by Seshata on 10/02/2014 | Kultureller Gebrauch

Wie genau wirkt Cannabissaft?

Cannabissaft In den letzten Jahren waren die Medien voll von Lobeshymnen über die Vorteile des Saftes aus rohem Cannabis, allerdings wurden bisher kaum empirische Daten veröffentlicht, die sich mit den Behauptungen der diversen Befürworter von rohem Cannabis decken. Aber man stößt auf immer mehr Erfahrungsberichte, und viele Leute schwören geradezu darauf - doch birgt Cannabissaft auch Risiken, und wenn ja, welche?


In den letzten Jahren waren die Medien voll von Lobeshymnen über die Vorteile des Saftes aus rohem Cannabis, allerdings wurden bisher kaum empirische Daten veröffentlicht, die sich mit den Behauptungen der diversen Befürworter von rohem Cannabis decken. Aber man stößt auf immer mehr Erfahrungsberichte, und viele Leute schwören geradezu darauf – doch birgt Cannabissaft auch Risiken, und wenn ja, welche?

Was steckt hinter dem Hype?

Man sollte wohl besser fragen: „Wer steckt hinter dem Hype?“, da der Medienrummel vor allem auf die intensiven Werbemaßnahmen eines einzigen Mannes zurückzuführen ist — Dr. William Courtney, einen Arzt aus Kalifornien, der ein Bachelor-Examen in Mikrobiologie an der Michigan University, einen Doktor der Medizin an der Wayne State University sowie eine Habilitation in Forensischer Forschung und Forensischer Medizin vorzuweisen hat.

Dr. Courtneys Frau Kristen hat mithilfe von frischem Cannabissaft erfolgreich Symptome von Lupus (Hautkrankheit) bekämpft, und seither hat das Paar enthusiastisch für diese Behandlungsmethode geworben und behauptet, dass sie auch bei einer Reihe von Krankheiten helfen würde, bei denen die Wirksamkeit von Cannabissaft noch nicht erforscht wurde.

Viele von Dr. Courtneys Behauptungen sind haltlos und leicht zu widerlegen, und daher läuft der Trend des Versaftens von Cannabis Gefahr, als bloße Werbemasche abgetan zu werden – aber sind die Aussagen wirklich völlig aus der Luft gegriffen? Immerhin gibt es ein paar angesehene Quellen, die eine zuverlässige Schlussfolgerung erlauben; die Mehrzahl der Artikel entstammen jedoch Blogs für alternativen Lebensstil und Gegenkultur, und basieren nicht auf empirischen Untersuchungen.

Erklärung der Cannabinoidsäuren

Auf der angebauten Pflanze ist bis zu 90 % des ?9-THC faktisch in Form der Karboxylsäure ?9-THCA vorhanden, nachstehend vereinfachend als THCA bezeichnet. Cannabidiol (CBD) ist in Form von CBDA vorhanden, Cannabigerol (CBG) als CBGA und Cannabichromen (CBC) als CBCA, und so weiter.

Karboxylsäuren (die am reichlichsten vorhandene Gruppe von organischen Säuren) werden wie folgt definiert: Es gibt mindestens eine Karboxylgruppe, die durch eine einzige kovalente Bindung mit einer weiteren Funktionsgruppe verbunden ist. Als Funktionsgruppe bezeichnet man in der organischen Chemie eine Gruppe von Atomen in einem Molekül, die für die charakteristischen Reaktionen des Moleküls verantwortlich ist.

Eine Karboxylgruppe besteht aus einer Karbonylgruppe (C=O; ein Kohlenstoffatom ist durch eine doppelte kovalente Bindung mit einem Wasserstoffatom verbunden) und einer Hydroxylgruppe (O-H; ein Sauerstoffatom ist durch eine einzige kovalente Bindung mit einem Wasserstoffatom verbunden)—was für gewöhnlich in den Formeln -COOH oder -CO2H ausgedrückt wird. Der Einfachheit halber wird THCA als THC-CO2H dargestellt (seine chemische Formel lautet jedoch: C22H30O4; die des THC selbst lautet: C21H30O2), CBDA ist CBD-CO2H und CBG ist CBG-CO2H.

Wenn Cannabis getrocknet wird oder mit Hitze in Kontakt kommt, verwandeln sich die Säuren in ihre neutralen, psychotropen Formen; diese Reaktion nennt man Decarboxylierung.

Decarboxylierung von Karboxylsäuren

Wie wirkt Cannabissaft eigentlich genau?

