by Micha on 23/09/2015 | Meinung

Cannabiskonsum lässt das Hirn nicht schrumpfen

das Hirn Vertraut man den Verbots-Gläubigen in der aktuellen Cannabis-Diskussion, so lässt schon gelegentlicher Cannabiskonsum das Gehirn schrumpfen. Außerdem bekommt man Psychosen oder wird wahlweise schizophren. Das Gerücht mit dem schrumpfenden Gehirn kam im Zuge dieser Studie auf.


Fakten gegen Mythen

Vertraut man den Verbots-Gläubigen in der aktuellen Cannabis-Diskussion, so lässt schon gelegentlicher Cannabiskonsum das Gehirn schrumpfen. Außerdem bekommt man Psychosen oder wird wahlweise schizophren. Das Gerücht mit dem schrumpfenden Gehirn kam im Zuge dieser Studie auf. Bei besagter Studie von 2014, auf die sich solche Sensationsmeldungen beziehen, handelt es sich allerdings nicht um eine Langzeitstudie, sondern lediglich eine temporäre Bestandsaufnahme, die zudem nur mit wenigen Probanden stattfand. Selbst da betonen die Forscher, dass das Einstiegsalter entscheidend sei und sich ihre Ergebnisse nicht auf einen so simplen Nenner bringen ließen.

Verschiedene Studien zu Cannabiskonsum & geistige Leistung

Anfang dieses Jahres veröffentliche die Universität von Boulder/Colorado eine Studie, die dann genau das Gegenteil beweisen sollte: Cannabis lässt das Gehirn nicht schrumpfen. Jetzt gibt eine zweite, neue Veröffentlichung, die das untermauert. Die aktuellste dieser Studien wurde erst im August 2015 auf „JAMA Psychiatry “veröffentlicht und hat den Einfluss von Cannabis auf bestimmte Teile des Gehirns an über 1500 Probanden untersucht. Auch die belegt im Grunde, was die renommierte Harvard-Uni schon 2003 heraus gefunden hatte. Cannabiskonsum beeinflusst das Hirnvolumen nicht.

In der Harvard-Studie waren 22 starke Cannabiskonsumenten, die in ihrem Leben im Durchschnitt insgesamt 20.100 Tüten geraucht hatten, mit 26 abstinenten Probanden verglichen worden. Zwischen beiden Gruppen hatten keine Unterschiede in den Volumina der grauen sowie der weißen Gehirnsubstanz, der Gehirnflüssigkeit oder des linken und rechten Hippocampus ergeben. Die Autoren folgerten schon damals, dass „diese Befunde mit der jüngeren Literatur übereinstimmen, die nahe legt, dass Cannabiskonsum nicht mit strukturellen Veränderungen innerhalb des Gehirns als Ganzes oder des Hippocampus im Besonderen assoziiert ist“.

Die Forscher Madeline Meier von der Duke University in Durham /North Carolina hatten 1037 Studienteilnehmer aus Dunedin in Neuseeland seit ihrer Geburt in den Jahren 1972/73 begleitet und im Laufe ihres Lebens wiederholt untersucht und befragt. Die 2012 veröffentliche Studie ist die bisher aussagekräftigste Studie zum Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und geistiger Leistungsfähigkeit. Einer der Studienleiter, Terrie Moffitt, Professor am Institut für Psychiatrie des King’s College in London, erklärte gegenüber der BBC: „Es ist eine derart spezielle Studie, dass ich mir sehr sicher bin, dass Cannabiskonsum für Gehirne über 18 sicher ist, aber risikoreich für Gehirne unter 18.“ Die Ergebnisse seiner Arbeit  rauschten bei uns [in Deutschland] übrigens unter Betonung der Schädlichkeit für Kinder und Jugendliche unter dem Aufhänger „Dumme Kiffer“ 2012 durch den (internationalen) Blätterwald. Das eigentliche Ergebnis der Studie-„Cannabis ist sicher für Erwachsene, aber nicht für Heranwachsende“ interessierte kaum noch jemanden, statt dessen hieß selbst in der linken taz: „Kiffen macht dumm.

