellt, dass Anthocyane tatsächlich die gesundheitlichen Vorteile besitzen, die sie zu haben scheinen, könnte sich violettes Cannabis weit über seinen derzeitigen Status als ästhetisch ansprechend als nützlich und lindernd erweisen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Anthocyane zu einem ernsthaften Kandidaten für weitere Forschungen werden.

Welche Strains sind violett?

Es gibt viele violette Cannabissorten. Unsere eigene „Purple Bud Feminisiert“ ist ein gutes Beispiel. Diese Sorte wird aus einigen der bekanntesten Genpools gezüchtet, wobei ihre Vorfahren direkt mit den Indica-Sorten der berühmten Hindu-Kush-Region, den Niederlanden und der Medical-Marijuana-Bewegung Kaliforniens, verbunden sind.

Andere beliebte violette Sorten sind Purple Haze, Blackwater und Purple Skunk.

Kann man eine Färbung gezielt hervorrufen?

Während es einige Strains gibt, die speziell wegen ihrer Färbung gezüchtet werden, ist es wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass die Färbung der Pflanze ein direktes Ergebnis nicht nur der Wahl der richtigen Sorte ist, sondern auch der Art und Weise, wie die Pflanze gepflegt wird. Es ist also eine Frage von Herkunft und Pflege. Strains können entsprechende „Tendenzen“ besitzen (sie sind in der Regel reich an Anthocyanen), aber auch die Wachstumsbedingungen können ihren Teil dazu beitragen, die leuchtendsten Farben hervorzubringen.

Um die Chance auf eine violette Färbung bei Cannabispflanzen zu erhöhen, sollte die Nachttemperatur während der Blütezeit gesenkt werden. Die Nachttemperatur sollte dann unter 13°  C liegen. Wenn die Temperaturen richtig gehalten werden, sollte sich einige Wochen vor der Ernte die erwünschte Färbung zeigen.

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    Dieser Artikel stellt keinen Ersatz für eine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar. Wenden Sie sich immer an Ihren Arzt oder eine andere zugelassene medizinische Fachkraft. Sie sollten wegen etwas, das Sie auf dieser Website gelesen haben, weder zögern, Ihren Arzt aufzusuchen, noch deswegen eine medizinische Beratung missachten.

Comments

4 Kommentare zu „Violettes Cannabis: Wieso färben sich einige Strains lila („purple“)?“

  1. Und welche Sorten sind denn nun auch unter Normalbedingungen violett? Wäre noch nett gewesen zu wissen.

    1. Also meine White Widows (White Label) purpeln indoor.
      Ab BT28 gings los. Fenster auf Kippe und Nachts gegen 5-8°C draussen.
      Echt hübsch ! 🙂

  2. Die sorte „purple bud“ autoflowering feminised wird von ganz allein lila steht ja auch im name drin ?

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    Dr. Sanjai Sinha ist Mitglied der akademischen Fakultät des Weill Cornell Medicine Colleges in New York. Er verbringt seine Zeit damit, Patienten zu begleiten, Bewohner und Medizinstudenten zu unterrichten und im Gesundheitswesen zu forschen. Er genießt die Ausbildung von Patienten und die Ausübung evidenzbasierter Medizin. Sein starkes Interesse an medizinischer Überprüfung kommt von diesen Leidenschaften.
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