Bei der Decarboxylierung geht Kohlendioxid (CO2) verloren, und die Karboxylgruppe bricht auseinander. Das verbleibende Wasserstoffatom formt eine einzige kovalente Bindung mit dem verbleibenden Teil des Moleküls und liefert auf diese Weise ein zusätzliches Proton (ein Wasserstoffatom besteht aus einem Proton und einem Elektron; das Elektron wird geteilt, um die kovalente Bindung herzustellen).

Bei Cannabinoidsäuren geht der Prozess der Decarboxylierung durch den Kontakt mit Hitze sehr schnell vonstatten (beispielsweise durch Rauchen oder Erhitzen zur Herstellung von Cannabisbutter). Bei Zimmertemperatur vollzieht er sich jedoch sehr langsam, obwohl der Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist, wenn der Cannabis getrocknet ist.

Mehrere Wochen des Aushärtens nach dem Trocknen reichen im Allgemeinen aus, um eine vollständige Decarboxylierung zu gewährleisten, doch in dieser Zeit kann THC auch zu CBN abgebaut werden. Um das zu vermeiden, sollte man Cannabis nicht draußen oder in der Sonne aushärten lassen.

Wie die Decarboxylierung vor sich geht

Wenn sie in frischem Zustand nicht vorsichtig behandelt werden, zerbrechen die Harzdrüsen, und der Prozess der Decarboxylierung beginnt, wenn auch langsam – daher wirken handgeriebenes Haschisch und Extrakte aus frischen Pflanzen berauschend, doch sie müssen wochenlang getrocknet und ausgehärtet werden, bevor sie konsumiert werden können. In manchen (insbesondere in heißen, tropischen) Klimazonen kann die Decarboxylierung der Cannabinoidsäuren sogar schon während des Wachstums der Pflanze einsetzen, und zwar kurz bevor sie ausgereift ist.

Man kann den Prozess allerdings beschleunigen, indem man den Cannabis in einem elektrischen Backofen 30-60 Minuten bei rund 110-120°C langsam erwärmt. Das ist warm genug, um die Decarboxylierung zu ermöglichen, aber nicht warm genug, um den Abbau der Cannabinoide, Flavonoide und Terpenoide auszulösen.

Cannabinoidsäuren im Körper

Wie wirkt Cannabissaft eigentlich genau?

Wir wissen noch wenig über den Biomechanismus der Cannabinoidsäuren im Körper, da sich das Interesse der Forscher bisher vor allem auf die Wirkungsweisen der Cannabinoide selbst konzentriert hat.
THCA wird im Körper offenbar nur sehr begrenzt zu THC umgewandelt; wenn eine Person also frischen, ungetrockneten Cannabis konsumiert, wird sie einen sehr geringen oder gar keinen psychotropen Effekt erleben (auch wenn Terpenoide und Flavonoide gewisse Stimmungsschwankungen hervorrufen können).

Einer Studie zufolge wird nicht das gesamte THCA, das in der frischen Pflanze enthalten ist, zu THC decarboxyliert; nicht weniger als 30 % kann als THCA erhalten bleiben und wird eingenommen oder geraucht. Deshalb ist eine Behauptung Dr. Courtneys —dass man auf zahlreiche, durch THCA ausgelöste Interaktionen im Körper verzichtet, wenn man getrockneten oder erhitzten Cannabis konsumiert—höchst fragwürdig.

Stoffwechsel von THCA im Körper

Eine Studie zeigte, dass THCA nach dem Konsum von Cannabis im Blut und im Urin enthalten ist (in Konzentrationen von 5,0-18,6 % von THC). Die Studie deutete auch darauf hin, dass der Körper THCA schneller beseitigt als THC, da die höchsten Anteile von THCA an THC in Personen gefunden wurden, die erst vor Kurzem Cannabis geraucht hatten.

Eine weitere Studie untersuchte Ratten, denen THCA oral verabreicht wurde, indem Urinproben auf Stoffwechselprodukte hin analysiert wurden, die einen biochemischen Stoffwechselweg anzeigen könnten. Sie fanden heraus, dass THCA einer Hydroxylierung unterzogen wird, um eine Substanz zu bilden, die 11-OH-THCA genannt wird, und diese oxidiert, um 11-COOH-THCA zu bilden. Aauf ähnliche Weise hydroxyliert THC zu 11-OH-THC und oxidiert dann zu 11-COOH-THC.

Potenzielle Vorteile des Konsums von rohem Cannabis

Wie wirkt Cannabissaft eigentlich genau?

Sowohl THCA als auch THC haben nachweislich einen neuroprotektiven (die Nerven schützenden) Effekt und können dabei helfen, die Degeneration der dopaminergen (Dopamin übermittelnden) Neuronen bei Parkinsonismus (einer Reihe von Symptomen, die sehr häufig, aber nicht immer durch die Parkinson-Krankheit verursacht werden) zu verhindern.

