ADHS und die Cannabis-vs.-Ritalin-Debatte

Hyperaktivität, Impulsivität, Stimmungsschwankungen, Überempfindlichkeit, Konzentrations- und Organisationsmangel sowie Einschlafstörungen. Dies sind die Symptome, die typischerweise das Leben von ADHS-Patienten bestimmen. ADHS-Medikamente sind in der Regel mit einer Vielzahl von Nebenwirkungen verbunden. Wäre Cannabis eine Alternative?

ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern, auch kann sie manchmal bis ins Erwachsenenalter andauern. Die Diagnose und Behandlung von ADHS ist in den letzten zehn Jahren zu einem umstrittenen Thema geworden, wobei einige Experten glauben, dass ADHS im Kindesalter derzeit überdiagnostiziert und überbehandelt wird. Interessanterweise glauben andere Experten wiederum, dass die Krankheit bei Erwachsenen unterdiagnostiziert wird.

Es gibt nur noch eine konventionelle Behandlung für Kinder und Erwachsene mit ADHS. Die Erkrankung wird am häufigsten mit Stimulanzien wie Ritalin, auch bekannt als Methylphenidat, behandelt. Es gibt alternative Therapien, obwohl sie weniger oft praktiziert oder nur als Ergänzung zum pharmazeutischen Mittel genutzt werden. Dazu gehören Ernährungsumstellung, Kräuter, Vitamine, Antioxidantien, Biofeedback und Verhaltenstherapien.

Obwohl wir die genaue Ursache von ADHS noch nicht richtig verstehen, wird angenommen, dass es sich um eine genetische Erkrankung handelt. Einige vermuten, dass es sich um ein Entwicklungsproblem handelt. Die am meisten gefährdeten Gruppen für die Entwicklung von ADHS sind diejenigen mit Epilepsie, diejenigen, die zu früh oder mit geringem Geburtsgewicht geboren wurden, und diejenigen, die Hirnschäden in der Gebärmutter oder nach einer schweren Kopfverletzung erlitten haben.

Die mit dem Einsatz von Ritalin verbundenen Nebenwirkungen sind die größte Hürde für Patienten mit ADHS. Während die Behandlung für viele funktioniert, stellen einige die Anwendung einfach wegen der Schwere der Nebenwirkungen ein. Aus diesem Grund wird Cannabis derzeit als potenzielle Alternative zu Stimulanzien für Menschen mit ADHS untersucht. Es hat sich als vielversprechend erwiesen, nicht zuletzt durch die Tatsache, dass ADHS-Patienten eher Selbstmedikation mit Cannabis nutzen als andere Bevölkerungsgruppen.

Cannabis in der ADHS-Behandlung – Fallstudien und Ergebnisse

Dieser Artikel beginnt mit der Vorstellung einer Reihe von Fallstudien zu Cannabis und ADHS, die in der Vergangenheit durchgeführt wurden.

Erfolgreiche ADHS-Behandlung mit Cannabis bei therapieresistenten Erwachsenen

Eine klinische Studie umfasste 30 erwachsene Patienten mit ADHS. Sie alle zeigten eine Resistenz gegen die traditionelle pharmakologische Behandlung und erhielten die Erlaubnis, Cannabis zu verwenden. Für die Studie wurden die anonymen Krankenakten aller 30 Patienten analysiert. Forscher stellten fest, dass Cannabis zu einer Verbesserung einer Vielzahl von Symptomen führte, darunter eine bessere Konzentration und Schlaf sowie eine geringere Impulsivität.

Die 28 männlichen und zwei weiblichen Patienten waren zwischen 21 und 51 Jahre alt. Bei 63 Prozent von ihnen wurde ADHS erstmals im Erwachsenenalter diagnostiziert, während bei 37 Prozent ADHS in der Kindheit begann.

Die im Alter von 6 bis 13 Jahren diagnostizierten Patienten wurden zuvor mit Methylphenidat behandelt, das unter anderem unter dem Markennamen Ritalin verkauft wird. Andere pharmakologische Therapien umfassten Atomoxetin, Dexamphetamin (Attentin), Lisdexamphetamin und Amphetaminsaft. Es wurde festgestellt, dass diese Behandlungen eingestellt wurden, vor allem wegen Nebenwirkungen und oft wegen unzureichender Wirksamkeit. Acht Patienten nahmen Stimulanzien in Kombination mit Cannabis ein, während 22 Patienten nur Cannabis nahmen.