Macht kiffen schizophren?

Das zweite Totschlag-Argument, mit dem Gegner einer Regulierung einen rationalen Umgang mit der Droge verhindern wollen ist das der Schizophrenie. Auch dazu gibt es auf „JAMA-Psychiatry“ eine neue Veröffentlichung: Insbesondere männliche Jugendliche und Heranwachsende sollten gar nicht oder sehr selten kiffen, um die Hirnentwicklung nicht zu beeinträchtigen. Die Studie hat heraus gefunden, dass es bei der Entwicklung des Gehirns durch zu frühen, regelmäßigen Cannabiskonsum bei männlichen Jugendlichen zu Veränderungen kommen kann, die die kortikale Dicke der Hirnrinde beeinflussen. Ob und in wie weit die Entwicklung der Hirnrinde mit der Entwicklung von Schizophrenie in Zusammenhang steht, ist auch unter Wissenschaftlern umstritten. Doch auch hier geht es um Kinder und Jugendliche, bei Erwachsenen konnte dieser Effekt nicht nachgewiesen werden.

Die renommierte Harvard Medical School hat 2014 eine Studie publiziert. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die Erkrankung der Schizophrenie nichts mit dem Cannabiskonsum an sich, sondern mit der familiären Vorgeschichte zu tun habe. „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Cannabis an sich keine Psychosen auslöst.“ heißt es in der Studie. Bei genetisch vorbelasteten Individuen könne Cannabis den Ausbruch, die Schwere und den Verlauf beeinflussen, deshalb gäbe es diesbezüglich weiteren Forschungsbedarf. Auslösender Faktor sei der Konsum von Hanf allerdings keinesfalls. Das sehen die Autoren der neuste Studie , die Anfang August 2015  veröffentlicht wurde, genauso. Das Ergebnis bescheinigt sogar „keinen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum Jugendlicher und Psychosen, Krebs oder anderen Gesundheitsproblemen.“

Einer der wenigen Cannabinoid-Experten aus Deutschland, Dr. Franjo Grotenhermen, bekräftigt das in der Huffington Post: „Es gibt bei erwachsenen Menschen keinerlei Hinweise, dass Cannabis schädlich ist. Das entwickelte Gehirn nimmt keinen Schaden.”

Cannabis ist bereits gut erforscht, nur will es keiner wissen

Es scheint, als gäbe es gerade beim Thema Cannabis zu jeder Studie eine Gegenstudie. So gewinnt der Gesetzgeber Zeit, ohne handeln zu müssen. Dabei ist Cannabis jetzt schon relativ gut erforscht und vom medizinischen Aspekt aus betrachtet sogar eine der am besten erforschten Pflanzen. Bereits 2008 gab es nach Angaben der Fachzeitschrift „Medicinal Research Reviews“ über 15.000 Studien oder wissenschaftliche Arbeiten zu Cannabis oder zu Cannabinoiden. Angaben von NORML-Direktor Paul Armentano zufolge waren es 2010 sogar schon über 20.000.