Roher Cannabis enthält nach wie vor alle Terpenoide, Flavonoide und pflanzlichen Alkaloide, die ansonsten während des Erhitzens oder Trocknens verloren gegangen wären, ebenso wie reichliche Mengen an Chlorophyll. Zwar wurde der durch diese Bestandteile vermittelte, potenzielle gesundheitliche Nutzen noch nicht ausreichend erforscht, aber es gibt Hinweise darauf, dass Terpenoide und Flavonoide den Blutfluss im Gehirn erhöhen und die kortikale (die Hirnrinde betreffende) Aktivität verbessern (was besonders bei Krankheiten wie Alzheimer von Vorteil ist). Zudem können sie Erreger für Atemwegserkrankungen abtöten und besitzen generell eine entzündungshemmende Wirkung. Und auch wenn sie im Allgemeinen als nicht psychotrop gelten, können sie möglicherweise auch beruhigend wirken.

Nachteile & Risiken des Konsums von rohem Cannabis

Der Cannabinoidsäuregehalt der Cannabisblätter ist sehr unterschiedlich, und ohne zeitaufwändige Tests ist es fast unmöglich festzustellen, ob die korrekte Dosis erreicht wurde. Dr. Courtney erklärte, dass eine „Essensportion“ von 600-1000 mg THCA konsumiert werden sollte, aber in der Praxis müsste man massenweise Fächerblätter oder erhebliche Blütenmengen verzehren, um diese Menge an Cannabinoiden aufzunehmen.

Außerdem wies Dr. Courtney darauf hin, dass roher Cannabis weder von Menschen mit Gallenblasen- oder Nierenleiden noch von Personen konsumiert werden sollte, denen blutverdünnende Medikamente verschrieben wurden; und zwar wegen des Vitamin K-Gehalts der Pflanze (Vitamin K ist das einzige in Cannabis gefundene Vitamin, es kann den Stoffwechselprozess dieser Medikamente in der Leber behindern).

Roher Cannabis kann auch Bakterien und andere Erreger beherbergen, und daher kann sein Konsum Krankheiten auslösen—auf pflanzlichem Cannabis sind sowohl Salmonellen als auch die Bakterie E. coli gefunden worden—, dazu kommen Pestizide und Blattdünger, die auf geerntetem Cannabis Spuren von schädlichen Chemikalien hinterlassen können. Aus diesen Gründen ist es ratsam, ausschließlich vegan angebauten Cannabis (der biologisch angebaut wurde, ohne Verwendung tierischer Produkte wie Tierdung) zu Saft zu verarbeiten.

Ist der Konsum von rohem Cannabis sicher?

Weitere empirische Tests sind erforderlich, um die relative Wirksamkeit von rohem Cannabis im Vergleich zu allen anderen Cannabisformen festzustellen. Es gibt aber offenbar keine ernsthaften Risiken, außer für Personen mit den oben genannten Erkrankungen. Selbstverständlich werden Speisen und Getränke aus rohem Cannabis schon seit Jahrtausenden konsumiert, und wenn die Gesundheit hierdurch ernstlich gefährdet wäre, dann hätte man es inzwischen wohl längst herausgefunden.

Für die meisten gesunden Menschen ist es zweifellos von Vorteil, rohes, biologisch angebautes Obst und Gemüse zu verzehren, und es spricht offenbar auch nichts gegen den Konsum von rohem Cannabis – aber die große Mehrheit der medizinischen Cannabispatienten sollte besser nicht davon ausgehen, ihr Leiden mithilfe von rohem Cannabis heilen zu können.

Kommentar Abschnitt

Senden Sie den Kommentar

martin

Och Nein. So ein unwissenschaftlicher mist. Wir verbrennen und erhitzen seit 4000 Jahren und nun ist alles anders? Schau mal in Die groß! Zum Thema von Dr. Grotenheen ACMED, oder benutze google!

10/02/2014

martin

hier noch mal die quelle, von dr. franjo grotenhermen von der internationalen arbeitsgemeinschaft cannabinoide als medizin, aus dem grow! magazin.

http://www.grow.de/574.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=441&cHash=2b98f0a73bf247b71d9f8fe26f226e65

10/02/2014

Sebastian

High Martin, dein Link führt zur Grow!, aber zeigt leider den Artikel nicht an, daher hier nochmal der Link zum Thema im Hanfjournal.

http://www.hanfjournal.de/hajo-website/artikel/2013/166_november/s03_1113_Grotenhermen.php

11/02/2014

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie einen Namen ein
Hoppla, sieht so aus als hätten Sie etwas vergessen.
Read More