Die Schlussfolgerung dieser Fallstudie war, dass „für erwachsene Patienten mit ADHS, die Nebenwirkungen haben oder nicht von Standardmedikamenten profitieren, Cannabis eine effektive und gut verträgliche Alternative sein kann“.

Viele Menschen, die an ADHS leiden, behandeln sich selbst mit Cannabis

Laut Forschung ist es wahrscheinlicher, dass Menschen, die an ADHS leiden, sich im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen mit Cannabis und anderen Mitteln Linderung verschaffen. Im Jahr 2012 führte die Psychologische Abteilung der University of Albany in New York eine Studie durch, um herauszufinden, welche Untergruppen von ADHS-Patienten eher eine Selbstmedikation mit Cannabis durchführen. Die Daten von 2.811 ADHS-Patienten wurden analysiert, die aus einer Umfrage unter amerikanischen Cannabiskonsumenten stammen.

Was ist in diesem Zusammenhang mit „Untergruppe“ gemeint? Typischerweise gibt es drei verschiedene ADHS-Untergruppen, obwohl die Forscher nur die ersten beiden in dieser Studie einbezogen haben:

  1. Fidgety Philip, meist hyperaktiv und impulsiv;
  2. Johnny Head-in-the-Clouds, meist Aufmerksamkeitsmangel;
  3. Gemischter Typ: sowohl aufmerksamkeitsdefizient als auch hyperaktiv.

Forscher stellten fest, dass es für nicht tägliche Konsumenten keinen Unterschied in der Art und Weise gibt, wie Subtypen Cannabis zur Behandlung ihrer Symptome verwenden. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass „diese Ergebnisse es uns leichter machen die ADHS-Patienten zu identifizieren, die offener für eine Selbstmedikation mit Cannabis sind“. Darüber hinaus stellten die Wissenschaftler klar, dass diese Ergebnisse weitere Forschungen über den Zusammenhang zwischen Cannabinoidrezeptoren und der regulatorischen Kontrolle unterstützen.

Sativex zeigt Potenzial in der ADHS-Behandlung

Im Jahr 2017 veröffentlichte das „Institute of Psychiatry, Psychology and Neuroscience“ in Großbritannien die erste randomisierte, placebokontrollierte Studie über die Wirkung von Cannabinoiden auf erwachsene ADHS-Patienten. Insgesamt wurden 30 Teilnehmer untersucht, davon 15 in der Placebogruppe und 15 in der aktiven Gruppe. Gemessen wurde primär die kognitive Leistung und sekundär die ADHS-Symptome und emotionale Symptome. Die aktive Gruppe erhielt Sativex, ein pharmazeutisches Cannabinoid-Oromukosalspray mit 2,7 mg THC und 2,5 mg CBD.

Obwohl die aktive Gruppe dazu tendierte, gab es keine statistische Signifikanz, um zu sagen, dass Cannabinoide die kognitive Leistung steigern. Bei den ADHS- und emotionalen Labilitätssymptomen war Sativex jedoch mit einer medizinisch signifikanten Verbesserung der Hyperaktivität/Impulsivität und Unachtsamkeit verbunden.

Forscher kamen zu dem Schluss, dass erwachsene ADHS-Patienten gute Kandidaten für Cannabinoid-Therapien sein können. Sie geben zu, dass diese Studie keine endgültigen Ergebnisse liefern kann, aber ausreichende vorläufige Beweise für die Selbstmedikation von ADHS mit Cannabis bietet.

Positive Wirkung von mäßigem Cannabiskonsum auf kokainabhängige ADHS-Patienten

In einer 2006 vom New York State Psychiatric Institute durchgeführten Studie fanden Forscher heraus, dass Cannabis für ADHS-Patienten mit komorbider Kokainabhängigkeit von Vorteil sein kann. Die Studie wurde bei Erwachsenen in der Altersgruppe der 25- bis 51-Jährigen durchgeführt, von denen die Mehrheit (69 Prozent) Cannabis konsumierte. Die Patienten unterzogen sich einer Behandlung mit Methylphenidat wegen ihrer ADHS-Symptome und Kokainabhängigkeit. Untersucht wurde die Wirkung von Cannabis auf die Fortsetzung der Therapie und den Verzicht auf Kokain.