Dennoch brauchte Sativex, ein Cannabis-Spray für MS-Kranke, nach seiner Zulassung in Kanada weitere sechs Jahre und weitere Studien, um 2011 auch in Deutschland zugelassen zu werden. Die gleichen Bedrocan-Cannabis-Blüten aus der Apotheke sind streng reglementiert und, anders als bei uns, in den Niederlanden schon längst ein offizielles Arzneimittel. Selbst Dronabinol, das erste Cannabis-Medikament aus Deutschland, hat deshalb einen Sonderstatus als Rezeptursubstanz und ist deshalb 20 Jahre nach seiner Markteinführung immer noch kein richtiges Arzneimittel. Die Verantwortlichen in Politik und Gesundheitswesen verweisen regelmäßig auf angeblich nicht vorhandene, klinische Studien. Eine Schutzbehauptung, denn schon zwischen 2005 und 2009 gab es 37 kontrollierte Studien zum therapeutischen Einsatz von Cannabinoiden: Neun davon belegen eine Linderung von Spastiken bei Multipler Sklerose, vier eine Symptomlinderung und Appetitsteigerung bei HIV/AIDS, weitere vier dokumentieren die Linderung von chronischen Schmerzen, zwei behandeln die Wirkungen von Cannabis bei Darm-Fehlfunktionen. Daneben werden zwei Studien zu Cannabis bei Übelkeit und Erbrechen, zwei zu Cannabis und Schizophrenie, eine zu Grünem Star sowie zu zwei weiteren Indikationen. Seitdem sind im Zuge der Regulierungsmodelle weit über 100 Studien dazugekommen. Viele dieser Expertisen belegen einen medizinischen Nutzen von natürlichem Cannabiskraut oder Cannabis-Präparaten und werden in Europa weitestgehend ignoriert. Im Rahmen einer Doppel-Blind Studie zu „Cannabis bei Neuropathie“ in Kalifornien wurden viel versprechende Ergebnisse erzielt. Die Forscher sehen in Cannabis bei diesem Krankheitsbild gar ein hochgradig wirksames Medikament mit geringen Nebenwirkungen. Auch eine relativ neue Studie aus Deutschland zur Wirksamkeit von Cannabis gegen die Vermehrung von Tumorzellen oder die Wirkung von CBD bei Alzheimer hat in den USA bei Medizinern große Beachtung gefunden, während ein Großteil der Ärzteschaft hierzulande [in Deutschland] noch darüber grübelt, ob man einem Krebs-Patienten im Endstadium THC-haltige Tropfen verschreiben könnte, ohne Ärger mit der Kasse zu bekommen. Wir reden hier übrigens von einem Medikament, das es bei uns bis vor 70 Jahren in jeder Apotheke gab, ohne je solche Probleme oder gar Todesfälle wie andere, heute noch legale Medikamente, zu verursachen.

Cannabis scheint mehr Menschen zu helfen

Cannabis ist mit Sicherheit kein Wunderheilmittel, aber es scheint mehr Menschen zu helfen als bislang angenommen. Deutschland forscht selbst sehr wenig und ignoriert gleichzeitig die Ergebnisse aus anderen Ländern. Beides hätte wohl zur Folge, dass die strengen Regeln nicht nur für medizinisches Cannabis umgehend entschärft werden müssten. Um zu kapieren, das Gras nicht in die Hände von Kindern und Heranwachsenden gehört, brauchen wir nicht noch mehr Studien mit kiffenden Teenies, sondern ein ordentliches Gesetz zur Regulierung von Cannabis ohne Drohszenario für Kinder und Jugendliche. Aber da spielt die Bundesregierung nicht mit, was Deutschlands Drogenbeauftragte Marlene Mortler kürzlich noch einmal betont hat.

Kommentar Abschnitt

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Zottelkopp

Natürlich ist die Wirkung von Cannabis bei vielen Erkrankungen im Grunde schon er- bzw. geklärt, aber aus welchen Gründen auch immer (mal Frau Mortler und die Pharmalobby fragen....) wird das lieber "verschleiert".

Stattdessen werden den Menschen immer wieder "Häppchen" in Form von angeblich super neuen Forschungen vorgeworfen, die dann aber schon im Artikel selbst relativiert werden und damit für den Leser den Eindruck erwecken, als wäre das alles wirklich "Neuland".

Bestes Beispiel dafür ist z.B. der (relativ "neue") Artikel bei "Spektrum der Wissenschaft" vom 03.01.2014 mit dem Titel: "Negative Rückkopplung bremst Cannabiswirkung aus".

29/09/2015

L532

Diesen Artikel kann man ja als "Totschlag" quelle für Cannabis. Gegner nehmen ziemlich Geiler Sxheiß !

30/03/2016

Jesica Haslam

Nicely put, Kudos!

19/01/2019

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Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
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