57 Prozent der Patienten, die leicht Cannabis konsumierten, waren auch nach 14 Wochen Behandlung noch Teil der Patientengruppe. Von den Patienten, die kein Cannabis konsumierten, waren in Woche 14 nur noch 25 Prozent Teil der Gruppe, verglichen mit 39 Prozent der regulären/starken Cannabiskonsumenten.

Darüber hinaus erreichten nur wenige Patienten eine Abstinenz von Kokain, was darauf hindeutet, dass diese Gruppe von Patienten insgesamt schwer zu behandeln war. Es gab jedoch eine signifikant bessere Behandlungsbindung bei intermittierenden/moderaten Cannabiskonsumenten im Vergleich zu Abstinenzlern und schweren/konsistenten Konsumenten.

Bei Jugendlichen verschlimmert der Cannabiskonsum nicht die Symptome

In einer Studie, veröffentlicht in NeuroImage: Clinical aus dem Jahr 2017, untersuchten die Forscher die Auswirkungen des jugendlichen Cannabiskonsums auf die ADHS- und Gehirnfunktionsarchitektur. Die Autoren dieser Studie stellen fest, dass die ADHS-Diagnose im Kindesalter mit einem erhöhten Risiko für Drogenkonsum und -missbrauch während der gesamten Adoleszenz und Kindheit verbunden ist.

Die Autoren geben auch zu, dass sie erwartet haben, dass Cannabis negative Auswirkungen auf die Jugendlichen mit ADHS haben wird. Ihre Ergebnisse sind jedoch, dass Cannabis die ADHS-Symptome nicht verschlimmert hat. Sie behaupten nicht, dass Cannabis verbesserte Symptome bietet, aber dass es die Situation nicht verschlimmert hat. Sie schlagen vor, dass dieser Befund mit anderen, größer angelegten Studien untermauert werden muss.

Tourette-Syndrom und ADHS – Verbesserung durch Cannabis

Im Jahr 2010 untersuchten deutsche Wissenschaftler die Auswirkungen von THC auf einen 15-jährigen Jungen mit ADHS und komorbidem Tourette-Syndrom. Der Jugendliche nahm Stimulanzien zur Behandlung von ADHS ein, erlebte dann aber eine stimulierend induzierte Exazerbation von Ticks im Zusammenhang mit dem Tourette-Syndrom.

Die Ticks wurden durch die THC-Verabreichung ohne unerwünschte Nebenwirkungen signifikant reduziert. Dies ermöglichte es dem Jugendlichen, die Stimulanzmedikation für ADHS-Symptome fortzusetzen, ohne die Symptome von Tourette zu verschlimmern. Die Forscher schlugen einen Wirkmechanismus vor, der die Freisetzung von Neurotransmittern wie Dopamin und Gamma-Aminobuttersäure einschloss.

Cannabis vs. Stimulanzien

Was für die eine Person ein verträgliches und wirksames ADHS-Medikament sein kann, kann auf eine andere Person keine oder eine falsche Wirkung haben; oder es hat so viele Nebenwirkungen, dass die Anwendung eingestellt werden muss. Ritalin ist das am häufigsten verschriebene ADHS-Medikament und wird daher als Vergleich zu Cannabis herangezogen.

Was ist Ritalin?

Ritalin ist ein Stimulans des Zentralnervensystems und ein Derivat der Katecholaminklasse. Diese haben eine besondere pharmazeutische Bedeutung, da aus Derivaten bestehender Medikamente neue und wirksamere Medikamente hergestellt werden können.

Methylphenidat (kurz: MPH) wurde 1944 erstmals synthetisiert und wird hauptsächlich als Medikament gegen ADD, ADHS und Narkolepsie eingesetzt.

In den meisten Ländern ist Ritalin ein verschreibungspflichtiges Medikament, das spezifischen Verschreibungsanforderungen unterliegt.

Wie wirkt Ritalin?

Methylphenidat stimuliert und regt an. Es unterdrückt Müdigkeit, erhöht die kurzfristige körperliche Leistungsfähigkeit und hemmt den Appetit. Darüber hinaus erhöht Methylphenidat die Verfügbarkeit von Dopamin und in geringerem Maße von Noradrenalin, indem es deren Wiederaufnahme hemmt. In Bezug auf diese Eigenschaft ist es Kokain ähnlich.

Nebenwirkungen von Ritalin

Zu den am häufigsten berichteten Nebenwirkungen von Ritalin gehören:

  • Übelkeit
  • Angstzustände
  • Schlafstörungen
  • Appetitlosigkeit
  • Erhöhte Herzfrequenz
  • Schwitzen
  • Nervosität

Einige Patienten werden nur einige dieser Nebenwirkungen, andere hingegen gar keine verspüren. Manche stellen  den Gebrauch wegen der Schwere der Nebenwirkungen ein.

Weniger diskutierte und daher weniger untersuchte Nebenwirkungen des Ritalinkonsums sind emotionaler und verhaltensbedingter Natur.

In dieser Literaturübersicht wurden 44 Studien auf mögliche emotionale oder verhaltensbedingte Nebenwirkungen des Ritalinkonsums untersucht. Der Autor gibt zu, dass in den meisten Studien über die Wirkung von Ritalin den emotionalen oder verhaltensbedingten Nebenwirkungen wenig bis gar keine Beachtung geschenkt wird. Das Thema wird zwar oft in den Studien erwähnt, aber selten weitergehend untersucht. Die häufigsten emotionalen Nebenwirkungen waren Angst, Reizbarkeit und allgemeine Stimmungsschwankungen. Die Studien lieferten keine Hinweise darauf, ob diese Effekte nach der Anwendung von Ritalin wieder verschwanden.

Eine starke Überdosierung von Ritalin kann zu einer Überstimulation des zentralen Nervensystems und zu Delirium führen. Tatsächlich kann die akute Ritalin-Toxizität mit der akuten Amphetamin-Toxizität verglichen werden. Es kann auch im Falle einer Ritalin-Überdosis psychiatrische Symptome geben, einschließlich Psychose, Verwirrung und Halluzinationen.

Wenn die Wirkung der Ritalinzufuhr nachlässt, können sich die ursprünglichen Symptome deutlich verschlechtern, einschließlich unerwünschtem Verhalten. Dies wird als Rebound-Effekt bezeichnet.

Ritalin in der Kritik

Das weltweit unabhängige Cochrane Collaboration Network hat ADHS-Medikamente wie Ritalin genau untersucht und kam kürzlich zu dem Schluss:

  • die Wirksamkeit von Ritalin und anderen ähnlichen Stimulanzien kann das von den Lehrern gemeldete allgemeine Verhalten, die von den Lehrern gemeldeten ADHS-Symptome und die von den Eltern gemeldete Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS verbessern; und
  • die Qualität der Studien über den Einsatz dieser ADHS-Medikamente ist unbefriedigend.

Es fasst zusammen: „Obwohl Ritalin seit über 50 Jahren verschrieben wird, wurden bisher keine umfassenden, systematischen und damit wissenschaftlich zuverlässigen Studien zu Nutzen und Gefahren durchgeführt, wie es bei anderen Psychopharmaka üblich ist“.

Also lieber Cannabis?

Die Forschung über Cannabis und seine Wirkung auf ADHS-Patienten ist äußerst begrenzt. Wie im Folgenden ausführlich beschrieben wird, deuten aktuelle Belege jedoch darauf hin, dass es bei einigen der emotionalen Nebenwirkungen des Methylphenidatgebrauchs hilfreich sein kann und zumindest die Symptome von ADHS nicht verschlimmert. Dies zeigt sich auch daran, dass ADHS-Patienten eher Selbstmedikation mit Cannabis betreiben als andere Bevölkerungsgruppen.

Selbst wenn Cannabis nicht zur kognitiven Leistungsfähigkeit von ADHS-Patienten beiträgt, kann es die Symptome von Hyperaktivität, Unachtsamkeit und Impulsivität reduzieren. Darüber hinaus kann es, wenn es als Komplementärmedizin verwendet wird, Angst oder Depressionen im Zusammenhang mit ADHS oder Ritalin reduzieren. Außerdem berichten ADHS-Patienten, dass Cannabis ihnen hilft, sich zu entspannen und nachts einzuschlafen.

ADHS tritt nur selten isoliert auf – Begleiterkrankungen

ADHS präsentiert sich selten isoliert, sondern wird meist von Begleiterkrankungen flankiert. Ein genauerer Blick zeigt, dass bipolare Störungen (bis zu sechs Prozent Komorbiditätsrate), Depressionen, zwanghaftes Verhalten, soziale Verhaltensstörungen, Angst, Schlaf- und Zwangsstörungen sowie illegaler Drogenmissbrauch oft mit ADHS einhergehen. Einige dieser Komorbiditäten können jedoch mit der pharmazeutischen Behandlung von ADHS in Verbindung gebracht werden. Angst, Schlafstörungen und Depressionen können durch eine Behandlung verursacht werden statt als Folge des ADHS-Zustands.

Illegaler Drogenkonsum hingegen ist stark mit einer ADHS-Diagnose im Kindesalter verbunden. Im Vergleich zu Probanden ohne ADHS gilt für Kinder mit ADHS dies:

  • es ist doppelt so wahrscheinlich, dass sie eine lebenslange Geschichte des Nikotinkonsums erfahren
  • sie entwickeln fast dreimal häufiger eine Nikotinabhängigkeit im Jugendalter/Erwachsenenalter
  • sie erfüllen fast doppelt so häufig die diagnostischen Kriterien für Alkoholmissbrauch oder Abhängigkeit
  • sie betreiben etwa 1,5-mal häufiger Selbstmedikation mit Cannabis
  • sie neigen doppelt so häufig zu Kokainmissbrauch oder -abhängigkeit.
  • sie entwickeln mit einer mehr als 2,5-fachen Wahrscheinlichkeit eine Suchterkrankung.

Dopamin: Das Glückshormon und illegale Drogen

Die Tendenz zum Drogenmissbrauch bei ADHS-Patienten lässt sich durch einen niedrigen Dopaminspiegel (das Glückshormon) in ihrem Körper erklären.

Viele Freizeitdrogen wie Alkohol, Tabak, Kokain und Cannabis verursachen einen Anstieg des Dopaminspiegels des Konsumenten und zielen speziell auf dieses Signalsystem ab. Cannabis hat jedoch nur einen relativ geringen Einfluss auf den Dopaminhaushalt, was das geringe Abhängigkeitspotenzial erklären könnte.

Cannabiskonsum beeinflusst aber dennoch den Dopaminspiegel, wenn auch in geringem Maß. Dies liegt daran, dass es mit den Dopaminandockstellen zusammenwirkt, die sich an verschiedenen Neuronen im Gehirn befinden. Verschreibungspflichtige Medikamente wie Ritalin wirken auch so.

„Cannabis scheint ADHS zu behandeln, indem es die Verfügbarkeit von Dopamin erhöht. Dies hat dann die gleiche Auswirkung, aber verglichen mit Ritalin (Methylphenidat) und Dexedrinamphetamin, die durch Bindung an das Dopamin wirken und den Abbau von Dopamin in seine Metaboliten stören, steckt ein anderer Wirkmechanismus dahinter.“ – Dr. David Bearman

Die Bedeutung des Endocannabinoidsystems

Das Endocannabinoidsystem spielt eine wichtige Rolle bei der Übermittlung eingehender Informationen an Dopamin-Neuronen. Es wird daher angenommen, dass die Endocannabinoidfunktion bei ADHS eine Rolle spielt, sei es bei Diagnose oder Therapie. Bei ADHS-Patienten scheint diese Interdependenz verändert zu sein. Hier lässt sich eine Dysfunktion des FAAH-Enzyms beobachten, das für den Abbau von Anandamid, einem natürlichen Endocannabinoid, verantwortlich ist. Dieses Endocannabinoid reduziert auch die Aktivität des Dopamin-Transporters und impliziert somit eine Verbindung zwischen ADHS, Anandamid und dem Endocannabinoidsystem.

Es wurde festgestellt, dass die korrekte Funktion des Endocannabinoids Anandamid, von 2-AG sowie der entsprechenden Cannabinoid-Rezeptoren selbst in drei verschiedenen Entwicklungsstadien (embryonale Implantation, pränatale Gehirnentwicklung und Stillen) von wesentlicher Bedeutung ist. Dies gilt auch für die pränatale Entwicklung.

Das Endocannabinoidsystem ist an der Entwicklung und dem Verhalten beteiligt, und Störungen können ein Teil der Entwicklung von ADHS sein. In einer Studie aus dem Jahr 2011 kamen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass Störungen des Endocannabinoidsystems eine Rolle bei der Entwicklung von ADHS spielen und dass therapeutische Strategien, die das Endocannabinoidsystem beeinflussen als Behandlung von ADHS wirksam sein können.

Ist es sicher, sowohl Ritalin als auch Cannabis einzunehmen?

Obwohl die Forschung nahelegt, dass es für ADHS-Patienten durchaus üblich ist, nach Linderung durch Cannabiskonsum zu suchen, selbst wenn sie Ritalin verwenden, gibt es in keiner dieser Studien eine Erwähnung über die möglichen Risiken, die mit dem Konsum beider Mittel einhergehen könnten. 

In einer explorativen Studie erhielten 16 erwachsene Probanden, die frei von psychiatrischen Erkrankungen waren, orale Dosen von THC und Methylphenidat. Es gab auch eine Kontrollgruppe, sodass einige Probanden Placebos erhielten. Forscher fanden heraus, dass Methylphenidat die Reaktionszeit verkürzte, aber THC milderte diesen Effekt. Die Forscher stellten auch einzigartige Effekte auf die kardiovaskuläre Funktion fest.

In einer weiteren Studie, die bereits 1973 durchgeführt wurde, wurde die Interaktion zwischen Amphetaminen und Cannabis untersucht. Die Probanden hatten kein ADHS oder andere psychiatrische Erkrankungen und es war nicht der Zweck der Forschung, die Wechselwirkungen speziell bei ADHS-Patienten zu untersuchen. Methylphenidat ist jedoch eine amphetaminbasierte Substanz, was diese Studie erwähnenswert macht.

Die Forscher fanden heraus, dass es keine signifikante Interaktion zwischen den beiden gab, außer das Cannabis unter der Co-Wirkung von Amphetaminen den Puls erhöhte. Im Bereich der Gemütslage hatte Cannabis nach dem Amphetaminkonsum keinen Einfluss auf das Aktivitätsniveau, obwohl eigentlich angenommen wurde, dass Cannabis das Aktivitätsniveau verringert.

Auch wenn die Untersuchung nicht auf gefährliche oder lebensbedrohliche Wechselwirkungen zwischen Amphetaminen und Cannabinoiden hinweist, ist sie leider nur sehr begrenzt. Auch wurden diese Wechselwirkungen nicht im Rahmen von ADHS-Patienten untersucht. Daher sollten ADHS-Patienten Vorsicht walten lassen, wenn sie Cannabis und Ritalin zusammen einnehmen und lieber vorher einen Arzt aufsuchen.

Berichte von Patienten und Ärzten über den Einsatz von Cannabis bei ADHS

Nachfolgend haben wir einige anekdotische Berichte über den Konsum von Cannabis zur Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS, sowohl als Ersatzmedikament als auch als komplementäres Mittel, gesammelt:

„[Von verschriebenen Stimulanzien] bekam ich andauernde Kopfschmerzen, bis zu dem Punkt, an dem ich nicht mehr schlafen konnte.“ Außerdem litt Antonio unter einem sehr schlechten Appetit. Mit Cannabis verbesserte sich die Situation etwas. Die Nebenwirkungen der Stimulanzien wurden weniger stark und seine ADHS-Symptome wurden deutlich reduziert. „Zum ersten Mal überhaupt war ich in einem Zustand, in dem es mir wirklich gelang, mich zu fokussieren.“ – Antonio Rodriguez (Cannabis und ADS/ADHS)

„Es hilft, die Probleme beim Einschlafen infolge von Methylphenidatkonsum (Mediket) und Depressionen zu bekämpfen. Dank Cannabis kann ich auch ohne Mediket ruhiger sein. Davon profitiert vor allem mein soziales Umfeld und meine Familie. Es erlaubt mir, mich trotz Mediket und ADHS zu entspannen. Es vermindert die Hyperaktivität und Eile infolge von Mediket und ADHS. Es kann den ADHS-induzierten Konzentrationsmangel in bestimmten Situationen besser kompensieren als Mediket. Es ermöglicht mir, Mediket-freie Zeiten einzuführen, um mich ab und zu mal nicht unter Strom zu fühlen. Es macht mich ruhig und weniger nervös.“ – Maximilian Plenert (Wie hilft Cannabis bei ADHS?)

„Fast alle Patienten, die Cannabis therapeutisch nutzen, berichten, dass es ihnen hilft, während der Vorlesungen aufmerksam zu sein und sich besser konzentrieren zu können, anstatt gleichzeitig an verschiedene Dinge zu denken. Außerdem hilft es ihnen, mit ihren Aufgaben Schritt zu halten und ihre Hausaufgaben zu machen.“Dr. David Bearman, Arzt und Cannabinoidologe

„Cannabinoide sind eine völlig brauchbare Alternative zur Behandlung von Jugendlichen, die an ADS und ADHS leiden. … Warum sollte man seinem Kind eine teure Pille mit inakzeptablen Nebenwirkungen geben, wenn man in den Garten gehen, ein paar Teile von einer Pflanze pflücken und ihm oder ihr stattdessen eine schöne Tasse Tee zubereiten könnte?“ – Dr. Claudia Jensen, Kinderärztin und klinische Lehrerin an der University of Southern California.

„Während einige das Vorurteil verbreiten, dass Marihuana ADHS verschlimmert, glauben fast alle kalifornischen Cannabinologen, dass Cannabis/Cannabinoide das Leben von ADHS-Patienten wesentlich verbessert hat, und das bei weniger negativen Nebenwirkungen als die herkömmlichen Stimulanzienmedikamente aufweisen.“ – Dr. David Bearman

Obwohl es Fallstudien über den Einsatz von medizinischem Cannabis zur Behandlung von ADHS gibt, ist eine wissenschaftlich fundiertere Begründung als die bisher erzielten Ergebnisse erforderlich. Die Justiz war bislang ein Hindernis für die weitere Erforschung der Auswirkungen von Cannabinoiden auf Patienten mit ADHS. Es wird jedoch erwartet, dass die Legalisierungsbewegung die Cannabisforschung vorantreiben wird, insbesondere in den USA, wo Cannabis inzwischen legalisiert wurde.

Cannabis wird als praktikables Therapeutikum für diverse Krankheiten mittlerweile immer ernster genommen. Die öffentliche Aufklärung ist zu einem der wichtigsten Faktoren für die Cannabisindustrie geworden und es ist weiterhin Ausdauer erforderlich, um Cannabis vollständig in die medizinische Forschung und Praxis zu integrieren.

  • Disclaimer:
    Dieser Artikel stellt keinen Ersatz für eine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar. Wenden Sie sich immer an Ihren Arzt oder eine andere zugelassene medizinische Fachkraft. Sie sollten wegen etwas, das Sie auf dieser Website gelesen haben, weder zögern, Ihren Arzt aufzusuchen, noch deswegen eine medizinische Beratung missachten.

Comments

1 Kommentar zu „ADHS und die Cannabis-vs.-Ritalin-Debatte“

  1. Hi, sehr guter Artikel, wir haben festgestellt das CBD 10% bereits eine Verbessrung bringt, aber noch nicht der die Lösung ist, wir brauchen 20:1 CBD / THC. Wen das jemand hat in Amsterdam bitte PM an mich, bin nächste Woche in Amsterdam. Das CBD das wir bekommen ist zu schwach weil der THC Anteil unter den gesetzlichen Bestimmungen liegen muss. LG, Peter

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    Sanjai Sinha

    Dr. Sanjai Sinha ist Mitglied der akademischen Fakultät des Weill Cornell Medicine Colleges in New York. Er verbringt seine Zeit damit, Patienten zu begleiten, Bewohner und Medizinstudenten zu unterrichten und im Gesundheitswesen zu forschen. Er genießt die Ausbildung von Patienten und die Ausübung evidenzbasierter Medizin. Sein starkes Interesse an medizinischer Überprüfung kommt von diesen Leidenschaften.
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